Jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 2 (1.2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4916913-5966049-5966085--209-4917097- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
geflenfttttommfii. ferner bittet er. für Zwecke der Wandcrsürsorge Ablösungsbeiträge, wie früher. »ach Brench» abzusühren, »>n de» Wanderbettel »ach Möglichkr-il zn tmterbmben. Lchlnst: U!', Uljr. 3 in Anschlns; a» die Verhandlniigeii ja«d ei» geme>niamcs ^lirfKiü’u statt. Ui» >.'>> - Uhr versanimelien sich die Amveseiide» anis ne»e, X „in gemeinsain j»it de» Mitglieder'» des jüdische» Landesge meinderats »«d de.' jüdiickn'» Landesansschnsses eine» Bericht über die schlechte Finanzlage der Laiidesgcniemde Sldeiibnrg entgegriizunehmeu und um Ausivege ans der Misere zu juche». Tic 'Besprechungen, welche vertrauliche» Eharaltee trugen, zogen sich bi? >7 Uhr hn aitb sührteiz ,\ur Bildung einer Spe.sial-- _ toinniifitb», deren Ergäiiznng durch einige prominente jsidisckx Herren aus Nordnestdentschlrind vorgesel.en ist. . ßaö-isck unö Fahrzeit. Bon I. B. L e v y, Frankfurt a. M. — S ch l u ß — so werden die Kernwolte des Kaddisch, „F'hc sch'mch rab'bod m'worach", zu Trostworten, Nechmoßoh. für de» Weitcnrichter ov des harte» Urteils, das er seinem Bolle einst sprechen muhte. Danach müssen wir also andere Beziehungen zu finden suchen, die zu dein Gebrauch des Kaddisch als Gebet der Trauernden sühren. 'Dazu ist es wahrscheinlich geworden, als nach dem oben erwähnten Lehrvortrag am Sabbath der Trauerwoche nach dem Gottesdienst ein Legen über die Trauernden ausgesprochen wurde, an den sich das Kaddisch d'rabbonon schloh, eine Gcbetsormcl, in der Gottes Legen und höchstes Erdenglück für Lehrer und Lchülcr des Thora- und Talmudstudiums erbeten wurde. Daß dieses Ge- . bet mit der Zeit geläufig und von den Trauernden mitgesprochcn wurde, führte Wohl nach und nach zu der Litte, das Kaddisch überhaupt von trauernden Kindern zum Andenken an die Eltern vor versainmeltcr Gemeinde sprechen zu lassen. Ganz besonders die in der Einleitung wiedcrgcgcbene Akiba-Lcgcnde, in der die geheimnisvolle Kraft der durch die Hinterbliebenen Waisen dargcbrachtcn Gottcshuldigung für das Leelcnheil des Berstorbenen ausgezcigt wird, hat in den Tagen und in den Kreisen des wachsenden Mystizismus und Chassidismus im Mittelalter zum „Kaddischsagcn" der Waisen geführt. Zwei Hauptmomentc scheinen nun auch wirklich diese Litze und dieses Gebet dafür ganz besonders zu begründen. Schwerstes Leid ist über uns hereingcbrochen: wir stehen am Grabe unserer Eltern, derer, die uns das Leben gegeben, der Führer unserer Jugend, der Zier unseres Daseins. Wer hätte i» solcher Ztunde nicht schon dem Zweifel an Gottes Gerechtigkeit in seiner Leelc slattgegeben, wer nicht schon mit dein göttlichen Walter unserer Geschick» im stillen gehadert? Ta aber mahnt uns die Ltiinme der Religion: Tu kleiner Mensch mit deinem kleine» Menschenverstand, wie kannst du cs wagen, mit dem göttlichen Richter zu rechten? Wer könnte z» Fhm lagen: Was tust du? Er schaltet aus Erden und in der Höhe, tötet und belebt. Dgr Gerechtigkeit voll ist Seine helfende Rechte, wie Leine strafende Linke. Gerade ist Gott, kein Unrecht an Ihm. Er hat gegeben, Er hat genommen — der Name des Herrn sei gelobt! Aus diesen Gcdankengängen heraus erheb dich aus deiner Zerknirschung, aus deiner Gebeugthcit, füge dich, o Mensch, in Gottes Gericht. preise den Gott, den deine Eltern dich lieben, dich preisen lehrten, bezwinge dein wogendes Gemüt, tritt hin vor Gott, vor die versammelte Gottesgemeinde und huldige dem Gott deiner Eltern, deiner Ahnen und rufe in Andacht und aus der Uebcrzeugung der gerechten Waltung dessen, den du anbetcst: Fis gaddal w'jiskaddasch sch'mch, rabboh! Gefeiert, geheiligt sei Sein groszor Name! Damit sind wir dem zlvciten Grundgedanken dieses tiefsinnigen Brauches des Kaddischsagens bereits nahegckomnien. Tenn > so aufgefaßt, stellt diese Pflicht ein durch dein ganzes Leben sich hinziehendcs, nie zerreißendes Band her zwischen dir und deinen Eltern; ja in dem Bewußtsein, daß auch deine Kinder dereinst auf diese pietätvolle Weise dein gedenken werden, zwischen dir und der Zukunft. Und so baust du durch dein Kaddisch fort und fort an dem Bau des Bestandes des Judentums, so verbindest du dich mit der jüdischen Gesamtheit, mit dem Vergangenen und dem Kommenden, erhältst im Andenken an deine Eltern deine angestammte Religion, verkündest sie vor aller Welt, dankst deinen Eltern und Lehrern, daß sie dich gelehrt, zu Gott z» bete», rufst ihn an in Leid und Freud, ihn, den Gott deiner Vorfahren: F'hc schmch rabboh m'worach! Gepriesen sei Sein herrlicher Name! „Fürwahr! — so sagt Leopold Kompcrt in einer seiner jüdischeir Novellen — wenn c? irgend ein Band gibt, stark und unauflöslich genug, um Himmel und Erde ancinandcrzuketten, so ist cs dieses. Gebet! Es hält die Lebenden aneinander und bildet die Brücke in das geheimnisvolle Reich des Todes. Fast könnte man sagen, dieses Gebet sei der Hüter und Wächter des Volkes, von dent allein es gebetet wird; in ihm liegt die Bürgschaft seiner eigenen Fortdauer. Kann ein Volk untergeben und in das 'Nichts zerstäuben, so lange ein Kind seiner Eltern gedenkt?" Wenn nun,auch schon früher die Sitte bestand, der Todestage grgßer Männer, wie unseres Lehrers Mose am 7. Adar und des Ztatthalters Gcdaliah am 3. Tischri, durch Gebet und Fasten zu gedenken, vielleicht auch den Todestag der Eltern so ausziizcichncn, so scheint doch das „Iahrzcit"-Haltcn erst im späteren Mittelalter in Deutschland entstanden zu sein. Isaak von Tyrnau ist der erste, der diese Sitte erwähnt, sogar unter dem Namen „Fahrzeit", der seit etwa dem 115. Fahrhnndert nicht nur in unserem Vaterland, nein, wohl in aller Welt, der stehende Terminus für diesen Brauch geworden ist. Rach Fsaak Lnrea (15,11 157:’), dem großen Kabba listen, liegt dem Kaddisch die wunderbare Kraft innc, um den ewigen Frieden der Dahingeschiedetten zu -beten, und an jedem Fahrzeittage, an dem das Hinterbliebene Kind zum Andenken an Vater oder Mutter dieses Gebet zum Lobpreise des Allvaters spricht, führt cs seine Eltern in eint höhere Sphäre des Para dieses. Das eben ist der Sinn des Fadrzeittagcs: das geistige Band immer wieder von »cuem zu kinipscn zwischen nns.und den nnS teuren Dahinaeschiedenen. Fm Trauerjahr werden wir ihrer nicht vergessen.. Aber das vielgestaltige, hastende Leben jagt über uns dahin, treibt uns in den Kampf »ins Dasein, in den Taumel der Zerstreuung und tötet in »ns die heiligsten Empfindnnge», ja die seligste» Erinnrrunge». Und mitten i» diesem Wirrwarr des ge gcnwärtigen moderne» Treibens niid Getriedenwerdens wie wohltätig/ wie besänftigend, wie beschwichtigend, wie heilsain wirkt ein solcher Tag des Besinnens auf uns selbst, wirkt ein solcher Fahrzeittag auf unser ivild wogendes, oft zerklüftetes Gemüt und heiligt uns im Andenken an den toten Vater, an die in Gott ruhende Mutter. Rachalvh, .Erbe nenut der sephardische Fnde diese Litte, des Sterbetages der Eltern zu gedenken. Wahrlich, ein bedculsaines Wort! Denke einmal im Fahre an das Erbe, das du übernommen und das du auf spätere Geschlechter weiterznpfla» zc» als Kind, als Erbe verpflichtet bist. Dann gibt cs kein Ster den. dann verliert der Tod seine» Stachel, dann ist der Fahrzeit tag alljährlich ein Tag unserer Wiedergeburt, M'chajjrh hammeßini, der die Toten belebt »nd in uns den Gedanken vom Staube der Vergänglichkeit emporhebt zur Wiedergeburt, zur ^Ewigkeit, zur Auscrstehuug. Das geheimnisvolle Fcnseits wird die in solcher Ztunde, da du im Gedanken an deine Zeuger Zeugnis ablcgst für deinen geerbten und zu vererbenden Glauben, zur-, beseeligcndcn Gcivißheit göttlicher Ewigkeit — das ist die heilige und heiligende Kraftdes Kaddisch am Fahrzcittagc. - Das Licht, das dn an diesem Tage entzündest, cs wird zur wärmenden, leuchtenden Fackel in deiner eigenen Seele, cs entzündet in dir immer wieder den etwa im Verlöschen begriffene.» Funken des Religiösen, des dich mit dem Himmlischen Verbindenden. So verstehen wir selbst die Zahlenspielerei der Kabbalisten, die das Wort „N,"r dolnk" (brennendes Licht) an Zahlenwert seiner Konsonanten gleichgestellt haben dem die göttliche Majestät bezeichnenden „hasch 'chinoh". Fa. das Fahrzeitlicht ein Abbild Gottes selbst, wie des Abbildes unserer göttlichen Seele nach dem Worte des Spruchdichters: Rpr adannoj nischmas odom", ein Licht Gottes ist des Menschen Seele. (SO,27.) Und auch mit deiner Drlsgcmeindc. dem kleinen Abbilde der großen jüdischen Gemciüschast. verbindet dich dir Ansrcchterhaltnng dieses durch die Fahrhundertc seines Alters geheiligten Brauches. -Hat die Fnnigkeit deines religiösen Fuhlens Schaden gelitten, so möge dich doch dieses Band kindlicher Pietät wieder an deine Zu gchörigkcit zttr Gesamtheit erinnern und dich wenigstens am Sab bat vor und an dem Todestage deiner Eltern selbst ins Gotteshaus führen. So bleibst dn im Sinne der Dahingeschiedenen lebendiges Glied in der lebendigen Kette des lebendigen, nie sterbenden Gat Icsvolkes, des Pricstervolkes der Menschheit, das mit vielen an . deren herrlichen Gedanken auch diesen der Unsterblichkeit der Men ^schenseclc der Menschheit geschenkt. Müsst!» j'chajeh Et brauw äiaßdan, borncki ad<- ad ick» »> t'hilloßan So belebt Gott die Toten in Seiner. Gnaden Fülle' Ge priesen sei in Ewigkeit Seines Namens Ruhm. Zur Lage -er Ju-en in Deutschlan-. Fm neuen thüringischen Ministerinin iibt einer der radikal sten Naiionaljvzialisir» als Fnnenministe». Diese Tatsache be leuchtet stninillsg den Ausstieg der Nationalsozialistischen Ar beiterpartei, tvelche iui Fahre Inach dem Hiilerpntsch in München für iinmertpaltrende Zeiten znsammengebrochen zu sein schsen. Beim Entstehen dieser Partei versuchte man sich damit zu trösten, daß sie eilt Produkt der furchtbaren Fnshrtionszcit ie, und daß nach Eintritt normaler Verhältnisse für dieses Geimscki aus pristiitivstem 'Nationalismus und unklaren halbsozialisiitcheti Vor stellnngen kein Ranin mehr sein tverde. Diese Hofsnung ist zunichte geworden. Die Verhältnisse in Deutschland haben sich einigermaßen stabilisiert, die Republik ist gesesiiat und tropdem konnte das angebliche Fnflativnsprodnkt des Nationalsozialismus eine ungeahntr Entwicklung nehmen. Fed>' Neuwahl bringt eine Steigerung der nationalsozialistischen Siiinmrn. Die Mitglieder zahl der Partei belänit stät bereits ans -Hniiderttaniende: i» alle» gejevrebenden Körperschaste» üven nationalsozialistische Vertreter: iii vielen Laiidesparlanienten »iid StaSivertretungen bilden' die Nationalsozialisteil einen ausschlaggebenden Bestandteil. Nickst mu Dentschnationate. sondern auch liberale Parieie», wie die Deulstbe Volkspgrtci, iinden es durchaus in-der 'Drdnuna, Hob ihrer bin qerliche» ' b;uv liberalen Einstellung mit den Na 1 io>ia 1 sozialisIe>i. den theoretischen Aiiiiparsamentaricrn, zn kooperieren. Mii der wachsenden Stärke der Partei schivindet in der össentlichen Mei nniig der programmatisch gar iiicht antisemiiischen dontschen' Polkskreise der von der liberale» Presse behauptete Absche» vor den Lehrens und der Praists der Nationaliozialistrii. Und es ist vorausznsehvn, daß sich nicht nur i» Thüringen, sondern auch in-