Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 7 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
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- [Seite] (sequence 3)
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- 57 - Gedenke des Bundes! Zum 17. Ismus 5694 (1. Juli 1934) Fasttag zur Erinnerung an die Eroberung Jerusalems. Erinn're Dich, Herr, an Abrahams Bund, An Jizdiak, der eilte. Dein Wort zu erfüllen. Die Flüchtigen Jakobs'erlöse Dein Mund, Errett* uns um Deines Namens Willen I Verjagt vom lieblichen Heimatsort, Wir Hohen dahin in flüchtiger Eile! Nicht tönet mehr des Propheten Wort Und kündet uns tröstend von kommendem Heilei O, Zion, Stätte der Heiligkeit, Wie bist du geworden der Schmach zum HaubeI Zertreten ward Dein kostbar Geschmeid, Und uns blieb nichts als der Gottesglaubei Um Deinetwillen verwirf uns nicht, La6 Rettung uns und Erlösung kommen. Ach, niemand ist mehr, der für uns spricht. Sie sind dahingeschwunden, die Frommen! Erinn're Dich, Herr, an den ewigen Bund, Den einst Du mit unserh Vätern geschlossen: Der Märtyrer, Herr, gedenke zur Stund’, Die Dir zum Ruhme ihr Blut vergossen I Dein Heiligtum sucht unser sehnender Blick, O, wolle das heiße Verlangen uns stillen! Die Flüchtigen Jakobs, o, führ’ sie zurück, Errett* uns um Deines Namens Willen! Rabbenu Gerschom III Mulfll, 960-1040 Aus „IstmI, Volk um Lsnd", Bsriin 1934. zu gründen in der Absicht, die jüdischen Stadtbewohner zur Arbeit in Landwirtschaft und Industrie zuriickzuführen, aber nirgends ist es gelungen, ökonomisch unabhängige Judenzentren zu schaffen, die sich durch das Eigengewicht ihrer Kräfte entwickelt und vergrößert haben. Der jüdischen Kolonisation in Palästina und im besonderen der Zusammenballung der Juden in Tel-Aviv ist es allein gelungen, ein jüdisches Gemeinwesen zu gründen, das sein eigenes Leben lebt und immer mehr neue Anhänger, neue Pioniere anzieht. Prüfen wir im 25. Jahre des Bestehens von Tel-Aviv kurz die Gründe des raschen und sicheren Erfolgs. Das Grundprinzip, das uns von vornherein als Führer gedient hat ist das der Arbeit. Ueberzeugte Gegner jeder Wohlfahrtspflege und Philanthropie haben wir unser Werk nur auf die Arbeit gestellt, körperliche, geistige, produktive Handarbeit: Arbeit jeder Art ist das Ideal geworden, dem die ganze Jugend zustrebt und auf die jedermann in Tel-Aviv stolz ist. Wenn man mich fragt, von was die Bevölkerung in Tel-Aviv lebt, antworte ich mit Stolz: „Von der Arbeit!“ Alle unsere Gebäude, alle unsere Strafien sind durch jüdische Hände errichtet: jährlich wächst das im Bauuesen investierte Kapital um mehr als zwei Millionen Pfund, von dem fast die Hälfte denMüdischen Arbeitern zufällt. Es gibt keine Bettler in Tel-Aviv, die ganze Bevölkerung ist glücklich. ihren Lebensunterhalt durch ihre eigene* Arbeit zu erwerben und von niemand abhängig zu sein, als von sich selbst. So konnten wir, treu unserem Prinzip der Arbeit, die Philanthropie ausschlieflen und uns damit von jeder Politik freimachen, die mit Wohltätigkeit zusammenhängt. So kommt es. daß von dem materiellen Wert, den die Stadt zur Zeit in der Höhe von etwa 5« Millionen Pfund Sterling repräsentiert, nur ein kleiner Bruchteil der Mithilfe des nationalen Fonds zu verdanken ist, während der Rest durch privates Kapital und private Initiative geliefert wurde. Eine der Ursachen, die erheblich zu dem glänzenden Erfolg Tel-Avivs beigetragen hat. ist die Tatsache, daß diese Schöpfung gleichermaßen vom Materialismus wie vom Idealismus getragen wird. Während bei anderen ähnlichen Unternehmungen der einzige Zweck die Besserung der materiellen Lage der Kolonisten gewesen ist, ein Zweck, der nicht ansreicht, um die menschliche Natur zu ändern, sahen hier die jüdischen Pioniere, die gekommen wären, für sich eine Stadt zu errichten, eine zweifache Aussicht vor sich: Die, ihre eigene ökonomische Lage zu verbessern und eine Heimstätte für ihr Volk zu errichten. Diesem Zusammenwirken materieller Wünsche und ideeller Visionen, die die Begeisterung der jüdischen Massen entfalten, entsprangen die eiserne Kraft und die Opferbereitschaft. Das Wunder von Tel-Aviv wäre unmöglich ohne den glühenden Glauben seiner ersten Pioniere. Ein anderer Grund des Erfolgs liegt in dem demokratischen Svstem der Verwaltung. Schon unter der türkischen Herrschaft haben wir eine Satzung uüsgearbeitet, nach der alle Mitglieder des Stadtrats durch gleiche, geheime Proportional wähl gewählt werden müssen: die Frauen haben das aktive und l>assive Wahlrecht. Alle Fragen werden besprochen ..Wenn eine Stätte, die neun Jahrhunderte besteht, zu uns spricht, dann hört diese Stätte auf, ein bloßer Anblick zu sein, dem sich das Auge: zuwendet. Dann wird sie ein Symbol, ein Sinnbild. Sie kündet von dem. was auf ein Bleibendes im Wandel der Geschichte weist. Neun Jahrhunderte: das bedeutet Adel, und wenn es uns in diesen Tagen ein Bedürfnis wird; vom Bild des Tages zum Sinnbild des Bleibenden uns hinzuwenden, uns über den Tag zu erheben, Jahrhunderte zu uns sprechen zu lassen, wenn in solchen Tagen ein Verlangen in uns lebendig wird, so ist es das Verlangen nach Adel, nach Noblesse. Von deutschem jüdischen Adel spricht diese Stätte. Adel ist kein Aeußerliches: Adel ist immer ein Geistiges. In jedem Land und in jeder Zeit und Ge schiaite hat es Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen Menschen verschiedener Art und verschiedenen Gepräges gegeben. Jede Auseinandersetzung ist schließlich zum Segen geworden, wenn sie erfüllt und belebt war von Adel, von Nyblesse, wenn Adelswille und Adelsfähigkeit aus ihr sprachen. Wir deutschen Juden, wir sollten es uns. und nicht zum mindesten in diesen Tagen, so gesagt sein lassen. Vergessen wir nicht, was es bedeutet, daß Generationsreihen eines Adels, der verpflichtet, eines Adels aus neun Jahrhunderten zn uns spricht. — Adel der deutschen Juden: das ist das Symbol. das in dieser Stunde sich an unser Denken wendet. Und neun Jahrhunderte des Gotteshauses; sie bedeuten Heimat. Ein Bund ist in dieser Stätte und durch sie geschlagen, der Bund zwischen Heimat und Geist. Heimat ist der gemeinsame Bo und beschlossen im Schoße des Stadträts, dessen Sitzungen öffentlich sind. Es gab bei uns nie Vorrechte und Vergünstigungen: Alle Besprechungen zwischen Verwaltenden und Verwalteten sind einfach, menschlich, demokratisch. Zwischen den verschiedenen Parteien der Stadtbevölkerung hat immer ein absolutes gegenseitiges Vertrauen geherrscht. Die unvermeidlichen Konflikte zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Besitzern und Mietern, selbst zwischen Parteien und Klassen wickeln sich bei uns natürlich und friedlich ohne Gewalt ab. Um das Bild zu vervollständigen, muß man hinzufügen. daß neben den unvergleichlichen Anstrengungen auf dem Gebiete der Arbeit und Produktion Tel- Aviv eine sehr beachtenswerte Aktivität auf kulturellem Gebiet entfaltet, in Erziehung. Literatur. Theater, Musik. Hier einige Ziffern: Bei einem Bildet von jährlich 275 000 Pfund Sterling gibt unsere tadtverwaltung ungefähr 50 000 Pfund für Volksschulen und Kindergärten aus: unsere Verlagsunternehmen bringen jährlich 500 bis 600 neue Bücher heraus. Originale und Uebersctzungen. Zahlreiche periodische. Tages-, Wochen- und Monatsblätter erscheinen hier, den verschiedenen Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung tragend: Politische, ökonomische Nachrichten, pädagogische Fragen. Kunst, schöne Literatur usw. So sieht die Stadt aus. die die 25. Wiederkehr ihres Geburtstags feiert, eine noch junge Stadt, aktiv, voller Optimismus und Hoffnungen, die von ihr auf eine weite Umgebung nusstrahlen. den, der diese Tausende von Menschen trägt und nährt: Geist ist das Mannigfache und verschieden’ Geformte, die besondere Weise der Menschen. Das ist das Bündnis, aus dem alles Große und Bleibende hervorgegangen ist, dieser Bund zwischen Heimat und Geist, zwischen dem Boden und diesem Geprägten, diesem Besonderen.. Das ist es, was uns als Eigenes gegeben ist und uns bleiben wird, wohin immer ein Schicksalsweg uns führen möge — diese Verbindung von deutschem Boden und j ü - disdiem Geist. Ein weiteres noch ist das Sinnbildhafte, das Symbolische aus dieser Stunde. Worms, „jüdisdies Worms“; es hat die Bedeutung erlangt: Sinn für die Gemeinschaft. Sinn für Ordnung. Und Ordnung bedeutet immer Einordnung und Unterordnung. Ein deutscher Jude, dem eine Partei, eine Genossenschaft mehr gilt als das große Ganze, als dieses Gemeinsame, das die Zeit der Not doppelt und dreifach fordert, der ist kein deutscher Jude, der ist dem. Geist von Worms untreu geworden. Ja, das ist Worms, das jüdische Worms für uns. das ist das Gebot für uns. das aus dem Symbolischen dieser Stunde zu uns spricht — Einheit. Gemeinschaft, die Kraft sich einordnen. sich unterordnen, das Kleine als klein erkennen und das Kleinliche damit überwinden und sich einfügen in das Große, das gemeinsame Ganze. Das ist der Geist von Worms. Darum haben die Wünsche voller Dankbarkeit und Verehrung, diedieReichsvertretung der deutschen Juden der Gemeinde Worms, der Hüterin dieser Stätte, der Hüterin ihres Symbolhaften, der Hüterin ihres Geistes, darbringen will, ihr ganz Persönliches und ihr Eigene >. De^nn du* soll und will ja die Reichsvertretung der deutschen Juden sein: Verwirklichung des Geistes des j ü d i s ch e n Worms, des Geistes von Worms und Mainz und Speyer, dieses Adelsstolzes, der deutschen Juden. Wenn irgend jemand, so darf die Reichsvertretung der deutschen Juden mit dem wahren Worms, de m Worms, von dem diese neun Jahrhunderte sprechen, sich innig und innerlich verbunden wissen. Es ist eine eigene Stimmung, die aus diesen Tagen ap dieser Stätte uns ergreift. Wenn es zu uns spricht dieses Gotteshaus zu uns deutschen Juden, daun sind wir in der Seele gewiß, gewiß im Bewußtsein unseres Adels, gewiß im Bewußtsein des Bundes von Geist und Boden, gewiß in unserem Willen zur Einheit und zur Gemeinschaft. Dann werden wir auch das Wort sprechen dürfen, das vielleicht so stolz klingt, aber doch tiefste Demut ist: „Ein G e s ch I e ch t geht und ein Geschlecht kommt, aber das Volk, das auf dem Boden de r Ewigkeit steht, Israel, wird i nt in e r bleiben.“ Das ist das Wort aus nenn Jahrhunderten, die aus dieser Stunde zu lins sprechen.“ Der „Darschan*. Eine Aufgabe für die jüdische Großstadtgemeinde. Der Gedanke,.den ich heute l\ier vertreten will, kam mir während eines Telefongesprächs, und seine Rechtfertigung begegnete mir am gleichen Tage in einem kleinen Spruch. Das Telefongespräch führte ich mit einer besorgten Mutter, und der Spruch stammt aus der alten Zeit, in der die großen Talmudschulen der babylonisch-jüdischen Siedlungen blühten. Jenes Gespräch nahm seinen Ausgang von der/ Schilderung einer familiären Situation, die heute für zahlreiche jüdische Eltern in ganz Deutschland Geltung haben dürfte. Ein elfjähriges kleines Mädel in einer kleinen Stadt leidet bitter unter dem Besuch der öffentlichen Schule, in die es zu gehen gezwungen ist. Und die Mutter fragt voll Schmerz und Angst:* „Wie kann ich dem Kind helfen?“ Sie fühlt die Richtung. aus der sie dem Kinde die Kraft holen kann und holen soll, aber sie braucht einen Menschen, der ihr dabei zur Seite steht, der die Unbelehrte mit seinen Kenntnissen und seinem Zuspruch unterstützt. Und der Spruch: „Tagtäglich sendet Gott seine Engel aus, um die Welt zu zerstören: doch ein einziger Blick Gottes auf die Schulkinder und die Gelehrten genügt, um seinen Zorn in Erbarmen zu verwandet n.“ Auch d i e Situation dürfte uns begreiflich sein. Hier formte das Bewußtsein von einer Welt, in der das Judentum immer nur Verfolgungen zu erdulden hatte, in der dem Juden die Heimatlosigkeit das harte Leben, die Zukunftslosigkeit seines Daseins unter den Völkern als Joch auf den Schultern lag, das aunkle Sinnen über die zwiespältige sündhafte Welt, in der das Böse übermächtig ist. das Staunen darüber, daß diese Welt immer noch dauert. Und unsere Väter fanden die Antwort im Angesicht ihres heiligen Besitzes an Kindern: in ihren Kindern lag der Anruf, die Lehre und die Verpflichtung des Judentums weiter zu geben: in den Kindern lag ihnen die Gewißheit des göttlichen Erbarmens, das sich täglich erneut und bis zur Stunde der Erlösung über der Welt Gnade leudhtetrln ihren Kindern -- und in ihren Lehrern. Das ist eine Erkenntnis. die sich schon in den ersten Tagen jenes April weithin durchgesetzt hatte und die sich in den anhaltenden Diskussionen über das jüdische Schulwerk, detrAufbau und Ausbau rein jüdischer Schulen, mit jüdisch gerichtetem Lehrplan, entsprechendem Volk auf dem Boden der Ewigkeit. Die Rede Rabbiner Dr. Baecks zur Neunhundertjahrfeier der Wormser Synagoge. 'ÜclauAszed und Zport-änrüge. Sport-Saccos, Sport-Hosen Wochenend Leinen-Kleidung, Hochsommer-Kleidung