Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 17 (1.12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 152 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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152 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1. 12. 37 XIV. Nr. 17 nisatorische Zusätze bei den Statuten der Schulabteilung, des Schwarzwaldheims sowie der Sportplatzabteilung wurden ebenso genehmigt wie weitere verwaltungsmäßige Malinahmen. — Die geplante Zusammenlegung der Bibliothek der Gemeinde mit der des Oberrats gab Anlaß zu einer Aussprache, als deren Ergebnis festgehalten wurde, daß über die Möglichkeiten einer solchen Zusammenlegung, die hierbei entstehenden kosten sowie die Schaltung eines Lesesaales Erhebungen gemacht werden sollen, auf (irund deren sich das Plenum später mit der Frage beschäftigen wird. — Carl L e v i berichtete dann über Laufendes, wobei er inshesondere die Maßnahmen erläuterte, die die demnächst stattfindende Ltiitschutzübung mit sich bringt. Der Gottesdienst am 1. und 2. Dezember wird auf 3.30 l hr nachmittags vorverlegt, während der Freitagabend-Gottesdienst am 3. Dezember ganz ausfällt. — Eine von Oberrechnungsrat M eyer eingeleitete Aussprache über die Konfirmation der Mädchen, die den Beschluß erbrachte, diese Einrichtung versuchsweise wieder einzuführen, beendete die öffentliche Sitzung. — Stuttgart. \\n.:v\ir nach Redaktionsschluß erfahren, Nt am 25. November Dr. Emil S a n d e r nacli schwerem Ltrden im beinahe vollendeten 60. Lebensjahre verstorben. Diese Nachricht hat in unserer Gemeinde tiefste Erschütterung ausgelöst. W er Dr. Emil Sander kannte, weiß, daß mit ihm ein Mann dahingegangen ist. der neben seiner verantwortungsvollen ärztlichen Berufsarbeit mit gleicher Treue und Gewissenhaftigkeit sich im Dienste unserer Gemeinschaft betätigt hat. Das Israel. Gemeindevorsteheramt. dem er als Mitglied angehörte, erleidet, ebenso wie das Jüdische Lehrhaus, einen schweren Verlust. Wir entbieten der Familie des Entschlafenen, dessen Persönlichkeit an dieser Stelle noch gewürdigt werden soll, unsere aufrichtige Teilnahme. Stuttgart. Am 2. November hielt .das Jüvdische Lehrhaus innerhalb seines Vortrags- -kreises T.Epochen der jüdischen Geschichte 'unter dem Blickpunkt Zerfall und Sammlung" eine Sonderveranstaltung ab. in der Rabbiner Dr. M. Esc he Ibach er, Düsseldorf, über ..Jüdisches Geistesleben nach der Tempelzerstörimg (Epoche der Tanaiten)*' sprach. In plastischen und ungemein eindrucksvollen Bildern. ließ er jene Zeit und ihre Vorgeschichte vor unserem Auge erstehen, in der die Kräfte des Zerfalls erbittert mit den Kräften der Sammlung rangen. Die Zerstörung des Tempels und das Aufhören des Dienstes im Heiligtum erschütterten das Judentum in seinen Fundamenten. Der Zerfall schien unaufhaltsam zu sein: der Sieg der Römer hatte die nationale Grundlage des Staates vernichtet, im Innern waren destruktive Kräfte am Werk, die die Lehre in ihrem religiös-sittlichen Bestand bedrohten, die auf Grund der einmal geschaffenen Lage zu neuen Göttern überleiteten oder die im Aufgehen in dem die damalige, Welt beherrschenden Hellenismus das Heil sahen. Da waren es die Tanaiten. die das Prinzip der Sammlung verkörperten: zuerst Jochanan ben Sakkai. der Schüler Hillels. der das Lehrhaus zu Jabne gründete und den Gottesdienst in der Synagoge mit der regelmäßigen Thoravorlesung einführte, später Rabbi Akiba. der geistige Führer des Bar- Kochba-Aufstandes, und schließlich Rabbi Jeliuda ha-nassi, der um 200 n. Chr. die Mischna abschloß und redigierte und damit ein Werk schuf, das seinen Einfluß bis in unsere Tage behalten hat. Wie dieser Einfluß sich nicht nur in geistig-religiöser Beziehung, sondern auch in sprachlichem Belang mit Hinblick auf die Wiederbelebung des Hebräischen geltend macht, wurde in fesselnden Ausführungen dargetan. - Daß das Judentum in jenen Tagen des Umbruchs sich gegenüber den Kräften des Zerfalls behauptete, ist das Verdienst der Tanaiten. die in unerhörter geistiger Arbeit den göttlichen Funken gegenüber allen widerstreitenden Tendenzen am Leuchten erhielten. — Die tiefgründigen Ausführungen des Redners wurden von der gefesselt lauschenden Zuhörerschaft lebhaft gefeiert. Rabbiner Dr. I«' i e g e r . der auch die Veranstaltung eröffnet hatte, gab dein Dank der Versammlung beredten Ausdruck. — Stuttgart In der Synrigoge Hospitalstralie werden jeden Sonnabend wieder regelmäßig Jugendgottesdieiiste stattfinden. Der erste lugendgottesdienst ist am 4. Dezember, nachmittags 3 Uhr. Es darf erw artet w erden, dail durch rege Beteiligung aller Kinder und Jugendlichen diese Einrichtung zu einer dauernden wird. Stuttgart. Zu einer Feierstunde seltener •*rt wurde die zweite Sonderveranstaltung des Jüdischen Lehrhauses, in der Dr. Jacob Picard aus eigenen Werken las. - Schon die einleitende Abhandlung über ..hie Möglichkeit jüdischer Dichtung in der Diaspora" führte in die tiefe Gedankenwelt des Dichters ein und legte Beweis ab von dem Ernst und dem Verantwortungsgefühl, mit dem er seine hohe Aufgabe meistert. So sehr jüdische Inhalte einen Mittelpunkt der jüdischen Dichtung in der Diaspora ausmachen, so wenig laßt sich der Einfluß der Umwelt, vor allem der Landschaft, unterdrücken und bildet gleichsam einen zweiten Mittelpunkt, um den — gemeinsam mit dem ersten - die dichterische Gestaltung kreist. — Dann las Dr. Picard den Anfangs- und ScbhtBabschnitt seiner berühmten Novelle ..her Gezeichnete'". Wenn uns dieses Werk auch schon zum geistigen Besitz geworden ist, so bedeutete die Vorlesung doch ein ungeahntes Erlebnis. Gerade nach den Einleittingsworten wurde uns klar, wie sehr dein hichter hier die Synthese zwischen Lebensinhalt und Landschaft geglückt ist: zutiefst wurde uns bewußt, daß das Wort von der stillen Einfalt und edlen Größe wieder einmal Gestalt gefunden hat. — Nach einer kurzen Pause erhob und erfreute uns eine Skizze . Max Liebermann und der junge jüdische Maler", in der die Person des Meisters in ihrer ganzen Natürlichkeit. Urwüchsigkeit und Klarheit zu uns sprach und richtunggebende Worte fand, die uns heute notwendiger sind denn je. - Den Abschluß bildete die heitere "rzählung ..Der Parnes erhält eine Lehre", die in ihrer stillen Besinnlichkeit — noch gesteigert durch den einfachen, unpathetischen Vortrag — einen wundervollen Ausklang des Abends bildete. — Die große Zuhörerschaft, die mit tiefer Ergriffenheit den Worten des Dichters gefolgt war, dankte ihm herzlich für die weihevolle Stunde; Rabbiner Dr. Rieger, der schon am Beginn des Abends treffliche Worte zur Begrüßung des Gastes gefunden hatte, gab diesem Dank beredten Ausdruck. — Stuttgart. Am 4. Dezember veranstalten der Sportklub ..Hakoah" und die Zionistische Ortsgruppe eine große Chanukkah-Feier, die ein Ereignis zu werden verspricht. Viele Mitglieder der genannten Organisationen haben sich eifrig bemüht, ein abwechslungsreiches, hervorragendes Programm vorzubereiten, so daß alle Besucher einen Festabend erleben werden, der aus dem Alltag herausführt. Selbst die Kleinsten der ..Hakoah" wirken bei der Chanukkah-Feier mit. Auch die Mitglieder der Gemeinden des Landes sind zu der Feier herzlich eingeladen. In Gemeinschaft mit der „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" veranstaltet das Jüdische Lehrhaus am 11. Dezember einen Vortrag mit anschließender Aussprache über „Judentum - Gedanke und Wirklichkeit". Als Redner ist Dr. Eduard Strauß (Frankfurt a. M.) gewonnen worden, der in weiten Kreisen unserer Gemeinde als besonderer Sachkenner bekannt und geschätzt ist. Wir machen auf den Abend besonders aufmerksam, und teilen noch mit. daß an ihm im Hinblick auf die besonderen Erfahrungen des Redners in der Lehrhausarbeit in de'" Ausspracht allgemeine Lehrhausfragen behandelt werden sollen. Stuttgart. Stuttgarter Jüdische Kunstgemeinschaft. Schon jetzt wird darauf hingewiesen, daß die Kunstgemeinschaft am Samstag, den 18. Dezember, „Die Tageszeiten" von G. Ph. Telemann für Soli. Chor und Orchester zur Aufführung bringt. Der bedeutende Komponist seiner Zeit hat damit ein Werk geschaffen, das ob seiner edlen und eingänglichen Melodik Begeisterung auslösen wird. Irma Stern, früher an der Münchner Staatsoper, und Benno Ziegler. der von seinem Wirken am Stuttgarter Hoftheater noch in bester Erinnerung ist^werden die Solisten sein. Chor und Orchester der Kunstgemeinschaft haben anspruchsvolle Aufgaben. Leiter der Veranstaltung: Karl Adler. Mit der Aufführung dieses Werks werden Sing- und Instrumentalkreis der Kunstgemeinschaft wieder für ihre fleißige künstlerische Arbeit zeugen und uns ein Werk bieten, das in besonderer Weise geeignet ist. Stunden reinsten Genusses zu bereiten. Buchau. Gemeindevorsteher Moritz Vierfelder hielt im Landschulheim Herrlingen einen gut aufgenommenen Lichtbildvortrag über „Das jüdische Buchau". Eine Bereicherung von seltener Schönheit und hohem Werte hat unser Museum erhalten. Mit Einverständnis des Isr. Oberrates hat Moritz Vierfelder die alten Glaslüster der ehemaligen Gemeinde Dettensee nach hier geholt. Unter seiner sachverständigen Leitung konnte man aus unbrauchbar scheinendem Gerät sechs Glaslüster venetianischer Arbeit wieder rekonstruieren. Vierfelder hat lierdurch einen fast verlorenen Kulturwert der Judenheit sicher gestellt. Eine Anerkennung der von ihm geleisteten Arbeit ist der Besuch unseres Museums. — Am 11. November wurde Frau Sara Josef Einstein zur letzten Ruhe geleitet. Lehrer Zodick würdigte in einem Nachrufe am Grabe das Leben der Verstorbenen. Möge sie in Frieden ruhen. —