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Jüdisches Gemeindeblatt · 1930-06-01 · 10 (1.6.1930) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt
Volume
2 (1930)
Issue
10 (1.6.1930)
Date
1930-06-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBIATT MITTEILUNGSBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE AMTLICHES ORGAN DER GEMEINDEVERWALTUNG Das Jüdische Gemeindeblatt wird den Mitgliedern der Israelitischen Gemeinde Bremen unentgeltlich zugestellt Nadidrudt nur mll Quellenangabe und mH Genehmigung da» Verfassen gestattet Verlegsort Hatsel BREMEN Verantwortlich fOr den lokalen Tel): M. Markreich Nr. 10 Bremen, den l.Juni 1930 2. Jahrgang Schriftliche und mündliche Lehre. . In zivri parallele» Strömen, so stellt 0$ unsere alte llel>er iieseruust dar, ergos, sich der göttliche Inhalt der jüdischen Religion in die Seelen unserer Borsahren. Beide ginge» vorn Berge Sinai ans, verdanlten beida, dem erhabenen Ereignis der Offenbarung des Zungen vor dem kaum, zur Freiheit er losten Bolle Israel ihren Ursprung. Böir bezeichnen sie als die schristliche und mündliche Lehre. Tie mündliche Lehre sollte als ständige Begleiterin der schristliche» Thora deren religiöse und sittliche Borschrijien erläutern, sich als schilpende Schale um den lauteren »lern des Ewigen und heiligen legen. Alles, was sich als srvmme »ebnng. als Böeihebrauch im Leben des gläubigen Inden fest eingebürgert hatte, ohne ausdrücklich in der Thora vopgeichrieben zu sein, galt als Balacha l'moscheh misiinai. Zugleich mit den beiden Tafeln des Bundes sollte es Moies von »toll mündlich anvertrant worden sein. Böen» wir etwa bedenken, dal; die strengen, zur Sorgfalt zwingenden Porschristen für das Schächten allein der mündlichen Lehre angehören, könne» lvir ermessen, welchen Beiligkeitscharalter sie besag nnd welche Achtung ihre »tebote im..Volke genossen. Tie Leistung der Nabbinen bestand darin, das; sre die iniindliche Lehre eng mit der schristliche» verknüpsten. ihren Bräuchen eine SlüNe im Böort der Thora gaben. Ties Verfahren ivard als wohltuende Bilfe für das Gedächtnis empsnnden. Tenn, immer sollte die mündliche Lehre allein der lleberliefernng von Mund zu Mund überlassen bleiben, keinen .Ball in schrist lichen Anszeichnnngen finden. Sie sollte das bewegliche, schmieg same lüeivand der schristliche» Lehre sei», sich leicht und »ach giebig den stordernngen der Zeit nnd der kulturelle» llmgebnng anpassen können. Ter göttliche »leist der jüdischen üieligio», ihr ewiges Erbgut vom Sinai her, bat sich nicht geivandelt. Nur die Jviuiit der Religiosität, das liebertragen der göttliche» Forderung ans das Leben des Alltags änderte sich. Sie rechnete mit de» Ansdrudsmitteln der Zeit, mit ihren menschliche» »rösten und ihrem irdischen Böollen. Tie enge Verschmelzung der mündlichen Tradition mit dem Schriftwort bedeutet neben der »wdädtnishilse zugleich den Anfang einer snstematischen Ordnung der überlieferten »lebote. Tamil ward her Auslegung und frommen Forschung der äiabbinen ein weites »-eld er öffnet. Sie mnstten Böahres nnd stalidus sichten, Böiderspriiclie ansgleichen nnd nach ieste» älegel» neue Bestimmungen ableiten. So lvnchs im Laufe der »ienerationen organisch der Zaun um daS »lefep. Tas bleibt das Verdienst der Pharisäer. Ein amerikanischer »lelehrter, Traves i.Beriord. bemühte sich, die Pharisäer von dem verächtlichen Bus zu beireien. der ihnen in der Beurteilung des neue» Testaments und der christlichen .Beils lehre anhastet. Er bebt mit Becht bervor, das; das zeitgenössische Urteil der inngchristlichen Schriftsteller doch nur die pharisäische Trömniigkeit eiger bestimmten Epoche im Auge bat Tieie Zeitspanne, so wichtig sie iiir die nenentstehende Tvchterreligion des Judentums auch ivar. ist doch nur ein ganz kurzer Ans schnitt aus der beschichte der^üdischen Beligion Tas Indentni» in seiner heutigen (Nestall in »»dt noch vbariiäische äleligion und hält dennoch dem Vergleich mit jeder anderen Veligion stand. Tie unvergängliche Leistung der Pharisäer, bgn sie dem Indeplnm in der mündlichen Lebre eine sich langsam nvandelnde svrm gegeben haben, kann nie genug geiülmit iverden Sie habdki die jüdische äieligion der niinnterbrodienen Enlwidlniig ossengehalte», einen lebendigen Prozest der Entsaltnng ilires sittlichen, »leist nnd »>e,rü: veredelnde» »lehalts verstauet. Tie Streitfrage unserer alten Lehrer, ob der Prot'Iiet oder der Schriftgelehrte bol er einznsdiäpen sei. entspringt nicht rab binischem Bodmint nnd eitler Selbstüberhebung Tie Böeiien der Mischna nnd des Talmuds vei tannten geivist das Einzigartige, Bönnderbare und »nveraleidilidie des religiösen »tenies nicht Böte aber, ivenn von diesen gottnah.'» »leister» die Brille ielilte zn den gewöhnlichen, erdgebnndenen Biensdien? Tieie Brücke schlugen, die Pharisäer. Sie münzten das »wld proplieiiidrer Böeisheit um in die Scheidemünze des Alltags Achten n»r eiiva die >innft des Binnen gering, der dod> nur das Böerk des Tidners durch Sprache und »teste erklärt und deutet? Sein Spiel »nd sein Böort haincht den »lestalten des Tidners 'Blut und Leben ein. bringt sie erst unserem Berze» nahe Viele Sdiipe des Böiiiens würden nngehobe» bleibe», nngenntst für den feelisdien Zoiisdirrit des Menschen, ivürden nicht sleiszige storidier die dunklen danken längst verfdiollener Böeije» in eine für nniere» Verstand leidst sastliche Iorin giesten. Prophet »nd Sdirtiigelelirter. Sdiöv fer aus dem Bor» göttlidter Böeisheit und svradtgeivandler Bin, ler, hleibe» stets ein jidi notivendig ergänzendes Paar Böen» wir darnm an Sdiabnot die Tiienbarnn., der fduisilidien Lei» e feiern, gelte unsere Freude über dies herrliche »>iid»'iit des Biminels zugleich der mündlidien Lehre, ihrer stillen Begleiiärin.. Beide stammen aus der gleidien T.nelle. sind „gegel'en von einem Birten". Tr. Engen >e>äriner. am Theaterplatz Elfi gutgeleitetes SpezIalgeschHft bringt dem Käufer vielseitige Vorteile KLEIDERSTOFFE die Rückeroberung des Sabbats. Bo» Tr. Adolf Jacobus. Zu einem Elesprach äußerte Prof. Einslein einmal: Wahre Beschaulidikeit gibt es nur im Orient.?öer den C finit, sei es ans persönlicher Anschannng, sei es ans Bücher», kennl, wi»d dem chclehrten beislinimen. Und dennoch gab es a»d> im 'Abendland eine Stätte der Beschaulichkeil, an der der »teijt des Trienis zu webe» schien: das war die Sabbalstnbe des Znden. Ter versolgle, per feinte Jude fand in seiner Sabbazstnbe :>i»he des z^emins, Samm lnng, Frieden. Bier.gab er sich, liier durfte er sich einer Beschau lichkeil hiiigebe», die in einem ieln'amen .stontran zu der sonstigen Unrast seiner Tage stand. Tas Bönnder der Erhallnng des durch die. Lande gehetzte» alten 'Volkes hängt mii dem 'Ausgleich rnjain men, den es immer vois neneni in der regelmässig periodischen Wiederkehr des Tages der Ainhe fand. Ter Jude irrt nicht: mein von Land zn Land: er ist in die bürgerliche »lesellschaft des 'Abendlandes als vollgiliiges Bliiglied eingelrete». Er atmet nns nach dem lanieiidjährigen sUnrechl, »nler dein er gelitten, nad» tausendjähriger öinednung. Aber in der neuen Freiheit hat er seinen köstlichsten Besitz cingebniszi, den T.uell seiner steten geistigen »nd feelisdien 'Verjungung, de» Sabbn. Er verlor den Sabbat in der Epoche, in der er der .bürgerlichen ElLsellschasr leine Sabbatidee 'schenkte. Schon ans den Eoncil von Aicaea hatte das Ebristeinnm als Ersatz snr den Sab bat nnd als »tegengewichl gegen ihn den Sonntag eingesetzt. 'Aber der Sonnrag war nnd blieb bis ii„t die Böen de des vorigen Zahrhunderls ein kirä-licher Feiertag. Tie moderne siaatlidir ihr sctzgcbuilg erst hat die Idee des Sabbals sei» soziales Motiv' begriffen und übernommen nnd durch die Einfetzniig der allgeniei neu nnd völligen Svnnlagsrnhe den Sonntag z»m Wochenrnhclag gemacht. In dieser stomplikalion der Tinge liegt eine Tragik, die

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