Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 100)
- Language
- German
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98 der Konsolidierung und wachsenden Selbständigkeit bietet. Der Ausgang des Weltkrieges hat dieses Gebiet, das früher zum grossen Teil unter der einheitlichen Souveränität des ottomanischen Reiches stand, in einer Reihe von Staaten zersplittert zurückgelassen, deren politische Schicksal ebenso wie das der Türkei, und Persien, die beide im Jahre 1919 zum Teil von britischen und anderen verbündeten Truppen besetzt waren, völlig ungewiss und deren Aussicht auf nationale Selbständigkeit und Unabhängigkeit ausserordentlich gering und wenn je, so in weiter Zukunft erschien. Zehn Jahre sind seither verflossen und beinahe alle diese Staaten haben in einer vor zehn Jahren völlig unerwarteten Weise in diesem Zeitraum ihren Weg zu staatlicher Konsolidierung und nationaler Unabhängigkeit zurückgelegt. Mit dem wachsenden Weltverkehr, der gerade in den Ländern des Orientes in überraschender Weise Raum und Zeit überwindend, gewirkt hat, haben die europäischen Ideen des Nationalismus und der modernen Staatsorganisation unaufhaltsam ihren Einzug gehalten. Charakteristisch für diese Länder ist der Polychronismus, die Vielzeitigkeit, die sich in beinahe allen Erscheinungen des öffentlichen und des privaten Lebens auswirkt, wo Sitten, Anschauungen und Einrichtungen der verschiedensten Zeitschichten des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit hart neben einander sich finden, teils sich widersprechend und bekämpfend, teils sich oft in unerklärlicher Harmonie verbindend. Aber die Einflüsse des Westens, die Durchdringung des geistigen Lebens mit den Elementen der politischen und soziologischen Ideologien des Abendlandes, die Technisierung und Mechanisierung des Lebens machen ständig Fortschritte, besonders in der Jugend, die einen Schulunterricht nach europäischem Vorbild geniesst. Es mögen zeitweilige Rückschläge wie in Afghanistan eintreten, es mögen kurzsichtige Versuche, die Verhältnisse des gegenwärtigen Orients nach veralteten Masstäben einer dem Zeitraum nach nicht lange, aber bewusstseinsmässig bereits weit zurückliegenden Zeit zu beurteilen, wie der Frankreichs in Syrien, das noch heute konfessionelle