Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 11 (1.9.1937)
- Date
- 1937-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg Verlag und Redaktion: OSTERBERO & STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAOS ANSTALT Fenspr. 33828 S TLTTO ART-N Ka»emenatr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljährlich, zuzüglich Pottand Zustellgebühr Postscheckkonto Stuttgart 38258 Erscheint monatlich zweimal, am I. und 16. Bei Nichterscheinen Inf. höherer Oewalt besteht kein Anspruch i. Nachlieferung d. Blattes oder Rückgabe des Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaulkllrung und Propaganda betr. Ueberwachung der geistig and kulturell Utlgen Jaden Im deutschen Reichsgebiet XIV. Jahrgang Stuttgart, den 1. September 1937 Nr. 11 Bestimmung (Berausch haschonoh jikossewun) Vorsprach zum Neujahrsfeste 5698 Herr, Du bestimmst der Menschen Geschick, Leben und Tod, das Leid und das Glück, Wer im neuen Jahr wird entstehn Und wer in ihm vergehn und verwehn, Wer im Frühling jung soll verblühn, Wer in Sommertagen verglühn, Wer im Herbst soll verdorrn und verderben, Wer im Winterfroste soll sterben. Wer sein Ziel froh soll erreichen, Wer am Wege glücklos verbleichen, Wer das leuchtende Glück soll erfassen Und wer leidvoll im Dunkel verblassen. Menschendasein—ein flüchtiger Traum— Du bist erhaben ob Zeit und Raum! In der heiligsten Stunde der hochheiligen Neujahrstage, wenn die betende Gemeinde sich rüstet, das „Heilig, dreimal heilig ist der Herr" anzustimmen, wird dieses Gebet gesprochen, das nach Inhalt und Ursprung wie ein heiliges Geheimnis anmutet. Der Dichter des Gebetes hebt den Schleier vom Rätsel des Schicksals und läßt uns den Werkmeister und Wegbereiter der Welten beim Walten und Gestalten des Schicksals schauen, den Weltenmeister am sausenden Webstuhl der Zeit. Und da erfüllt vom Geschauten, betet er fromm: Herr, Du bestimmst der Menschen Geschick, Leben und Tod, das Leid und das Glück. Kein Fest ist in Israel so sehr ein Fest frommer Gläubigkeit wie die Neujahrsfeier, die Festzeit der Schicksalsbestimmung (Jomha-din). An den drei geschichtlichen Festen sind die geschichtlichen Erinnerungen Inhalt und Maßstab der Festesfreude. Ihre Leitgedanken sind die Festideen. Das Neujahrsfest ist die Feier des Geburtstages der Welt. Ge- I bet und Brauchtum gemahnen an ihn, an den , Schicksal gestaltenden Gott. Der eine Gedanke klingt an ihm in immer neuen Reimen und Rhythmen wieder: Alles in Gottes Hand — Er will, Er waltet, Er gestaltet Kein blindes Schicksal waltet, nicht Willkür und Zufall entscheiden, der Weltenbaumeister ist der gerechte Weltenrichter. Das wunderweise Gesetz, in dem er die Welten geschaffen, ist uas Gesetz seines Waltens geblieben. Von Ewigkeit her waltet sein heiliger Wille. Je tiefer du hineinschaust in das Getriebe des Geschehens, je ernster du dich in die Wunder des Werdens versenkst, um so klarer offenbart sich dir die Verkettung von Ursache und Wirkung, die Naturgesetzlichkeit allen Geschehens. Ein weiser Wille spricht aus allem Geschaffenen, das ist die fromme Botschaft des Neujahrsfestes. Und dies« weise Wille macht nicht Halt vor dem Menschen: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, das Schicksal ist der Wille Gottes in deinem Leben. Geheimnisvoll, ewig unerkannt und unverstanden von Menschenaugen waltet ein Gesetz unser Schicksal. Wohl wird Menschenverstand nie die heimlichen Wege der Waltung begreifen. Wir murren und möchten dem Schicksal andere, scheinbar bessere Wege weisen. Nur einmal im Jahre fügen wir uns zitternd und weinend in unser Los. Am Neujahr blicken wir wie die Kinder empor zum Vater: Herr, nicht mein Wille, Dein Wille geschehe! Herr, wie Du willst! Menschendasein — ein flüchtiger Traum, Du, Herr, erhaben ob Zeit und Raum! Aber der Glaube an die Bestimmung soll nicht zum Fatalismus ausarten. Darum folgt auf die Neujahrstage der Tag der Versöhnung. „Alles ruht in Gottes Hand, sagt Rabbi Chanina (Berachoth 33b), nur nicht der sittliche Wille." Schicksalhaft bist du naturgesetzverkettet. Auch dein Leben ist ein Glied in der ewigen Kette von Ursache und Wirkung. Nur über Gut und Böse, über gerecht und schlecht darfst du in deinem Leben entscheiden. Du kannst dich erlösen von Sünde und Schuld, wenn du dem Gotte in dir, von dem ein Odem in dir weht, folgst. Das Gute ist dir eingeboren. Willst du, steigst du empor zu den Engeln; versagst du, sinkst du hinab in den Staub. Du kannst ein Bote Gottes sein oder eine Kraft des Bösen. Willst du, so werden Engel dich führen; versagst du, bist du ein Kind der Tiefe. Israels Schicksal war von jeher für Israel selbst tiefstes Geheimnis. Die Leiden des Gottesvolkes waren unverständlich vom Standpunkt der Weltengerechtigkeit. Warum duldete Gott diese Leiden? Der fromme Glaube antwortete: Gott bestimmt für das gehetzte Israel die Atempausen der Weltgeschichte; auch die Zerstreuung, auch die Heimatlosigkeit und das leidvolle Schicksal sind gottgewollte Gnade. So mannigfaltig das Dichten und Trachten der Völker ist, so vielgestaltig soll auch das Geschick Israels in ihrer Mitte sein. Steinigt und peinigt das eine Volk Israel, so soll das andere es stützen und schützen. Hebt das eine Volk die Hand feindselig gegen Israel, so soll das andere die Hand ihm brüderlich reichen. Man lebte und starb in Israel in dem Glauben: Wohl ist unser Geschick leidvoll und menschlich unbegreiflich, und doch wissen wir „Menschendasein — ein flüchtiger Traum — Du bist erhaben ob Zeit und Raum." Wieder einmal steht Israel vor einer entscheidenden Schicksalswende, vor einer neuen Atempause auf seinem Schicksalsweg. Daß englische Volk ist bereit, einen Teil Israels auf dem Boden des heiligen Landes die Eigenstaatlichkeit wiederzugeben. Israel hofft und glaubt, daß die Entscheidung der Königlichen Kommission und der englischen Regierung dahin abgeändert wird, daß Jerusalem das Herzstück des neuen Staates wird. Kein denkender und geschichtlich empfindender Jude wird es ja für tragbar halten, daß bei der Gründung eines Judenstaates Jerusalem mit seinen unermeßlichen heiligen Erinnerungen Israel vorenthalten bleibt. Wie immer aber die Mandatskommission und nach ihr die yblkerbundratstagung, über den Vorschlag der englischen Regierung entscheiden wird — die Tatsache, daß dem heimatlosen Israel ein, wenn auch bescheidenes Eigendasein von den Staaten der Erde zugebilligt wird, ist trotz atler Einengungen des Planes hochbedeutsam. Sie ist zukunftweisend als Anerkenntnis der geschichtlichen Sendung und Sehnsucht Israels. Wenn jeinals so dürfen die Juden diesmal dankend und betend in Andacht am Neujahrsfeste bekennen: Gelobt sei, der die Zeiten wandelt! Herr, Du bestimmst der Menschen Geschick. Das Geschick des Einzelnen in Israel ist heute leidvoller als jemals. Die Grundlagen des jüdischen Lebens sind erschüttert, seine Bindungen sind gelockert und zum Teil gelöst. Unerschüttert ist nur unser Gottvertrauen geblieben, die altehrwürdige Grundlage unseres Daseins. Wir klammern uns an diese alten Bindungen; wir scharen uns um unsere Heiligtümer; wir schauen voll Zuversicht in die Zukunft und beten in ungebrochener innerer Festigkeit wie die Väter und Mütter am Neujahrsfeste in ernster Inbrunst und in tiefer Gläubigkeit: Und doch sind wir Dein eigen, wir hören nicht auf, zu hoffen und zu glauben. Herr, Du bestimmst der Menschen Geschick, Leben und Tod, das Leid und das Glück. Gedenke unser zum Leben und zum Frieden! Stadtrabbiner i. R. Dr. Rieger. Unseren werten Lesern und Geschäftsfreunden entbieten wir zum Jahreswechsel unsere herzlichsten Wünsche, die wir mit der Bitte verbinden, dem „Gemeindeblatt' auch 'im kommenden Jahre die Treue zu wahren. Verlag und Redaktion des „Gemeindeblattes" /