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Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden · 1905-04-19 · 4 (19.4.1905) · p. [Seite]

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Journal
Korrespondenzblatt des Centralbüros für Jüdische Auswanderungsangelegenheiten des Hilfsvereins der Deutschen Juden
Volume
1905
Issue
4 (19.4.1905)
Date
1905-04-19
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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und in Rußland auf die mitgeteilten Übelstände hinzuweisen u n d s i e zu veranlassen, eine ärztliche Überwachung der Auswanderer einzurichten, damit verhindertwird, daß diese Unglücklichen auf h a 1 b e m Wege stranden..... Yours etc. Leonarde Cohen, Präsident. Aus Anlaß dieses Briefes wiederholen wir, daß die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten sowohl wie nach Canada folgenden Personen nicht gestattet wird: 1. allen die irrsinnig, schwachsinnig, blind, taubstumm, gebrechlich oder verkrüppelt sind. 2. Personen mit ekelhaften oder gefährlichen ansteckenden Krankheiten. Zu diesen Krankheiten zählen vor allem Trachom und granulöse Conjunctivitis (Augenkrankheiten), Favus (Kopfgrind) und Tuberkulose in vorgeschrittenem Stadium. Unter den Auswanderern ist vielfach der Irrtum verbreitet, daß nur in Deutschland die ärztliche Untersuchung eine strenge sei, weil sie bereits an der Grenze in den Kontroll- oder Registrierstationen vorgenommen wird. Die Gefahr der Zurückweisung sei in anderen Ländern geringer. Das ist keineswegs der Fall, namentlich wird die ärztliche Kontrolle auch in England streng gehandhabt, wie obiger Brief mit aller Deutlichkeit zeigt Vorsicht vor Landagenten. . Auf unserm Bureau erschienen am 13. April 1905 Elie Kahan und Wolf Dorfmann aus Kischinew und gaben uns folgende Tatsachen bekannt: Anfang des Jahres 1904 faßten 60 Familien, durchweg Kaufleute aus Kischinew, die infolge der bekannten Unruhen um ihren Erwerb gekommen waren, den Entschluß, auszuwandern und sich jenseits des großen Wassers der Landwirtschaft zu widmen. Es traf sich, wie sie glaubten, günstig, daß ein Landsmann von ihnen, der allerdings bereits vor 15 Jahren ausgewandert war, die Nachricht nach Kischinew gelangen ließ, er sei imstande, eine große Gruppe von Familien auf dem Lande in Kalifornien unter günstigen Bedingungen anzusiedeln. Diese 60 Familien waren froh, auf solche Weise ihren Entschluß, Landwirtschaft zu treiben, ausführen zu können. Sie kamen über folgende Geldbedingungen überein. Sie kauften 1200 ha Land, den Hektar zu 52 Dollar. Als Angeld sollte bezahlt werden 5 Dollar pro Hektar, das übrige in 10jährigen Raten, fällig im April jeden Jahres. Es wurden zur Unterhandlung 2 Leute vorausgeschickt, deren Väter Landwirte waren und denen man einigermaßen Verständnis für Landwirtschaft zutrauen konnte. Diese beiden besahen das Land und schrieben nach Rußland, daß sie das Land für geeignet hielten. Die Unterhandlungen wurden telegraphisch beschleunigt; die 60 Familien stellten den beiden Vorausgefahrenen Vollmacht aus und diese schlössen den Vertrag mit der Companie, die das Land zu verkaufen hatte. Das Angeld von 12 000 Rubel wurde gezahlt, die 60 Familien machten sich im Juli nach Kalifornien auf, um aber dort sehr schwere Enttäuschungen zu erleben. Sie konnten das Land erst im September übernehmen und mußten also vom Juli an, da sie ihre Mittel aufgebraucht hatten, durch sehr schwere Arbeit recht und schlecht sich forthelfen. Manche von den Leuten gingen gar nicht erst nach St. Francisco, nachdem sie von den Vorausgefahrenen gehört hatten, wie schlecht es ihnen dort ging. Als im September die Landübernahme vor sich gehen sollte, wandten sich die Leute an einen Ingenieur, der ihnen über die Beschaffenheit des Landes Auskunft geben, es vermessen und verteilen sollte. Der Ingenieur teilte ihnen mit, daß das ganze Land unbrauchbar sei, weil es jedesmal, wenn Regen eintritt, vollständig unter Wasser gesetzt wird. Daraufhin wandten sich die so schmählich Hintergangenen an den Rabbiner von St. Francisco, der ihnen den Rat erteilte, sich an die Gesellschaft behufs Rückgabe des Geldes zu wenden. Die Gesellschaft machte Ausflüchte und erklärte, nicht alles Land sei unbrauchbar, sondern nur ein geringer Teil, sie sei bereit, das Geld zurückzuzahlen, aber nur für diejenigen Landstrecken, die wirklich von Wasser bedroht und deshalb unbenutzbar seien. Dabei erfuhren die Auswanderer auch, daß die Gesellschaft nicht 52 Dollar für den Hektar, sondern nur 25 Dollar erhalten hätte und den Rest, also 27 Dollar pro Hektar, hatte sich der Kischinewer Landsmann eingesteckt. So sehen meistenteils die „guten Freunde" und Landagenten aus. Als sich die Leute so getäuscht sahen, übergaben sie die ganze Angelegenheit auf den Rat der Bnei Brith Loge in St. Francisco einem Rechtsanwalt in Sacramento und verließen meistenteils Kalifornien, um sich in anderen Gegenden der Vereinigten Staaten so gut wie möglich durchzuschlagen und dort auf einen günstigen Ausgang des Prozesses zu warten oder, wie unsere Gewährsmänner, vollständig mittellos nach ihrem Heimatsort zurückzukehren. Dies Beispiel zeigt schlagend, wie stark der naive Glaube verbreitet ist, man könne aus Leuten, die niemals mit dem Ackerbau sich abgegeben, ohne weiteres Landwirte machen, wenn man nur Grund und Boden für sie findet. Auch wenn das Land in dem obigen Falle vortrefflich gewesen wäre, hätten die unvorsichtigen und unerfahrenen Auswanderer nicht die geringste Aussicht auf Erfolg gehabt. Woher hätten sie die Mittel nehmen sollen, um das teure Inventar anzuschaffen, nachdem sie ihr geringes Vermögen bereits für die Anzahlung verbraucht haben, woher die Mittel, um so lange zu leben, bis das zum ersten Mal unter den Pflug genommene Land einen nennenswerten Ertrag abwerfen würde? Vorsicht und nur wieder Vorsicht muß den Auswanderern empfohlen werden! Kleine Mitteilungen. Aus Libau wird uns unter dem 14. Februar geschrieben: Gestern fand hier eine Versammlung aller Personen, die sich für die Emigrationsfrage interessieren, statt. Es herrschte große Begeisterung und der Wunsch, die nötigen Mittel selbst zu schaffen, obwohl das Zentralkomitee diese eventuell zur Verfügung stellt. Das Komitee besteht aus den folgenden Herren: Dr. N. Katzenelson, E. E 1 i a s b e r g , Dr. L. C a n t o r. Außerdem haben sich 10 Personen bereit erklärt, alle Arbeiten (Empfang der Emigranten, Beaufsichtigung der Logierhäuser, Dampfer usw.) zu übernehmen, es sind meistens Fachleute und sehr geeignete Kräfte. Wir beginnen sofort unsere Tätigkeit, die namentlich in der ersten Zeit eine äußerst schwierige sein wird. Es ist aber jetzt schwer zu begreifen, wieso man Jahrelang diese Lebensfrage so gleichgiltig behandelt hat. Es stellen sich ganz schreckliche Dinge heraus. Hoffentlich kommen bald in unserm Lande eine ganze Anzahl von Komitees zu Stande..... * * * Den Bemühungen unseres Vertrauensmannes in O s t r o w o ist es gelungen, daß in der dortigen Kontrollstation eine Kantine mit ritueller Beköstigung eingerichtet worden ist. * * * Für diejenigen Auswanderer, welche die Pessachfeiertage auf dem Schiffe verbringen müssen, sind durch unser Bureau mehrere Zentner Mazzoth und Koscherwurst an Bord der betreffenden Dampfer gebracht worden, auch die Schiffahrtsgesellschaften haben ihre Dampfer mit Mazzoth versehen. Die Red Star Line, Antwerpen, hat für 500 Frcs. angekauft. & * * * Unsere Bureaus sind gemeinschaftlich mit denen des Hilfsvereins der Deutschen Juden von Potsdamerstr. 39 nach Lützowstr. 8 verlegt worden. Wir machen darauf aufmerksam, daß unsere Telegramm - Adresse „Zedakah Berlin" lautet. * * * Es wird an uns des öfteren das Ersuchen gerichtet, die verschiedenen Korrespondenzblätter nachzuliefern. Wir haben dem bis jetzt immer entsprechen können. Doch müssen wir mitteilen, daß das Korrespondenzblatt No. 1 vergriffen ist. Von No. 3 ist eine Neuauflage notwendig geworden, die manche Erweiterungen enthält, aher erst nach Ostern fertiggestellt sein wird. * * * Wir haben an alle unsere Schutzkomitees statistische Bogen versandt, um deren genaue Ausfüllung und Einsendung am Anfang eines jeden Monats wir dringend bitten. Als Manuskript gedruckt. — Druck von H. S. Hermann in Berlin.

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