Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 15 (1938)
- Issue
- 5 (1.6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1. 6. 38 Äus jder sozialen Tätigkeit in New York Was die religiöse Erziehung der Jugend betrifft, so ist es klar, daß hier das Hauptgewicht nicht mehr im Elternhaus liegen kann, sondern außerhalb der Familie. Eine große Bedeutung hat deshalb die religiöse Schulerziehung. — Von den über 300000 jüdischen Schulkindern New Yorks besucht nicht ganz ein Viertel jüdische Religionsschulen. Und ein weiteres Viertel der Kinder ist gänzlich ohne Religionsunterricht. Die erziehangs- und wissensmäßigen Voraussetzungen für eine religiöse Wiederbelebung scheinen also nicht besonders /gßnstig. — Besser scheint es um den sozialen Zusammenhalt der jüdischen Gemeinde bestellt. Den Ausgangspunkt bildeten und bilden philanthropische Organisationen nach dem traditionellen Vorbild der jüdischen Gemeinden Osteuropas und Deutschlands. Aber neben die zahlreichen Logen. Heimatvereine, religiösen Wohltätigkeitsvereine und so weiter traten unter dem Einfluß angelsächsischer Gemeinschaftsideen n<ue Schöpfungen. Den Gemeinden sind vielfach Volksheime — social centres — angegliedert, die sich gegen den Widerstand gewisser Kreise heute in der jüdischen Gruppe ebenso durchgesetzt haben wie in-der Gesamtbevölkerung, wo auch die gleichen Widerstände zu überwinden waren. In den social centres treffen sich die Menschen der verschiedensten Gesellschaftssthichten. Durch eine gewisse Gemeinsamkeit, die bis zum gemeinsamen Wohnen in den Settlements geht, will man soziale und wirtschaftliche Unterschiede überbrücken. Unabhängig favon, ob Pflichterfüllung und Gottvertrauen Ein badischer jüdischer Lehrer über seine Aufgabe in heutiger Zeit Früher, noch vor 30 Jahren, hatte fast jede Landgemeinde hier, in Baden ihren eigenen Religionslehrer; die Zahl der vorhandenen Schüler rechtfertigte dieses. Es folgte der Zug nach der Stadt, die Landflucht. Und gar der neue Umschwung mit den ihn begleitenden Schatten gab dem Gemeindegebilde, soweit es noch vorhanden ist, das Bild einer totalen Leere, eines totalen Aussterbens. Die lebensfähigen Gemeinden von früher zeigen zum großen Teil das Gesamtbild einer Auflösung; der Jugend beraubt, fast keine Kinder; meist ohne Minjan. Jüdische Volksschulen mußten neu erstehen, neu geschaffen werden. Bezirksschulen in denen die Kinder vom Lande Aufnahme finden können. So sind in weniren Land- und Zwerggemeinden tinige, zum Teil dienstgraue Religiönslehrer übrig geblieben, die, soweit es ihnen gegeben ist, einen kleinen oder auch größeren Bezirk von Kleingemeinden mit versehen. Die Schülerzahl im Großen und Ganzen ist sehr stark zusammengegangen, in 4—5 Stellen zusammen oft keine zehn. Solch ein Religionslehrer ist, wie gesagt werden mag. eigentlich doch überflüssig: keine oder gar keine Schüler und dazu kein Minjan. Doch so, wie unsere noterprobten alten Rabbinen den Verzagten, Schwachmütigen zuriefen: „Blicke auf zu G'tt; wo es Kranke gibt, gibt es Heilmittel, wo der Schatten ist, befindet sich auch das Licht und bei der Kälte dieses weitgesteckte Ziel verwirklicht worden ist, oder jemals verwirklicht werden kann, bleibt bestehen, daß die centre-Bewegung in pädagogisch-wissensmäßiger Beziehung viel erreicht hat. In den geselligen Abenden werden Vorträge gehalten, Diskussionen veranstaltet, die jungen Leute, die überhaupt nicht oder nur ein paar Brocken falsches Englisch können, haben Gelegenheit, die Sprache zu erlernen, können sich auch in praktischen Fächern weiterbilden. — Während die social centre-Bewegung mehr soziale als Bildungszwecke verfolgt, ist das Ziel der Jewish Chautaqua Society allein auf die Vermittlung — jüdischer — Bildung gerichtet Die jüdischen sozialen Organisationen sind in Spitzenverbänden zusammengeschlossen, deren Dach der National Council of Jewish Federations and Weifare Founds ist... Der Joint, das American Distribution Committee, ist die Dachorganisation von drei großen Wohlfahrtsverbänden. In ihr treffen sich alle jüdischen Schichten und religiösen Richtungen. Denn die in ihr vertretenen Verbände repräsentieren sowohl orthodoxe wie liberale Gemeindemitglieder als auch die organisierte jüdische Arbeiterschaft. Der Joint ist in Europa besonders populär geworden durch seine Hilfeleistung für die Ostjudenheit und seine Beteiligung am Aufbau der Siedlung Biro Bidjan. Er setzt seine Kraft auch für Palästina und die Emigration der Juden aus Deutschland ein. (Aus dem auch für Schulzwecke sehr geeigneten Beitrag zur Kunde der jüdischen Gegenwart von Jenny Radt, .DlewJuden in New York', Jüdische t*sehefte Nr. 21, Schocken Verlag, Berlin 1937). die Warme", so ist uns Lehrern ein Born des Heils, ein Strahl innerer Befriedigung und Zufriedenheit in der Verbindung mit der Gemeinde selbst, im engen Anschluß an jedes einzelne Glied derselben erstanden. Gemeinsames Leid, gemeinsames Dulden schließt die Reihen: die Hände berühren sich, um in schweren Zeiten sich gegenseitig zu stützen und zu festigen. — Israel verzage nicht, wir alle sind ja Brüder! Einer bürge für den andern! So sieht sich der alte, bewährte Lehrer, der ja jede Seele seiner Gemeinde kennt, zum Helfer, zum Tröster erhoben. — Und wie gerne hilft man mit; die Wege hierzu sind uns doch durch unsere Institutionen und Organisationen gegeben^ Not lehrt beten. In unserer Zeit hat man das Bedürfnis, im Schöße der Religion, in der Synagoge, im Hause des Gebetes sein Herz vor G'tt auszuschütten: Schomer Israel, schmar Scheeris Israel, veal jovat Israel! O G'tt. behüte Israel, hüte doch den Rest Israel und laß' den Rest Israel nicht untergehn! Einige Mann über Minjan finden sich hier zweimal des Tages gemeinsam zum Gebete im G'tteshause ein. — Gebet stärkt das Gemüt: und so sieht der Einzelne in schwerster Zeit getröstet, gefestigt der Zukunft entgegen. Vier Gemeinden sind mir z. Z. anvertraut. In jedem Hause wird der Lehrer — der Berater, die Stütze und der Halt seiner Gemeinde gerne gesehen. Ich habe in den Zeiten der Blüte bei überfüllten Lehrsälen nicht so viel gewirkt als heute in der Zeit totalen Niedergangs. — , XV. Nr. 5 Aus den Gemeinden Württembergs Stuttgart Am 17. Mai fand eine Sitzung des Isr. Vorsteherkollegiums statt Nach Begrüßung des Oberrechnungsrats Meyer, der zum ersten Male nach seiner Rückkehr an einer Plenarsitzung teilnahm, erstattete Hirsch den Bericht der Finanzabteilung. Den Sportvereinen „Schild" und „Hakoah" wird ein monatlicher Beitrag von je RM 75.— auf die Dauer eines halben Jahres bewilligt; nach Ablauf dieser Zeit soll Rechnung gelegt und weiterer Zuschuß neu beantragt werden. Die Verteilung der Zinsen aus den Jahrtag- und Grabunterhaltungsstiftungen wird genehmigt Dem Jüdischen Lehrhaus wird auch iür das Jahr 1938/39 ein Zuschuß in Höhe von RM 1500.— gewährt; einige weitere Zuschüsse werden bewilligt so u. a. dem „Erholungsheim für jüdische Frauen" in Baden- Baden RM 25.— und für die Stiftung von Bäumen innerhalb des Leo-Baeck-Haines RM 100.—. Die Wohnung des früheren Hausverwalters Haisch wird instand gesetzt; drei Räume dienen der Bibliothek und dem Lesezimmer, ein Raum wird an den Jüdischen Centraiverein vermietet, auch die Küche soll zur Benützung als Büro hergerichtet werden. Für Ankauf von Bildern aus der letzten Gemälde-Ausstellung der Kunstgemeinschaft werden RM 100__bereitgestellt Nach erfolgtem Umzug der Isr. Religionsgesellschaft in das Haus Gartenstraße 30 wird im Erdgeschoß des Gemeindehauses neben* dem Betsaal ein Amtszimmer für den Rabbiner erstellt, ein weiteres Zimmer wird zur Verfügung des Isr. Fürsorgeamtes gehalten, während der von diesem bisher innegehabte Da gilt es, Kranke zu besachen, zu stützen, ihnen helfen zu können. Kinder wachsen heran, sollen ihrem Berufe zugeführt werden, Berufsberatung. Andere sollen im Ausland bei ihren Verwandten oder auch bei Freunden durch die Aktionen unseres Hilfsvereins Unterkunft finden. Dort stirbt der Vater oder die Mutter. Waisenkinder sind vorhanden, welche durch den Waisenverein betreut werden sollen. Eine Familie will, oder besser muß auswandern. Da muß der Lehrer den Mittler zwischen der Familie und dem Hilfsverein machen. Eine andere Familie, die früher bessere Tage gesehen, ist in finanzielle Not geraten. Sie ist, im Volksausdrucke gesprochen, zu ..bekowet", um die Hand nach einem Almosen auszustrecken. Pflicht des Lehrers ist es hier, den Eingang in das Herz des verschämten Armen zu finden, um zu helfen. Unser verehrter Oberrat hat uns zur Pflicht gemacht, auch jene Gemeinden mindestens einmal monatlich zu besuchen, wo kein Kind mehr zum Unterricht vorhanden ist Man braucht also wahrlich heute nicht zu warten, bis der Arme, der Bedrängte selbst zu dir spricht, dich um Hilfe bittet. Suche sie alle auf, die bitteren Gemütes sind, jene die einst schöne Tage gesehen, die selbst Wohltäter der Gemeinschaft waren und nun unter Tränen das Auge zu dir heben! — Und unsere Hilfsaktionen Wohlfahrtsbund. Winterhilfe, Hilfe und Aufbau, sind dazu da, um Not zu lindern und Tränen zu trocknen. Hilf du mit! Himmlischer Lohn sei dir sicher. Lehrer Max Schloß, Flehingen.