Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1856-1857)
- Issue
- 8 (1856)
- Date
- 1856-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4908862-5999343-6000785--0871-4909533- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
39 und sein Kutscher — Kaum für Alle hat die ungedielte, feuchte unv wenig gescheuerte Stube mit räudigem Kamin, hinkenden Dänchn und trüben Fenstern Zch verbrachte die erste Rocht in Rußland ans einer harten Pritsche, auf faulem Stroh und dachte an de ursche Dörfer, an deutsche Wirche, an ihre Betten und ihren sonst noch so theuren Karee, und wäre beinahe eingeschlafen, als mich ein heftiger Lärm, der urplötzlich da- Schweigen deschlafenden Orts brach, aufschreckte. Drai ßen mengten sich die Slimnen klagender oder bittend! r Männer und weinender Frauen mit dem Waffengetös, mürrischer und unwilliger Soldaten, die jetzt an dem Thore des Gasthauses klopften und in der Familie d«8 jüdischen Wirtbes eine nanenlose Angst verbreiteten. Die Leute wußten, was da kommt. Man klopfte wie! erholt, es mußte geöffnet werden, und herein in die düstere Stube traten mehrere bnvaffnete und unbewaffnete Männer; eü waren Vorsteher des OrteS' mit Ihrer militä ischen Asststenz und Polijcidiener. welche halbnackte Kinder sträubend. weinend, jamnlernd nach ihren Müttern rufend, in den Armen trugen. gefolgt von den klagen >en Eltern, die mit vor Schmerz und Web brechenden Blicken an ihren unglücklichen Kleinen hingen, die in wenigen Minuten ihnen rar immer entführt wurden. In einem kleinen Beuchen schlief ein zwölfjähriger Knabe, zwei Männer näherten sich dem Lager, der Knabe war wach und vom Schrecken gelahmt; sie ernen ihn herunter, musterten ihn, der Kleine war eini ugig — er war gerettet! Suchend näherten sich wieder d e Männer, vaS Licht in der Hanv., dem Lager des DaterS, es war Niemand darauf: sie näherten sich dem Bette der Frau und ein Angstruf zitterte durch die Luft; die Mutter umschlang, eine Beute deS Fieber-, den Knaben, der an ihrem Herzen, das glückliche Lächeln der Kindbiit auf den Lippen, noch immer schlief, und betete statt zu den Menschen zu Gort um Schutz und Hülfe. Aber Gott wollte sie nicht erhören, unv die beiden Abgesandten der ereeuriven Gewalt nahmen der heulenden Welsin i >ren siebenjährigen Jungen. Diese kleinen, so zarten Knaben waren eS, )ie in Rußland aus der jüdischen Bevölkerung 'zur Erziehung für den Kriegsdienst auSgehoben wurden. Die Regierung wollte ihre hebräischen Militärs frühzeitig fui Strapazen und Ungemach stählen, und sie durch die Erziehung zu guten Land- und Seefoldaten machen. Kaun assenkirt, wurden die beim Leben ihrer Eltern verwais en Knaben in die ferne Weite geschickt. Tausende Werst' von ihrer Heimath, unter Völker, deren Sitten und Gel rauche, deren Sprache sie nicht kannten, und nach und na,; verwischte die Zeit aus dem jungen Herzen und aurem jungen Gehirn jedes Bild und jedes Andenken der scühern Jugend, die verschwommen und verwischt hinter ihnen lag und daS innere-Leben erstarrte unter einer Ei ckrufle ewiger Sorge. Darum diese unendliche Angst. 1 ieser allgemeine Schrecken, welche in Rußland eine Kinver-Rekrulirung jedes Mal in den jüdischen Gemeinden hervorries. i Wie man dem Herannahen einer im Lande graffirenden Epidemie »nt Angst und Bangen entgeg^nsieht, so harrten die einzelnen Orte, wenn eine. Rekrutirung ausgeschrieben war, dem Nahen der Aushebung entgegen. die oft die liebsten Glieder der Familie nahm. Man kann, sich im übrigen Europa diesen Schreck nicht denken und ihn unmöglich fassen; bei un« wivmek der gereifte lebenskräftige Mann freiwillig oder unfreiwillig wenige Jahre feine- Lebens den Militärpflichten; er tritt im besten Alter in den Dienst ein und verläßt ihn eben so rüstig wie er ihn angetre-! ten; kehrt mit der Hoffnung, seine Eltern und seine Geschwister zu finden, , in seine Heimath zurück, die er vielleicht auch mittlerweile gesehen, und "bat noch ein Stück ungetrübten Lebens vor stch. Hier aber wirb _rm Kind im zartesten Alter, im Aller, daS noch selbst der Pgege und der Wartung bedarf, assentirr unv fremden, eben nicht mütterlichen Händen in frömden fernen Strichen übergeben , zuweilen erliegt eS den ungewohnten Strapazen, zuweilen der ungewohnten Anstrengung, zuweilen dem zehrenden Heimweh oder der eigenen Hinfälligkeit, und steht nie mehr feine. Heimath und seine Familie wieder, und wenn selbst daS Kind die Männerjahre erreicht hat, dann hat es noch ein Dierteljahrhunderl eineS eisernen Dienstes vor sich, viele Jahre der Arbeit und Entbehrung; ist dieser so schwere Abschnitt seine- Lebenvorüber und die Freiheit gewonnen und. der ergraute Mann zurück in die Heimath gekehrt, die er als Kind vor vielen, gar viele« Jahren verlassen, dann findet er keinen Vater, keine Mutter, vielleicht auch keine jGeschwister mehr, — er findet nicht-. so wie er in seinem eigenen Innern, im eigeyen Gemüthe keine Erinnerung und keine Wurzel mehr von jener Religion, die seine Eltern ehemals, als er noch ein frommeunv glückliches Kinv gewesen, ihm in sein junges Herz gelegt! Zuweilen auch begegnet man in diesen jungen Gemüthern dem festesten» .starrsten Hang an ihrem Glauben, den sie in allen Stürmen ihres freudelosen LebxnS bewahren und allen Lockungen und Werbungen widerstehen, ohne ihn je abschwören zu wollen. — Der Rest der Nacht ging vorüber und ließ in dem kleinen Städtchen viele unglückliche und trauernde Familien zurück, die um pen Verlust ihrer kleinen Knaben gor bitterlich weinten. Der Regen fiel in Strömen vom umwölkten Himmel, die Straßes draußen glichen den Pfützen, so daß an ein Fortkommen in dem kleinen unbedeckten Postwägelchen nicht.zu denken war, und ich eS vorzog, in dem Gasthause, so elend eS immer gewesen, zu bleiben, als mich der Wildheit russischer JmtschikS und der Bovenlofigkeit russischer - Wege preiszugeben. Ich saß Morgenin der trüben Stube, mitleidig die untröstlichen Leute zu trösten suchend, als leise die Thüre aufging unv ein Mann vorsichtig eintrat. Wirth und Wirthii^ sprangen dem Einrretenden entgegen, wie der Unglückliche t'-uui Hoffnungschimmer. Der Fremde blickte mich mißtrauisch an, aber der Wirth. den mein wohlwollendes Benehmen gegen ihn für mich eingenommen, bedeutete ihm, er könnte ungezwungen sprechen. ' „Ach Gott, JvnaS! Ihr kennt schon unser Unglück?" - ries die Frau. „Freilich." „Was ist zu thun?" „Den Kleinen über die Gronze schaffen. DaS ist klar." „Glaubt Ihr wohl an die Ausführung, daß sie noch möglich?" „Hat ZonaS je gescheitert, wenn er etwas unternommen, oder gelogen, wenn er ErwaS versprochen?"