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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-11-01 · 15 (1.11.1937) · p. Seite 134

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
15 (1.11.1937)
Date
1937-11-01
Page
Seite 134 (sequence 8)
Language
German
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134 Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1. 11. 37 XIV. Nr. 15 Frauenbunds und der angeschlossenen Provinzialverbände mit besonderer Berücksichtigung des Landesverbandes Württemberg. Mit dankbarer Anerkennung wies sie auf die Wohlfalutsgründungen des Jüdischen Frauenbundes, auf Isenburg, Wohlfratshausen, Wyk auf Föhr usw. hin. Die Rednerin leitete dann zu den örtlichen Aufgaben des Vereins über. Um den mannigfachen Aufgaben gerecht zu werden, sind Kommissionen gegründet worden, die je von einer Frau, die dem Vorstande des Vereins angehört, geleitet werden. Die Kommissionen für Wohlfahrt und Krankenbesuche, für Chewraarbeit, für Lebensmittelverteilung, für Nähstube, für Kinderhort, für Jungwanderer, für die Reisekasse, für die Sammlung der blauen Karte, für kulturelle und gesellige Bestrebungen bearbeiten die Einzeigebiese der Vereinstätigkeit, die unter der zielsicheren Führung der Vorsitzenden zu einer Einheit, dem Israel. Frauenverein- Frauenbund, zusammengeschlossen werden. In beinahe allen Kommissionen ist die Mitarbeit weiterer Frauen erwünscht, und es ist zu hoffen, daß sich auch die neuzugezogenen Frauen zum Dienst und zur Mithilfe in die Arbeit des Vereins einreihen. — In der sich anschließenden Aussprache kam der berechtigte Dank an die Vorsitzende für deren opferfreudige Hingabe an die Vereinsziele zum Ausdruck und wurden Anregungen für den Ausbau der Arbeitsgebiete gegeben. Der Nachmittag hatte aber nicht nur einen belehrenden Zweck, sondern sollte auch Geselligkeit und künstlerisches Genießen vermitteln. Das Trio Haas brachte von Karl Heinrich Graun den Marsch für zwei Violinen und Cello, von Josef Haydn zwei Hofballmenuette und von Beethoven einen Marsch für Violine, Viola und Cello zu vollendet Ein Gang durch das jüdische Prag Von Hugo Schack, Stuttgart F.s gibt vielleicht keine Epoche im jüdischen Leben, welche so zur Selbstbesinnüchkeit veranlaßt, wie die unserige. So schweifen meine Gedanken zurück in meine Kindheit --es ist schon lange her — da ich noch in meiner Heimat, dem althistorischen Prag, weilte. Bei jedem Schritt betritt man liier weltgeschichtlichen Kulturboden, der auch für die Geschichte des Judentums von Bedeutung ist. Ich bitte meine Leser, mir auf meiner Wanderung durch das alte Prag, wie es vor 50 Jahren war, zu folgen. Man ging vom Ufer der Moldau, dem Johannesplatz entlang, an einem primitiven Steinbild des Johannes von Nepomuk vorbei, zu dem alljährlich im Mai tausende Wallfahrer aus ganz Böhmen zu einem Feste zusammenströmten. Von dort zogen sie allabendlich zur Karlsbrücke zu einer zweiten Statue, um ihre Gebete'zu verrichten. Vom Johannesplatz bog man in die Rabbinergasse ein, einer engen düsteren Straße. Wir wenden uns nun nordwärts und stehen vor einem langgestreckten, mittelalterlichen Bau mit einem hohen Giebeldach, der Altneu- Synagoge. Eine Treppe führt von der Straße hinunter zu den Beträumen. Ueberrascht blickt man s'cH in dem Gotteshaus um. Ein spärliches Licht dringt von den hochgelegenen Fenstern in den mittelalterlich anmutenden Raum, in dem sich seit der Gründung um 1100 unserer Zeitrechnung viele tausende künstlerischem Vortrag. In edlem Zusammenklang wurden die Musikstücke von Mari Elisa Thalmessinger, Karl Haas und Gerhard Löwe geboten und mit dankbarer Begeisterung aufgenommen. Ruth Robert sang Lieder von Schubert, Brahms und Franz, zurückhaltend und feinsinnig begleitet von Kate Cohn. Die Sängerin gewann sich mit ihrer warmen Stimme schnell die Herzen der Zuhörerinnen und entzückte durch ihre frische natürliche Art. Der Nachmittag darf als ein schöner Auftakt zur jetzt einsetzenden Winterarbeit gewertet werden. Stuttgart. Die Zionistische Ortsgruppe begann ihre Winterarbeit mit einem Referat von Dr. Pomeranz, Frankfurt a. M., über „Die neueste Etappe der Palästina-Politik". Der Redner ordnete die letzten politischen Ereignisse Palästinas seit dem Erscheinen des Berichtes der Königlichen Kommission in den großen Rahmen dessen ein, was seit 40 Jahren den Kampf des politischen Zionismus ausmacht. Wieder einmal stehe der Zionismus, wie im Jahre 1920, vor einer politischen Chance. Wieder einmal sei ihm. wie sich Lloyd George auf der Friedenskonferenz ausdrückte, ein ..start" gegeben. Von 1920 bis 1932 sei diese Chance nicht genutzt worden. Die führenden Männer des Zionismus hätten ihren Blick nicht nur nach außen richten müssen, w ie die Staatsmänner anderer Völker auch. Für sie sei noch die schwere Aufgabe hinzugekommen, immer erneut um das jüdische Volk zu ringen. Wenn auch die nationale Regeneration eines Volkes in der Welt des 20. Jahrhunderts nicht vereinzelt dastehe, so sei einmalig doch die Erscheinung, daß die nationalen Führer unseres Volkes keine große frommer Juden erbauten. Der Gottesdienst bewegte sich stets in streng orthodoxen Formen. Nie wurde am Samstag abend das Gebet angefangen, bevor nicht ein Abgesandter von der Straße zurückkam mit der Bestätigung, daß ein Stern bereits am Himmel war. — Der Sage nach soll der Golem, das Tongebilde, der Diener des Rabbi Lob, auf dem Giebeldach begraben sein. Da von dem steilen Dach bei Reparaturen wiederholt Arbeiter abgestürzt waren, hatte sich die Fama verbreitet, daß dies das Werk des Golem sei. Diese Vermutung hatte unter den Juden des 18. Jahrhunderts eine solche Unruhe hervorgerufen, daß eines Tages der Rabbiner mit Begleitung das Dach bestieg, um danach zu sehen. Er fand nichts, beschwichtigte die Massen, ohne aber den Wunderglauben zerstören zu können. Einige Schritte hinter der Synagoge befindet sich das alte jüdische Rathaus mit seinem Turm. Die Turmuhr hat hebräische Lettern, welche von rechts nach links gehen. Der Rathausbau wurde den Juden als besonderes Privilegium gestattet, zum Dank für ihre Tapferkeit bei der Verteidigung Prags gegen die Schweden im Dreißigjährigen Kriege, Im Rathaus waren die Matrikelführung und die Vereine installiert. Das Sekretariat hatte durch ca. 40 Jahre um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Koppelman Lieben inne, ein frommer Mann, der nicht nur wegen seines fabelhaften Gedächtnisses, sondern auch wegen seiner schönen Handschrift und seines unnachahmlichen Namenszuges bekannt war. Sein Name prangte auf den Schriftstücken, geschlossene Volksmasse hinter sich hatten, die bereit waren, bis zum letzten die nationale Idee zu vertreten. Es sei letzten Endes müßig, den Bericht der Peel-Kommission darnach zu beurteilen, ob seine Analysen falsch oder richtig seien. Der Teilungsvorschlag einmal ausgesprochen, gebilligt von der Mandatsregierung, sei eine politische Tatsache, die nicht mehr ungeschehen gemacht werden könne. Von hier aus habe man sich zu orientieren. Hier liegen Möglichkeiten, deren Ablehnung schwerwiegende Folgen nach sich ziehen könne, weil die geschichtliche Entwicklung, wenn wir versagen, über das National-Heim hinweggehen könnte. Die Ausführungen des Redners, die der Vorsitzende der Z.O.G., Dr. Tänzer, in einem Schlußwort billigte und unterstrich, fanden bei der gut besuchten Veranstaltung ungeteilte Aufmerksamkeit und Beifall. Die Z.O.G. wird derartige Ortsgruppenabende nunmehr alle 14 Tage (immer Montagabend) veranstalten. An den dazwischenliegenden Montagen führen das Jüdische Lehrhaus und die Z.O.G. gemeinsam einen Kurs über den Bericht der Königlichen Kommission für Palästina (Peel-Bericht) durch, der von Lehrer Felix David geleitet wird. Der erste gut besuchte Abend wurde am 11. Oktober durch Dr. Sander als Vertreter des Lehrhauses und Dr. Tänzer für die Z.O.G. eingeleitet. Beide Redner wiesen auf die Notwendigkeit einer genauen Kenntnis des Berichtes als eines objektiven Dokumentes über den Palästina-Aufbau hin. Stuttgart. Die in letzter Nummer veröffentlichte Mitteilung über den 80. Geburtstag von Frau Lydia Heilborn beruht auf einer irrtümlichen Infoimation. Die gemachten Angaben entsprechen also nicht den Tatsachen. umrahmt von einer großen Anzahl von Ellipsen, gleichsam, um sich' von der profaner. Welt abzuschließen. Von hier führte der Weg am jüdischen Spital vorbei durch die Hahnpaßgasse zum alten jüdischen Friedhof, der eine europäische Sehenswürdigkeit ist. Zwischen verwitterten Grabsteinen mit kaum leserlichen Inschriften, wild wuchernde Gesträuche. Blumen. Die Steine sind bezeichnet je nach der Stammes¬ oder Namenszugehörigkeit des Verstorbenen; man sieht die segnende Hände bei den Kohanim, Fische beim häufigen Namen Fischl u. a. Im Jahre 1903 wurde die alte Josefstadt assaniert und auch die Judengemeinde mußte ihre Opfer bringen. Ein Teil des alten Friedhofs fiel. Die Gräber wurden geöffnet und die Gebeine in einer großen Mauer, unter rituellen Feierlichkeiten, eingebettet. Prag, mit seinen ungefähr dreißigtausend Juden, hat noch eine Anzahl großer Synagogen, unter ihnen den großen Tempel in der Geistgasse, in welchem bedeutende Männer als Rabbiner gewirkt, wie Prof. Kämmpff, ein stimmgewaltiger Redner, der wegen seiner geistvollen Reden der älteren Prager Generation sicher noch in lebhafter Erinnerung steht.- Er wirkte auch als Lektor für orientalische Sprachen an der Deutschen Universität. Ferner die Meisel-Synagoge, deren Erbauer der reiche Jude Meisel war, der, später verarmt, keinen Sitz in der Synagoge bezahlen konnte. Im Volke hat sich das Wort von der Undankbarkeit der Menschen in dem Spruch erhalten: „Meisel hat die Meiselschul erbaut und hat nicht hineindürfen."

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