Jüdische Turnzeitung
- Journal
- Jüdische Turnzeitung
- Volume
- 2 (1901)
- Issue
- 7/8 (7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 7/8 102. Sechstes Bild. Nach Hause! In Bad Luisenthal bei.Ohrdruf klettern wir auf die Bahn, die uns in zwölfstündiger Fahrt nach Berlin bringen soll. Ein letzter Blick streift die fernen blauen Berge Thüringens. Fast wehmütig nehmen wir Platz, und bald umfängt uns süsser Halbschlummer. Vor unserem Auge steigt Oberhof auf, der letzte Kastort, unserer verflossenen .Tour. "Wieder sitzen wir bei einer Berliner Weissen und Thüringer Landbrot und zählen verstohlen und mit heimlichem Schrecken unter dem Tische unsere geringen Gelder. Bei gemeinschaftlicher Kasse langt es gerade noch Wieder schnallen wir unsere Ranzel uns um, und hinunter geht es durchs Eimerbachthal, von den höchsten Höhen des Waldgebirgs in die weite Thüringer Ebene. Stiller Waldfrieden umgiebt uns bald Kristallhell leuchtet der Wildbach durchs Grüne, unter seinen Steinen nisten zahlreiche Forellen Unsere heitere Stimmung führt uns ein ganzes Repertoir fideler Lieder vor . . . Ein plötzlicher Ruck! Verwundert schauen wir uns um, wir sind ja auf der Bahn und eben in Gotha gelandet. Noch zehn Stunden! Wir müssen uns ins Unvermeidliche fügen--- Berlin! Es ist taghell. Noch im Halbschlaf gähnen wir und recken unsere zerschlagenen Glieder. Eine Atmosphäre von erkaltetem Tabakrauch erfüllt den Waggon; schnell die Fenster auf! Der frische Luftzug ermuntert uns und wir fühlen starken Hunger. 0, wie wird der Mokka auf dem Bahnhofe munden! Der Zug hält. Wir eilen in den Vorraum und befragen einen vorübergehenden Herrn, wo man hier Kaffee bekommen kann. Mit einem unsagbaren Blick mustert er uns von oben bis unten, die grüne Touristenmütze, die ihre Form verloren hat, und unter der sich wildwirre Haare hervordrängen, die einfachen Tornister mit den raufgeschnallten Turnschuhen, die klobigen Stiefel, bei deren Anblick zarte Damen in Ohnmacht fallen würden — und sagt kurz, indem er seinen Daumen in bestimmter Richtung dreht,: „Jehn Se da drüben in 'nen Keller 'rüber, da kriejen Se jeder for'n Sechser 'ne Tasse voll!"--