Der Schild
- Journal
- Der Schild
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Me Juden in Amerika! Bon Dr. Fritz Eichengrün. (Sortierung.) VI. Der „Antisemitismus" in den Staaten. Ein Hauptvorwurf der Westjuden gegen die Ostjuden ist immer und immer wieder das Bestehen des „Antisemitismus". Ja. gibt es in Amerika überhaupt so etwas, wird man fragen. Der Amerikareisende stellt drüben diese Frage und heimgekehrt, wird sie unzählige Male an ihn gerichtet. Ja, es gibt Antisemitismus in den Staaten. Aber er ist so grundverschieden von dem deutschen, dah man die beiden Erscheinungen kaum mit dem gleichen Namen bezeichnen kann. Wenn Amerikaner — gleich ob Juden oder Nichtjuden — über Europa sprechen, werden sie in den ersten Sätzen den Antisemitismus. wie er bei uns bestand und zum Teil noch besteht, unbegreiflich finden. Denn irgendwelchen gesellschaftlichen Boykott kennt inan drüben nicht — außer gegen Schwarze und Gelbe. Mag der Ku-Klax-Klan, diese fastnachtmäßige Sekte zur Erhaltung der „Hundertprozentigkeit" unter den Aankees, auch in den Süostaaten einmal Juden belästigen — größere Bedeutung kommt solchen Erscheinungen nicht zu, da man auch drüben die Ku- Klux Klan-Leute nicht ernst nimmt. Was dagegen tatsächlich besteht, ist eine fast undurchbrechliche Abschließung vieler „alteingesessener" Kreise in den Old- England-Staaten und wiederum besonders in Boston. Hier gibt es Klubs, die keine Iudetz aufnehmen, und auch in die hochfeudalen Universitäten Aale, Harvard und Princetown soll ein Jude schwer den Weg finden. (Dafür hat natürlich die Columbia- Universität in New Jork mehr jüdische als nichtjüdische Hörer und auch Lehrer.) Wahr ist es auch, daß es Mietshäuser gibt, in die der Wirt (landlord heißt er drüben) keine jüdischen Parteien einziehen läßt. Als mir das zum ersten Mal in Chicago berichtet wurde, verstand ich solche Einstellung nicht. Aber man muß die Dinge von beiden Seiten sehen. Es handelte sich hier um eine erstklassige Apartement-Wohnung in einer hochvornehmen Gegend Chicagos. Ziehen hier Juden ein (man meint damit vor allem Ostjuden), so werden sie dreimal soviel Menschen in die kleinen Räume stecken, als die andern tun. Die Folge: Unruhe, Störung für die anderen Parteien, schnelle Abnutzung der Wohnung. Zudem sind Ostjuden sparsam und verbrauchen in Apartement-Hotels zu wenig. Aber das Schlimmste: bald ziehen die Nichtjuden aus. fliehen vor Belästigung. Unsauberkeit, und was sonst als Grund angegeben wird. Dafür kommen neue Juden; bald ist die Gegend „verjudet". Doch dann ist sie ihnen bald nicht mehr gut genug; sie ziehen aus, und an ihre Stelle kommen die Schwarzen. Damit verliert das Haus nahezu seinen ganzen Wert- Solche Entwicklung ist keine einmalige Erscheinung: Synagogen, die heute in Negergegenden als Kirchen dienen — nur ein Kreuz wurde auf die Kuppel gesetzt — zeugen dafür an mehreren Stellen in Ehicago. Mein (nichtjüdischer) Gewährsmann — Rechtsanwalt! — berichtete mir. wie so eine Klientin von ihm um ihr ganzes Vermögen, das in einem solchen Haus steckte, kam. Man darf Maßnahmen gegen den Einzug von Juden, so empörend sie auch im einzelnen sein mögen, nicht als Rassenhaß auffasien. Denn den kennt man drüben überhaupt nicht: Ku-Klux-Klan ist höchstens eine rein politische Bewegung und richtet sich genau so gegen die Katholiken wie gegen die Juden. Und dieses „Gentils only" (nur Christen) unter der Anzeige einer freien Wohnung findet sich auch verhältnismäßig selten. Mir fiel es nur in Chicago aus. Bleibt also noch der Hauptvertreter des amerikanischen Antisemitismus: Ford. Ist seine Ansicht Ueberzeugungssache? Anstatt auf diese Frage Antwort zu geben, woslen wir eine recht interessante Angelegenheit erzählen^ die in Europa — soviel ich weiß — kaum bekannt wurde. Ford verlegte sich in den letzten Jahren vor allem auf die Fabrikation von Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Maschinen. Hier aber zeigte sich ein ihm ebenbürtiger Gegner. Der Syndikus der größten Farmergenoflenfchaften — ein leidenschaftlicher Ostjude! — verstand es. Fords Fabrikaten den Hauptteil seines Absatzgebietes zu sperren. Zunächst versuchte es Ford mit Schmähungen; zum Termin der Beleidigungsklage erschien er aber nicht. Eines Tages aber entläßt er seinen Pressechef und verbreitet in allen großen Zeitungen, er habe wirklich nichts gegen die Juden. Der zähe Ostjude hatte ihn auf die Knie gezwungen, kusiness geht vor Ueberzeugung. Ein ähnlicher Fall (obwohl er nur im lockeren Zusammenhang mit der Frage des Antisemitismus in den Staaten steht) soll hier nur kurz gestreift werden. Als Königin Maria von Rumänien noch Dossarika kam, um sich Anleihen für ihr Land zu holen, gab man ihr zu Ehren in Ehicago ein großes Bankett. Bei dieser Gelegenheit lud man -sie zum Besuch aller möglichen Gebäude und Anlagen ein; sie nahm es an. Da luden sie die Oftjuden auch ein, einem Gottesdienst in ihrem Tempel beizuwohnen und wirklich mußte die Königin von Rumänien kommen, wollte sie sich nicht.mit einem Schlage un mögsich machen. VII. Die Beteiligung der Jude»' am amerikanischen ~~ n Kapitalismus. Der Kampf Fords gegen die Juden wird oft ausschließlich als ein Kampf gegen das jüdische Großkapital angesehen. Ader es ist ganz sicher, daß die größten, die einzig ausschlaggebenden Kapitalmächte in den Staaten nicht jüdisch sind. Zunächst natürlich einmal Ford selbst, dann I. P. Morgan, weiter Rockefeller, Banderbilt und viele andere hundertfache Dollarmillionäre. Jude ist dagegen Otto H. Kahn, ist wohl auch Charles Schwab, der Stahlkönig von Bethlehem, sind vor allem Koehn, Loeb u. Co. (Paul und Max Marburg). Aber nur dies letzgenannte Bankhaus kann zur „haute-finance" im eigentlichen Sinne gerechnet werden. Denn eine Finanzmacht stellen lediglich die zwei, drei oder vier Häuser dar, die durch ihre Be teiligungen die anderen Großen „kontrollieren". Selbst dreistellige Dollarmillionäre sind nicht „selbständig", solange sie solchem Kontrolle durch die ganz Großen unterliegen. Unter ihnen dürfte aber doch wohl I. P. Morgan, der wirklich ketk Jude ist, noch immer die ersts-Rolle spielen. Alle die Zuckor, Loeb, Lämmle (um nur ein paar Namen aus der Filmindustrie zu nennen) sind letztlich nur Geschöpfe von Gnaden der wenigen, wirklichen Finanzmachthaber der Staaten. Und darum will es auch gar nicht viel besagen, daß an diesen zwar sehr verantwortungsvollen — und vor allem: exponierten — aber nicht entscheidenden Stellen, Juden stehen. Im Grunde ist es genau so wie in Europa, nur daß man alles in Dollar übertragen und einige Nullen anfügen muß: das eigentliche Großkapital ist nicht jüdisch, dagegen aber zum Teil das große Mittelkapital, das den einzelnen ins Auge springt während die eigentlichen Drahtzieher rm Dunkeln bleiben können. Immerhin sind es auch hier nur bestimmte Wirtschaftszweige. wo die Juden eine große Rolle spielen: Banken. Film, Presse. Theater, vor allen Dingen, während bei Eisenbahn. Schiffahrt, Petroleum ihr Einfluß recht gering.sein dürfte. (Fortsetzung folgt.) Dr. Eckener wünscht: „Gut Purim"; Dizengofs sendet: „Schalem". Als das deutsche Luftschiff „Graf Zeppelin" über der jüdischen Stadt Tel Aviv kreiste, sandte der Bürgermeister von Tel Aviv, Herr Dizengofs, einen Funkspruch an Dr. Eckener und lud ihn ein, in Tel Aviv zU landen, er, seine Besatzung und die,^- Fahrgäste können des herzlichsten Empfanges gewiß sein. Tr. Eckener erwiderte durch Radiospruch, es sei ihm zu seinem lebhaften Bedauern unmöglich, in Tel Aviv zu landen und er wünsche, auch im Namen der Besatzung und der Passagiere, der Einwohnerschaft von Tel Aviv: „Gut Purim". Bürgermeister Dizengofs funkte ein zweites Mal an Dr. Eckener und erklärte, die 80 000 Seelen zählende Einwohner schaft von Tel- Aviv, die in dieser Stunde das fröhliche Fest des Purim begeht, bewundere die Taten des Zeppelin und wünscht dem Luftschiff, seinem Führer Dr. Eckener und der Besatzung weitere Erfolge und sagt ihnen ein herzliches „Schalom". verband der jüdischen Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens. Die polnische Telegraphen-Agentur teilt mit: In Warschau wurde ein „Verband jüdischer Frontsoldaten und Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens" begründet. Die Gründungs-Versammlung wurde durch den. Reserveoberst Henry Goldmann geleitet, mehrere Redner wiesen auf die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der jüdischen Kriegsteilnehmer und Kämpfer für die polnische Freiheit hin. Die Losungen des Verbandes feien: Unteilbarkeit, staatliche Entwicklung und Sicherheit Polens, Annäherung zwischen Polen und Juden, physische Ertüchtigung der jüdischen Jugend. Der Verband wird auch die Aufsicht über die Gräber der gefallenen jüdischen Soldaten haben und ehemalige jüdische Soldaten, die in Not sind, unterstützen. Die Versammlung wählte einen Vollzugsausschuß, dem die folgenden Personen angehören: Reserveoberst Henry Goldmann. Ministerrat Adelbera. die Relevereoberleittnants Advokat Bern stein, Breaman. Goldberg. Likernik. Reservehauptmann Lubiner. Reservefeldwebel Lubatzki und Mastbaum und Reserveober leutnant Silberminz. Die Versammlung, sandte Begrüßunqs telegramme an den Präsidenten der Republik und an Marschall Pilsudki. j 117