Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1939. Bestand UB Ffm
- Issue
- Januar 1939
- Date
- 1939-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Frachtraum rar Verfügung steht, und die Zollfreie keine Rolle spielt, zu empfehlen. Allerdings sind die Preise tnr einfache Möbel, Haushaltungsgegenstande usw. nicht teurer eis in Deutschland. Haushaltungswäeche, Bettwäsche, Glas und Porzellan sollten mitgenommen' werden, schon um das Budget nicht gleich zu belasten. Federbetten werden in Argentinien nicht benutzt Bei Mitnahme elektrischer Gerate ist so bedenken, daß die Voltspaanengen in den einzelnen Gegenden Argentiniens verschieden sindT In Buenos Alses wird vorwiegend Wechselstrom von 220 Volt angewandt. Ueber die in Argentinien übliche Kleidang wissen wir folgendes: Ausgesprochene Tropenkleidung, empfiehlt sieh nicht. Die Spanier legen ganz besonderen Wert auf große Eleganz; doch wird die Mode nicht so sehr von Paris als von New York bestimmt, d. h. in Argentinien wird in erster Linie Wert auf fileganz und häufigen Wechsel, aber nicht in dem in Deutschland gewohnten Maße auf Haltbarkeit gelegt. Besonders wird auf elegantes Schuhwerk geachtet. Damen tragen im Sommer Kleider ans Seid* (gegenüber Kunstseide sn bevorzugen) oder Leinen, iafWinter aus Wolle. Für Herrenanzüge werden Freskoodfer andere poröse Wollstoffe getragen; dunklere Farben gelten als bevorzugt. Im Sommer tragt der Herr such Leinenanzüge. Im Sommer werden Sporthemden mit angeschnittenem Kragen; im Winter selche mit abnehmbarem Kragen getragen. Die Mitnahme von wollener Unterwasche für den feucht-kalten Winter ist unbedingt erforderlich,.— Keinesfalls sollten Gummimantel getragen werden, de Gummi die Schweißbildung erhöht ohne die Verdunstung au ermöglichen, und außerdem in dem Klima Argentiniens leicht bruchig wird. Zu bevulsugea sind wasserdichte Popeline-Mantel. 2. Lebenshaltungskosten Ueber die Kosten der Lebenshaltung laßt sieh nichts absolut Galtiges sagen, da sie stetigen Schwankungen unterworfen sind und zudem eine leichte Preissteigerung infolge der Mißernten des vorigen Jahres zu erwarten ist Die Preise, die wir angeben, gelten für Buenos Aires. Selbstverständlich sind Proviasstädts billiger; die Preisunterschiede sind in dieser Hinsieht etwa dieselben wie in anderen Lindern. Die Kaufkraft eines Peso in Argentinien entspricht etwa der Kaufkraft von 1 bis 1,20 RM. in Deutschland. Pßr Unterkunft ohne Verpflegung im Hotel muß man für eine Person einen Betrag von 8-t-4 Papierpesos aufwärts pro Tag rechnen, mit Verpflegung einen Betrag von etwa 8 Pesos. — Ein möbliertes Zimmer ohne Verpflegung kostet monatlich 85 Pesos. Eine leere Zwei- Zimmer-Wohnung kostet monatlich 50 bis 90 Pesos, eine Vier-Zimmer-Wohnung 70 bis 180 Pesos, eine möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung 50 bis 100 Pesos. Die Wohnungen mit wenig Zimmern sind' verhältnismäßig teurer als große Wohnungen; wie fa Deutschland sind große Wohnungen mit großen Zimmern in älteren Häusern ohne Zentralheizung, die meistens nur über einen Kamin verfügen, sehr viel billiger als kleine EtegenWohnungen in neuen Häusern mit Zentralheizung und Wannwasser und mit zum Teil nur winzigen Zimmern. "Ein Häuschen kn Vorort mit drei Zimmern, Bad, Küche, Garte«, kostet 70 bim 180 Pesos. In einer Pension bürgerlichen Charakters muß eine Person einen Preis von 80 Pesos monatlich bezahlen. In diesem. Preis ist Miete für ein Zimmer nebst Badbenutzung und volle Verpflegung inbegriffen. Nach Angaben von Einwanderern soll eine Einzelperson mit 100 bis .420 Pesos, eine Familie von vier Kopfes, mit 850 bis 400 Pesos auskommen können. Für Verpflegung allem sind monatlich 1 etwa 60 bis 100 Pesos, je nach den Ansprüchen, zu rechnen. Die Kosten verbilligen sich bei großen Familien entsprechend. Bei einer vierköpfigen Familie soll bei vernünftiger Wirtschaftsführung schon 1 Peso pro Tag und Person zureichen. Um in der Stadt, insbesondere in Buenos Air»*, eine Wohnung zu nehmen, Haushalt zu fuhren und Dienstboten zu halten, braucht man erhebliche Mittel Der Lohn für Dienstboten ist sehr hoch. 50 bis 100 Pesos bekommt eine Köchin oder ein gutes Hausmadehen, einschließlich freier Station und Unterkunft Es empfiehlt sich hier, wie bei allen endeten ünternehbuburb, nm langers Wartsssit ia einer Pension, einer möblierten Wohnung oder einem möblierten Zimmer zu verbringen, um an Ort und Stelle die Verhältnisse genau kennen zu Urnen und suchdie Kenntnisse der spanischen Sprache au erweitern. y '■ " ■ ' ■ ' ■ . .V - jft;;^i I In einem guten Restaurant bekommt man ein ausgezeichnetes Essen für 1 Peso. Dar Einheitstarif für öffentliche Verkehrsmittel be- . trägt 10 Centavos für jede Entfernung. Preise für Bekleidungsstücke: Ein'Herrenanzug (Konfektionsarbeit) kostet etwa 80 bis ISO Pesos, Maßarbeit 180 bis 200 Pesos, aas Waschstoffen je nach Material SO bis 100 Pesos, ein Herrenhemd kostet 10 bis 20 Pesos, Schuhe für Herren 10 bis 25 Pesos. Die Preise von Damenkleidern (Konfektionsarbeit) bewegen sich zwischen 10 and 80 Pesos. Ledige Personen sind bis zu einem Einkommen von 400 Pesos, Verheiratete bis 500 Pesos steuerfrei. Die Sozialversicherung beschränkt' sich zur Zeit auf Unfallversicherung und auf Pensionsksasen für bestimmte Berufsgruppen, V. Gesellschaft «ad Kultur 1. Sosiales Leben Der Argentinier gilt als liebenswürdig, freundlieh und hilfebereit Gastfreundschaft und Ritterlichkeit sind seine charakteristischen Wesenszuge. Auf dem Lande findet jeder überall Mahlzeit und Unterkunft, wenn er bedürftig ist. Hier wirkt die Trsditioa dss Gauchos: ritterlicher Anstand, stolzes, freies Wesen. Der Gauchotyp selbst existiert kaum noch; er ist in die Literstur eingegangen. In dramatischen * Werken, in Poesie und Prosa schildert die argentinische Literatur den Gaucho. Diese Tradition prägt steh vor allem im Verhältnis des Einheimischen zum Einwanderer ans. Solange sich der Einwanderer zurückhaltend in seinem Beneinsen, unaufdringlich and leise verhält, wird er auf ßditionelle Höflichkeit und das — freilich unverbind- M — Entgegenkommen des Einheimischen stoßen. Dagegen wird lautes Benehmen oder gar ein laut geäußerter kritischer Vergleich mit Einrichtungen und Verhältnissen, die der Einwanderer „zu Hause" vor steh sah, sofort die Höflichkeit des Eingeborenen in ihr Gegenteil, in unmißverständliche Abneigung und eisige Kälte umschlagen lassen. 1? Der konziliante Ton ist auch bezeichnend für den beruflichen Verkehr sozial verschiedener Schichten. Sicher wird jeder Mensch in Argentinien nach seinem Geldvermögen gewogen; aber im beruflichen oder geschäftlichen Umgang zeigt man das nicht Ein unterwürfiger Untergebenenton ist dem Argentinier ebenso unverständlich wie. etwa ein „Herrenstandpunkt" des Vorgesetzten. Und doch sind dis Standesunterschiede des gesellschaftlichen—Lebens In kaum einem Lande stärker betont als in Argentinien. Die socialen Schichten heben sich scharf voneinander ab. Die Oberschicht bilden Abkömmlinge der frühen spanischen Einwanderer, die sich als wahre Aristokraten ansehen. Sie fassen jede Heirat mit Angehörigen anderer Schichten als eine Mesalliance auf und wahren im Verkehr mit anderen Bevölkerungskreisen, ganz besonders aber gegenüber dem verachteten „Gringo", dem neuen Einwanderer, äußerste Exklusivität Diese Familien, die kulturell und häufig auch politisch den Ton angeben, bilden eine Welt für sich. Diese Welt von äußerster Eleganz, die ihre Wirkung auf den Nachahmungstrieb anderer Bevölkerungsschichten nicht verfehlt, tritt nur in den vornehmen Klubs, auf den Rennbahntribünen und bei den Festvorstellungen des Teatro Colon in Buenos Aires in die Oeffentlichkeit, sonst' beschränkt sie sich auf ein Leben in der Familie, im städtischen Hause oder auf der „Estancia" (dem Großgut). Die wohlhabende mittlere Schicht - im Sinne unseres Mittelstandes — die etwa Kauileute, Intellektuelle und besser situierte Handwerker umfaßt, ist in Argentinien verhältnismäßig dünn. Sie rekrutiert sich' hauptsächlich aus emporgekommenen Neueinwanderern und deren Nachkommen, die die wichtigsten Positionen des städtischen Handels besetzt halten.