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Jüdisches Gemeindeblatt · 1929-11-15 · 16 (15.11.1929) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt
Volume
1 (1929)
Issue
16 (15.11.1929)
Date
1929-11-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHES GEMEINDEBLATT MITTEILUNGSBLATT DER ISRAELITISCHEN GEMEINDE AMTLICHES ORGAN DER GEMEINDEVERWALTUNG Das Jüdische Gemeindeblatt wird den Mitgliedern der Israelitischen Gemeinde Bremen unentgeltlich zugestellt Nachdruck nur mll Quellenangabe und mH Genehmigung des Verleiten gestattet Vcr'easnrr Mas««' BREMEN Verantwortlich für den lokalen Teil: M. Markreich Nr. 16 Bremen, den 15. November 1929 1. Jahrgang vor -rn Kommunalwahlen. Sonntag, den 17. November, finden in allen Städten Preußens die Wahlen zum Stadtparlament, der Itadtvcrordnctcnvcrsammlung, statt. Tiefe Wahlen haben bisher unter einer schwer verständlichen Nichtachtung der Bürgerschaft;u leiden gehabt. Während die Wahlen zum Reichstag, zum Landtag, sowie die Rcichspräsidenten» wahlen Beteiligungen von 75 bis 85 Prozent aller Wähler auszuweisen hatten, hat die Beteiligung an den Stadtvcrordnctenwahlen 6V bis 65 Prozent nicht überschritten. Zehntausend«: von Wählern blieben den Urnen fern. Tabei sind die örtlichen Wahlen von nicht geringerer Bedeutung für die Existenz der Bürger als die allgemeinen. Treten in der Stadtvcrordneteiivcrsaminiuiig die große» politischen Richtlinien der WcltanschauungSPartcicn auch nicht immer und in jedem Einzelsall deutlich und unmittelbar in die Erscheinung, so ist doch sicher, daß jeder Entschluß^ auch jedes von de» Parteien getrosfene Kompromiß ivenigstens Rücksicht auf die grundlegenden Programme der beteiligten Parteien nehmen, muß. Tic Steuerpolitik der Parteien wird sogar häufig unmittelbar von der parteipolitischen Anschauung beeinflußt werden. Aber nicht minder wichtig ist die Personalpolitik einer Stadt. Wieviel hängt nicht von den führenden Persönlichkeiten des Magistrats ab, die die großen Linien der Entwicklung einer Stadt zu bestimmen haben; von der Beschaffenheit und Eignung der Lehrpersonen, die unsere Kinder erziehen sollen; von den Beamten in den Büros, die durch die Qualität ihrer Arbeit, >vic durch die Formen ihres Verkehrs mit der Bürgerschaft die Teilnahme, ja Freude der Bürger am Emporblühen ihrer Stadt erhöhen oderkommt cs nicht vor? — geradezu ertöten können. Auch Wohlfahrtspflege und Arbeitslosenpokitik, Verkehrs-, Wohirungs- und Baupolitik. Förderung des krisenbedrohten Mittelstandes sind weite Gebiete ftadtlichcr Betätigung. Tabei ist die Finanzlage aller Städte so ernst, daß der Deutsche Städlctag, die Gesamtvertretung aller deutschen Städte, kürzlich erst den Beschluß gefaßt, hat, daß diese im kommenden Jahre möglichst keinerlei Anleihen, auch nicht für werbende Zwecke, aufnchmcn WvfHitHty lt»HH4ftH, 'H0V- <5W WH I I" but JW6*h i _ JüiHM UMW&SH ftnlS Totflttf, I I I | finfi WH | Das Reich denkt sogar daran, durch eine Neuregelung dcS ganzen Steuersystems den Städten neue Möglichkeiten der Ticucrerfassung und vielleicht neue Steucrbesuguissc zu gewähren, chm die Finanzen der Städte auf »euer, gesünderer Basis wieder gesundcn zu lassen. Welche neue Verantwortung für die Vertreter der Bürgerschasl sich doch hieraus, und für die Wähler welche Erhöhung der Pflicht, die rechten Männer an die rechten Blähe zu stellen. Untadelige Männer, die, von-htütister Uncigennühigkeit getragen, alle» Versuchungen standhalkeii und ällcn Spekulationen aus die Gewinujnchr, wo sic sich auch immer bemerkbar mache» sollte», anss schärssle und rnischiedenste entgegentreten. Niemand hat darum das Recht, de» Wahle» der Ztadlvcrvrdneten, die ja Mund und Arm der Bürgerschasl bei Beratung und Anssührung. der hier angcdcutetcn Entschlüsse und Beschlüsse sein sollen, fcrnzublciben. Auch Zeitmangel ist kein ausreichender Grund! Wer nicht ein Geringes für die Gemeinschaft tut, darf nicht Großes von ihr erwarten. e Nun wissen wir. daß jede Wahl Entscheidung fordert, daß unsere jüdischen Mitbürger aber in verschiedenen politischen Lagern, manche sogar zwischen ihnen stehen, und daß die Entscheidung für viele nicht leicht ist. Tcnnoch muß auch nnsercrseitS mit aller Tatkraft daraus hingewirkt werden, daß die Wahlbeteiligung lnckenlos ist. damit eine deutliche Meinungsäußerung der Bürgerschaft znstandckomiiit; damit die Katasirophenpolitiker, die in Krisenzeitcil wie den heutigen ohnehin immer vom Znlaus der Einsichts lose» und Verzweifelten profitieren, nicht einen Einfluß crrassen, der im Gcgcnsah 311 ihrer immerhin geringen zahlenmäßigen und geistigen Bedeninng iiebt: .endlich damit ancki nn'ere Wahlen dazu beitragen, das Gcsamtresultat der Kommunalwahlen in Preußen zu einem der Wahrheit möglichst nahe kommenden Bild der inncrpolitschcn Lage und der Stärke der politischen Strömungen in Preußen zu gestalten. S. Lilienthal. flUe Mann an 6ord! Von Moses Waldmann, Berlin. Tic Nachrichten der lebten Tage tvissen den Inden wenig Erbauliches mitzutcilen. In Galizien zerstören Hooligans jüdische Gotteshäuser, in Budapest'werden die jüdischen Studenten über fallen, in Wie» feiert das akademische .Hakcnkrenzlerlnm an allen Hochschulen derartig wüste Trgien, daß die Hochschulen geschlossen werden mußten, und in Rumänien kommt es immer wieder zn Exzessen gegen, Inden aut der Eisenbahn und inden einzelnen Ortschaften. Eharakterislisch bei all diesen Erscheinntigcn br>ital ster antisemitischer Primitivität ist. daß sic nicht vom ungebildete» Straßcnmob, sondern von der „Edelschickit" der einzelnen Länder, von den Hörern der höchsten Bildniigsanstalten, ansgchen. Ein weiteres Eharakteristiknm ist, daß diese Ansschrcitnnge» nach einem „wissggschastlichcn Programm" unternomnien und dnrchgesnhrt werden. Tiefes ..tvissenschastliche Prvgraiikm" aber ist „made in Germany", ein Massenartikel, der ni Tentschland fabriziert, im Jnlandc einen sehr guten Markt hat »nd dessen Erport sich in steigernder Kurve bewegt. Taniit soll nicht gesagt sein, daß cs erst des deutschen Beispiels bedurfte, damit die Studenten in Budapest und Rumänien oder die ukrainischen Erzedenten gegen jüdische Gotteshäuser in >Tstgalizien sich in Bewegung sehen: jene Elemente haben ihre Jitdenfeindschaft von ihren'Eltern ererbt und das Rohmaterial des Antisemitismus in ihrer eigenen Umgebung vorgesnnde». Bon den deutschen Antisemiten aber haben sic sozusagen das System der Verarbeitung importiert, das Wissenschaft lickie Mäntelchen entliehen und ihren seil Generationen landesüblichen primitiven Judenhaß der „überlegenen" Wissenschaft der deutschen Rassenschüblcr angepaßt. - Tas UrsvrnngSland des modernen wissenschasllichen Anti semitiSinns ist Tentscklland, und in Tentschland sind auch die jndenfrindlichrn Metlwden ans die -Höhe des Zeitgeistes gebracht worden. Tie gefährlichste Spielart d.s nendcutschen AntisemitisinnS ist der sogenannte Nationalsozialismus. Er ist heute in

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