Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 13 (1912)
- Issue
- 7/8 (7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7-8 161 4. Turnen. Das Turnen nach schwedischer Art gewannen die Schweden unrcii vi.i bildliche Leistungen. Außer einem Kampf der anderen europäischen Schulen gab es eine dritte Gruppe: Mannschaftsturnen an Geräten. Italien stellte hier die besten und Deutschland die schlechtesten Turner. Die Deutsche Turnerschaft hatte eine Beteiligung abgelehnt. Leipziger Akademiker vertraten die deutschen Farben. Wir wollen die Urteile Uber die italienische und deutsche Mannschaft hier anführen, die wir im „Sport im Wort'" finden: ..Nie habe ich etwas Vollkommeneres gesehen, als Italiens Mannschaft. Man sah v. ahrend der ganzen Dreiviertelstunde keine unerlaubte Bewegung und keine verunglückte Uebung. Die Riege stand in vier Flankenreihen hinter ihren Geräten. Wenn die Turnenden vorn vom Gerät sprangen und stillstanden, tat es die ganze Riege mit ihnen, wenn sie rührten, ebenso. Derweilen vorn mit genau abgemessenen Schritten abmarschiert wurde, gingen die nächsten vier ebenso flott ans Gerät und begannen ihr Turnen unverzüglich mit einer Selbstverständlichkeit des Gelingens, die infolge der Schwierigkeit ihrer Uebungen verblüffend wirkte. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, standen hinter ihnen die anderen, bewegungslos — selbst das Bestreichen der Hände mit Magnesium geschah in Taktzeiten. So schritten die kleinen, festen Gestalten im schmucken Dreß ohne Rast vom Reck zum Barren, vom Barren aufs Pferd und von dort an die Ringe, ohne das geringste Zeichen einer Ermüdung zu geben. Die Schwierigkeit ihrer Uebungen war ebenso hoch wie die Gleichmäßigkeit ihrer Ausführung. Man sah — wohlgemerkt immer an vier Geräten gleichzeitig — am Reck nach einer schwierigen Uebungsfolge einen mehrmaligen Riesenfelgumschwung vorlinks vorwärts mit anschließender Riesengrätsche, am Barren ganz ideale Verbindungen von Spreizübungen, Geschwüngen und Kraftübungen — beispielsweise beginnend mit einigen ganzen Flankenschwüngen am Ende des Barrens, unterbrochen von einem Heben des gestreckten Körpers ins Handstehen und endend mit einer vollendeten Grätsche über beide Holme aus der Vierteldrehung nach dem Vorschwung, der einer sogenannten „Luftrolle unter den Holmen zum Stütz" folgte, am Pferd fünffache Kehren wie aus einem Guß, und nach alledem Uebungen an den hängenden Ringen, die in solcher Vollendung fast unwahrscheinlich anmuteten. Da gabs z. B. aus der Haiigwage rücklings ein Durchschultern und aus demselben Vorschwung heraus einen Felgaufschwung ins freie Handstehen, so sicher, als sei es die einfachste Sache von der Welt. Wie am Schnürchen waren alle Uebungen in allen Phasen gerichtet und niemals sah ich irgend eine gröbere Ungleichmäßigkeit. Es trat auch eine Riege aus dem Mutterlande des Turnens auf. aus Deutschland. Die deutsche Flagge wehte zu ein paar winzigen Handständen. zu einem Rade vom Trampolinbrett über den Tisch, zu Freiübungen, die für diesen Treffpunkt internationalen Könnens nicht genügten. Was die mangelnde Leistung verdarb, konnten die nicht immer idealen Figuren an Eindruck nicht wettmachen. Und entsprechend kärglich war der Beifall, den das Publikum den Vertretern Deutschlands spendete, dasselbe Publikum, dessen Interesse für die Turner Italiens und Rußlands oft größer war als für die gleichzeitig stattfindenden Läufe, und das sich dort zu brausendem Beifall hinreißen ließ." Ich hatte Gelegenheit, die italienischen Turner auf ihrer Durchreise in Berlin turnen zu sehen. Bei ihnen findet sich die starre Disziplin des deutschen Turnens in xte Potenz erhoben wieder. Z. B.: Während eines Riesenschwunges wird bis vier gezählt. Zu Jeder Zeit muß jeder Turner an gleicher Stelle sein. Es gibt in Deutschland sicherlich einzelne Turner, die es den Italienern gleich tun. Das Wertvolle war die gleichmäßige Leistung aller 20 Turner.