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Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg · 1937-05-02 · 3 (2.5.1937) · p. Seite 22

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
Volume
14 (1937-1938)
Issue
3 (2.5.1937)
Date
1937-05-02
Page
Seite 22 (sequence 8)
Language
German
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22 Jüdisches Gemeindeblatt (Württemberg) 2.5.37 XIV. Nr. 3 Mein Onkel Mosche Wolf. Von Max Osterberg. Vor achtzig Jahren. „Mosche Wolf, hast Du einen Augenblick Zeit für mich?" „Gewiß, Jette, was wünschest Du?'' „Möchtest Du nicht meinen Tisch anschauen?' Und schon unterbrach, wenn auch mit einem unterdrückten Seufzer, Onkel Mosche seine Lektüre. Beim „Lernen" ließ er sich nicht gerne stö ren, aber er wußte, daß er auf diese Weise am raschesten zu seinen geliebten Büchern /uriickkeh ren konnte. Seine Frau führte ihn zur festlich gedeckten Tafel. Der Tisch zeigte das gleiche Bild wi.- im mer. wenn Tante Jette Gäste erwartete. Natürlich handelte es sich nur um eine Kaffee-Visite Alles blitzte vor Sauberkeit; die schon bei den Eltern im Gebrauch gewesenen Tassen waren den Augen der beiden Alten (in Wohlgefallen. Und die echten Fürther Schnecken und die mürben Platz chen, die nur Tante Jette in solcher Vollendung herzustellen vermochte, versprachen lukullische Genüsse. „Das hast Du wieder wunderschön gemacht Jette. Und wie Du Dich herausgeputzt hast! Erwartest Du Besuch?" ..Aber Mosche Wolf, hast Du denn ganz vergessen? Das Brautpaar kommt doch." ,,Da> sollen wir doch gar nicht wissen. Es ist doch auf eine Ueberraschung abgesehen." „Stuß! Ueberraschung! Ich möchte sehen, wie die überrascht wären, wenn sie biri Tante Jttte keine Schnecken und mürbe Plätzchen vorgesetzt bekämen." „Da magst Du auch recht haben," lachte Onkel Mosche Wolf. r.Aber Du bist ja noch garnicht angezogen, Mosche Wolf! So ein Mann denkt auch an gar nichts." Und schon nahm die alte Frau dem Gat teil den Schlafrock ab, musterte schnell mit immer noch scharfem Blick Kragen und Hemd vorsetzer, holte dann den schwarzen Staatsrock, half ihrem Mann, sich fertig zu machen, um ihn dann befriedigt zu betrachten. „So, jetzt können sie kommen! ", meinte sie und setzte sich auf das Sofa. Sie fühlte doch, daß sie eine alte Frau war. Es war allerdings ein Staatsbesuch, den die alten Leutchen erwarteten. Ihr Neffe Salomon war aus Amerika auf Besuch gekommen und hatte sich hier, von heute auf morgen, mit seiner Cousine Rosa verlobt. So ein Glück für das Mäd chen! Gestern war die Sache zum Abschluß ge kommen, man hatte es im Vertrauen Onkel Mosche Wolf gemeldet, der hatte es brühwarm seiner Jette berichtet, es war alles höchst geheimnisvoll vor sich gegangen, und doch wußte es bereits das ganze Städtchen, man sprach von nichts anderem als von der großen Neuigkeit. Und es war nur natürlich, daß der erste Besuch des Brautpaares Onkel Mosche Wolf und Tante Jette gelten mußte. Und jetzt kamen sie und mit ihnen die ganze große Familie. Und der erste Gedanke Tante Jettchens war: „Wo nehme ich nur genug Tassen her?" Es fand eine gar feierliche Begrüßung statt, die bald durch lebhafte Unterhaltung abgelöst wurde, denn jeder hatte etwas besonde res zu erzählen, und alle wollten zu gleicher Zeit sprechen. „Einen feinen Bräutigam hast Du Dir herausgesucht," sagte Tante Jette, und Onkel Mosche Wolf bemerkte darauf: „Meiner Jette gefallen alle Jungens!" „Stuß, Du eifersüchtiger Brummbär', entgegnete Tante Jette und blickte ihren Brummbär so verliebt an, als ob er der Chusen und sie die Kalle gewesen wären. Dann saß man um den Kaffeetisch, und die Tassen reichten, denn eine Nichte hatte, wo es fehlte, aus der Küche Ergänzung herbeigeschafft; Schnecken und die mürben Plätzchen wurden gerühmt, mit Worten und durch die Tat, denn die aufgehäuften Platten werden zusehends leerer, und Tante Jettchen bekam es schon wieder mit der Angst, daß es nicht reichen würde. Da fiel ihr aber gleich ein, daß sie noch einen Vorrat in der Küche stehen hatte; sie winkte der Nichte Lene und beauftragte sie, die Lücken zu füllen und war wieder beruhigt. Es war nur natürlich, daß den Hauptteil de Unterhaltung der Amerikaner tragen mußte, er konnte sich kaum der vielen Anfragen erweh ren, die an ihn gerichtet wurden. Von dem Leben in Amerika mußte er erzählen, von sei nen Erlebnissen, nach Bekannten wurde er aus geforscht. Er wurde nicht müde, Red' und Ant wort zu stehn, nur für Augenblicke fand er Zeit auf sein Bräutchen einen liebevollen Blick zu wer fen. Da war es ihm sicher nicht unangenehm sich von seinem Vater unterbrechen zu sehn, de sich an Onkel Mosche Wolf mit der Frage wandte: „Warum so still und so ernst, lieber Onkel-" * „Ich hörte zu, lieber Mosche. Und ich dachte dachte an vergangene Tage." „Darf man wissen, was Du gedacht hast?' „Vor meinen Augen erstand die Zeit, als wir sorgend und bangend von unserem Salomon Ab 'schied nahmen. Unsere Herzen waren von gros ser Sorge erfüllt, das Jüngelchen so allein und führerlos in die weite Welt ziehen zu sehen. An Ratschlägen und Mahnungen ließen wir es gewiß nicht fehlen, aber was bedeuteten diese, da wir uns selbst ratlos und hilflos fühlten. Und nun heute — seht, wie hat Gott geholfen, ein ganzer, ein gemachter Mann ist Salomon heimgekch-t auch in der Fremde blieb er der unsere, und be weist es, indem er sich die Frau aus unserer Mitte holt." „Wo hätte ich eine bessere, liebere finden können, Onkel Mosche Wolf?", warf Salomon ein. „Gewiß nirgends, mein Sohn!", entgegnete Mo sehe Wolf. „Aber die innere Stimme, die Dich zu uns zurückführte — woher kommt sie? Sie ist der Widerhall all dessen, was Deine Eltern Wtr mitgegeben haben fürs Leben, sie ist die reife r nicht des jüdischen Familienlebens, das ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Judentums bildet. Du hast Dich bewährt, mein Junge, als Mensch und als Sohn. Auch in der Fremde leb test Du weiter in inniger Gemeinschaft mit den Deinen zu Hause. Wie besorgt warst Du in all den Jahren für das Wohlergehen des Vaters, wie sorgtest Du für die Schwestern, die Du nachkommen ließest und denen Du eine Zukunft auf bautest in der Neuen Welt. Wir sind stolz auf Dich, Salomon!" „Dazu ist kein Grund vorhanden, Onkel. Ich tat nicht mehr als meine Pflicht". „Daß Du es für Deine Pflicht hieltest, ist eben das Schöne." „Kein Jude wird anders denken." „Hoffentlich; ich werfe auch keinen Stein auf die vielen, die zu gleicher Zeit mit Dir auswan derten, selten oder garnichts mehr von sich hören ließen. So ist das Leben, den einen führt es zum Ziele, die andern haben es schwer, sich durchzusetzen. Aber wir, die wir damals Dich ziehen ließen, wollen Gott danken, daß er Dich behütet und Dich geleitet hat. Und da frage ich mich: war es recht, uns so zu sorgen?' „Die Sorge war doch natürlich, Onkel," meinte der Brautvater. „Und sie war auch berechtigt, wie unsere Zweifel an die Zukunft der Auswan derer berechtigt waren. Denn um eines sorgten wir uns ganz besonders, und diese eine große vielleicht größte Sorge ist auch heute noch nicht von uns genommen. Werden unsere Söhne und Töchter so gute Juden bleiben, wie sie es waren da sie uns verließen?" „Das ist eine ernste Frage, und doch wollen wir uns nicht sorgen. "Ob hier oder in fremden Län dem, den Einflüssen der Zeit wird sich unsere Jugend nicht entziehen können. Aber darum soll sich kein Gott vertrauender Jude Sorge machen. Es liegt nicht in Menschen Macht, die Zukunft zu gestalten, das vermag der Ewige allein, und seine Wege sind nicht unsere Wege. Er, der unser Volk durch die Jahrtausende führte, wird uns und die, die nach uns kommen, nicht verlassen. Darauf bauen wir, das ist unsere Zuversicht. Noch eine Frage, Salomon: Wie gestaltet sich Euer Leben in der Ferne im jüdischen Sinne?" Ich will aufrichtig sein. In Amerika ist busineß alles. Man hat keine Zeit, sich mit anderen Fragen zu beschäftigen. Man lebt, wie alle Amerikaner leben. Aber wir vergessen dabei doch nicht was wir zu Hause vor uns gesehen, was uns als heiligste Verpflichtung auferlegt wurde. Dies findet seinen lebhaftesten Ausdruck in den schwersten Stunden des Lebens, bei Krankheit und Tod. Kein lude ist in Amerika verlassen in Krankheitstagen. Stets findet er bei seinen Glaubensgenossen offene Herzen und offene Hände. Und in den Tagen der Trauer ist jeder Jude, jede Jüdin hilfsbereit. Die Frauen vereinigen sich, um gemeinsam den Toten die Sargenes zu nähen. Der Einladung zu einem Trauergottesdienst nicht Folge zu leisten, würde man als ein Unrecht betrachten. Und für unsere Verewigten Kaddisch zu sagen, ist eine Selbstverständlichkeit." „Wenn es so ist, mein Junge," sagte da Onkel Mosche Wolf, und seine Stimme zitterte vor Rührung, „ist mir um Euch und Eure Zukunft nicht bange. Die Trennung, und wenn auch Meere liegen zwischen Elternhaus und der neuen Heimat der Kinder, ist keine Trennung. Die Liebe ist die Brücke, die von hier nach dort führt. Das Bewußtsein, unsere Kinder werden auch in der Ferne für uns Kaddisch sagen, verbindet uns mit ihnen für alle Zeiten. Einsam können wir von dieser Welt scheiden, aber nicht vereinsamt. Und ihr jungen Leute sollet wissen: wie Ihr unser gedenkt im Gebet, so sind auch unsere Gedanken bei Euch in der Scheidestunde. Mit einem Segensspruche für Euch auf den Lippen gehen wir ein in die Ewigkeit. Und solche Fürbitte wird Gehör finden bei dem Allmächtigen." Keiner blieb ungerührt bei diesen Worten. Aber nicht traurige, sondern zuversichtliche Empfindungen erfüllten jeden einzelnen. So beherrschte bald wieder heitere Stimmung die Gesellschaft. Man hatte sich ja so viel zu erzählen. Als man sich, nicht zu spät, trennte, geschah es mit innigen Worten des Dankes für Onkel Mosche Wolf und Tante Jette. Tante Jette war doch recht müde, als sich die Gäste entfernt hatten. Aber sie gab nicht Ruhe, bis alles, auch das letzte Löffelchen, wieder an Ort und Stelle gebracht war. Dann setzte sie sich erschöpft auf das Sofa. Nach einiger Zeit meinte sie: „Meine Schnecken und mürbe Plätzchen haben ihnen geschmeckt." „Sie waren auch ausgezeichnet." „Ich habe eine Schnecke für Dich aufgehoben, Mosche Wolf." „Immer für mich besorgt, ich danke Dir, Jette." Kleine Pause. „Ein buscheter Jung, der Salomon." „Ja, er hat sich sehr gut gemacht." „Unsere Rosel war aber sehr still." „Sie wird schon wieder reden." Kleine Pause. „Mosche Wolf, Du sagst ja garnichts." „Was soll ich sagen — ich freue mich." Frau Else Hess, KarlsruheIRh. Kaiserstraße 1831.. Ruf 1588 diskrete — erfolgreiche — Ehe-Anbahnung Inland — Ausland — Uebersee Aue den Zeltoedleliten (jetzt auch Im Schocktn-Bändchtn 57, Herne. Gedicht und Gedanke} Geheimnis Wir seufzen nicht, das Aug' ist trocken. Wir lächeln oft, wir lachen gar! In keinem Blick, in keiner Miene, Wird das Geheimnis offenbar. Mit seinen stummen Qualen liegt es In unsrer Seele blut'gem Gruna; Wird es auch laut im wilden Herzen, Krampfhaft verschlossen bleibt der Mund. Frag' du den Säugling in der Wiege, Frag' du die Toten in dem Grab, Vielleicht daß diese dir entdecken Was ich dir stets verschwiegen hab'. Heinrich Hein»

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