Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Journal
- Jüdische Monatshefte für Turnen und Sport
- Volume
- 14 (1913)
- Issue
- 5 (Juni/Juli 1913)
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 148 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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148 No. 5 Schon Mommsen hatte in einer Schrift: „Auch ein Wort über das Judentum", die in den Beginn der antisemitischen Bewegung fällt, den Juden geraten, durch die Annahme der Taufe den Eintritt in das deutsche Kulturmilieu möglichst vollständig zu gestalten, eine Aufforderung, die in jüngster Zeit Professor Köhler wiederholt hat. Lange Auseinandersetzungen knüpften sich an einen „Quo vadis" Uberschriebenen Artikel in den „Preußischen Jahrbüchern“, dessen Autor unter dem Pseudonym Benediktus Lewita die Taufe der jüdischen Kinder forderte, ebenso an den vor einigen Jahren in der „Zukunft" erschienenen Aufsatz von Jakob Fromer, der den Juden zum „Untertauchen“ riet. Doch das waren nur einzelne Stimmen, und sie verschwanden gegenüber der ungestüm wachsenden jungjüdischen Bewegung, die an Tiefe und Breite jeden Tag gewann. Die Begeisterung ihrer Anhänger paarte sich mit einer stillen gründlichen Oedankenarbeit, welche die wissenschaftlichen und kulturellen Grundlagen der Bewegung erweiterte. Die Zahl von wissenschaftlichen und belletristischen Schriften von nationaljüdischen Autoren wurde in kurzer Zeit fast unübersehbar. Ich brauche nur einige Namen zu nennen: Die Schriften von Herzl, Nordau, Achad, Haam, Mathias Acher, Davis Tritsch, Arthur Ruppin (Die Juden der Qegenwart), Max Joseph (Das Judentum am Scheidewege), Ignaz Zollschan (Die jüdische Rasse), Martin Buber (Das Wesen des Judentums), Felix Theilhaber (Der Untergang der deutschen Juden). Von Dichtern nenne ich nur Zlocisti, Ch. Bialik, Morris Rosenfeld, Schalom Asch. Dazu kamen aus Palästina, wo sich unter dem Einfluß der neu erwachenden hebräischen Sprache ein jüdisch-nationales Kulturmilieu entwickelte, wenn auch noch in bescheidenem Maßstab, jüdischkulturelle Einflüsse. Dafür zeugt das wachsende Interesse auch der nichtzionistischen Judenheit an dem Wiedererwachen jüdischen Lebens in Palästina, an der Pflege des Hebräischen, an den aus Palästina stammenden Erzeugnissen jüdischen Kunstgewerbefleißes. Die jüdische Jugend sammelte sich in eigenen Turnvereinen, die Pflegestätten jüdisch-nationaler Qesinnung wurden, um durch Kräftigung von Körper und Geist der Regeneration ihres Volkes zu dienen. Jüdische Feste, schon halb vergessen, feierten eine förmliche Wiederauferstehung. Kurz, die Möglichkeiten, jüdische Eigenart zu pflegen und zu bereichern, nahmen auch in den westeuropäischen Länder täglich zu. Der Spott, der die ersten Künder jüdischer Renaissance gegrüßt, wandelte sich in Furcht. Man glaubte die Entwicklung der deutschen Judenheit in der Richtung der Assimilation festgelegt, und nun ging die jüdische Jugend mit fliegenden Fahnen ins jüdisch-nationale Lager hinüber, und man kam endlich zu der Erkenntnis, daß man sich mit der jüdisch-nationalen Bewegung als einem ernsten Faktor auseinanderzusetzen habe. Die Diskussion fand eine wirkungsvolle Anregung durch das Eingreifen angesehener Nichtjuden. Trotzdem die von liberalen Juden geleitete politische Tagespresse, voran das „Berliner Tageblatt“, jede gründliche Erörterung des Judenproblems als eine Versündigung wider den heiligen Geist der offiziellen Vogelstraußpolitik totzuschweigen suchte, schloß sich an das Auftreten Somb a r t s eine leidenschaftliche und lehrreiche Diskussion der beteiligten Kreise. Die Art, wie sich dieser Nichtjude zur jüdischen Frage stellte, war für alle Welt in Novum und wollte gar nicht in das bisherige Schema passen. Dieses Schema teilte die Nichtjuden in bezug auf ihre Stellung zum Judentum in zwei Kategorien, die Antisemiten und die P h i 1 o s e m i t e n. Die einen verschrieen die Juden als schwarze Teufel, dichteten ihnen alle möglichen schlechten Eigenschaften an und wollten sie wieder in das Ghetto und die Rechtlosigkeit zurückstoßen. Die anderen, die Philosemiten, behaupteten, wir wären weiße Unschuldslämmer, wir wären beileibe keine Rasse oder etwas