Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 140)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Oskar Baum: Die Gott verachtet Leiser Grünsteih setjte den Einflüssen dieser großen fremdartigen Stadt den ganzen Widerstand seiner Seele entgegen. Er war elf Jahre alt und verstand sehr wohl, daß seine Mutter und die vier kleinen Geschwister schon auf ihn zählen konnten, umsomehr, als vom Vater aus dem Felde seit Monaten keine Nachricht mehr gekommen war und also auch das Kriegsende ihnen seine Liebe und seinen Beistand vielleicht nicht mehr zurückgeben würde. Er wußte, daß in diesen endlosen gewaltigen Straßen Spott und Verachtung der Blicke, Mienen, Reden aller Vorbeigehenden zu ihm gehörten wie seine Kleidung und Sprache, und daß ihr Anderssein ganz so wie die großen Häuser und noblen Kaufläden etwas war, das ihm nicht gefallen durfte. — Warum wohl die drei Burschen mit ihrem sonderbaren Gelächter so dicht hinter ihm gingen? Vielleicht war es ein Zufall, wenn sie auch immer genau seine Gangart einhielten, ob er nun eilte oder zögerte. Er würde sich nicht weiter beunruhigen. Er trug ein Papiersäckchen mit einem Kilo Grieß, ein zweites! mit einem Kilo Zucker, und über der Schulter hing an einem Band die Einkaufstasche mit einem halben Laib Brot und ein paar Eiern. Der Weg bis hinaus hinter den Friedhof, wo die Mutter mit ihnen jetjt wohnte, war noch weit. So lang würden die Burschen in seinem Rücken gewiß nicht die Geduld haben, ihn zu verfolgen, um an seiner Angst ihren Spaß zu haben. Er versank wieder in seine Gedanken: Wie kann es sein, daß Menschen ohne Frömmigkeit so gut sind? Es schien ihm ein fast unerschöpflicher Lebensvorrat, was er da von den Damen in dem schönen großen Haus zugeteilt bekommen hatte, so als hätte er ein Anrecht darauf. Es war freilich ein größeres Glück für sie, daß sie es geben konnten, als für ihn, daß er es nehmen durfte, aber wenn sie nicht fromm waren, wußten sie das ja nicht. Er hatte ganz gut gesehen, daß keine einzige von ihnen eine Tour trug. Sie hatten alle ihre eigenen Haare. Sie wußten vielleicht gar nichts mehr von den heiligen Geboten und benahmen sich, als wären sie keine Juden. Warum also gaben sie? Hätte vielleicht Gott in ihrem unwissenden Sünderherzen um ihrer frommen und gerechten Vorfahren willen Wohltun und Erbarmen ohne sein Wort wie Blüten ohne