Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1859)
- Issue
- 13 (1859)
- Date
- 1859-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Bolksvlatt 3«t Belehrung unö Unterhaltung auf jüdischem gebiete. HerauSgegebeu vo» I- L( ' Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Magdeburg. [3fo. 13. 1859] Sen M«(«t 3<iifArff! trfdxlni »SLeutltch «int Ruaaer. Gr«t< de» Jahrgang» t tfclt. Ltcrttljibrlg T/» Ra*- Alle Bucdvandlnngen. Jeßtmter un» g«Unng»er»rdt«eU«U oehae» S*ft«!lnn»cn an. [6. Iahrj. 1. ®wrUt.] Zur Herstellung und Verbreitung Wohlfeiler Bibeln. Aufruf an alle bibeltreuen Israeliten. » Lange stand der Unterzeichnete an, abermals mit einer Auf- und Anforderung vor daS jüdische Publicum zu treten, und wiederum ein neue- Ziel beS Streben- und Schaffenauftustellen. Allein die Dringlichkeit der Sache und die Aufmunterung einiger Freunde und geachteter Correspondenten macht emir zur Pflicht — und wer darf sich dieser entziehen wollen?! Wer die früheren Jahrgänge der Allgemeinen Zeituqg de- JudenthumS durchgeht, wird finden, daßvon Beginn an einer unserer ernstesten und stetwiederholten Schlag- und Wahrsprüche war: „die Bibel ist den neueren Juden abhanden gekommen — sie müssen sie wieder haben!" Beim Beginn unserer Laufbahn sah enoch sehr schlimm damit auS. Wir hatten noch nicht einmal die Bibel in einer vollständigen Ueberfetzung. Seit Mendelssohn die fünf Bücher Moses und die Psalmen übersetzt hatte, waren nur einzelne Bücher der heil. Schrift übertragen und edirt worden. Da nun da- Erlernen der hebräischen Sprache immer weniger allgemein und gründlich geworden, so gab ezahllose Familien, in denen die Bibel weder gekannt, noch vorhanden war. Um sleichter verbreitete sich an - der Stelle der ehemaligen Heilighaltung jene Geringschätzung, mit welcher die hohke Bildung so gern prahlt und je weiter die fugend fort» schritt, desto entfernter und fremder ward sie der h. Schrift schon auS — Unkenntniß. Wir beklagten tief diese Zustande. Sie besserten sich — denn die Unhaltbarkeit ward allgemein gefühlt. Zuerst erschienen die Gesammtübersetzungeo von Salomon und unter Zunz' Direktion. Zu gleicher Zeit fingen wir unser größere- Bibelwerk an und 'Dr. Herrheimer daseine, sowie S. Eahen in französischer Sprache; auch in Nordamerika erschien LeeferS englische Bibelübersetzung. Allein alle diese Arbeiten waren und find mehr für den Begüterten und Bemittelten, alfür die Masse. Der bloße hebräische Tert ist in unserer Zeit nicht genügend, und die bloße Ueberfetzung wiederum durchaus nicht zweckentsprechend. Text und Ueberfetzung zugleich ist daallgemeinste Bedürfniß. Aber diesem Bedürfnisse muß so abgeholfen werden, daß eS dem Armen weder Opfer kostet, die Bibel zu kaufen, noch Mühe und Schwierigkeit macht, ste erlangen zu können. Emuß ihm die Gelegenheit geboten werden, sie leicht zu erlangen und ohne Aufwand. Wenn nun die Misfion-bibeln für den Tert allenfalls genügen, so find doch ihre Ausgaben mit Ueberfetzung gänzlich zu verwerfen. Bei der Uebertragung einealten Schriftwerkes kommt eso sehr auf die Auffassung an. mit der man an die Ueberfetzung geht, wiejibei der Bibel. WaS ist nicht Alle»>.in dieselbe hineingetragen, waS au» ihr herauSgedeutef-nvsrdeä! Ohne der RisfionSbibel eine» Dorwurf daraus zu machen, daß ihre Auffassung-weise eine christliche istdenn dafür geht ste von einer christlichen Gesellschaft auS, und hat die Verbreitung de- EhristenihumS zu ihrem Zwecke — so ist fie doch darum für Juden untauglich und ihre Verbreitung unter den Juden ist von unserem Standpunkte eher schädlich, al» nutzenbringend. Die MisstonSbibel hat hie Luther'sche Ueberfetzung zu ihre» Grunde, und diese ist voller Irrthümer und hat einen. Charakter, der nicht der der heil. Schrift ist. Da» Judenthum hat in der Erklärung der heiligen Schrift stetsich'völlig frei erhalten. E» hat keine Ueberfetzung al- KNonisch angenommen, eS hat keine Auslegung al» die allein richtige erklärt. Gerade der Talmud huldigt der fteiestea Eregese. Er-häuft Erklärung auf Erklärung, und suft oft eine ungewöhnliche Leseart zur Hülfe. Nicht Septuaginta, nicht Targum, nicht Haadla. nicht Mendelssohn wurden ihm sanctioairte Uebertragungen. Wir find daher auch mit den neueren Bibelforschern, die seit Luther! so Großeleisteten, fortgeschritten und nehmen, da» Gute von Jedermann an. Aber die Lurhersche Bibelübersetzung,-voller Fehler, hat auch durchaus den Charakter der heiligen Schrift nicht getroffen, vielmehr völlig alterirt. Die Lulhersche Uebersetzung hat für di« Entwickelung der deutschen Sprache außerordentliche Verdienste, und fie ist originell. Aber sie ist hart,-steif, eisig, wo da» Original weich, flüssig, voll GefühlSströmvng ist; sie ist einseitig, monoton und prosaisch, wo da» Original viel« und tiefsinnig und voll Schwunges, voll Zartheit »der Erhabenheit, voll Abwechselung und Biegsamkeit ist. Schon vom allgemeinen Standpunkte auS, wäre IeS ei« Rückschritt und ein große» Unrecht, die Luthersche Ueberfetzung jetzt unseren Glau» benSgeyoffen in die Hand geben zu lassem ES ist also da» dringendste Bedürfniß, eine Bibel» auSgabe für Jedermann, infonder» für die Masse unter unseren Glaubensgenossen zu veranstalten, welche so wohlfeil wie möglich und welche überallhin/ bi» nach den kleinsten und entferntesten Orten verbreitet würde.