Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XII (1935-1936)
- Issue
- 24 (16.3.1936)
- Date
- 1936-03-16
- Page
- Seite 194 (sequence 8)
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— 194 — Bedeutende Männer über den Keren Hajessod. europäischen und Bagdader Brüdern lernten. Doch in den Dörfern des Konkan leben sic heute noch das gleiche primitiv patriarchalische Leben, wie vor hunderten von Jahren. Seit den ersten romantischen Jahren unserer Bewegung zu Herzls Zeiten erlebte ich nicht wieder eine solche echte Begeisterung wie bei den Männern und Frauen der „Bne Israel", bei jung und alt. auf den Versammlungen, in Jenen ich gesprochen habe. Sie >ahen die alten Lej^nden, die ihnen ihre Vorfahren erzählt hatten, zu ihren Lebzeiten Wirklichkeit werden. Sie begründeten die Zionistische Organisation der Bne Israel, stellten bei den Mitgliedern ihrer Gemeinde N,F. - Büchsen aut und führten dem Keren Hajessod willigen Herzens und unter grolier Opferbereitschaft ihre Spenden zu. Unter den \X lindern der jüdischen Geschichte ist dieser Stamm der Bne Israel in Indien, der sich zweitausend Jahre inmitten des indischen Volkes erhalten hat, der -wunderbarste Beweis für die unvergleichbare Vilalit.1t und Zähigkeit der jüdischen Kasse. Aufrufe zum Jubiläum des Keren Hajessod. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland: Die Keichsvertictung hat in ihrer Programmcrk-Iäiung un-tere (lemeuielen dazu aufgerufen, dem Werke de» Keren Hajessod ihren tätigen, opferwilligen Beistand zu/uwenden. Diese Mahnung soll in diesen Tagen, ui denen der Keren Hajessod »eine Arbeit ui un-eren Gemeinden beginnt, er», neuert sein. Hier gilt es, aufzubauen um der groben Gesamtheit' willen nrd auch unseretwegen. für ein Werk einzustehen, in welchem Zukunft gestaltet sein soll, t.eritn. 14. November iüiV * B a e c k. Zionistische Vereinigung für Deutschland: Zionist-.nl In diesen Tagen begeht der Keren Hajessod, der zentrale Kolonisationsfonds des Palästina-Auf bans, das Fest seines 13 jährigen Bestehens. Die Klick- »chau auf überwundene Schwierigkeiten und erreichte Leistungen lallt uns mit neuen Kräften den groben Aufgaben der Zukunft entgegensehen. Der XIX. Z onistenkongreli 'und die Tagung des C ouncils der Jewish Agency haben in besonderer Würdigung der Lebensnot Wendigkeiten der Juden Deutschlands bi schlossen, die Eingänge des Keren Ha e-s.jd in Deutschland in erster Keifte für die A n ~ i e d I u n g von Juden aus Deutschland in Palästina bereitzus'eTcn. Menschen wahrhaft im Lande zu verwurzeln, durch sie neuen Kaum für neue Menschen zu schaffen, setzt Ansiedlung und endgültige Kolonisation voraus.’ critNert gewaltige Mittel und stärksten Einsatz. Der Keren Hajessod begannt jetzt mit dieser Aktion. Der Geschäftsführende Ausschub der Zionistischen Vvieinigung vcrptliehtet erneut jeden Einzelnen, der -ich der zionistischen Bewegung zugehörig fühlt, seine Maaberpflicht, die Abgabe seiner freiwilligen Steuer für den Aufbau von Ercz Israel, getreulieh zu erfüllen und darüber hinaus dem Keren Htrjcssod, wenn er ihn ruft, zur Verfügung ’u stehen, um am groben Werk der Gewinnung aller Juden Deutschlands tiir den Keren Hajessod mitzuarbeiten. In Zeiten der Nof bewahrheitet sich stes die i irunderkenntnis zionistischen Denkens: Dal! tune Gemeinschaft so lange hoffen darf und nur dann nicht untergehen wird, wenn die Schwere des Augenblicks eine entschlossene Generation und neue Kräfte für das grobe Werk jüdischer Selbsthilfe findet. Darum dürfen die Juden in Deutschland dum Keren Hajessod nun nicht mehr nur spenden, sie müssen die Opfer bringen, die nötig sind, um die Zukunft ihrer Gemeinschaft, welche die Zukunft ihrer Kinder ist, zu gestalten. Dr. Franz Meyer. Siegfried Mose%. Vorträge im „Monat der Zionistischen Organisation". Ein Nachmittag der Frauen. Im Kähmen des „Monats der Zionistischen Organisation" veranstaltete der „Frauenbund für Palästinaarbeit" einen Werbemittag. Die Vorsitzende betonte zu Beginn, daß der Frauenverband der Zionistischen Organisation nahe, stehe, aber daß er selbst keine Frauengiuppc derselben sei. Er begrüße die persönliche Mitgliedschatt seiner angeschlossenen Frauen bei der. Z. O. G. aufs wärmste, aber er -überlasse diesen Schritt der persönlichen Lieberzeugung. Hierauf wurde eine Lichtbildreihe „Frauenarbeit in Ercz Israel” gezeigt. Man sah zunächst Photobilder von den Aufnahmen. der zarten Arbeiterdichterin mit den tiefen setlenvollen Augen, Kabel Bluv.stein, und den kräftigen, erdnahen Frauen der ersten Einwandererzeit an bis zu. den Mädchen aus Deutschland, die eifrig in Gärtnerei, Imkerei. Hühnerhot und Kuhstall Mitarbeiten. Dem Beschauer boten sich hierauf neben den Bildern der Landwirtschaftsschulen der Wizo solche von Kindergärten, von Krankenhäusern, die Schw-Stern ausbilden, von Wanderlehrerinnen bei ihren Konkursen in der Kvvuzah, von Abendschulen für Mädchen. Wir begleiteten die Fürsorgerin auf ihren Gängen in die FTendsquartiere jemenitischer Judenfamilien; wir Anläßlich des 15 jährigen Bestehens des Keren Hajessod richtete der Präsident der Vereinigten Staaten an den Führer des amerikanischen Zionismus folgende Botschaft: Weißes Haus Washington Mein lieber Herr Lijisky! In Beantwortung Ihres Briefes vom <4. Mai 1935 ergreife ich gern die Gelegenheit, um Ihnen zur Feier des fünfzehnten Jahrestages des Palästina-Grundfonds, der Organisation, die von den Juden der Welt ins Leben gerufen wurde, damit sie ah der Schaffung eines Nationalheims in Palästina für das jüdische Volk mitwirke, meinen Glückwunsch zu senden. Ohne die Hilfe, die dieser Fonds geleistet hat, hätten die Jevvish Agency und das jüdische Volk gewiß nicht-die Erfolge erzielen können, wie sie im heiligen Lande erreicht worden sind. Sie können in der Tat stolz sein auf den Anteil, den die amerikanischen Juden an diesem Werke haben, wie auf ihre finanzielle Bctciligung an Ihrem Fonds. Ich wünsche Ihnen und Ihren Mitarbeitern für Ihre bevorstehende Feier den besten Erfolg. Ihr ergebener Franklin D. Roosevelt. Wir geben anschließend noch einige Glückwünsche wieder, die dem Direktorium des Keren Hajessod in unübersehbarer Zahl zugegangen sind: David Lloyd George: Tausende von Juden aus den verschiedensten Ländern zu sammeln und sie auf dem Boden der alten Heimat zu einein sich selbst erhaltenden Volke zusammen zusehinieden. das scheint mir eine Aufgabe zu sein, die zahllose Schwierigkeiten und Probleme, verwaltungsmäßiger und finanzieller Art. in sich birgt. Der Keren Hajessod hat viel dazu beigetragen, eine der größten Voll stragödien der Menschheitsgeschichte zu mildern und einem hochbegabten Volke den Platz wieder zu erobern, an dem es sein eigenes nationales Leben entfalten kann, um seinen Beitrag zu den mannigfachen Erscheinungen menschlicher Zivilisation zu leisten. Edouard Herriot: . . . Dank dem Keren Hajessod wechseln jetzt die gewölbten Olivenbaume und die blassen Feigenstämme mit dem grünen Wald der großen Eukalvptusbäume ab. In den Tälern, die so viele erhabene Tragödien mitansahen, erneut sich allsommerlich das Wunder reicher Ernten. Der tausendjährigen Geschichte, die alte Steine und verfallene Kuppeln herauf beschwören, eint sich jetzt der neuzeitliche Heldengesang des sahen die Frau als Fabrikarbeiterin am Webstuhl, in der Kartonnagenfabrik oder in der Seifenfabrik; wir beobachteten die Mädchen bei ihrer Tätigkeit als Plattenlcgerinnen und Anstreicherinnen. Die Reihe der Bilder löste in dem Beschauer das Gefühl aus, dal! hier mit einer ungeheuren Aktivität ein Land beredet wird, und daß die Frauen einen wesentlichen Teil bei dieser Aufbauarbeit leisten. Nach den Lichtbildern stellte die Kellnerin, Frau Großberger. Heidelberg, die Frage: können wir das Leben, das wir im Bilde sahen, teilen? Sie verneinte es zum Teil, da die mittlere Generation trotz guten Willens vermutlich durch Erziehung und körperliche Eignung nicht mehr in der Lage sei. diesen •Arbeitsrhythmus zu teilen. Die Jugend aber sei die Brücke von unserem bürgerlichen Leben hier zu dem Arbeiterlehen dort. An uns liegt es. diese Brücke zu finden, Verständnis zu suchen für. den Weg der jungen Menschen, ihnen zu helfen, daß Arbeitersein nicht zu einem Proletarierdasein führt. An uns liege cs ferner, in den jungen Mädchen nicht nur die freudig begrüßte Hilfe für den eignen Haushalt zu sehen, sondern den Menschen, dem inan die Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln müsse, die ihn künftig befähigen, im Lande der Jugend Frauenarbeit gut und verantwortungsbewußt zu leisten. Die Hausfrau muß sich bewußt sein, daß die jüngen Mädchen bei ihrer Hachscharaharbeit auch Gelegenheit haben müssen, hebräisch gründlich zu lernen, und daß die inneren Voraussetzungen. ein so schweres Leben auf sich zu nehmen, geschaffen werden dadurch, daß die Chaluzah Einblick bekommt in die jüdische Aufgabe schlechthin. Wenn wir als Mütter bereit sind, unseren Kindern auf ihrem oft schweren Pfad zu helfen, wenn wir mit wehem Herzen den Wunsch, sie auf gesicherte und erfolgreiche Lebensbahnen hinausziehen zu sehen, begraben müssen, so wächst doch ein zartes Glück aus dem Willen, mit unseren Kindern ein winziges Steinchen mitein/uftigen in das Aufbauwerk eines Volkes. Die Lichtbilder wie auch die vorzüglichen Ausführungen von Frau Großberger lösten bei den Anwesenden herzlichen Beifall aus und bewirkten es, daß eine Reihe von Frauen durch ihre Meldung zur Mitgliedschaft beim „Frauenverband für Palästinaarbeit” künftig am Aufbauwerk mithelfen wollen. Zum Vortrag von Joachim Prinz. Zu einem noch lange nachschwingenden Ereignis wurde die Kundgebung, die von der Zionistischen Ortsgruppe am 27. Februar mit Dr. Joachim Prinz als Redner veranstaltet wurde. Ueber Joachim Prinz als Sprecher brauchen wir in Stuttgart, wo man Landmannes. Die palästinensischen Städte sind vorbildlich für den neuen Städtebau. Männer wie mein Kollege M. Dizengoff, der unserer Stadt Lyon soviel freundschaftliche Sympathie bewahrt, führen heute den großen Plan Theodor Herzls aus. Es war dieser prophetische Mann, der, während er von der Höhe des Davidturmes aus die Stadt im Abendnebel entschlummern sah und seinen Blick von der Omarmoschee zum Oelberg hinüberschweifen ließ, leidenschaftlich ausrief: „Durch die Arbeit kann man aus Palästina ein Juwel machen." . . . Max Brod: Trauer genug ist über uns hereingebrochen. Aber wir haben die Magnetnadel in unserem Kompaß, wir haben das werdende Palästina: und wir haben die geheimnisvolle Nordkraft, Richtkraft in dieser Magnetnadel: das ist der Keren Hajessod! Denn er verkörpert die ordnende Macht der jüdischen Gemeinschaft gegenüber den egoistischen Interessen der Einzelnen. Ohne Palästina kein jüdisches Volk, ohne Aufbaufonds kein Palästina! Gebt ihm aus vollen Händen, - so habt ihr immer doch noch weit weniger gegeben, als er euch gibt. Stefan Zweig: Der Versuch, nicht durch Waffen und Gewalt, sondern durch Opfergabe einem Volke seine Heimat zu gewinnen, wird in künftigen Zeiten ein Ruhmesblatt der jüdischen Nation sein. Großartig im moralischen Sinne, hat der Keren Hajessod aber auch im organisatorischen vorbildlich gewirkt: Oede in Fruchtbarkeit, Verlassenheit in Kultur verwandelnd, große Vergangenheit mit großer Zukunft schöpferisch verbindend. Jeder Jude hat die Pflicht, hier mitzuhelfen, denn jeder Jude hat in diesen dunklen Tagen das Glück, sich an dieser Schöpfung zu freuen. Felix M. Warburg: ln den fünfzehn Jahren der Keren Hajessod-Tätigkeit hat sich am jüdischen Weltschauplatz so manches geändert. Die unglückselige Lage der Juden vieler Länder ist schlimmer geworden. Es ist tröstlich, das Gefühl zu haben, daß die Fähigkeit Palästinas, dem Elend dieser Notleidenden zu steuern, gewachsen ist, wenn auch kaum entsprechend den zunehmenden Nöten. Die Transaktionen, die im letzten Jahr durchgeführt worden sind, "haben den Keren Hajessod von den Jahre wahrenden Kinderkrankheiten befreit, und seine Zukunft müßte nun gesichert sein. Von jetzt an sollte die ihm zufließende Hilfe ausreichen, uin die vielen dringenden Aufgaben zu erfüllen, die aus der starken Zunahme der Bevölkerung und der steigenden Not der Juden in Europa erwachsen. ihn seit langem als Meister der Rede hochschätzt, nichts mehr zu sagen. Nur dem einen soll noch einmal besonderer Ausdruck verliehen werden: Prinz hat vor seiner Hörerschaft wieder ein großangelegtes, monumentales Bild unserer Nöte und Hoffnungen entrollt, er hat erschüttert und erhoben zugleich — er hat jeden fühlen lassen, daß Judesein nicht passives Schicksal allein, sondern große verpflichtende Forderung ist. Einleitend entwickelte Prinz in bildhafter Weise die geistesgeschichtlichen Grundlagen des 19. Jahrhunderts, jener Epoche des Kalküls, dessen Funktionen zwischen den Polen Goethe und der exakten naturwissenschaftlichen Forschung gegenständlich geworden sind. Aus diesem Jahrhundert der ungeheuren Fülle, so führte Prinz aus, entwuchsen auch die Grundlagen der nationalen Judenbewegung. Die Judenfrage in ihrer ganzen Tiefe und Bedeutung konnte in diesen hundert Jahren, in denen man immer mehr das Leben errechnen zu können glaubte, nicht erkannt werden; denn die Jüdenfrage ist von einer alogischen Qualität, für die eine „entzauberte Welt" keine Organe hat. Heute aber kommt das Irrationale herauf und macht die Judenfrage mit den Mitteln des Gefühls bis ins Letzte transparent. Und langsam ist nun unser jüdisches Leben ein Dasein der Nivellierung geworden — wir sind heute schon glücklich, wenn Menschen uns freundlich entgegen kommen. Dringend notwendig ist nun der Blick über die Mauern und das nüchterne Abwägen unserer realen Chancen in der Welt. Diese Möglichkeiten und die jüdische Situation in den östlichen Ländern zeigte Prinz, der vor kurzem den Balkan bereist hat, jetzt mit packenden — aber ebensosehr auch schmerzliche Gefühle erweckenden Worten auf. Wir fassen zusammen: Nach der Ansicht des Redners, die er durch viele Beispiele begründete, ist die Lage des Judentums im Osten wie in der übrigen Welt metastabil, das heißt: kaum irgendwo dauerhaft, sondern meistens nur labil — und wenn stabil, dann immer mit der Tendenz der Veränderlichkeit. In Jugoslawien, Rumänien, Ungarn, Polen, in der Tschechoslowakei usw. — überall ist die Lage so, daß Millionen von Juden vor die schwersten wirtschaftlichen und kulturellen Probleme gestellt sind, oder, wenn nur ein auslösendes Moment hinzutritt, auch in den Ländern gestellt werden, in denen ihr bürgerlicher Status jetzt noch normal erscheint. Erschütternd waren die Ausführungen des Redners über den Pauperisierungs- und Verelendungsprozeß der jüdischen Massensiedlungen des Ostens, die keinen Ausweg aus solcher Not sehen. — Was aber soll geschehen, was muß geschehen? Der einzige Weg, so betonte der Redner, der dem jüdischen Volke offen ist, heißt planvolle nationale Selbsthilfe mit Verwurzelung auf