Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 2 (1.2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Israelitischer Frauenverein IVremen AuiDienstag,den I l.lebruar abends s'i l’lir. in den ..llalsstuben" am Markt \ ortrag des Krauen«r/les Herrn Dr.nted.W altlier C ohn. Itromen: Was muß die Frau oon Krebs-Krankheiten missen? \ Alle Mitglieder des Israelitischen l’rauenvereins sind dazu Itcrzlithsi eingeladen. Kulturbilayz 1-29. Bon Tr. T. 2 ci m u c f% Csscn. Hatten wir in alten lagen nicht weniger als vier Zahres au fange, so Vars man uns jetzt deren zwei vergönnen: Rauschet schono und skalenderneujcihr. Auch letzteres ist et» wichtiger Zeileinjchnitt: nach ihm rechnet die große Welt, i» der wir nun einmal so viclsach verflochten sind. Wir schnldcn es unseren Lesern, eine kurze .M ulturbila n z zu ziehen. slennzeichen der itenen Zeit ist es offenbar, die enge», nationalen Wvcnjtn zn überschreiten, und überall Wcltznsammenhang. anznbahne» oder zu festigen. 2p auch im Ftidentttm u' ein seinen Länder nnd Staaten. Trei wichtige fragen bewegtdie Wo* müter vornehmlich; alle drei mündeten tu eine Wellbenegung: die Franc», die M i t l e l st a n d S - und die F t edcns - b e w e g » n g. Tic im Frühjahr in H a m bürg und B c r l i n abgehaltciien jüdischen Frauenkottgresse waren auf ganz große Gesichtspunkte eingestellt. Zum Beweis genügt es, wenn wir aü die Themen der Borträge und Referate erinnern, die zunächst die Weltlonscreiiz jüdischer Frauen unter dem Borptz von Mrs. Rebekka skohuk erinnern: Tie Rechtsstellung der Frau im Religionsgesetz (Che, Lcheidnng, Mutterschutz); die Fiidividnalerzichnng des jüdisä)eu Mädchens unter Berwcrtnng der modernen, psychologischen Crkeiintnisse und mit dem Ziel einer Ltärkuug aller Lcbeuscncrgien; soziale Frauenarbeit; Beriissberalung; Mitwirkung der F'art in der Gemeinde; .Kulturarbeit der Frau im neuen Palästina. Reserenten waren: Lizzie Hands, Liddy Wronsky, Rosie H e n r i g ii e s, Paula A l l e n d o rs, Fites P o l l a k und Anita Müller Cohen in Gemeinschaft mit Helene Hanna Thon. Und wir brauchen uns nur die Berliner 25jährige Fnbilätimstagnng des FranciibundeS vom Funi k!)2l) isiitcr dem Vorsitz von Frau B r e n » e r zu vergegenwärtigen, um in seist allen Rede», besonders aber in der Beranstaltniig „Füdischc Frauen im Ausland" die gleiche Rote der Weltverbuudeuhcit über alle politischen Grenzen hittaus wicderzusiiiden. Tie Hossuung ist nicht allzu gewagt, daß däs bcwunderungswertc Ringen der Frau nach neuem Lebensinhalt und neuer Bedeutung im Fndcntum belebend nnd erfrischend aus unsere jüdische slrrllnr sich erweisen wird. * Tic Rot der Zeit hat sich ferner in zehn Rachkriegsjahren besonders ausgewirkt als wirtschaftliche sirise des Mittelstandes. Hatte schon die Inflation diesen am härtesten betroffen, die Altersreut? zerstört, Ueberaltcrte in neuen Tascinskamps gestürzt und zum Berufswechsel gezwungen, so kamen hinzu die neue .Kapital vildung, die Aiisdchnnng der Warenhaus nutz anderer .Konzerne und die Hcrabyiinderiing der stanfkraft weiter Bevölkcrungsschich ten, um den grjwerblichett Mittelstand und das Handwerk in fei nein ganzen Bestände zu gefährden. .Mein Zufall war cs daher, daß der Ruf nach neuen .sticöitinftituten als der wirksamsten Hilfe für den stleinkausmann und den Handwerker erscholl, dem fiel) dir großen Banken versagten. Während die Gründung in Mittelaemeindeu (wie z. B. Cfsen) noch im Borstadium der Tisknssion stecken geblieben ist, sind Groszgemeiüdeu, wie Berlin (unter Lei hing von Tirektor Tr. e. h. stleemann), Breslau, Hamburg, Leipzig und Tresden mutig vorangenangcii und haben Geuossenschastsbanken für den südlichen Mittelstand teils neu begründet, teils wieder gestützt. Zudem hat der Bu n d j ü d i s ä> e r H a n d werter in Teutschland (Vorsitzende die Herren Marcus und Wolff) einem „Weltverband" die Wege geebnet, dessen sionstiluie ruug de» internationale», insbesondere von Polen, Belgien und der Tschechei bcfdjicften skongreß zu Beulheu im Mai l'.t-.i krönte. Cs wäre verfrüht, von diesem Verbände, der sich dam für den Osten längst wirkenden „Ort" au die Leite stellt, bereits praktische Crfolge zu verlangen. Tie Fragen des soliden, jüdischen Mittel standes, tusbesondcre aber des Handwerks und in Berbindnug da mit der Bodenkultur sind wieder in die Crörternng der Massen geworfen; damit auch die Fragen der Bernssumschichtung und der Ausbildnug nnsercs Rachwnä)>es; und sie werde» nicht mehr verstummen. Laut und eindringlich pocht auch die neue jüdische Friedens bewcguug au unsere aore, die sich nicht etwa ans konfeisioncllem Absouderungstrieb, vielmehr zur Mobilmachnng uralter schlum meruder strafte in der jüdischen Gemeinschaft gebildet bat. Wieder ist es ein „Weltbund", dem der jüdische Friedensbuiid sich an gliederte und in dessen Rahmen er gleich dem „slatholijäien Frie densbnnd" eine „A r b e i t s g e nt e i » sch a f t d e r st o n f e s sivnett" eingegangen ist. Am 16. Oktober v. F trat diese zum ersten Male mit einer stniidgebnng „Religion und Weltfriede" in der Hochschule für Musik zu CharlotteuMrg an die Oeffentlickkeit. und durfte Tr. Lev Bacck den Reigen der Reden mit einem Referat „Z u 0 e u t u nt u tt d W cltfviebe n" eröffne». Wenn die Friedensliebe heule, so führte er aus, im Wesen des Juden tums uutösbar wurzelt, so ist daS ein Ergebnis jahrtansende langer CtzteKttttzz. Für' das Judentum war der Friedensgedanke nirfit eine bloße Länvärmerei. ein Ziel ohne Weg, eine Musik ohne Werke. Cs war eine Berheißnng, aber gleichzeitig ein Gebot, eine sittliche Ausgabe. Ter Friede i|t für das Judentum ein Weg der Opfer, der Hingebung um des Zieles willen, daß die Menschheit die. höchste, ihr vorgezeichnete Cntwicklung erreiche. - Wenn da mals der protestantische Pfarrer T.-Tehn erklärte, der Ltaal dürfe nicht mehr verlangen, daß die Gebote Gottes für ihn außer Alraft gefetzt würden; und der. Tvminikanerpaler FranziScus 2 trat mann: dem modernen striege mit seinem Unmensch lichen Charakter gegenüber müsse es heißen: Rein! Cs muß für unanständig gelten, einem Gistgaschemikcr oder Rüslnngsindti striellen die Hand z» geben. — Tan» dämmert die Hossiinng ans. daß der Rns „Rie r .der strieg" zum Orkan ansäiwelle nnd bald von der Parole: „Aue straft für die Werke de-- Friedens, und aller Geist für seine Lichernng aus Erden" abpelosi werde. Wen» sich überall, wie jüngst in Csseii, M ä n n e r w re M a r t i » B u ber zu Aposteln diese Idee machen, kann dieser Wandel niä» lange ans lich warten lasset!. stnltnrbilaitz! Wir haben i> .»iserei» 11.beiblitf die Bewegung zur B e l c i l i g n n g an d F e w i f b A g e n c» nnberiihrt gelassen, weil das Urteil dat der. znme. m der deutsche» Inden heit, noch ungeklärt ist. stet: Zweifel, oaß auch hier neues stul turlebe» siä> auküiidigt, das nur der Form ttadi Rationalismus, dem Gehalt „ach höchster Menschheitswert bedeutet. Mag der Bund von Zürich feine Honigmonate genießen, in die das Tchick fal schon Bitternis genug getan hat: lassen wir ihm Zeit zur Reise und Bewährung. Das Fehlurteil gegen Halsmann. Zu Wie» ist ,P H i l i p p H a l s m a » » vom Obersten >>,e riäushöf endgültig als Mörder seines eigene» Vaters iiigniati Üert. Tiefe Raätriä» hat in der ossentlülie» Meinung der ganzen Welt, sofern sie siä> de» 2inn fnt :>ieän nnd Gerechtigkeit be wahrt hat, Cnisetze» hervorgeruse». Crjchntieii iteitt man vor der Tatsache, daß das Räderwerk bei.Paragraphen unerbittlich jeden zermcttmi, der, einerlei wie siech der gesunde Mc osl -»verstand zn dem Falle verhall, in die Maschinerie hineinae.ate» ist. Wenn man von all diesen Prozeduren, Zeugenaussagen. Lacchversta» digen läntarhteit nnd dem tausendfachen Für »n> Wide» der ei» zelneii Tarstellungeu der Mordtat am alten Halsmann abiieln und nur de» geiunden Menjätenverstand reden laßt, io fantnii man im Vereine mit allen unverbildeten, klarjeheiiden Meiijäieii zur Ueberzengnng, das; der junge Halsmanti nicht de» geringsten Grund hatte, das iicheußliihe Berbreäie» an seinem eigene» Batet;» verüben. Aber Halsmann ist Jude: der Unglnässall passietie in dem antisemitisäi versenäxen Lande Tirol:, die meisie» Z.engen waren dumme, im Urinsiinkt jndenseiiidliäie Meniäten Ter Pro;eß iand in einer verhetzte» Umgebnng statt. Tie G>eiänvotenen tinierschieden iiä> in keiner Weise von den Hanptbelastnngszetigen, und so kam es zweimal zu einer Berurteilnttg des jungen Hals »tann dnräi die Volksrichter. Tie t^escl»vore»e» und engen tiiuise» niäit notwendigerweise bewußte Recln-'-brecher nnd-Lugner sein, aber sie sind voreingenomme» gewesen, nnd daraus erklärt siä, diese ganz nnbegreisliäte Rechtsprechung Tas; das Oberste täeriä» in Wien niän deti Mti! ansgebraäii hat, die Angrle.tenheii naät tzRensäiliäikeii »nd geiiindem Verstand zit ordnen, sondetn iidt hinter Formalismus und Paragraphen' verschanzt Hai, laßt selbii ait de» höchsisiehenden, sogenaiiiiie» Wahrem des :>ceclits verzweifel». Mil dieseiii Urteilstpuicch darf der Fall Halsmann niäit als abgeschlossen betrachtet werden. Cs gibt noch zwei Mög Iiiltfeiteil: Wiederautnahmevertahren »nd Begnadignng Wir tvol. len hofsen, das; der slapips um das Reän im Falle Halsman» doch noch jiegreiät beendet werden wird. T>e sndisäte Oessentliäi seit fühlt üät mit dem Lcchiäsal der Familie Halsma»» tolidacisclr Tiete Familie leidet niäit nur unter der 3 liefe eine- >granta»ien . Geschicks, sondern aticch itnter der Tatsache, daß sie ^»disäi nt. Tartitn ist ihre Angelegenheit, aligeieheii davon, das; sie Lache de.--^ allgemeiiie» über Ration und stonteiiio» stehende» Rechts tit, ancli’ eine Lache der jndisäien tgesamtheit, T.ie Cmpörttng über das Halsttiann-Nrtcil des Wiener slassalionshofes. Bet litt. cFT'.'l.i Tie deutsche Liga t>it'Meiischettrechte hat ihrer osterreicchisclteii Lcchwesietliga telegraphiert: „Cnlsetzt über den iiiibegreisliäien Lprnäi des slaiiatiemshoses im Falle Hals tnaiiii bietet^ die demtielte Liga t»r Menschenrechte ihrer oster ' reicliitäten Lchwesterliga jegliche Untaitnicung in dem wettzere» stpmp'e ums Reän an."