Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 237)
- Language
- German
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235 jenen, der den Leuten Anlass zum Spott gab, Verse in Umlauf gesetzt wurden, und man wusste in der Regel nicht, von wem sie ausgingen. Diese Verse klangen hinter dem Verspotteten her, er las sie von den Wänden der Häuser, den Haustoren und Zäunen. Es waren einfache unbeholfene Verse, Kinderreime, und vielleicht wirklich von Kindern gemacht. Sie wurden in einem bestimmten Tonfall gesungen, durch den sie sich einprägten. Ich entsinne mich mehrerer solcher Verse. Den, der mich betraf, hörte ich zuerst von einem Mädchen, das mit mir in die Schule ging. Ihr blondes Haar war in einen steifen Knoten gebunden. Sie rief mir den Vers zu als wir einmal vor der Schule standen und warteten, dass man das Tor öffne. Der Vers traf mich, als hätte man mich mit einer Peitsche geschlagen. Ich sah das Mädchen an, dann stürzte ich mich über sie. Man wird die Wirkung dieses Reimes nicht verstehen, wenn man ihn hört. Aber vielleicht wird man sie begreifen, wenn man sich klarmacht, dass in diesen Worten, die ich nun täglich hörte, mein Schicksal unbegreiflicherweise vorweggenommen war. Vielleicht ist in jedem Menschen dunkel und ungeformt, wie ein schweres Gewicht das Bewusstsein seiner Zukunft. Und vielleicht bestürzte mich dieser Vers gerade deshalb so, weil er an diese dunkle Ahnung in meinem Herzen rührte. Ich setze den Vers hierher. Ich schreibe ihn so nieder, in der ungebildeten Sprache, in der er gesungen wurde: Alexander — ging auf die Wander — kaufte sich dort Zuckerkander. Ich heisse Alexander, anders als alle Burschen im Ort, und bin schwarz, schlank und sehe nicht aus wie sie. Und ich bin auf die Wanderschaft gegangen und habe meine Heimat verlassen, vielleicht, weil sie lachten und einander zublinzelten, wenn sie mich sahen, oder weil der Vers es mir voraussagte. Aber ich hätte dableiben sollen, wie ich bei meinem Vater blieb, auch wenn er mir fluchte. Gewiss wäre ich dort glücklich geworden. Was sind mir die Städte, Länder,