Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 5 (1.6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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XIV. Nr. 5 Jüdisches Getneindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 1.6.37 35 werden da geschlossen. Menschen begegnen da einander, die sich von guten Tagen, von besseren Zeiten her kennen, sei es persönlich, sei es durch andere, sei es auch nur dem Namen nach und die nun zum Schluß der Lebensreise, von allen möglichen Richtungen kommend, auf derselben Station landen. Frauen, die sich noch im Olanz und Ruhm der Jugend kannten, deren Weg nach verschiedenen Seiten auseinanderführte und die nun als alte Mütterchen, fertig mit dem Leben, müde vom Wandern, am seihen Ziel angekommen sind. Und alle haben dieselben Sorgen, dieselbe drückende Belastung: die Kinder und die Kindeskinder. Was wird aus ihnen werden? Wie mag ihr Schicksal sich gestalten? In der Fremde — auscinandergerissen — ihrer täglichen Obhut und mütterlichen Umsorgung entrückt — und bisher kaum ein Tag, wo man sich nicht gesehen, wo man sich nicht gesprochen hatte, und wars nur ein Telephonruf. Nun liegen Lander und Meere dazwischen und selbst die schnelle Vermittlung der Nachrichten durch Flugpost macht die, ach vielleicht rosig-gefärbten berichte von der Kinder Wohlergehen etwa schon überholt. Wenn dann Briefe und Karten kommen, das ist ein Festtag für die alte Dame und für alle im Hause. Man tühlt sich verbunden, schicksalhaft zusammengehörig, — geteilte Leiden, geteilte, ach so schmerzliche Freuden. — Oder wenn Besuche von der Welt draußen in die stille Beschaulichkeit dieser alten Damen Kunde bringen, dann tauschen sie ihre Neuigkeiten miteinander aus, wie ihre Zeitungen, ihre Bücher. Und Menschen finden sieh da wieder, wenn es der Zufall. will, die jahrelang füreinander verschollen waren,' die kaum noch vom Leben gewußt haben. So will es der Zufall, daß in solch einem Altdauienheim zwei Mütter sich begegnen, die einst zusammen auf der Schulbank saßen: „Ein Kind aus meiner Klasse", wie sie selbst mit ihren fünfundsiebzig Jahren sich heute noch bezeichnen. Jahrelang hat ihr Lebensweg sie auseinandergeführt — wohl hin und wieder sind sie sich in Gesellschaft oder auf Reisen begegnet, aber ihre Lebenswerte und Lebensinhalte waren verschieden. Nun finden sie sich hier wieder vom gleichen Schicksal getroffen. Beide Mütter von einzigen Söhnen, beide heut nach einst glänzenden Lebensbedingungen verarmt und abhängig von der Ciunst des Sohnes oder der Verwandten. Beide ergeben in ihr Schicksal, abgeklärt in der Erkenntnis, daß für sie, die Alten, nur noch das Glück im Wohlergehen der Kinder besteht, auch wenn sie noch so fern um ihr Brot ringen. Beide zitternd, daß sie dahingehen könnten, ohne die Lieben wiederzusehen, daß sie in der Heimat sterben müssen, allein, wie in fremdem Laude. Beide noch lebendig und aufnahmefähig, ach leider zu aufnahmefähig für die Wirrnisse unserer Zeit. Aber doch schon friedvoll verklärt und wie Zuschauer an einem üetriebe, das sie nur noch von fern angeht. So sitzen die beiden alten Damen bald in der Stube der einen, bald in der der anderen. Wie l'erleu an einer Schnur gleiten die Erinnerungen in gegenseitigem Austausch der Ereignisse an ihnen vorüber: „Weißt du noch damals?" — — — „Erinnerst du dich noch an den — oder die?" belesen und mit klarem, hellem Ucdächtnis zitiert die eine alte Dame einen Vers, den sie sich zum Geleit genommen hat: „Mußt du üram im Herzen tragen Und des Alters schwere Last, Lade dir aus jungen Tagen Die Erinnerung zu Gast." „Das hat mir", sagte sie, „einmal ein großer Professor in Heidelberg aufgeschrieben, damals als ich meinen geliebten Mann verloren habe." Und sie holt unter alten Briefen diese Schrift hervor. So sitzen sie zusammen und sprechen von den Kindern. Der Sohn der einen ist als Arzt nach Indien gegangen — der Sohn der anderen alten Dame nach Palästina. Dieser ganz im ülauben an die Väter, ganz erfüllt von der zionistischen Idee, jener als getaufter Jude mit einer Andersgläubigen verheiratet und in einem liberalen Ideenkreis allgemeiner Menschlichkeit großgeworden, ohne die angestammte Zugehörigkeit zum Glauben der Väter noch zu fühlen. Und doch ist heut das Schicksal dieser Männer dasselbe „So fein heut', was ist denn?" — „Es ist doch heut' Sabbath, ich komme gerade aus der Synagoge." Diese Frömmigkeit, dieses Festhalten an der Tradition, das der alten Dame im Hause ihres freireligiösen Sohnes ganz abhanden gekommen war, rührt sie und beschämt sie. Sie sitzen zusammen, die alten Damen und sie empfangen im Austausch ihrer Gedanken Erbauung und Trost voneinander. „Und das Schönste hier im Heim", sagte mir heut', als ich in der Dämmerstunde die eine der alten Damen besuchte, „ist, daß ich hier durch die Freundschaft mit meiner jugendbekannten Die nächste Nummer erscheint am 16. Jlllli 1937 AnzeigentdiluB: 10. Juni Redaktionsschluß: 9. Juni wieder meinen religiösen Glauben, mein Judentum wiedergefunden habe. Mein Judentum, wie ich es in der Kindheit und vom Elternhaus« her kannte und darin ich großgeworden war. Ich bin wieder eine gute, fromme Jüdin geworden." Die jüdische Bevölkerung in Baden. Im Badischen Israel. Gemeindeblatt veröffentlicht Dr. Weißmann die nachfolgenden statistischen Angaben Ober die starke rückläufige Entwicklung der jüdischen Bevölkerung im badischen Nachbarlande. Die vom Oberrat der Israeliten veranstalteten Erhebungen haben ergeben, daß auch im Jahre 19'Jli die rückläufige Entwickclung der jüdischen Bevölkerung in Baden sich in außerordentlich starkem Ausmaß fortgesetzt hat. Wurden bei der amtlichen Volkszählung des Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah sorgt für die Zukunft unserer Kinder Sie will Jugendliche, denen in Deutschland die Berufswege versperrt sind, in Palästina landwirtschaftlich und handwerklich ausbilden. Sie hat bereits fast 2000 Jugendliche in Palästina untergebracht und sorgt für sie bis zum Abschluß ihrer Berufsausbildung. Sie muB noch Tausenden von Jugendlichen, die hier untätig warten, den Weg zur Arbeit in Palästina ermöglichen. Sie will Juden aller Richtungen für diese Aufgabe gewinnen. Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158