Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4919024-4920015--0877-4920099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
82 den Prozeßjahren spielte, der Verfasser dos »Testament d'un Antisemit« und von »Les juifs contrc la France«, dem antisemitischen Resume der Oreyfusaffäre. Und in denselben Jahren, in den Jahren der Dreyfusaffäre, erwachte ein jüdisch-liberaler Feuilletonist zu seiner historischen Aufgabe, das Schicksal des Judentums vom Schicksal des Liberalismus und der Assimilation loszulösen: Theodor Herzl. Dieser Funke, der mitten im Zentrum des jüdischen Presseliberalismus, in der Atmosphäre der »Neuen Freien Presse« aufflammte, beleuchtet die ganze paradoxe Situation. Wir haben hier oft stillschweigend den liberalen Journalismus mit dem Journalismus überhaupt identifiziert. Nicht ohne Grund. 13er neuere Journalismus ist vor allem ein Produkt des Liberalismus. Audi die antiliberale Presse bezog hier ihre ganze publizistische Technik; und es ist wahrscheinlich, daß die Weltmachtstellung des Journalismus zugleich mit der Weltmachtstellung des Liberalismus allmählich versinken wird. Neben so imposanten Figuren wie Ferdinand Kürnberger, neben so interessanten wie den Juden Maximilian Harden, so feinen wie Ludwig Speidel, den Juden Daniel Spitjcr und den Juden Alfred Polgar, so skrupellos-witjigen wie den Juden Moritj Saphir, brachte er auch in tausendfacher Auflage den kleinen »Schmock« hervor, den Handlanger und Zuträger, dessen Urbild Gustav Freytag geschaffen, und dem er die Parole des Schmocks »Ich kann schreiben rechts, ich kann schreiben links« in dein Mund gelegt bat. Daß dieser »Sehniock« unbedingt ein Jude sein müsse, ist eine freie und gewiß nicht judenfreundliche poetische Lizenz seines Urhebers Freytag. Wenn man sich nach historischen Urbildern des »Schmocks« umsieht, auf die das »Ich kann schreiben rechts, ich kann schreiben links« wohl passen könnte, so fallen einem nicht in erster Linie Juden ein. Weit eher etwa ein antisemitischkonservativer Journalist wie Adam Müller, der dem Kanzler Hardenberg in vollem Ernste den Vorschlag machte, er wolle mit geheimer ministerieller Subvention zwei Blätter zugleich redigieren: ein regierungsfreundliches Volksblatt und ein ständisches Oppositionsblatt, 'dessen Opposition aber natürlich so berechnet sein solle, daß sie im Effekt wieder der Regierung Hardenberg zugutekommen solle — übrigens eine Situation, die Arthur Schnitjler viel später, gewiß ohne Kenntnis der historischen Vorlage, in seiner Komödie »Fink und Fliederbusch« sehr wißig zugespitjt hat. Nun, dieser Vorschlag an Hardenberg — das ist wohl schon