Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- XI (1934-1935)
- Issue
- 5 (1.6.1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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DeJ Zusammenschluß der jüdischen Jugend Deutschlands. Von Dr. Friedrich Brodnitz, Berlin, Vorsitzender des Reichsaossdiasses der jüdischen Jugendverbände. Die jüdische Jugend Deutschlands hat sich schon im Jahre 1924 im „Reichsausschuß der j ü d i - scfaen Jugendverbünde'' einen organisatorischen Halt geschaffen, der sich in der Arbeit der letzten Jahre aufs beste bewährt hat. Sie ist mit diesem Zusammenschluß einen Weg gegangen, den die großen jüdischen Organisationen und Institutionen jetzt in der Reichsvertretung der deutschen Juden nachgegan- ■ gen sind. Sie ging dabei yon dem Gedanken aus. die gesamte jüdische Jugend, ohne irgendeinen Eingriff in die innere Arbeit und Richtung der Bünde vorzunebmen. zusammenzuschließen zu gemeinsamer Vertretung und einheitlicher Arbeit in sozialen Aufgaben. Heute ist dem ..Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände“ die überwältigende Mehrheit der organisierten jüdischen Jugend angeschlossen. Aussichtsreiche Verhandlungen mit den noch Außenstehenden lassen hoffen, daß in Kürze die gesamte organisierte jüdische Jugend ihre Vertretung im Reichsausschuß sehen wird. Der „R.eichsausschuß der jüd. Jugendverbünde“, der früher in Form einer Vertretervereinigung aller größeren Jugendorganisationen organisiert war, hat vor einigen Monaten eine Umgestaltung erfahren. An die Stelle des zu großen Gremiums ist ein kleiner Führerrat getreten, in dem alle wichtigen Richtungen vertreten sind, der aber bei der Kleinheit des Kreises ein praktisches Arbeiten sichert. Er besteht aus dem Vorsitzenden Dr. Friedrich Brodnitz, dem Geschäftsführer Ernst Stillmann, sowie fünf Spartenführern. Die bündesdie Sparte wird durch George Pape (Bonim), die Sportsparte durch Dr. Hans Friedenthal (Makkabi), die Sparte für Berufsumschichtung durch Dr. Epstein (Verband der jüdischen Jugendvereine), die religiöse Sparte durch Heinz Kellermann (Bund deutsch-jüdischer Jugend) und Rudolf Leibowitz als Delegierten der gesetzestreuen Jugend vertreten. Die Arbeit des Reichsausschusses hat nun in letzter Zeit nach außen wie nach innen an Bedeutung gewönnen. Nach außen dadurch, daß der Reichsausschuß durch die Jugendführung des Deutschen Reiches1 als die alleinige verantwortli che S p i t z 0 n - Organisation der jüdischen Jugend bestätigt worden ist. Die Jugendführung des Deutschen Reiches hat erklärt, in allen iAngelegenheiten der jüdisdien Jugend nur noch mit der Führung des Reichsausschusses verhandeln zu wollen, und sic hat gleichzeitig ihre Lundes- und Provinzialbeauftragteil angewiesen, nur mit den entsprechenden Vertrauensleuten des Rcidisausschusses im Lande zu verhandeln. Damit ist der Reichsausschuß zur offiziellen Vertretung der jüdischen {ugend Deuts ch lands gegenüber der ugendführung des Deutschen Reiches geworden. Bei der außerordentlichen Bedeutung, die der Jugendführung des Deutschen Reiches von Regierung und Behörden eingeräumt wird, eröffnet sich hier ein großes und verantwortliches Tätigkeitsfeld für die Führung des Reichsausschusses und die Landes- und Ortsausschüsse. Die Jugendführung des Deutschen Reiches hat ferner dem Reichsausschuß der Jüdisdien Jugendverbande die Berechtigung erteilt, Führerausweise auszustellen. In den nächsten Wochen werden alle Führer von Jugendgruppen, die dem Reichsausschuß angeschlossen sind. Lichtbildausweise erhalten, die neben den Personalangaben und der Berufszugehörigkeit eine faksimilierte Wiedergabe des Berechtigungsschreibens der Reichsjugendfünrung enthalten. Damit wird jeder dieser jüdischen Jugendführer die Möglichkeit haben, sich jederzeit Behörden und amtlichen Stellen gegenüber als verantwortlicher Führer einer der Reichsjugendführung gemeldeten und von ihr zufelassenen Jugendgruppe auszuweisen. Die Ausgabe ieser Ausweise belastet den ausstellenden Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbändi mit einer großen Verantwortung. Es ist zu hoffen, daß die Bünde bei der Auswahl ihrer Führerpersönlichkeiten mit besonderer Sorgfalt vorgehen werden. In einem Veipflichtungsschein, den jeder Ausweisinhaber unterzeichnen muß. ist zum Ausdruck gebracht, daß sich jeder Jugendführer als verantwortlicher Vertreter der gesamten jüdischen Jugend in seiner Arbeit und in seiner Haltung fühlen muß. Neben diesen Aufgaben der Vertretung nach außen sind gleichzeitig die innerhalb der jüdischen Jugend zu leistenden Aufgaben erheblich gewachsen. Die gesellschaftliche und berufliche Umwälzung der letzten Monate hat sich naturgemäß unter der jüdischen Jugend besonders stark ausgewirkt. Die siai daraus ergebenden Probleme können nur in gemeinsamer Arbeit gelöst werden. Dies gilt besonders stark von den heute im Vordergrund aes Interesses stehenden Schul- und Erziehungsfragen. Die jungen Menschen aller Richtungen sind siai ohne Rücksicht auf ihre sonstige Einstellung zu jüdischen Fragen über die Notwendigkeit einig, ein einheitliches jüdisches Schulwerk in Deutschland aufzubauen. Die Beteiligung der jüdischen lugend an diesen Aufgaben ist auch äußerlich dadurch zum Ausdruck gekommen. •41 — Die Stimmen klingen fort.... Von Bez.-Rabbiner Dr. An blumengeschmückten Altären feiert Israel alljährlich am Offenbarungsfeste die größte Stunde der Weltgeschichte. Was damals die Seelen erschütterte, erklingt noch heute, ln zehn Worten ist damals am Sinai die sittliche Welt der Menschheit ins Dasein gerufen worden. Aber nicht nur auf dieses folgenreichste Ereignis im Werdegang der Völker wird unser Blick gelenkt. Die kleine Dorfidylle des Ruthbüchleins mit ihrer Erntefreude und ihrem Sichelklang wird uns zur Lesung empfohlen, und der sinnige Leser entdeckt schließlich: Im Rahmen der friedenuni hauchten Erzählung wird das Wesen der Gotteslehre uns an ihrem Geburtstage enthüllt. Wir erleben da Menschen, die vom Geiste der Güte. Liebe und Gerechtigkeit erfüllt sind und das Wort des Spruchdichters von der Religion und ihrem Wirken wiederspiegeln. „Ihre Wege sind Wege der Milde!" Werktätige Güte wird von unserem Festbuch gepredigt. Elimeledi verläßt zur Zeit der Teuerung sein llcimatstädtlein Bethlehem, er fürchtet, die Armen könnten ihn zu stark in Anspruch nehmen. Die Selbstsucht treibt ihn in die Fremde: er findet dort Leid und nicht Glück. Wie anders Boas, der sich der Armen annimmt und sie zu seiner Erntefreude einlädt. Seine Geistesverwandte ist Noomi. die sich in hingebender Liebe der jungen Witwe widmet und dafür von Ruth mit jener Treue beglückt wird, die das Hohelied der Liebe betätigt: »Dringe nicht in mich. Dich zu verlassen und von Dir zu gehen. Wohin Du gehst, da gehe ich hin. und wo Du weilest, du weile ich. Dein Gott ist mein Gott. Dein Volk ist mein Volk. Und sollte unserer eigenen Not nicht auch eine wachsende Bruderliebe entsprechen? Sollten wir uns jetzt nicht unserer deutsch-jüdischen Vorfahren erinnern, die in Zeiten der Verfolgung nicht nur Vorbilder nie wankender Glaubenstreue waren, sondern Muster und Meister opferwilliger .\ntcil: nähme gegenüber den Verfolgten und Vertriebenen, denen sie nicht nur den Friedensgruß boten, sondern eine stillumfriedete Heimstätte im eigenen Hause zu schaffen suchten. Liebt im Ruthbuche ist nicht vorübergehende Stimmung, sondern bleibender Grundgehalt der Seele. Boas grüßt nicht nur seine Arbeiter mit freundlicher Beermanq, Heilbronn. Brüderlichkeit, sondern behandelt sie nach den Gottesforderungen. Stets ist sein‘Tun erfüllt von Rücksicht auf die soziale Thora: Du darfst Deinen Nächsten nicht drücken, darfst ihm den Lohn nicht vorenthalten. Du mußt ihm die Sabhathruhe sichern. Nicht nur Ruth gegenüber dürfte er freundlich und rücksichtsvoll gewesen sein, sondern an allen Armen und Fremden wird er die Gesinnung bekundet haben, die in dem Gebote waltet: ..Liebe den Fremdling — ihr wäret ja auch einmal Fremde! Dieser Boas ging nicht in den schweren Tagen der Heimsuchung wie so mancher aus seiner Heimat. Er wollte mit der Kraft, mit der ihn Gott gesegnet hat, mit der ihm von Gott geschenkten Habe Bedrängten und Bedrückten ein treuer Helfer werden. So ist ja auch unter uns so mancher, der der ehernen Notwendigkeit gegenüber, die uns belastet und umspannt, seine von Gott gestellte Aufgabe darin erblickt, die Not zu wenden, oder wenigstens, soweit er kann, sie zu lindern, und wenn auch dies nicht möglich ist. eine Quelle seelischer Stärkung und Tröstung den Leidbeschwerten zu werden. Und zur Liebe die Gerechtigkeit! Boas fragt sich, als es gilt. Noomis Feld auszulösen, ob kein näherer Verwandter da ist. dieses Recht zu üben. Der Glaube an die gerechte Gotteswaltung durchzieht das ganze Buch. Boas findet in einem späten Eheglück seinen Lohn für~3ie Betätigung gütigen Sinnes, die edle Rüth wird Gattin eines gleichwertigen Mannes und Noomi darf sich heranblühender Enkel freuen. Gewiß tritt im Leben die göttliche Gerechtigkeit nicht immer zutage, aber im Lichte des ewigen Lebens, das Gott in uns gepflanzt hat, schauen wir den Ausgleich in einer geistigen Welt, wo Tugend und Schicksal miteinander in Einklang gesetzt werden. Aber auch auf Erden gilt das Wort: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ Die Bibql tut bei Ruth nicht, was sie sonst bei ihren weiblichen Helden hervorhebt. Sie feiert nicht die Schönheit dieser davidischen Stammutter, trotzdem sie zweifellos von bestrickendem Liebreiz war. Sie preist ihre Güte. Darum wird sie Ahnfrau Davids, dessen spater Erbe einst das erwartete Gottesreich der Liebe auf Erden begründen wird. Gutscin ist mehr als Schöns e i n. daß der Ausschuß für Erziehung und Unterricht, der bei der Reichsvertretung der deutschen Jugend errichtet worden ist. zwei Vertreter des Reichsausschusses der jüdischen Jugend verbände aufgenommen hat. Neben der Sorge für die schulpflichtige Jugend tritt' als wichtigstes und entscheidendstes Problem * die Frage der Unterbringung der berufsreifen Jugendlichen. Der Führerrat des Reichsausschusses ist sich in seiner letzten Sitzung darüber klar geworden, daß die Kräfte der jüdischen Jugend selbst in einer ganz anderen Weise, als es bisher geschehen ist, für die Fragen der Berufsumschichtung und Berufsberatung freigemacht werden müssen. Er hat daher einen besonderen „Fachausschuß für Berufsumschichtung und Berufsberatung" eingesetzt, der unter der Führung von Fritz Schwarzschild steht und facherfahrene Menschen aller Richtungen in sich vereinigt. Das Arbeitsgebiet dieses Ausschusses ist ein doppeltes: es sollen die Kräfte der jüdischen Jugendorganisationen zur Bewältigung dieser großen Probleme eingespannt werden, und es sollen die Wünsche und Forderungen geklärt werden, mit denen die jüdisdien Jugendorganisationen an die mit Berufsberatung und Berufsumschichtung befaßten amtlichen jüdischen Stellen herantreten. Die Arbeit des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände auf den angeführten praktischen Arbeitsgebieten könnte nicht geleistet werden, wenn sie nicht von einer starken inneren Ueberzeugung getragen würde. Die jüdische Jugend Deutschlands, die im Reichsausschuß zusammengefaßt ist. ist gewillt, ohne Verwischung der natürlichen Gegensätze zu zeigen, daß über alles Trennende hinweg geschlossene^ Einheit des deutschen Judentums das Gebot der Stunde ist. Der Reichsausschuß kann darauf hinweisen. daß diese Einheit der Arbeit keine neue Forderung, sondern die Frucht zehnjähriger gemeinsamer Arbeit ist. Berücksichtigung dea—wirklichen Interesses jeder im Reichsausschuß vertretenen Richtung ist dort immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, sie hät aber nie und wird auch hoffentlich me zu einer Zersplitterung führen, weil das Bewußtsein der Einheit des Schicksals und des Zukunftswillens der jüdischen Jugend immer stärker als alles Trennende gewesen ist. So kann die Organisation gemeinsamer Arbeit im Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände dem gesamten deutschen Judentum als Vorbild dienen. Die Aufgaben, die heute und in Zukunft zu bewältigen sind, sind so groß, daß keiner von uns wissen kann, ob wir sie werden bewältigen können. Jede Lösung aber hat einheitlichen Zusammenschluß aller Kräfte des deutschen Judentums zur Voraussetzung, wie sie von der jüdischen Jugend durch geführt worden ist und wie sie dem gesamten deutschen Judentum zu wünschen ist. Aus der Arbeit des Hilfsvereins der Deutschen Jujäen] im Jahre 1933. Dem soeben erschienenen kurzen Besicht des Hilfsvereins der Deutschen Juden ist den nachstehende Auszug entnommen. In Uebereinstininiung mit den zentralen Organisationen in Deutschlünd führte der Hilfsverein im Jahre 1933 die Auswahdererfürsorge weiter, die seit Anfang des Jahrhunqerts in seinen Händen lag. 1 Ende Mürz begann die Zahl der Personen, die sich an den Hilfsverein und an Komitees! im Reich um Rat und Hilfe in Auswanderungsangelegenheiten wandteji. zu steigen. In den folgenden Monaten erschienen täglich dreihundert und mehk Ratsuchende. Es war unmöglich, sie alle im Büro des Hilfsvereins: Martin Luther-Straße 9t. abzufertigenj es wurde daher eine besondere Beratungsstelle im Hause Oranienburgerstrafie 31 eingerichtet. Außer ddn Hilfesuchenden aus Berlin fanden sich tätlich solche aus verschiedenen Städten im Reiche ein. In immer größerem Maße häuften sich die brieflichen Anfragen in Auswanderungsangelegenheiten: in manchen Monaten überstieg ihre Zahl dreitausend. Im Zusammenhang hiermit wurde eine ununterbrochene lebhafte Korrespondenz mit den Komitees und Vertrauensleuten des Hilfsvereins, mit den neu geschaffenen Stellen für Hilfe und Aufbau bei den jüdischen Gemeinden und mit den Hilfsorganisationen im Auslatid geführt. Die Auswandererschutzkomitees des HilfsVereins in Hamburg und Bremen haben sich der durchwandernden Ueberseepassagiere angenommen, sowie Wanderer anderer Kategorien betreut. Wenn maln die Familien- __hinzurechnet, so waren es mindestens sechzigtausend Menschen, denen der Hilfsverein und die Komitees, die mit ihm in Verbindung standen, im Laufe des vergangenen Jahres Rat uyd Auskunft zu erteilen hatte. Zur Information über die Verhältnisse in den Einwanderungsländern gab der Hilfsverdin sein „Korrespondenzblatt über Auswanderungs- und Siedlungswesen“ im Jahre 1933 zweimal heraus. Das erste erschien im Februar, es behandelte eine ndvierzigeuropäische und überseeische Länder. Naci diesem Korrespondenzblatt bestand so starke Nachfrage, daß es nachgedruckt werden mußte. Im Lau!e der Somraer- Aus unserer Maß-Abteilung: Maß-Anzüge Mk.125.- 140.- 150.- 160.- In erstklassiger Ausführung und bester Verarbeitung Clas