Jüdische Auswanderung
- Journal
- Jüdische Auswanderung
- Volume
- 1936. Bestand UB Ffm
- Issue
- September 1936
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 65 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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f „Dje Sprache hapert bei 9»»/10 o> der «uwanderer. Ohne aie sind samtliche nicht handwerklich zu Beschäftigenden erschossen! Sie kOnnen den Emigranten gar nicht dringend genug predigen, das Sprachstudium so «rast wie nur , möglich zu nehmen! Die paar Stoppelbrocken, die die Leute in 2—3 Stunden — dann werden sie nämlich bereits „weich" — gelernt haben, langen nicht mal, um vor dem allenthalb lauernden Verlust ' hier geschätzt zu sein. Es laufen hier leider Gottes noch Leute herum, die seit Monaten hier sind und nicht mehr wissen tats einige Wörter Dabei ist der Unterricht von Frl. W. ganz ausgezeichnet, und ich bin ihr besonders für ihre gute Methodik dankbar. Ferner ist es angebracht, und ich spreche sicher da nicht allein, sämtliche Emigranten auf ein bescheidenes und anständiges -Benehmen aufmerksam zu machen. Das gilt vor allen Dingen Tür die Schiffsreise, es bleibt aber auch hier bestehen! Die düsteren, ja furchtbaren Seiten des Lebens in Brasilien beleuchtet endlich der nachstehend auszugsweise wiedergegebene Brief, der von einem jungen Mann stammt, der auf einer Versuchsanstalt im Staate Rio de Janeiro zum landwirtschaftlichen Instrukteur der ICA ausgebildet wird. - '.■>'. „Ich wurde in unerhörter Weise ausgenutzt, als ich hier in der ersten Zeit in der. Metallbranche arbeitete. Was mich gleichzeitig beruhigte, war, d^ß «s anderen Leuten, .die ebenfalls frisch von drüben' icanren, Vunkundig der Landessprache und der hier herrschenden Anschauungen, ebensoergangen ist wie mir, vielleicht noch schlimmer, 3a mir die lieben Verwandten immer zur Seite standen. Hier in Nilopolis gibt es viele Fabriken, die Spielsachen,. Süßigkeiten und vieles andere mehr produzieren. Die Arbeiterschaft, die, dort - beschäftigt ist, setzt sich nur aus Kindern zusammen, die oft bis spät in die Nacht hinein arbeiten, da die 48-Stünden-Woche von den Arbeitgebern in keiner Weise respektiert wird. Wieviel verdienen diese Kinder? Ein Milreis pro Tag, einen Hundelohn, der ihnen kaum gestattet zu essen. 'Als Europäer, der erst kurze Zeit im .Lande ist, schlägt man. die Hände Aber dem Kopf zusammen und hält ein langes Selbstgespräch aber die asozialen Verhältnisse, die im allgemeinen hier zu herrschen scheinen. Nach einiger Zeit .beginnt man zu verstehen, was hinter den Kulissen gespielt wird, .und schließlich kommt man zu. dem Schluß: Was geht mich das an, arbeite ich für einen Milreis pro Tag. Meine Existenz ist im Augenblick für mich viel wichtiger als die der anderen, die für diesen Lohn arbeiten. Kommt man watter ins. Innere auf eine Faxende' (— Farm), so findet man dasselbe. Die Schwarzen, die' dort harte körperliche Arbeit leisten, werden so .gut wie gar nicht bezahlt. 2 3 Milreis sind der Tageslohn. Ein Vorarbeiter erhält höchstens 4 Milreis, dafür kann er das schnelle-Arbeitstempo-angeben. Angenommen, ein* Gruppe Arbeiter,' Unna genannt, soll auf einem Laraajen(Orangen)feld Unkraut hacken. Die' Aufstellung dieser turma ist dann folgende: Alle Arbeiter in einer Reihe. An einem Ende .der capataz, der Vorarbeiter, und hinter allen ein encarregadp, Aufseher, mit finsterer Miene. Bleibt ein Arbeiter hinter dem Vorarbeiter zurück, so wird er vom Aufseher furchtbar angeschnauzt und' dann leidet die ganze türme darunter. Worte wie: vamos vagabundos und andere Koseworte, die sm kärglichen Wortschatz des Aufsehers den größten Anteil haben, sind an der Tagesordnung. Dem zurückgebliebenen Arbeiter wird natürlich ein Teil seines Tagelohns abgezogen. Der gute Aufseher ist aber nicht dumm, denn er weiß seinen Vorteil aus diesem Gehaltsabzug zu wahren. Offiziell wird der Verwaltungskasse gemeldet, daß alle Arbeiter gearbeitet haben. Zum Auszahlungstage trifft das volle (Seid auf der Fazenda ein mty den Lohntüten. Der baireffende Arbeiter, erhält, wie ihm angedroht wurde, nicht seinen vollen <■ Lohn, der auf. dar Lohntüte verzeichnet ist. Jetzt macht sieh der Aufsehet' die Unwissenheit i der Leute, im Lesen und Schreiben zueigen Der Kasse gegenüber ist der Fingerabdruck des Arbeiters eine ausreichende Quittung. Der Arbeiter sieht, daß etwas geschrieben steht, kann es aber nicht lesen und setzt seinen Fingerabdruck darunter, in der Annahme, daß alba in Ordnung ist. \ So kommt der Aufseber zu Geld. Da auf einer Fazenda viele Leute beschäftigt sind, ist das Geschäft einträglich. Sollte der Aufseher einmal Pech haben und kann der betreffende Arbeiter lesen, nun, dann sitzt eben der Revolver locker im Munitionsgurt. Ich bitte aber dieses „Sichgeldmachen" nicht zu verallgemeinern und zu .sagen, alle Aufseher sind Handifen und Lumpen. Ich kann beweisen, daß es auch anständige unter ihnen gibt. Sehr viel schuld haben auch die Schwarzen. Diese Leute, die im Innern arbeiten, sind ausgesprochen dumm. Sie haben keine Ahnung vom Lesen und Schreiben, kennen weder ihr, Vaterland, noch dii nähere Umgebung der Fazenda. Weiterhin fehlt den Farbigen \vollkommen das Ueberlegen, das Nachdenken. Ein Beispiel nur sei unter vielen erwähnt. Nilopolis ist Bahnstation. Kurz vor dem Bahnhof, nur durch ein Gitter von ihm getrennt, Idreuzt zu ebener Erde eine recht belebte Straße. die Bahngeleise. Schranken, wie wir sie in Deutschland kennen, sind hier bei der Zentralbahn nicht gebräuchlich, weswegen, kann ich nicht beurteilen, bestimmt aber nicht, um den Verkehr zu sichern. Es herrscht die große Unsitte, daß die Leute kurz vor dem heranbrausenden Zug noch schnell über; die Gleise springen. Eines Abends gingen Fritjof und ich noch etwas spazieren und kamen auch zum Bahnübergang. In der Ferne sahen wir den /.ug kommen, und wir blieben stehen, um diesen passieren zu lassen. Ungefähr 50—180 m vor dem Uebergang machte sich der Zug durch Glockenzeichen und Pfeifen bemerkbar. In diesem Augenblick sah ich einen Schwarzen ein Cafe verlassen, um noch., vor dem Zuge die Gleise zu überqueren. Die Unvernunft des Mannes erkennend, machte ich Fritjof auf diesen aufmerksam. Der Zug war schon in bedenklicher Nähe, der Schwarze stoppte nicht mehr seinen Lauf, sondern wollte seinen Dickkopf durchsetzen, sprang über die Gleise, wurde, aber kurz bevor er den Boden erreichte, von'de* Lokomotive erfaßt und ungefähr 25 m weit. weggeschleudert. Irgendein Schrei war nicht zu hören: gewesen. Leute stürzten ins Dunkle, um ihn zu suchen. Wir sahen ihn kurz darauf auf einem Stein sitzend, gestützt von den Helfern, und ich konnte nur eine schwere Kopfwunde sehen. Ein Mitgefühl für'den Verwundeten konnte ich nicht aufbringen, er hatte nur seine gerechte Strafe erhalten. Wir haben uns nicht einmal aufgeregt über die Gedankenlosigkeit des Schwarzen. Wozu denn auch? Wir können diese Leute nicht zum besseren Nachdenken erziehen. Was 'geht uns das an? Sempre calma do Brasil (Stets die Ruhe Brasiliens). Der Unglückszug brachte frische Milch, . von der wir uns ein Glas voll ausgezeichnet munden Keßen. Hauptproduktionsland für Kaffee ist der Staat Säo Paulo. «liier im Staate Rio de Janeiro nimmt der Anbau der Orangen den Hauptplatz ein. Ihm folgt der Bananenanbau. Die Zeit der Orangenernte ist noch nicht da, aber noch grün haben die Früchte einen edlen Geschmack. Für die Beamten der Versuchsstation .ist das Abpflücken der Orangen verboten. Wir sind in der glücklichen Lage, Studenten zu sein. Würdest Du nach Brasilien kommen, so garantiere ich, daß Du schon nach einigen Wochen in den Stand der Ehe gezwungen wirst. Man kann hier so schnell eine Frau von 14—00 Jahren bekommen, wie einen hier die Läuse anspringen. Es ist einem Emigranten passiert, .daß er verpflichtet wurde, ein Mädchen zu heiraten, weil er aie so scharf angesehen hat. Viele Hunderte hat so das Schicksal erreicht." ■H y J|^auf Frankenstein \ ». Wirtschaftsberater für Brasilien / Säo Paulo f'\ i ■ ■ V. Säo Paulo (Brasil). CalKB Po.t«l 3489 / ' ) Ständiges Büro In Deutschland: Berlin-Chtu-toKenbura * / SenlOtarstnaS* 33 (III Tr.) Cl StBlnplatz 3357 / y, i (Scrach*tund«n nsch telefonischer Anmeldung) ' ' / . I .