Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für die israelitischen Gemeinden in Württemberg
- Volume
- 14 (1937-1938)
- Issue
- 3 (2.5.1937)
- Date
- 1937-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt Verbreitungsgebiet: Württemberg Verlag und Schriftleitung: ' OSTERBERG a STERNHEIM ISRAELITISCHE VERLAGSANSTALT Famapr. 23328 STUTTGART-N Kaaemenatr. 13 Bezugspreis RM. 1.13 vierteljShrlich, zuzOgllch Post- und Zustellgebühr Postscheckkonto Stuttgart 38258 <* Erscheint monatlich zw«imal, am 1. und 16. Bai Nichterschainan Inf. höharar Gewalt bestehtkaln Ansprucha. Nachlieferung d. Blattes oder Rückgabe das Bezugsgeldes Angemeldet beim Sonderbeauftragten das Reichsministars für VolksaufklJrung und Propaganda betr Ueberwachung dar geistig und kulturell tÄtigen Juden im deutschen Reichsgebiet. XIV. Jahrgang Stuttgart, 2. Mai 1937 Nr. 3 Die Jüdische Winterhilfe in Württemberg 1936/37. Zum zweiten Male hatte die Jüdische Winterhilfe die Aufgabe zu erfüllen, die Bedürftigen unserer Gemeinschaft vor Not zu schützen und Hunger und Kälte von ihnen fernzuhalten. Wiederum war die Jüdische Winterhilfe im ganzen Reich einheitlich aufgezogen worden, und zwar nach den Richtlinien, die von der Zentralwohlfahrtsstelle ■ der Juden in Deutschland nach Genehmigung durch das Wiuterhilfswerk des Deutschen Volkes herausgegeben worden sind. Gegenüber dem Vorjahre waren inbezug auf die Grundsätze der Betreuung wesentliche Veränderungen kaum festzustellen. Der Charakter der Winttrhilfe-Unterstützung als zusätzliche Leistung war noch schärfer herausgearbeitet, die Grenzen, bis zu denen Winterhilfe gewährt werden durften, waren genauer umrissen und auch der im vorigen Jahr noch etwas umstrittene Komplex der Betreuung solcher Familien, deren Mitglieder ganz oder teilweise der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören, war auf Grund des Rasseprinzips zweifelsfrei geklärt. Die Aufbringung der erforderlichen Mittel war wiederum durch Herausstellung genauer Sätze ge regelt, wobei die Aufteilung der Mittel-Aufbrin f gung in normale Spenden, Eintopfsammlungen und ' Pfundspende im Wesentlichen die gleiche wie im Vorjahre war. Bei Bekanntgabe dieser Richtlinien nahm auch In Württemberg die Jüdische Winterhilfe ihre Tätigkeit auf und wandte sich unverzüglich sowohl in Stuttgart als auch auf dem Lande den ihr obliegenden Arbeiten zu. Die Leistungen der Jüdischen Winterhilfe bestanden im Wesentlichen in Kohlen, für die wiederum die Gutscheine des Winterhilfswerkes des Deutschen Volkes ausgegeben wurden; in Lebensmitteln, die allmonatlich zur Verteilung gelangten, sowie auf besonderen Antrag in der Zuweisung von Kleidern, Wäsche, Schuhwerk u. s. w. — Die Ausfolgung einer Barunterstützung fand gemäß den Richtlinien nur in wenigen, ganz besonders gelagerten Ausnahmefällen statt. Lediglich in den kleinen Gemeinden auf dem Lande konnte bei einer Betreuten-Zahl von weniger als 10 Personen unter Umständen eine generelle Abgeltung der Leistungen in bar erfolgen. In Groß-Stuttgart wurden durchschnittlich 271 Parteien mit zusammen 592 Personen von der Jüdischen Winterhilfe betreut, das sind 13,42 o/0 der jüdischen Seclenzahl; im Vorjahre waren es 10,85 »'.,. In Göppingen wurden 35 Personen betreut (11,94 <•.», im Vorjahr 11.80 o/0); in Schwab. Hall 25 Personen (40,98 <y0, i. V. 30o/0); in Heilbronn 91 Personen (15.74 «/o, i.V. 10,65 •/<>); in Rexingen 26 Personen (10.23 o/o, i. V. 14.4 <>/o); in Bad Mergentheim 27 Personen (20,93 o/0, i. V. 13 o/0); in Ulm 64 Personen (11.61 o/o. i.V. 9.43 oo); in Buchau 41 Personen (19.80 o/0. i. V. 16,66 o/0)- in Buttenhausen 32 Personen (36.78 o/0. i. V. 30 o0). Noch stärker als im Vorjahre prägte sich das Bild von der Zunahme der Not auf dem flachen Lande aus. obwohl auch in den Städten durchweg eine Steigerung der Betreuten-Zahlen festzustellen ist. Im ganzen Lande Württemberg wurden 601 Parken mit 1269 Personen von der Jüdischen Winrhilfe betreut, was einem Prozentsatz von 14,84 rozent der Gesamt-Seelenzahl der Juden in firttemberg entspricht, gegenüber einem Proentsatz von 12.75 o/o im Vorjahr. Die Organisation der Jüdischen Winterhilfe war im Wesentlichen die gleiche wie im Vorjahre. Die Gemeinden des Landes, in denen jeweils ein ehrenamtlich tätiger Vertrauensmann mit der Durchführung der Arbeiten betraut war, wobei diesem wiederum die örtlichen Frauenvereine mit ihren Vorsitzenden hilfreich zur Seite standen, waren in Bezirke zusammengefaßt, die von — eben falls ehrenamtlich tätigen — Bezirksobmännern verwaltet wurden. In fast allen Fällen waren die Bezirksobleute mit den Vertrauensmännern der Gemeinde des Bezirkshauptortes identisch. Es darf gesagt werden, daß den Bezirksobleu ten. den Vertrauensmännern der Gemeinden und den Damen der örtlichen Frauenvercine ein wesentlicher Anteil an dem Erfolg der Jüdischen Winterhilfs-Arbcit zuzumessen ist. In Stuttgart befand sich das Zentralbüro der Jüdischen Winterhilfe in Württemberg, in dem so wohl die Leitung und Ueherwachung der gesamten Arbeiten im ganzen Lande als auch die Einzelversorgung der Gemeinde Groß-Stuttgart durchgeführt wurde. Auch hier waren neben dem hauptamtlich angestellten Personal ehrenamtliche Helfer mit Erfolg bemüht, die umfangreichen und oft schwierigen Arbeiten zu erledigen. — In be stmderem Maße war gerade in Stuttgart der Jüdische Frauenverein-Frauenbund unter seiner stets hilfsbereiten Vorsitzenden Frau Emma Weil am Werke, um einen großen Teil der mühseligen Kleinarbeit in vorbildlicher und nie ermüdender Weise durchzuführen. Vor allem lag die Lebensmittelverteilung vollkommen in den Händen des Frauenvereins, und hier erwarben sich die Damen Adler-Schloß und Schuhmann wiederum außerordentliches Verdienst durch die umsichtige, vorausschauende Art der Beschaffung, der Verwaltung und der Verteilung der an die Bedürftigen zur Ausgabe gelangenden Lebensmittel. Daß diese Lebensmittelversorgung, die den wesentlichen Teil der Beihilfe durch die Jüdische Winterhilfe ausmacht, Ein Psalm Dawids. ER ist mein Hirt, Mir mangelt nicht. Auf Grastriften Lagert er mich, Zu Wassern der Ruh Führt er mich. Die Seele mir Bringt er zurück, Er leitet mich In wahrhaftigen Gleisen Um seines Namens willen. Auch wenn ich gehn muß Durch Todschattenschlucht, Fürchte ich Arg nicht, Denn du bist bei mir, Dein Stab, deine Stütze — Die trösten mich. Du rüstest den Tisch mir Meinen Drängern zugegen, Streichst das Haupt mir mit Oel, Mein Kelch ist Genügen. Nur Gutes und Holdes Verfolgen mich nun Alle Tage meines Lebens, Ich kehre zurück Zu DEINEM Haus Für die Länge der Tage. (Aus dem „Buch der Preisungen" von Martin Buber (..Die Schrift"' Bd. XIV]. Im Schocken Verlag Berlin. während des ganzen Winters in völlig ausreichender Weise durchgeführt wurde, kann den genannten beiden Damen sowie den übrigen Helferinnen nicht genug gedankt werden. — Auch bei sonstigen Gelegenheiten, wie bei der Vorbereitung und Ausrichtung von Kinderfeiern u. dg!., hat sich der Frauenverein nie versagt, wenn an ihn der Appell zur Mitarbeit gerichtet wurde. Zu Chanukkah wurde an die Bedürftigen eine Sonderzuweisung verteilt, die sich aus einer Extraration Kohlen, zusätzlichen Lebens- und Stärkungsmitteln sow aus Kleidergaben zusammensetzte. Zu Pessach erhielten die Bedürftigen ein Quantum M a z z o t h durch die Jüdische Winterhilfe, welche in Stuttgart durch das Isr. Fürsorgeamt zur Ausgabe gelangten. Auch auf dem Lande wurden die Betreuten entsprechend zusätzlich versorgt. Wiederum ging die Tätigkeit der Jüdischen Winterhilfe in enger Zusammenarbeit mit dem lsr. Fürsorgeamt bezw. dem LJW. vor sich, deren Beamtinnen, insbesondere das unermüdliche Frl. W o 1 f f, sich hingebungsvoll dieser zusätzlichen .Arbeit widmeten. Das Lehrlingsheim in Stuttgart (24 Insaßen) erhielt eine größere Zuweisung von Kartoffeln und Lebensmitteln; das Lehrlingsheim in Lehrensteinsfeld (10 Insaßen) ebenso Kartoffel, Kohlen und Lebensmittel. Einer Anzahl der in Stuttgart weilenden Teilnehmer .des Sportlehrer-Ausbildungskurses der Gymnastikschule Bloch wurde, soweit Bedürftigkeit vorlag, eine Beihilfe durch Zuschuß zu den Kosten des Mittagstisches gewährt. — In mehreren Fällen wurden Zuschüsse für Hachscharah- und Alijah-Ausrüstungen bewilligt, vor allem durch Abgabe der hierfür besonder; benötigten Kleidungsstücke. Die seit dem Vorjahre bestehende Kleiderkammer wurde durch Sachspenden und Anschaffungen erweitert und bildete eine brauchbare Grundlage für die Kleiderversorgung unserer Bedürf igen in Stuttgart wie auf dem Lande. Hier konnte durch reichliche Versorgung in Kleidungs- und Wäschestücken aller Art in vielen Fällen dringender Not abgeholfen werden; gerade auf diesem Gebiet bezeugen zahlreiche Dankbriefe die Genugtuung der Betreuten mit der ihnen so gewährten Unterstützung. Wie im Vorjahre wurde den Bedürftigen, vor allem auf dem Lande, eine besondere Freude durch eine Kaffeespende jüdischer Kaffeehändler in Mittelamerika zuteil. Zum ersten Male wurde in diesem Jahre In weitem Rahmen neben der materiellen auch die seelische Winterhilfe durchgeführt. Um sie wirksam zu gestalten, wurde einer größen Anzahl von Betreuten im Einzel- oder Gemeinschaftshezug ein Abonnement auf das Israelitische Familienblatt gewährt, das vor allem auf dem Lande dazu beitrug, über die Einsamkeit langer Winterabende hinwegzuhelfen. — Ferner wurde den Bedürftigen, die Interesse dafür hatten, die Mitgliedschaft bei der Jüdischen Kunstgemeinschaft ermöglicht und ihnen für eine Reihe von Veranstaltungen Freikarten bewilligt. Daß diese Art der Betreuung in relativ großzügiger Weise durchgeführt werden konnte, ist dem Entgegenkommen der Leitung der Jüdischen Kunstgemeinschaft zuzuschreiben, der hierfür besonderer Dank gebührt. — Auch auf dem Lande konnte in einzelnen Fällen, wo sich die Gelegenheit dazu bot, der Besuch solcher Veranstaltungen ermöglicht werden, zum Teil auch durch Uebernahme der entstehenden Fahrtkosten.