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Jüdisches Gemeindeblatt · 1932-01-15 · 2 (15.1.1932) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt
Volume
4 (1932)
Issue
2 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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1 JÜDISCHES GEMEINDEBIATT MITTEILUNGSBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE AMTLICHES ORGAN DER GEMEINDEVERWALTUNG Das Jüdisch« Gem«ind«bla»t wird d«n Mitgliedern der israelitischen Gemeinde Bremen unentgeltlich xugestellt Nadidrudi nur mll Quallanangaba und mit Ganahmlgung das Varfanan gestehst Vettaesort Maassei BREMEN Verantwortlich fOr dan lokalen Tall: M. Markreich ' Nr. 2 Bremen, den 15. Januar 1932 4. Jahrgang Goethe und die Jüdinnen. Von Tr. B e r t h o l d F r lt d) t. 1932 ist ein Giethejahr. Bei den zahlreichen und tiefen Be- Ziehungen des deutschen Kulturheros, der am 9. Mär; 1832 starb, zu Juden und Judentum, werden wir im Laufe des Jahres auch unsere Leser öfter aus solche Beziehungen Hinweisen. Schristleitung. Bon einigen Entgleisungen abgeselien, die bei Goethe auch in anderen Fragen als in der Judenfrage vorkvmme» wie ich auch in einem Essau: „Widersprüclze bei t'Voetlie" Nachweise — war der Dichter ein Freund der Jude». Er bewunderte und beachtete das „bibelschöpserijche" Bilk, dessen geistige Schöpfungen ihn so wohltätig besruchtet, das der Welt das Buch der Bücher, die Bibel, gesclpmkt hat. in der er. wie er freimütig gesteht, de» Seelensricden suchte und sand und der er fast allein seine fittlicfK Bildung schuldig ist. Er bewunderte und achtete das Bolk, dem Spinoza entstammte, dessen „leidcnsclxistlicl'er Schüler und entschiedenster Verehrer" Goethe war und der auf den Dichter wie keiner so nachhaltig gewirkt und auf dessen Denkweise so grasten Einflug hatte. Goethe bewunderte und achtete - das jüdische Volk, aus dessen Scl-oße der köuigliclre Dichter hervorging, der das Hohelied gesungen, „die herrlichste Sammlung von Liebes Liedern, die EZott geschaffen hat, das Zarteste .und lknnachahmlichste, was uns vom Ansdruck leidenschastlicher und anmutiger Liebe zugekvm men ist". Goethe achtete und liebte endlich die Juden, die für die Verkündigung und Verbreitung seines Dichterruhm-s so nn ermüdlich tätig waren. Namentlich aber verehrte und liebte Ekoethe die Jüdinnen Schon als Jüngling machte er den schonen Frankfurter Juden mttdchen de» Hof. Zo der hübschen, glutäugigen Jutta Schaper. Ihr zuliebe suchte er den Judenkorsö am Fischerselde aus die anderen Promenaden der Stadt blieben den Anden ver schlossen . . . Jutta heiratete später. de» Geldwechsler Mauer Anselm Rothschild, de» Begründer des berühmten Bankhauses, und wurde so die Ahusrau dieser weltberühmte» Finanzdunastie. Jüdinnen spielen in Goetlres Leben und Wirken eine graste. Ro'le. Sie waren die e-sten, die seine Gxöste so recht entdekteu und dem Dichter, dem Zauberer des Wortes, aber noch mehr dem Lehrer, dem Freund und höheren Führer und Begleiter in den Tiefen und Breiten des Einzel» wie Gesamtlevcns — wie Rahel Barnhagcn sagt — „die Anerkennung verschafften, die ihm nicht selten von sehr gewichtiger Seite, so von dem dichtenden König Friedrich dem Grasten, ja selbst vom -verzog von Weimar und sogar von seiner Muse, der Frau von Stein, vorrnthalten wurde. Tenn die Jüdinnen ersafiten des Dichters Bedeutung, wie Riemer — übrigens kein Judenfreund — sagt, „istit rascherem Verständnis als die Echt» und Nur-Dcutschen. Nicht, weil natürliche Shmpathic sic zu dem Dichter zog, sondern lveil der jüdische Scharfsinn, unterstützt durch weibliche, nervöse, sensitive Ahnung unter de» gangbare» literarischen Münzen den Wert seiner Dichtungen am frühesten erkannten. Unter diesen Freundinnen und Verehrerinnen seines Ruhmes ist vor allem Rahel Lewin, die spätere Gattin Varnhagcns, zu nennen. Schon als junges Mädchen vergötterte sic den Dichter, dessen Worte ihr wie eine göttliche Offenbarung erschienen. In ihrem Goethe-Enthusiasmus rief sic begeistert aus: „Wenn ich mir den Dichter denke, so trete» mir Tränen ins Auge. Alle anderen Menschen lieb' ich nur mit meinen Kräften. Er lehrt mich, ihn mit seinen lieben." Rahel, die „Pythia der deutschen Literatur", wie man die überschwengliche und unermüdliche Lobrcdneri» Goethes nannte, besuchte den Dichter in Weimar und wurde von ihm überaus gastfreundlich ausgenommen und mit Ehrungen übcrhäusi Mit Henriette .Herz, der Gattin des bekannten Berliner Arztes Markus Herz, und Dorothea Beit, der Toäiler Moses Mendelsohns,^begründete Rahel de» „4*erlinrr Salon". Dieser Salon wurde als Sammclpunkl der geistigen Elite, der Diplomatie und des hohen Adels z»»> Zentrum der Berliner Goelhcrt^emeindc. Bon hier ans verbreitere sich der Goethe Kult über ganz Deutschland. Hier wurdeit selbst erbitterte Gegner Goethes, wie Laube und Heine, zu Peivundcrcrn und Verehrer» des „Altmeisters" bekehrt. Ei» zweites Zentrum des Goethe Kultes bildete sich in Berlin »m die Schwestern Marianne und Sarah Meyer, die Töchter eines Berliner Bankiers, die der Dichter im Jahre 179.7 in Karlsbad kcnncngclernt hatte. Marianne, eine aufsehenerregende ffnffifrfic Schönheit von jnnenischer Gestalt und hervorragenden Geislesgaben und ihre etwa? überspannte Schwester Sarah, die später den prenstischen Offizier Baron v. Grothus heiratete, waren eifrig bemüht, gegen die als Folge des „Genien" Kampfes in den Berliner iiterarisclien Kreisen herrschende goethcfeindlichc Stimmung anznkämpsen und für des Dichters Würdigung und Anerkennung z» wirken. iliomentlich wurde die geistig hochstehendere Marianne, die Tkertrantc des Dichters. Sie förderte nach Goethes eigenem Ge ständnis durch ihren regen Anteil den Fortgang des iverdenden Romans „Die Wahlverwandtschaflen". den er ihr als erste Leserin in der Handschrift zur Lektüre und Begulaclitnng einsandte. Marianne wurde, später in heimlickicr Ehe die Gemahlin des Fürsten Heinrich XIV. von Reust, des österreichischen «befand len am prcustischen Hose. Rach dem Tode ihres Italien 1312 nahm Marianne de» Titel einer Freifrau von Eybcnbcrg an und lebte in Wie», wo ne. gleich der Rahel und den anderen Jüdinnen in Berlin, in den hohen Kreisen, in denen sie verkehrte, für die Würdigung der Gocthcschen Schöpfungen unermüdlich tätig war. Aus Wie>? weiter in lebhaftem Briefwechsel mit Goethe stehend, berichtete sie ihm über die gesellschaftlichen, künstlerischen und literarischen Zustände in der Donanstadt. In Wien bildeteir-ancli die geistvollen, auffallend schöne» und. cinslnstreichc» Schwestern Franziska Baronin von Arnstein »nd Cäcilie von Eskcles eine» geistigen Mittelpunkt, von dem Goethes Ruhm ausstrahlie. Die beiden Frauen. Töchter des Berliner Bankiers Jbig. hatte Goethe im Jahre Hii; in Karlsbad kcnne»ge!ernt und war mit ihnen doriselbst auch in den Jahren l^ll und 1^12 znia»,- »icngctroffcu. v Auch Cäeilies Schwägerin, ihres Gatte», des steinreichen 'Ban kicrs von Eskeles. Schwester: Elconora von Fliest, wurde eine be geisterte Goethe Verehrerin »nd Verkündigerin seines Rnlimes Wie eine Jüdin, die Jutta Schaper. am Eingang in dem LicbcSlebeu Goethes steht, io bleib! an eine -- allerdings gekanflc Jüdin, die berühmte russische Hospianistin Maria Szvmanowskc, der Ansklang seiner Liebeslnu'bahn geknüpft. Er balle die ivnn . verschöne Polin 1323 in Marienbad kennengelernt, gerade als er seinen Liebesroman mit Ulrike von Lcvetzow erlebte und erlitt, dem er in der „Elegie", diesem furchtbaren Aufschrei einer von wildem Liebeslcid zerrissenen Seele herzergreifenden Ausdruck verlieb. Die Szymanowska, die den Dichter zwei Monate später in Weimar besuchte und ihn mit ihrem herrlichen, „nnalanbüchen" Klavierspiel entzückte, wurde die Trcnterin des in seiner Liebes Hoffnung ciittäiiicktcu und leidenden Dichters. „Dieser holde» Frau." "sagte er z»m Kanzler Müller, „habe ich viel zu verdanken. Ihre Bekanntschaft und ihr wundervolles Talent hat mich zuerst mir selbst wiedrrgegeben." In seiner Dankbarkeit widmete ihr der Dichter das dritte Gedicht der „Triologic der Leidenschaft".

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