Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 23
- Date
- 1934-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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- 209 - ZUM PURIMFEST „Dorum feiern die Jehudim des flachen Landes, die in den offenen Städten wohnen, den vierzehnten Tag des Mönats Adar. als Tag der Freude und des Mahls und als Festtag und schicken Goben Einer dem Andern. Und Mardechai schrieb diese Begebenheiten auf, und sandte Briefe an alle Jehudim, in allen Landschaften des Königs Achaschwerosch, die nahen und die fernen: daß sie für sich bestätigten zu feiern den vierzehnten Tag des Monats Adar, und den fünfzehnten Tag desselben Jahr für Jahr. Darum nannte man diese Tage Purim, nach dem Nomen Pur; deswegen wegen all der Begebenheiten dieses Briefes, sowohl dessen, was sie erlebt dadurch, als was zu ihnen gelangt ist, bestätigten und nahmen die Jehudim auf sich und auf ihre Nachkommen, und auf alle, die sich ihnen anschließen, daß es keiner ,übertrete, zu feiern diese beiden Tage nach der Vorschrift und nach ihrer Zeit, Jahr für Jahr. Und es bleiben diese Tage im Andenken, und werden gefeiert in jeglichem Zeitalter, jeglichem Geschlecht, jeglicher Landschaft und jeglicher Stadt; und diese Tage der Purim vergehen nicht unter den Jehudim. ünd ihr Gedächtnis ende* nicht bei ihrem Samen." Au4 drm BnA Caktr Kap IX. Vrtt 19-22 und 20-29. onläfiiith des Purim festes (I Män 1934) Unsere Gemeinde. Von Rabbiner Dr. Leo Baeck, Berlin. KUr uns deutsche Juden bedeutet heute die Gemeinde mehr denn je. Seit altem schon ist sie den Ihren immer wieder Zuflucht und Halt geworden, beruhigend und bergend, wie eine trauliche, engere Heimat inmitten der großen. Wenn uns Juden Heimatsinn. Heimatliebe, diese seelische Verbundenheit mit dem Boden, der unsere Kindheit trug, mehr vielleicht als vielen anderen im Lande zu eigen ist, so daß wir. über alle Trennung im Raum und über alle Kntfernung der Tage mit dieser Stätte unseres werdenden Daseins verwachsen bleiben, auch dieses Heimatsgefühl wurzelt zu einem wesentlichen in der Gemeinde. Eis bleibt in uns tiefer und stärker, wenn unsere beginnenden Jahre von einer Gemeinde umfaßt und umhegt waren. Abe r heute ist uns unsere* Gemeinde noch mehr: sic* ist uns fast wie ein Heim, wie ein schützendes Haus. Eiine Geborgenheit inmitten so mancher Eiin samkeit, eine Beruhigung in aller Unrast ist uns durch sie gegeben Eis ist, w ie wenn jetzt so viele von uns einander erst fänden, einer dem anderen auch innerlich näher gerückt werde. Und mehr denn je will so mancher in seines Daseins Bedrängnis oder in seiner Seele Notdurft dies heute erfuhren, daß kein Jude verloren oder verlassen ist, solange es seine Gemeinde gibt. Die große Zuversicht, diese Hilfe, die uns so nottut gegen Verzagen und gegen Verbitterung, der Glaube an einen Weg. an eine Zukunft, will durch die Gemeinde immer neu werden. Dem Juden, der ohne sie wäre, der neben ihr stehen wollte, würde auch sein Menschentum beeinträchtigt werden, sein Seelisches sich verengen. In der Gemeinde leben, das gewinnt heute den ganzen Gehalt, den vollen Ton. Wie sollte ein Jude heute leben, in seinem Menschentum leben, wenn er das Bewußtsein von seiner Gemeinde nicht hätte. Wer heute mit seiner Seele, mit seinem Opfer, mit seiner Hoffnung außerhalb der Gemeinde bliebe, der wäre — dies Wort in seinem absprothenden Sinne genommen — der Ghettojude. Damit erwachsen der Gemeinde, fast von Monul zu Monat, neue Aufgaben. Sie soll den Rani», die Hilfe und die E-ingliedcrung für das gewähren, worin wir alle, die Alten und zumal die heran wach sende Jugend, unser Menschentum bewähren können oder, mit’anderen und doch dasselbe besagenden Worten, für alles das. was Gottesdienst sein kann. Vieles, was einst neben ihr den oft weiten Platz hatte, verlangt jetzt in ihr die sichere Stätte. Sie. die sich einst inmitten eines vielgestaltigen Lebens vielleicht hatte beschränken dürfen um] sich damit begnügte, der Anducht, der Predigt, dem Religionsunterricht und dem Wohltun an Lebenden und Toten einen Bereich zu .schaffen, soll jetzt Gemeinde des jüdischen Lebens sein. Es darf von ihr erwartet werden, daß sie zu all dem Alten so viel des Neuen in sich einfüge: Erziehung. Schulung und Bildung, ja auch Erholung. Ausspannung, Erhebung durch die Kunst, und in diesen gestaltet sich ja das Wesen des Menschen meist noch mehr als in seiner Arbeit. Damit wird unsere Gemeinde nicht etwa verweltlicht — das Judentum kennt ja keine .Scheidung von Bezirken der Religion und Bezirken des Lebens —: vielmehr kann vieles, was bisher oft weihelos und würdelos war, nun eine Weihe und eine Würde empfangen. Nur wenn politisches Trachten, parteiische Einseitigkeit sich dessen bemächtigen wollte, dann würde unsere Gemeinde verweltlicht und entweiht. Nur dann bestände auch die Gefahr, daß an Stelle eines schaffenden Aufbauens ein geschäftiges Getriebe träte. Zur geschichtlichen Aufgabe unserer Gemeinde ist es geworden, Lebensgemeinde zu sein. Damit ist ein Letztes noch gesagt. Pflichten, die aus dem Ernste der Zeit geboren sind, lassen Grenzen und Sonderungen zurücktreten und fordern die Gemeinschaft. die Einheit. Wir sind jüdische Gemeinden auf deutschem Heimatboden, jede mit ihrer Art, jede mit ihrer Sorge, ihrem Leid und ihrem Gebot. Aber über all dem Verschiedenen steht die eine, uns allen uuferlegte gleiche Not. cor uns allen die ei ne gleiche* Aufgabe. Not und Aufgabe führen uns zusammen, enger denn je. Wir können heute nur die eine jüdische Gemeinde im deutschen Lande sein, die eine jüdische Gemeinde ..Deutschland", die große Lebensgemeinde. Das zu cerwirklichen, dem seine Weihe zu geben, das tritt cor uns als die heilige Mahnung bin. als Zeichen unserer Geschichte. Eine bedeutsame Erklärung des Beirats der Reichsvertretung* Der Beirat der Reichsvortrrtiiiig der deutschen Juden trat um Sonntag, den II.Eebruar tl. Js„ zu seiner ersten Sitzung in Berlin zusammen Von Stuttgart war der stellvertretende* Präsident des Oberruts. Leopold I. e c i. unw esenel. Die Verhandlungen wurden con dem einmütigen Willen getragen, der heutigen Notzeit des de utschen Judentums mit jüdischer Solidarität zu begegnen. Allseitig wurde* betont, daß die Reichsvertretung der Zustimmung der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit sicher sein darf, wenn sie den Einheitswillen des deutschen Judentums in der praktischen Arbeit verwirklicht und ihn notfalls gegenüber Widerständen mit Festigkeit durchsetzt. Folgende von den Herren Justizrat Julius Brcldnitz. Professor Martin Bubor. Dr. Georg Hirschland. Rabbiner Dr. I luhn-E'ssen. Dr. Ilommel-Schweinfurt. Rabbiner Dr. Horovitz-ETankfurt u. M . Albert Joseph- Landau. Hannah Karminski. Dr. Klee. Dr. Leo Löwen - stein, Komm.-Rut B, A. Muyer-Muinz. Oberstlandesgc* richtsrat Dr. Neumeycr, Prof. Stein - Karlsruhe. Rechtsanwalt Heinrich Stern. Max Wurburg. Kammergerichtsrat Leo Wollf eingebruchte Resolution wurde einstimmig angenommen: Die Art und Weist*, in der inne rhalb der deutschen Judeirheit in der letzten Zeit vielfach innerjüdische Auseinandersetzungen geführt worden sind, veranlaßt den Beirat der Reichste«retung der deutschen Juden zu folgender E rklärung: Die* Reichsvertretung der deutschen Juden beruht auf der Ueherzcugting, daß die Gegenwart über alles Trennende im Weltanschaulichen hinweg in der praktischen Arbeit die geschlossene Einheit des deutschen Judentums gebietet. Mag diese in sich auch noch so stark gegliedert sein, keine Richtung darf hoffen, durch rücksichtslose Vertretung einseitiger Grundsätze und Interessen auch nur so viel zu gewinnen, wie eine Zerspaltung des deutschen Judentums der Gesamtheit, aber auch ihr selbst, schadet. Alle Kräfte müssen dem einen Ziel dienen, daß jeder deutsche Jude im Vatcrlunde nicht nur seinen I.ebensraum findet, sondern seine jüdische leberzeiigiing auch offen und frei bekennen und betätigen kann. Die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen we ltanschaulichen Strömunge n, die nicht unterbunden werden sollen, dürfen die durch die notwendige Solidarität gezogenen Grenzen nicht überschreiten. Der Beirat fordert deshalb die Kcichsvertrctnng Amtl. Bekanntmachungen. Stuttgart, 23. Februar 1934. Isr. Oberrat. Nr. 600. Beil. 0. An sämtliche > Vorsteherämter, Rabbiner und Religionslehrer. Am Sonntag, den- 25. Februar 191t, findet laut Anordnung der Reichsregierung der Volkstrauertag und Heldengedenktag für die Gefallenen des Krieges statt. Wir ersuchen, am Sabath vorher, also ant morgigen Sabbath, den 24. Februar 1934, des Tages im Gottesdienst zu gedenken. Wir verweisen dabei auf den ersten Absatz des Erlasses vom 1?. Oktober 1913, Nr. 2687. L V.: Le v L der deutschen Juden auf. eine Einrichtung zur Schlichtung von Streitfällen zwischen jüdischen Verbänden. Gruppen. Institutionen und Zeitungen zu schaffen. Die Reichsvertretnng darf aber auch äußersten Falles nicht zögern, der jüdischen Oeffentlichkeit den bekannt zu geben, der gleichwohl fernerhin den Frieden und die* Einheit der deutschen Judenheit gefährdet. Einer würdigen Zukunft des ganzen deutschen Judentums soll unsere Arbeit gewidmet sein! Die jüdische Schule in Stuttgart. Gemeindeversammlung am 17. Februar 1914. Das Israel Gemrindevorsteheraint hatte die Ge meindemitglieder zu einer Versammlung eingeladen, um über die Errichtung einer jüdischen Schule Bericht.zu erstatten. Zwei sich durch Gründlichkeit und Klarheit uuszeichnende Referate gaben erschöpfende Auskunft über alle einschlägigen Fragen. Aus den Darlegungen ist von allem hervorzttheben. daß von der ursprünglichen Absicht, das Gemeindeterwaltungshuus zum Schulgebäude umzubaue». nach reiflicher Ueberlegung abgesehen und statt dessen auf dein geräumigen llof- und Gartenplatz hinter dem Verwaltungsgebäude ein Neubau errichtet wird. Wir können diesen neuen Plan nur als glücklich bezeichnen. Die Kosten des Baues sind durch Verkauf eine« Teiles des vor zehn Jahren vorsorglich erworbenen E'riedhofareals (der im Besitze der Gemeinde verbleibende Platz reicht übrigens noch für^ein halbe» Jahrhundert uns) gesichert. Der sehr gute Besuch der Versammlung bewies das große der Schulfrage entgegengebrachte Interesse. Die Ausführungen der Redner deckten sich im Wesentlichen mit den von uns zur Schulfrage bereits veröffentlichten Artikeln (siehe ..Eine jüdische Schule in Stuttgart?" von Rechtsanwalt Dr. Hermann Merzbacher in Nr. 16 vom 16. November 1931 und „Die jüdische Schule in Stuttgart“ von Anstaltsdirektor Th. Rothschild in Nr. 20 vom 14. Januar 1934). Die* \ersammlung wurde \ou Sanitätsrat Dr. Ries geleitet, der in seinen f.inführungsworten betonte, daß. seitdem die Reichsvertretung es als ihre Aufgabe betrachte, die schon vorhandenen jüdischen Schulen zu erhalten und neue zu gründen, die Frage der Errichtung jüdischer Schulen als entschieden zu betrachten sei. Es gelte, die jüdische Jugend, die ihren Mann im Kampf ums Dasein zu stellen habe, zu einfachen, bewußten, auf ihr Judentum stolzen Menschen zu erziehen. Rechtsanwalt Dr. II c* r m a n n Merzba ch e r betonte: nicht mehr das Ich. sondern die Gemeinschaft stc-he im Vordergrund. Angesichts der Struktur- . ändernng des deutschen V olkes, habe n sich auch die deutschen Juden hinter den Staat zu stellen und rückhaltlos die Tatsachen anzuerkennen. Mit Befriedigung sei festzustellen, daß die Reichs Vertretung im gleichen Sinne entschieden hübe wie das Vorsteheramt. Es gelte, die Lösung zum Aufbau eines Werkes für jetzt, und noch mehr für die? Zukunft, zu finden, und das Aufbauwerk, selbst bei geringerem augenblicklichen Bedürfnis, zu vollenden. Den als Schlagwort gebrauchten Ausdruck „Ghetto-Schule“ weise er als diffamierend zurück. Auch wenn in den öffentlichen Schulen die Rassenfrage von hoher Warte aus liehandelt werde*, drohe für die jüdischen Kinder eine Isolierung, werde eine scharfe* Trennungslinie gezogen. trotz möglicher zeitweiser Kinelerfreunelschuften. Die Gefahr, daß dadurch bei unseren Kindern Minderwertigkeitskomplexe entstehen, liege nahe und es sei deshalb Verpflichtung, eine jüdische Schule zu schaffen und die Gefahrenzone uiiszuschalteii. Die bewußte Einstellung zitm Judentum werde nie ein Hindernis sein, /.ur Einstellung zum Deutschtum. Dabei sollen, unsere Kinder nicht weltfremd erzogen. nicht ferngehulten werden -von Umwelt und täglichem Geschehen. In der Schule sollen allgemeine Fragen so beantwortet werden, wie es für das seelische Eäiipfinden des Kindes geboten sei. Probleme sollen niclit betrachtet werden vom apologetischen Standpunkt aus. sondern vom Standpunkt des jüdischen Menschen. Es werde eine Schule sein auf deutschem Boden, aufgebaiit nach deutschem Staatsgesetze. Zur F rage* der Beriifsiimschithtung meinte* der Redner. daß die meisten dabei nicht an die eigenen Kinder. sondern an die Kinder anderer denken. Das gebe ein böses Erwachen. . Die zu errichtende Schule werde fünf Klassen umfassen und mit vier Klassen begonnen werden. Das Aufbauwerk sei von unten zu beginnen. EN sei kein Bedürfnis vorhanden, die schon die Schule besuchenden Kinder aus der bisherigen Schule heraiiszunehmen. Die Schulfrage sei von den Behörden überaus dpyal behandelt und die Errichtung einer Schule genehmigt worden. Den jährlichen Etat schätzte der Redner auf 10 000 RM. Die Schule werde eine Privatschule sein, für die die Gemeinde die volle finanzielle und moralische Verantwortung übernimmt. Jedes jüdische Kind habe das Recht, die jüdische Schule zu besuchen. Von der Reichsvertretung liege eine bindende Zusage materieller Unterstützung vor. Zur Förderung der Schule werde ein Schulvereiii ins Leben gerufen (Mindestbeitrag 3 RM.). wozu bereits 130 Anmeldungen vorliegen. Tadellose Haltung werde dil* Grundlage der Schule sein. Das Kernproblem aber liege in der Person des (Fortsetzung Seite 211) Aus unserer Haß-Abteilung: Maß-Anzüge Mit. 125.- In erstklassiger Ausführung und bester Verarbeitung 140.- 150.- 160 feJRls