Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1931)
- Issue
- 16 (15.8.1931)
- Date
- 1931-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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V Reise nach Polen. Von G u st a v M rojank r r. (Fortsetzung.) Tenn das ist das entscheidend Unterschiedliche' einer 'solchen chaluzischen Ougenddewegung zu jeder anderen: daß ihr Ziel nicht i» irgendeiner »nverpllid,lende», ntcu Gesinnung. nnd nicht in einer fernen Zuknnsr liegt, sonder» ah sie an ihre Menschen Angenblickslorderungc» nniwälzcnder Art stellt: beruflich durch die Uinschichluna dieser doch ihrer aei sligc» Einstellung »ach aus bürgerlichem Milieu koinniende» v>u gcnd auf Landwirtschaft »nd -vandarbeit, inenschljch durch das kollektive Zusaininenleben in der Arbeit »nd schließlich die Be Währung von beide», durch die ttcbcrsicdlung nach Palästina. Und ich behaupte, daß schon in der Haltung e»va der Bierzehi, jährigen etwas von diesem Ernst ans sich selbst gestellter Men scheu vorhanden ist, die wissen, daß sic ganz gefordert werden Und wie sich dieser Ernst der Grundhalnmg nun mit der ganzen Frische und Heiterkeit dez Ougend verbindet — das war eigentlich mein stärkster Eindruck rn ganz Polen. Och sah, was man bis her in der jüdischen (beschichte noch nicht gesehen hat, nämlich eine Jugend, die sich emanzipiert und dabei nicht nur weiß, wovon sic sich emanzipiert, sondern auch wozu sic sich emanzipiert. Och verbrachte einen unvergeßlichen Tag auf dem Lande in einer Führcrkolonic des „Haschonicr Hazair". Hier kommen im Sommer jeweils auf einige Woche» die grö>zcrcn Fnngcii und Mädchen, die bcstimmt sind, selbst die Leitung einer Gruppe z» ubernchnien. Sie erhalten hier noch svzufagen den letzten Schliss vor ihrer^ verantwortlichen Ausgabe. Och konnte nnn Einzelheiten von diesem Tage erzählen — wie sic Gymnastik trieben: wie sic der An spräche eines gerade anwesenden palästinensische» Führers lausch ten wie um den Nasc»li>ch bei Mittag Essen nnd oiesang ab wechselten; wie sie einen Tin, eine (Gerichtssitzung abhiellen, bei der sie stundenlang mit gesammeltem Ernst über Probleme oer Jugenderziehung diskutierten; wie sie abends um das Lagerfeuer den Horra tanzten — banale Einzelheiten, gleichgültige Einzelheiten, sic besagen nichts; alles bekommt erst Sin» und Beden tnng durch die Lust, in der dies alles stand, dilrch die mensch liche Atmosphäre, in der es sict? abspielte, und sicher auch durch das Hebräijchc, das selbstverständliche Umgangslprache ist. Och sah sie dann bei der Hachscharah: schwer arbeitend, gruppenweise, in den Sägemühlen und auf dem Lande zwischen ukrainischen Bäucrinncn. Hier ist cs nun schon ernst geworden; es ist prole tarischc Berufsarbeit, die sie treiben, sie verdienen ivcnig dabei, leben dürftig nnd sind müde, wenn sie abends in das genieinsainc Heim komme». Aber selbst hier noch herrscht die Atmosphäre des heiteren Ernstes, der Beseelung nnd des wachen Onleresses, mit dem sic hundert Fragest an den deutschen Elast zu stellen haben, der aus dem unvorstellbaren Westen kommt. Och sah sie also in allen Altersstufen und an Vielen Brtcn, und ich fand immer wie der dies: Erziehung zu wirklicher Gemeinschaft, Hingabe an eine lvirklich erfaßte Oder und - trotz des Milieus — alle mensch lichcn Boranssetznngen einer echten Bewährung. Und wenn man fragt, Ivie dies möglich ist, so muß mast, scheint mir, zweierlei antworten: einmal nämlich, daß es sich hier um .ein ganz unverbrauchtes Menschentum handelt, ein kraftvolles und primitives, dessen Vitalität mit allen Fasern eine neue Welt erstrebt: nnd zweitens, daß diese Menschen den Zivnismns, wen» er nicht schon oagcwescn wäre, geschaffen hätten; so sehr brauchen sic ihn, so sehr entspricht er ihnen nnd ihrer Situativ». Um das klarzunrachen und um gleichzeitig das Wesen dieser ostjüdischen Ongendbeivegung überhaupt zu verdeutlichen, will ich sie mit der wesijüdischen vergleichen. Tazn sei mir eine kleine theoretische Abschweifung gestattet. Ter moderne 'Zionismus ist kein autochton jüdisches Ge wächs. Er ist vielmehr ein Eilied in der europäische» Nationali tätcnbeweguug des neunzehnten Oahrhunderts; er ist der letzte und kühnste Ausläufer jener Bewegung die der Geschichte des neunzehnten Oahrhunderts überhaupt ihr Gepräge gegeben hat. Tcshalb/finden lvir auch in ihm die Elemente, die für die ganze Bewegung überhaupt charakteristisch sind; zwei Elemente, die ein ander konträr sind nnd die doch in ihrer Berslechtung, in gegen scitigcm Sichablöscn und Wiedcrcinanderdnrchdringen das Wesen jedes modernen nnd damit auch des jüdischen Nationalismus ausmachen: Aufklärung und Nomantik. Tie moderne Nation entstand, in der französischen :>Evolntion als der Bollcndnng der Aufklärung. Tie Nation als die Snnnne der freien, nnd rechts gleichen Individuen erklärt sich für souverän, und so entsteht ein' Staat, der zum ersten Male in der Geschichte die Sloßkrast einer - Nation bis in ihre Tiefen inobilijiert. Tas zweite Element kommt aus Tentichland. Wenn das achtzehnte Oahrhunden nur die Odcc der Eicsamlmenschheit gekannt und in der Nation nichts al^ Störungen, Unterbrechungen und Unregelmäßigkeiten der selben gesehen hat, so sieht Herder im- Gegensatz dazu und im Gegensatz -zum Staat, den er für ein künstliches Gebilde hält, nicht das einzelne zwestgesetzte Ondividnupl, auch nicht den Staat, sondern das Volk, und zwar das Ursprung.iche des Volkstums Tic Nation, deren Urkräfte organischer Alt sich ihm vor allein ans den Besonderheiten der Volkssprache» erschließen, ist ihm die natürlichste Trgänisalionsfor,» der Menschheit. ' Und das Wesen einer Nation zu erfassen, grimdet er sie aus ihre Per gange»!,eil: ans ihrem historiichen Werden, das ihre Grnndkrätte am reinsten nnd deutlichsten offenbart, soll sie sich selbst, ihre Gegenivart und die Nichlung ihrer Zukunft erkennen. Tas ist lein Anilläriingsgedanke: er ist der Aufklärung entgegengesetzt. Und doch- Hai dieser Gedanke, der schließlich zur deutsche» No inanlil wnrde nnd von liier ans die Böller ergriff, Md) mit dem Atijlläruugsgedaiiken im Laufe des neunzehnten O.ilirlnindelts verlmiiden und jo erst der Naiionaliiaienbeivegnng dnrdi diese Synthese einer historisd, philosopyijd>en Grundlegung . mit den rationalistischen .strafte» politisch revolutionärer Erhebung ihre letzte Stoßkraft gegeben. Tsljndenin», und Wesijndentn», sind unter verschiedenen -hijivriichen Bedingungen in den Zionismus, und das beißt in die moderne NaiioNaliiäienbeivegniig eingelrelen. Tie tzr-esijndeir hatten, als der Gedanke des Zionismns sich unter ihnen ver breitete, die Ansklarnng bereits iveil hinter sich, '.'uni) nicht in ihrer Odevlogie, wie vielleicht heute noch nicht, aber in ihrer latjadilichen Situativ». Sie hatten sich im Laufe des neunzehnten Oahrhunderts vervielfacht, »nd diese vielfache Zahl ivieder hatte sich in den großen Städten zusäuliucngedrängi, wo große Gemeinden sie ans der Ofoliernng retteten, i» der sie sich vorher befundenehaiien. Es ist nicht nur so, >vie es iinnier dargestellt wird; daß nanilid) der wachsende Antiseniilisnlus der ungeheuren Asfiinilalions nnd Tanfbeivegung vom Anfang des OaKrlninderts ein Ende fetzte, sondern wesentlich auch so, daß die in den Slad ten entstehende judisdie Masse dieser 'Bewegung ihr eigenes Schwergewicht rntgegensiellte. Und >oie nnn diese beiden'Mo mente der Trud von außen, das Sdiwergeividn von innen znjamnieiiivirkle», entstand auch ein neues Bciviißliein oder >ve nigsicns der Bode» dafür. Tas Ondividnnin unu nnn frei und rechlsgleidi und aufgeklärt nird ivnrde dod» immer ivieder. ans jid, selbst nnd von außen, ans seine Gemeinsdiaii. aus die gan; anders gearteten Grundlagen seines historischen Lr-erdens verwiesen. Tamil war der Boden für den Zivnisinns bereitet, der in dieser Situation in erster Linie Nomanlik sein innßie: :>io inanlik als Erinnerung, als das „Herausrnfen des einmal wirklich Gewesenen ans dem bloß bewahrenden historischen Gedächtnis in die Unmittelbarkeit des lebendigen Onnern". Und das ist and) das Wesen aller nationaljudisdien Ougend beweg»ng im Weste». Och jpredie »idn von ihrer «M-meinsdiasis forui, von der mau beinahe sagen könnte, daß sie >nu zufällig und nur so weit rolnanlisch war oder ist, wie sie »äinlid, eine Entlelninng vom denifdien Wandervogel darstelli Aber romantisch in dem dargelegien Sinne ist der Onhali ihrer 'Bewegung: das freie Ondividnnin ist ihr selbstverständliche Boran-.-setznug, und ans dem 'Boden-dieser Boranssetznng bindet sie niui das Onoividilni» ivieder in die k>iftorisd>e t'lenieinsdiail. fragt nad> dem Wesen dieser Geuieinschast, näd> Sprache. Liede.ru, <'lebrä»>l>e», und verbindet mit der Erneuerung der Betgangenheit deren Berklärnng. Sie siebt damit im ausgesprochene» tOegensatz zn der, älteren Generation, der Follitl>lilisgene»alioii, als das konfer vaiive, rnajdianende. den Forijdilill im liberalen Sinne negie »ende Eteinenl. 'tstenan nmgelelilt liegen die Beihällnstie im L sten. Bon den zwei Elementen de» modernen Naiionaliiätenbeivegnng hat der Hslen seiner kiislmijdien Sitnaiion enliprediend in erster Linie die Aufklärung ergriisen. Tie stiouianiik bat er ohiieliin. Was der^Weitjude ii>h ans der Bergangenheil destillieil und strahlend verklärt ' das ist ihm lebendigste nnd hanfig selir driidend elupsundenr (Gegenwart. Teshallist hier/die zfz>niili>d>c Ougend Forlschrittsgeneraltvn. Sie ist nidtl mehr oder dod> Voiiviegeud nid» mehr orlhodor: sie!>at die Noiivrndigleii beruflicher Um schidtlnng nicht nur begriffen als etwas wirtsdiastlirh Noiwe»- diges wie etwa der jiddischstliiche 'Arbeiter, sondetii ste ist ihr Bedürfnis, sie ist ein Teil ihres Slrebeus nagt einem neuen, freien und r->od'.>!'iven Lel>en tz;stiin die Fulitiing des „'Bund" ihre Leute in Lv-'i kilallen tind >'>ndu->l»',el-Ariebe zu diriatcreii sucht, so getclneln daeinmal ans der Erlenninieiner wirt schafl-litbei:- Nouvendigkeir und dann in dein Bestteben, diese Be triebe stii da--- kiinsiige sozialistische Endziel in il::e Hand zn bekonlinen. 'Beecui d:> zionistilche Ougend cin die Erobeiring der Arbeiisslailen geh', >o sclnvebl ilit zwar zniiaclisl d>,-- piattihhe;',iel der 'Berus-.-vorbereilnng für Paläitina. vor. Aber daß ihr dies;',iel vorsthwebl izud daß sie es verwiillich», auch Ivenn im einzelnen Falle die wii'ichairlid'e '.'ioi ui,!» zivingeud iii, d..s »»riß :»f 'v.-'l u-.t.c-e Tze.'.fre zunr.käetuhrl werden, nämlich auf de» Erlle!ier>>ng'N'iste>i-eiiier jungeii tgenetatio», die zum eiiren Male feil langer Zeit ivieder Mvrgenlnft wiiterl Ei» 'Beispiel dafür, >r> - - abrdT.rs la>rdtv:r:>'>!sbe. Letiraa: d.s >->a- '>l-o:n. r Hazrst l'. : Estn'lochau, das ich be''.!d!:e. gehörte.vordem der Oc-aBv.-n die durch die S.lmle dieie.-''Lehrbe<»iel'S gingen, iiiid' LO t-ei der - Laiidivir isthail aeblieben. Bon den jungeii Sdiomerim st: bijetzt noch leiner »:!>.,»ipriing.''»: und wenn es dabei ivahrfcheiiiliclt .i::d> nicht I leiben ivnd, >o durfte doch das 'B-'rliälliiis hier Iiöd>ii>.ns ningeleliri lei». Ties Beispiel l'esagt enoas von der größeren -.straft der treibenden >u-u\ (Fortjetztulg folgt)