Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 19
- Date
- 1934-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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Jüdische Erziehung - die Aufgabe unserer Zeit! Im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“ vom Dezember 1931 veröffentlicht Prof. Dr. LI boxen die folgenden Leitsätze. In ihrer hervorragenden Formulierung stellen sie einen kraftvollen Appdll zur Bejahung des Judentums dar, der in der ganzen deutschen Jndenheit gehört werden sollte. Die Redaktion. In dieser Woche tilgte die Reichsvcrtretung der Deutschen Juden und beriet u. 11. über die brennendste aller unserer Sorgen den Unterricht und die Erziehung unserer Jugend. Du warf eines der Mitglieder die Kruge auf: ..Was ist das eigentlich, jüdische Erziehung? Gebt uns Eltern und Erziehern eine klare Anweisung, was Ihr unter der neuen jüdischen Erziehung, dem Jasngen zum Judentum versteht!" Ich will das kühne Unternehmen wagen, eine Vntwort zu erteilen, nicht im Namen des Er/iehungsansscfiussc-s der Reichsvertretung. sondern für meine eigene Person, auf völlig eigene Verantwortung. Ich schreibe nicht auf Grund einer Ideologie, eines Parteiprogramms oder System* alles das liegt mir fern ich schreibeals denkender Jude, als alter I eh rer und als Familienvater. Die Frage ist sicherlich allen aus der Seele gesprochen wird es die Antwort ebenfalls sein? Sie wird viel Kritik finden, und jede sachliche Kritik soll willkommen sein, denn so ernste* Probleme die das Wohl con Generationen he- Ireffe», können nicht subjektiv lind auf den ersten \nhic-b. sondern nur durch die vcr-lnnilni-vollc Gemeinschaftsarbeit vieler gelöst werden. Das Problem der jüdischen Erziehung ist nicht neu. es ist nur für uns deutsche Juden besonders akut ICC worden. Die Lösung des Problems kann nicht eine besondere für uns sein, sie gilt für die- Juden aller /eiten und Länder, sickann immer nur heilh-n: Erster Grundsatz jüdischer Erziehung niulT sein, da» Judentum in den Mittelpunkt der gesamten E,ziel,nt,u stellen, das Judentum bejahen. Das Judentum bejahen heißt sich als Glied jener alten Gemeinschaft fühlen, die cor Jahrtausenden an beiden Seiten des Jordan zum Volke geworden ist. dann ihr Land verloren, w iedergewoiinen und wieder verloren, sich in alle Welt zerstreut hat. aber seelisch der alten Ib-imat verbunden geblieben ist. bis vor etwa Itto Jahren die einen diese Verbitterung völlig aufgaben. die ande ren zur neuen -Besiedelung des Landes Vorschriften. Das Judentum bejahen heißt sich zu der Lehre vom Sinai bekennen, die durch Propheten. Weise und Loh rer weiter ausgebaut, von Denkern mit der Weltanschauung ihrer /eit jii Einklang gebracht, die bald mehr, bald weniger streng in Gruiidlehrcii formuliert wurde, aber in dem Glauben an den einen Gott gipfelt, der die Welt in Güte lenkt und sie der inessianischc-n Vollkommenheit entgegenführt. Das Judentum bejahen heißt , sein Leben heiligen wollen, nicht von seinen Sinnen und Gelüsten, sondern von der Stimme des Gewissens sich leiten lassen, sich in Gesinnung und Handlung dem Gebote Gottes unterwerfen, das der Prophet Micha klassisch ziisainmengefaßl hat: Recht üben, an Liebestätigkeit sich freuen und in Demut wandeln vor deinem Gott. Das Judentun) bejahen heißt die Lebensform des Judentums bejahen, die sich in seinen Einrichtungen. Satzungen und Bräuchen int Einzelleben, im Hause, in der Gemeinde entfaltet hat. heißt dein Alltag in der Arbeit, dem Sabbath und den Festen in der Feier ihre Weihe geben, dem innigen jüdischen Familienleben seine Grundlage und seine Festigkeit wahren. Das Judentum bejahen heißt sich für die Zukunft des Judentums verantwortlich wissen, sich dafür eiItsetzen, daß seine Lehre rein und lebendig fortbesteht, aber auch dafür, daß seine Menschen sich heil an Leib und Seele erhalten. daß sie in körperlicher Ertüchtigung und seelischer Reinheit in angemessener und gesunder Berufsverteilnng nützliche Bürger ihres Vaterlandes seien. Das Judentum bejahen heißt für den jüdischen Menschen Verständnis zeigen, w je er heute ist. mit seinen Schwächen und Vorzügen -- nicht nur für die kleine Gruppe, in die Geburt und Erziehung den einzelnen gestellt haben, sondern für alle, die sich zum Judentum bekennen, an seiner Forterhaltung zu arbeiten bereit sind und darum auch uns in unserer Not hilfreich ihre Arme entgegensf recken. Das Judentum bejahen heißt sich das Schrifttum des Judentums zu eigen machen, vor allem das Buch der Bücher, die Bibel, die für die Gesittung und Bildung der abendländischen Welt grundlegend geworden ist. unseren Vätern den Namen „Volk des Buches“ eingetragen hat. den letzfen Generationen aber verloren gegangen ist - neben ihm auch jenes weit verzweigte, mehr als zweitausendjährige Schrifttum, in dem das Ringen, das Denken und Fühlen, das Singen und Sagen des jüdischen Menschen Ausdruck gefunden hat. Das Judentum bejahen heißt sich in die Geschichte des Judentums vertiefen, die ein einzig dastehendes Beispiel von Stand- Von Prof. Dr. J. Elbogen, Berlin. haftigkeit und Ueberzeugungstreue bietet, das Leben einer Minderheit, die in einer fremden meist gegnerischen Umwelt einen heroischen Kampf um ihr Dasein geführt, jede Zurücksetzung auf sich genommen hat. um ihre Eigenart zu behaupten. nach den Gesetzen ihres Seins zu leben, die ungeachtet harten Kampfes ums Dasein an der \rbc-it für Kultur und Zivilisation der Mensch heil ihren redlichen Anteil geleistet hat. Das Judentum bejahen heißt in geschichtlichen Zusammenhängen denken. Vergangenheit und Zukunft verbinden, wissen, daß. wer heute über das Weh des Enkels klagt, morgen das Vorrecht des Ahns genießt, heißt darum auf die kommenden Zeiten schauen und das Gewaltige begreifen, das sich in unseren Tagen in Palästina vollzieht wo Begeisterung und Opferbereitschaft jüdische junge- Menschen befähigt, den Aufbau des I aiidc-s der Väter zu vollziehen. Pioniere eines neuen, mit der Natur und der Bodenarbeit verknüpften jüdischen Lebens zu werden. Das Judentum bejahen heißt nicht, sich von andersartigen Menschen, von fremder Bildung und Gesittung abschließen. Das Judentum lehrt die Einheit des Menschengeschlechts und gebietet, den Nebe nmenschc-n ohne Unterschied zu liebelt. Wenn das erste- Blatt der Bibel einen Schöpfungsbericht aus Babylonien verarbeitet. wenn der größte Prophet des Volkes einen .i u v puschen Namen trägt und an, ägyptischen liefe erzeigen ist. so zeigt das. daß das Jude Hum sich, nicht hinter einer Mauer gegen die Welt tbsperren und sich die Anregungen von außen f|ernhalten will. Diese la-itsätz.e ließen sich noch um eil, Anzahl 'veiniehren. jeder von ihnen kann mit zahlreichen mannigfaltigen Einzelheiten ansgestaltet, vielseitiges, inhaltsvolle- Schrifttum lebensl hellt werden. Wie einst llillel dem Prosei in- Judentum eingefiilirt worden wollte*, den heutigen Eltern und Erziehern nur irji immer wieder empfehlen: Geht hin nnd werden viel lernen und doch nie uu-lc-ru vvc-nii sicalt darüber werden, finden. Es wird nicht jedem alleneu. der eine wird dieses, der andere je» Vordergrund stellen oder vriwerfei lurth ent räftig ersten. der ii litt man mer und ernt! Sie ■n. selbst »ime|c“-niuh Neues nuni'hmhcjr erscheis in den in -cheidend und Veruntere Bejahen 1 in dein ist. daß er es mit jüdischem I ebensw illen antworttingsgc-rühl tut. I >erlich gibt cs eitzc Grenze für die Anforderungen an diese des Judentums. Sie ist kla-i-ch an-geclnic Worte clc-s Propheten Jona. „Ein Hebräer bin ich und den Ewigen, der Goll des Himmels verehre ich, der das Meer gescha/fe 7 hat und auch das Trod^enland. Wer auf die- Frage nach seiner link, oft ohne l ebc-rlegung diese Antwort gibt, vvein St.in nies-und Glaubeu-zugehörigkcit -o in I Ic-c-ch midTtiit »berge,-,, »gen sind, an dem hat die jiicEp-ein■ I Ziehung ihn- VV ii kling getan* Ein Freund spricht zu uns... Von C Z. Klötzel. Dieser hochinteressante Bericht des bekannten Journalisten — der „Jücl. Rundschau" entnommen — zeichnet in markanter Weise die geistig-seelische Situation deutscher Neuankömmlinge in Palästina. — Dem großen Dichter S eh in a r y a L e v i n . aus de ssen wundervollen Werken wir schon manches Kapitel veröffentlicht haben, wird in diesem Bericht ein ehrenvoller Lorbeer gewunden. Die Redaktion. Kann man es sich verstellen, daß Schmarjahii Lev in in Ercz. Israel einen Vortrag halten will und keine Zeitung nimmt ein Inserat darüber auf? Einen Vortrag. zu dein Hunderte kommen, obwohl es nicht möglich war. ihn au den Anschlagsäulen Tel-Awiws zu plakatieren, an denen jeder Kitsch fl Im in riesigen Lettern angezeigt worden kann? Nein, das werden die Juden in Europa -ich nicht verstellen können. Und doch i-t es hier geschehen, und das Sonderbarstedabei ist. daß Schmarjuliu Lev in selbst es als ganz natürlich empfindet, ja. daß er empört gewesen wäre, wenn dieser Bann nicht auf ihm gelegen hätte. Denn .'schmarjahii Lev in tat etwa-, was man in Erez Israel nicht tun darf er hat vor einem öffentlichen Forum in einer anderen Spruche gesprochen, als in Hebräisch. E'r sprach deutsch zu den Neuangekommenen aus Deutschland. 1 liest* Tutsuche wirft ein helles Licht auf einen bestimmten Ausschnitt der .Situation in Palästina. Es zeigt ein Dilemma, in dem das Land sich uns gegenüber befindet. Das Land spricht hebräisch und wir verstehen es nicht. Zuerst bestand sehr stark die \b- -icht. überhaupt keine Konzessionen zu machen. ..Wenn sie uns verstehen wollen.' mögen sie Hebräisch lernen!" Diese Parole wird offiziell auch heute noch vertreten, aber sie hat -ich. wie -o viele anderen, als 'praktisch undurchführbar erwiesen. Wenn das Interesse am gegenseitigen Verstehen nur bei den Neuen läge, wäre die Sache einfach. Aber dir ..Hebräer" haben ein miiidc-stc-iis so großes Interesse, verstanden zu werden. Das gilt vor allem im Privatleben. wo der Kaufmann zu seinem Kunden nicht nach den Grundsätze» nationaler Disziplin, sondern nach denen des Geschäftsinteresse* handelt. Es gilt aber kaum weniger im öffentlichen Leben, obwohl hier wenigstens die Form viel strenger gewahrt wird. Es herrscht bei allen Parteien und Organisationen ein lebhaftes Interesse, die Einwanderer aus Deutschland auch geistig — in erster Linie politisch ilcni Lande einzuordnen. Die Ungeduld ist hier weit größer auf seiten des Landes als auf seiten der Emigranten. Es ist in diesem Falle das Land, das nicht warten will und nicht warten kann, bis das Ohr des Ncugekontmenen empfänglich ist für hebräische Laute. Und darum beginnt das Land mit starken Vorbehalten und mit einem deutlich zur Schau getragenen bösen Gewissen, mit uns deutsch zu redeil. Das ist kein Vorwurf, denn es ist eine sachliche Notwendigkeit, und der Widerwillen, mit dem man sich ihr beugt, spricht für das starke nationalkulturelle Gewissen Erez Israels. Und darum war dieser Vortrag Schmarjahii I.evins so bezeichnend. Indem er deutsch zu uns sprach — er. der geehrte und geliebte Vorkämpfer des Hebräischen — sanktionierte er sozusagen die schweigende Uebereinkunft. die neuedeutsche Alijah als eine „k'wuzath humuawar“ zu betrachten, als eine Uebergangsgruppe. für die gewisse UebergangsBestimmungen für befristete Zeit Geltung hüben sollen. Und wenn er darauf verzichtete-. die übliche ii Wc-geder Piop.igancl.i ciui h Zeitung iiiiiI Säiilenan-chlag zu gehen. -o lag es gewiß nicht nur au den Gründung—luluteii de- *»u.ve- ..Oltel Schein" (Zelt Sems), in dem der Vortrag stattfand. I)ie-er Saal ist dem von Bialik eingerichteti-n ..Oneg Schubbuth" gewidmet, den Feierstunden vor Sabhuthuusgung. die zu den schönsten Emanationen des hebräischen Lebengehören, und sntzungsgi -imiß darf .dort öffentlich kein Wort in einer fremde I Sprache /gesprochen werden. Aber nicht mir cb rum hat Schmarjahii Lev in -einem Abend den Uharakte-r einer ..privaten" Au—prache gegeben. Im Familienkreis darf man die Sprache dehc-imgekehrten Sohnesprechen, der -o lange in der Eremde war. daß er die Muttersprache vergaß. In der Oeffe »tlichkeit wird man sich dessen mit Recht schämen . . Amtl. Bekanntmachungen Die Isr. Landesversammlung wird hierdirch auf Sonntag, den 7. Januar 1934. vorm. I6't Uhr. in den großen Saal des Jüdischen Lehrhaitjtes. Statt gart. Schloßstr. 12 A. 3_Treppen. einberufe Tagesordnung: 1. Einführung und Verpflichtung der neu ‘intretenden Mitglieder der Landes Versammlung, 2. Wahl des ersten Stellvertreters de- Schriftführers, 3. Ersatzwahlen zum a) Beschwerden ii—chuß. b) Besetziiiigsaussthiiß. c-| Verfassling-an—chull. 4. Bericht des Oberrats für die Zeit vom bis 3|. Dezember 1933. _ 3 . Ilau-Iiaitplan der 1-r. Zrntrnlka—e für nungsjahr 1933 34. fi. Lande*— teuerbc-chliil! für das RechII»I, 1933,34. 7. Gehaltskürzung-* erordnnng. H Ermächtigungsverordnung. Ergänzung der Tagesordnung bleibt vm Stuttgart, den 21. Dezember 1933. Der Präsident der l-r. Landes* e Dr. Hav tim. e-j rl >i- Zu der öffentlichen Sitzung der Isr. Landes Ve rsammlung am Sonntag, den 7. Januar 1934, werd *n wie in den Vorjahren Eintrittskarten für Zuhörer ausgegeben. Sie sind bei unserem Sekretariat, Königstr. 82, während der üblichen Kan erhältlich. Stuttgart, den 21. Dezember 1933. ' Israelitischer Oberrat. Israel. Oberrat. Der Oberrat hat den Bezirksrabbiner linger, Hall, mit seinem Einverständnis Anerkennung seiner langjährigen, treuen vollen Dienste auf 1. April 1934 in den versetzt. .Februar a- Rechnhr c halten, -jam mlung Stuttgart istunden zl H Dr. Herunter ind wert Ju bestand ■ ad