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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1935-08-01 · 9 (1.8.1935) · p. Seite 67

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
XII (1935-1936)
Issue
9 (1.8.1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
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t J Die Zerstörung des Tempels. Nach dem Berichte des Flavins Josephns. Titus zog sich hierauf in die Antonia zurück, entschlossen, am folgenden Tage in aller Frühe mit seiner ganzen Heeresmacht anzugreifen und den Tempel zu umzingeln, lieber diesen jedoch hatte Gott schon längst das Feuer verhängt, und es war endlich im Laufe der Zeiten der llnglückstag — der zehnte des Monats Loos — gekommen, an dem auch der frühere Tempel vom Babylonierkönig eingeäschert worden war; nur waren es diesmal die Einheimischen selbst, durch deren Veranlassung und Schuld er den Flammen zum Opfer fiel. Kaum nämlich hatte Titus sich entfernt, als die Empörer nach kurzer Rast abermals gegen die Römer ausrückten. Hierbei kam es zum Handgemenge zwischen der Besatzung des Tempels und denjenigen Mannschaften, die das Feuer in den Gebäuden des inneren Vorhofes löschen sollten. Als nun die letzteren den zurückweichenden Juden nachsetzten und bis zum Tempelgebäude vorgedrungen waren, ergriff einer der Soldaten, ohne einen Befehl dazu abzuwarten oder die s< hweren Folgen seiner Tat zu bedenken, wie auf höheren Antrieb einen Feuerbrand und schleuderte ihn, von einem Kameraden emporgehoben, durch das goldene Fenster, wo man von Norden her in die den Tempel umgebenden Gemächer eintrat, ins Innere. Sowie die Flammen aufloderten, erhoben die Juden, entsprechend der Grösse des Unglücks, ein gewaltiges Geschrei und rannten, ohne der Gefahr zu achten oder ihre Kräfte zu schonen, von allen Seiten herbei, um dem Feuer zu wehren: denn es drohte unterzugehen, was sie bisher vor dem äussersten zu bewahren gesucht hallen. Ein Eilbote meldete es dem Titus. Schnell sprang dieser von seinem Lager im Zelt, wo er eben vom Kampfe ausruhte, auf und lief, wie er war, zum Tempel hin, um dem Brand Einhalt zu tun — ihm nach die sämtlichen Offiziere und die durch den Wirrwarr erschreckten Legionen. Wie bei der ungeordneten Bewegung einer solchen Menschenmenge leicht erklärlich, entstand nun ein fürchterliches, mit betäubendem Lärm untermischtes Getümmel. Der Cäsar wollte durch Schreien und Handbewegungen den Kämpfenden zu verstehen gelten, man solle löschen; sie alter hörten sein Rufen nicht, da es von dem noch lauteren Geschrei der anderen übertönt wurde, und die Zeichen, die er mit der Hand gab, beachteten sie nicht, weil sie, teils von der Aufregung des Kampfes, teils von ihrer Erbitterung, völlig eingenommen waren. Keine gütlichen Vorstellungen, keine Drohungen vermochten den stürmischen Andrang der Legionen aufzuhalten: die Wut allein führte das Kommando. An dem Eingang kam es zu einem so schrecklichen Gedränge, dass viele von ihren Kameraden zertreten wurden; viele auch gerieten auf die noch glühenden und rauchenden Trümmer der Hallen und teilten so das Schicksal der Besiegten. In die Nähe des Tempels gekommen, stellten sie sich, als hörten sie nicht einmal die Befehle des Feldherrn, und schrieen ihren Vordermännern zu, sie sollten Feuer in den Tempel werfen. Die Empörer hatten übrigens die Hoffnung, den Brand noch eindämmen zu können, völlig aufgegeben; denn allenthalben wurden sie niedergemetzelt oder in die Flucht getrieben. Auch ganze Haufen von Bürgern, lauter schwache, wehrlose Leute, fielen, wo der Feind sie traf, dem Schwert zum Opfer. Besonders um den Altar her türmten sich die Toten in Massen auf: stromweise floss das Blut an seinen Stufen, und dumpf rollten die Leichen derer, die oben auf ihm ermordet wurden, an seinen Wänden herunter. Als nun der Cäsar dem Ungestüm seiner wie rasend gewordenen Soldaten nicht mehr zu wehren vermochte und die Flammen immer weiter um sich griffen, betrat er mit den Offizieren das Allerheiligste und beschaute, was darin war. Alles fand er weit erhaben über den Ruf, den es bei den Fremden genoss, und ganz entsprechend der fast prahlerisch hohen Meinung, welche die Einheimischen davon hatten. Da übrigens das Feuer bis in die innersten Räume noch nicht vorgedrungen war, sondern nur erst die an den Tempel anstossenden Gemächer verzehrte, glaubte er, und zwar mit Recht, das Werk selbst könne noch gerettet werden. Er sprang also hervor und suchte nicht nur persönlich die Soldaten zum Löschen anzuhalten, sondern befahl auch dem seiner Leibwache angehörenden Centurio Liberaiis, die Widerspenstigen durch Stockschläge zu zwingen. Aber Erbitterung, Judenhass und die allgemeine Kampfwut erwiesen sich stärker als die Rücksicht auf den Cäsar und die Furcht vor seiner Strafgewalt. Die meisten freilich feuerte die Aussicht auf Raub an, da sie der festen Ueberzeugung waren, es müsse, weil sie aussen alles von Gold gefertigt sahen, das Innere erst recht von Schätzen aller Art strotzen. Während nun der Cäsar heraussprang, um die Soldaten zurückzuhalten, hatte schon einer von denen, die ins Innere eingedrungen waren, im Dunkel Feuer unter die Türangeln gelegt, und da jetzt auch von innen plötzlich die Flamme hervorschoss, zogen sich die Offiziere mit dem Cäsar zurück, und niemand gab sich mehr die Mühe, die aussen um das Heiligtum streifenden Soldaten von weiterer Brandlegung abzuhalten. Auf diese Weise ging der Tempel gegen den Willen des Titus in Flammen auf. Während der Tempel brannte, raubten die Sol- — 67 - 1 daten. was ihnen unter die Hände kam, und hieben die Juden, die sie antrafen, zu hunderten nieder. Kein Erbarmen hatten sie mit dem Alter, keine Achtung vor der Würde. Kinder und Greise, Laien und Priester ohne Unterschied erlagen dem Schwerte des Feindes, und unter den Angehörigen aller Volksklassen wütete die Kriegsfurie, ganz gleich, ob die Leute um Gnade flehten oder sich zur Wehr setzten. Mit dem Prasseln der allenthalben hervorbrechenden Flammen mischte sich das Stöhnen der zu Boden Geschmetterten. Wenn AM 9. AB Von Ben-Chorln Des Sommers heisser Atem sengend schnaubt Um morschen Mauerwerkes dumpfe Enge. — Aus düstern Winkeln dringen Bussgesänge Verwaisten Volkes, das seiner Pracht beraubt: „Ach, wie sitzt sie verlassen, Die Stadt, die einst volkreich wart Tod füllt und Brand ihre Gassen^ Klageruf in den Gelassen Um der Erschlagenen Schar . . ,j “ Auf nackte Erde gekauert Psalmodieret im Chor Der Rest, der Zion betrauert, Der Rest, der gedenkend erschauert, Weil er sein Zion verlor. i * \ Aus dem Brande der hohen Festgebauten Stadt Schlagen die ewigen Lohen, Die durch Jahrtausende drohen Weiterzeugende Tat! Wie war es möglich, daß ich nicht gedächte Des dunklen Tags — sein Weinen nicht vernahm’: „Verdorren sollst du, meine Rechte Vergaß ich dein — Jerusalem! “ Aus dem Gedichtband ..Das Mal. der Sendung" von Fritz Roser.thal (Ben-Chorln). München 1036. Verlag B. Heller. mun die Höhe des Hügels und die Grösse des brennenden Riesenbaues in Betracht zog, hätte man glau- Itcn können, die ganze Stadt stehe in Flammen: grausiger alter und gellender lässt sich nichts denken als das Geschrei, das über dem Ganzen tobte. Denn während die römischen Legionen, die in geschlossenem Zuge vordrangen, ihre Jubelrufe anstimmten, erscholl gleichzeitig das Geheul der von Feuer und Schwert umringten Empörer, und von ohen tönte darein die Wehklage des verlassenen Volkes, das sich in der Angst zu den Feinden flüchtete und sein Geschick bejammerte. Mit dem Geschrei derer auf dem Hügel verband sich dann weiter das der Volksmenge in der Stadt, wo viele der Unglücklichen, denen der Hunger schon das Mark ausgepresst und den Mund verschlossen hatte, heim Anblick des Tempelbrandes den Rest ihrer Kräfte zu einem kläglichen Gewimmer zusammenrafften: und zu alledem der Widerhall von Peraea und den umliegenden Bergen, der das Getöse noch entsetzlicher machte. Fürchterlicher jedoch als das ganze Kampfgewühl war das wirkliche Schicksal der Besiegten. Der Tempelberg schien von Grund aus zu glühen, da er rings in Feuer gehüllt war: aber noch voller als die Flnmmenbäche schienen die Blutströme zu flicssen, und fast zahlreicher als die Mörder waren die Gemordeten. Nirgends sah man mehr vor Leichen den Boden; über ganze Berge von Toten stürmten die Soldaten den Fliehenden nach. Die Räuberschur durchbrach mit Mühe die römischen Kolonnen und schlug sich in den äusseren Vorhof und von da in die Stadt durch, während der Rest des Volkes in die äussere Halle floh. Einige Priester rissen zunächst die Spiesse auf dem Tempel mit dem Blei, in welches dieselben eingelassen waren, herunter und schleuderten sie gegen die Römer; als sie aber damit nichts ausrichteten und das Feuer über sie hereinbrach, zogen sie sich auf die acht Ellen breite Tempelwand zurück, wo sie einstweilen blieben. Zwei andere vornehme Juden jedoch, die sich vor die Wahl gestellt sahen, entweder zu den Römern überzugehen und so ihr Leben zu retten, oder aber auszuharren, wollten lieber das Schicksal der übrigen teilen, stürzten sich in die Flammen und verbrannten mit dem Tempel. Es waren Meir, des Beigas, und Josephus, des Dalaeus Sohn. Zu den bevorstehenden Wahlen. Von geschätzter Seite erhalten wir die folgenden Ausführungen: Wir sind in die zweite Hälfte des Jahres 1935 eingetrclen. Deshalb sei darauf hingewiesen, daß allen Gemeinden des Landes noch in diesem Jahre Wahlen bevorstehen, und zwar sowohl in den Vorsteherämtern, die hälftig zu erneuern sind, als auch in der Landes Versammlung, für deren sämtliche Mitglieder die Wahlperiode Ende 1935 abläuft. Auch die Amtszeit der ehrenamtlichen Mitglieder des Oberrats geht zu Ende. Die neu zu wählende Landesversammlung hat ihrerseits, sobald sie Zusammentritt, einen neuen Oherrat zu wählen. Hinzu kommt, daß das Mandat des theologischen Mitglieds des Oberrats nur bis 31. März 1936 währt. Auch die weitere Besetzung dieses Postens ist Aufgabe der neuen Landesversammlung. Sollen4 alle diese Wahlen stattfinden oder solleir sie verschoben werden? Der Oberrat hat bei der letzten Tagung der Landesversammlung erklärt, daß er bei der Vorlage des Ermächtigungsgesetzes nicht den Zweck verfolgt habe, das Wahlrecht irgendwie zu beschneiden; ^r hat sehr bestimm! den Standpunkt eingenommen, daß die allgemeinen Wahlen, so wie sie in der Verfassung vorgesehen sind, auch durchgeführt werden sollen. Gleichwohl lassen sich da und dort Stimmen vernehmen, welche sich dagegen aussprechen, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen Wahlen angesetzt werden. Es wird geltend gemacht, daß die Gefahr von mehr oder weniger heftigen Kämpfen bestehe tHtd daß die Gemeinschaft in einer Zeit auseinandergerissen zu werden drohe, da ihr geschlossenes Zusammenhalten mehr als je erforderlich sei. Diesen Erwägungen steht die Tatsache gegenüber, daß Wahlperioden von sech$ Jahren ohnehin reichlich lang sind. Die Wahlen von Ende 1929 sind vielfach unter anderen Gesichtspunkten erfolgt, als sie sich aus der gegenwärtigen Lage ergehen. Es heißt, daß mancher Vorsteher, mancher Abgeordnete der Landesversammlung, manches Mitglied des Oherrats heule vielleicht nicht mehr das Vertrauen genießt, dem er die seinerzeitige Wahl zu verdanken gehabt hnbe. Durch den Umschwung der Verhältnisse sei vielfach eine andere Einstellung geboten, zu der sich nicht alle bisherigen Würdenträger bereit finden oder eignen würden. Es müsse also endlich die Gelegenheit gewährt werden, daß man der veränderten Sachlage Rechnung tragen und mit den neuen Aufgaben auch neue Männer betrauen könne. Bei diesem Widerstreit der Meinungen wird man gut daran tun. mit dem Stattfinden der Wahlen als einer Tatsache zu rechnen. Es wird nur das Augenmerk darauf zu richten sein, daß etwaige Kämpfe möglichst entgiftet werden. Es wäre erwünscht, daß die Organisationen frühzeitig Stellung nehmen und miteinander in Verbindung treten, damit überall, wo es möglich erscheint, die Einigung auf eine Einheitsliste erfolgt. Wenn jedermann seiner Verantwortung bewußt ist, werden die Wahlen zum Wollte der Gesamtheit durchgeführt werden können. Die Württembergischen Leichtathletik-Meisterschaften des RjF. Die Württemb. Leichtathletik Meisterschaften des R. j. F. vom 21. Juli, die auf dem schönen Platz des Stuttgarter Sportklubs ausgetragen wurden, gestalteten sich zu einem jüdischen Sportereignis ersten Ranges. Aus nah und fern waren die Sportler und Sportlerinnen gekommen, sodaß man die lasten süddeutschen jüdischen Leichtathleten starten sah und ein gutes Bild von dem gegenwärtigen Leistungsniveau unseres Sports bekommen konnte. Neben der Stuttgarter R. j. F.-Sportgruppe nahmen folgende Vereine an den Meisterschaften teil: Turnklub Karlsruhe 03; R.j.F. Heilhronn; R.j.F. Gmünd; R.j.F. Emmendingen; R.j.F. Ulm; Private Tennisgesellschaft Augsburg; R.j.F. Göppingen: Jüdischer Sportverein Heidelberg; R.j.F. Mainz; Hakoah Stuttgart; R.j.F. Mannheim; Schild Frankfurt a. M.; R.j.F. Wiesbaden; R.j.F. Darmstadt. Bei solcher Beteiligung war es nicht verwunderlich, daß an d*c 300 Leichtathleten antraten. . Wir dürfen vorwegnehmen, daß sie alle vom frühen Morgen bis zum. Abend mit bewunderungswürdiger Energie kämpften und ihren Vereinen alle Ehre machten. Wenn sich diese große Veranstaltung mit hervorragender Präzision abwickelte, so ist dies einer ganz vorzüglichen und allgemein gerühmten Organisation zu danken. Die Gesamtleitung der Kämpfe hatte der Landessportleiter des R.j.F., Hugo Nathan. Mit einem Stab fleißiger Mitarbeiter hatte er die vielfältigen Vorarbeiten geleistet und alles bis ins Einzelnste vorbereitet. Am Mittag wurden alle Sportler ebenso reichlich wie schmackhaft verpflegt — mit einem Wort: es klappte alles ganz vorzüglich! Die Bedeutung des Tags ging auch daraus hervor, dass l)r. Elsbach vom ..Reichsausschuss jüdischer Sportverbände" als Vertreter des R.j.F.-SportbuajIes und der R.j.F. Bundesleitung sowie Bernhard Saison-SchluB-lferkauf vom 29. Juli bis 10. August 1935

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