Mannheim
Compact Memory

Jüdische Turnzeitung · 1912-04-01 · 4 (4.1912) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Turnzeitung
Volume
13 (1912)
Issue
4 (4.1912)
Date
1912-04-01
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4921092-5965022-5965340--3259-4922019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 No. 4 scheinen nur die Hamburger der Sache auf den Geschmack gekommen zu sein. März und April ist ja nun die eigentliche Saison der Waldläufe, die Zeit, wo die in winterlicher Ruhe steif gewordenen Sehnenbänder erst einmal gelockert werden wollen, um im Mai wieder ganz in den Dienst des härteren Bahntrainings gestellt zu werden. Da mag es denn nicht unangebracht sein, einmal unsere Freunde außerhalb Berlins genauer mit der Art bekannt zu machen, wie wir in unserem schönen Trainingsgelände bei Schulzendorf unserem Waldlauf obliegen. Nur noch wenige Wochen, und all die jüdischen Turner, die zum Turntage nach Berlin kommen, werden Gelegenheit haben, meine Schilderung durch eigenen Augenschein nachzuprüfen: Weitab vom Häusermeer der Stadt und doch für zwei Nickel in einer knappen halben Stunde zu erreichen, liegt unser Sportplatz. Kein erstklassiges Geläuf, aber eine 400-m-Bahn, deren gleichmäßig elastischer Waldboden halbwegs einwandfreie Konkurrenzen zuläßt. Ein geräumiger Umkleideraum genügt allen gerechten Ansprüchen, und ein eigener Brunnen sorgt für Trink- und Waschgelegenheit. An das Bahnhofsgebäude lehnen _ sich einige bescheidene Häuschen, deren freundliche Dächer aus der Ferne herübergrüßen, rechts abseits zwei Gehöfte, sonst weit und breit keine Anzeichen von den Wohnungen redender Menschen. Nach drei Seiten ein weitschweifender Fernblick und nur im Rücken herrliche urwüchsige Waldungen, die als Waldlaufgelände die willkommene Ergänzung unserer eigentlichen Sportstätte bilden. Denn gerade dieses Beieinander läßt uns Sonntags den Wechsel ernster sportlicher Uebung auf dem Platze und des frisch-fröhlichen Laufes im weiten Waldrevier durchkosten. Wenn da das Gros unserer Aktiven von Turnspiel, Wurf und Sprungilbungen oder den kürzeren Strecken in Anspruch genommen wird, dann kommt es vor, daß sich danz zwanglos ohne weitere Verabredung ein kleiner Trupp absondert und seinen Weg waldein nimmt, um im eigentlichen Sinne „spazieren" zu laufen. Das niedrige Brombeergestrüpp, das sich schützend am Waldrand postiert hat, wird mit dem Schritt des Hürdenläufers genommen und hinein geht's in den dichten Wald, den selbst jetzt im Frühjahr das Auge kaum fünfzig Meter weit zu durchdringen vermag. Zuerst verschmähen wir die Wege und lassen uns im hügeligen Gelände vom dichten Unterholz die Waden ritzen, bis endlich ein reizvoller Fernblick uns lockt, einem Waldweg zu folgen, der uns abwechselnd beim An- und Abstieg die Schritte länger und kürzer nehmen heißt. Dann wieder geht's einen schmalen Gestellweg entlang, dessen Abgeschiedenheit bisweilen durch ein Rudel Wild gekreuzt wird. So lassen wir uns nur von den'Reizen der Landschaft leiten, und keiner denkt eher an den Heimweg, als bis eine Anhöhe' uns zufällig den Ausblick auf unser Umkleidehäuschen gewährt. Dann wird noch eine kleine Laufroute festgesetzt, die aber wiederum — absichtlich oder unabsichtlich — verloren geht, bis ein Zufall neue Orientierung gewährt. Die wenigen Quadratkilometer, die wir so allsonntäglich durchstreifen, scheinen schier unerforschlich, denn jeder Trupp, der heimkehrt, weiß den Genossen von irgendeinem neuen Weg zu vermelden, den noch niemals eines Bar- Kochbaners Fuß betrat und dessen verschwiegene Schönheit alle früheren Entdeckungen in den Schatten stellt. Denn hier wird auch der Nüchternste zum Schwärmer und alle Enge und Gebundenheit der Woche ist vergessen, wenn Waldeszauber und die frohe Tummelei in körperlicher Uebung ihren zwiefachen Balsam spenden. Oftmals hat die sinkende Sonne die Kameraden schon zur Heimkehr gemahnt, wenn wir auf dem Platze anlangten. Dann muß in Eile das Sportdreß mit der Tracht des Städters vertauscht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.