Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 12
- Date
- 1933-01-01
- Page
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Gemeinde Zettung für Sie tfraelitiftigen «SemeinSen XDHrtlemetrsd Verlag: Slltlltlltll«: Ssrarllttfche DerlagSauftall 6. m. b. S. bi* thrfpolftfl* Na»par»ll*^tl* 30 9l«t4«ofai*ia ftnrfpr. *33*# * Stuttgart * ÄoftrutnSr. ,3 IlMchlagLMI*» nb fDonnawfdfe* »ach Sarif. ffawiliwM»»**»» nt flefau A»Mtge» 6i« JCl*t»>cilt 30 N*ich«pi«uüq. @4rif((ii(nng: 1.50 MM ©tabtrabbtntr Dr. Stieger, Stuttgart. Viliiiliilt: «46U*0U6 IBt«rila«a Mit* 6 MM. MbtfitU* 2J» MM rtntaiMfU* 1.2S MM lltWannn L «MchWfM»,, Mf<M-*nto: 3*25« ■ t. I. ü x. 3o0roano etnttoort, 16. 6e9temaer 1933 9»r. Atntl.!BekatwtMaduuiQeu,. IsraelitisdiK Gemeindevorsteheramt Stuttgart. In Abänderung früherer Beschlüsse hat das Vnrsteheramt sich in diesem Jahre entschlossen, > ine beschränkte Anzahl von Synagogenplätzen (insgesamt zirka 60 Plätze) für Kinder im schulpflichtigen Alter (Knaben und Mädchen), deren Eltern Synagogenplätze gemietet haben, zur Verfügung zu stellen. Die Karten für diese Plätze können bis einschließlich 19. ds. Mts. an Werktagen vorm, von 9—12 Uhr und nachm, von 3— 5 Uhr bei der Gemeindepflege, Hospitalstr. 36, abgeholt werden. „Der Herr thront über der Flut" (Psalm 29, 10). Ein Vorsprucb zum Neujahrsfest 5694. Allwöchentlich werden in den Gotteshäusern Israels uni Eingang des Sabbathtages sechs Psalmen in Rütkerinnerung an das Schicksal der sechs Werktage gesagt und gesungen. Sie klingen in das erlösende Bekenntnis aus: ..Der Herr thront über der Eint" (Psalm 29.10). ')us betende Israel schaut in die Werktags!»oche urück. in das Schaffen und Wirken, in das Gehen und Kommen, das Entstehen und das Vergehen. Wie ein wilder Wirrwurr erscheint ihm das Gewesene. Wie uuw illkürlich taucht in seiner Seele das Bild der furchtbaren Elut auf. die einst in den Kindheitstugeu der Menschheit das Weltall durchflutet und die Menschheit gemordet. Gleicht nicht das Leben der Sintflut? Waltet kein Recht, kein Richter und kein Gericht im Weltall? Da blaut in der Erinnerung der Regenbogen auf. die Sonnenbrücke zwischen Himmel und Erde, die Gott damals geschaffen. Israel hört noch einmal die Gottesstimme: ..Ich schließe meinen Bund mit euch und den kommenden Geschlechtern: nicht soll eine Sintflut wieder kommen, die Erde zu vernichten (I. .Mose 9. 9. II)“. Da ist alle Bangigkeit von Israels Seele genommen, es geht wie ein Aufatmen durch die befreite» Herzen, und jauchzend klingt das Wort von betenden Lippen: Es lebt ein Richter, es waltet ein Recht, es gibt ein Gericht. ..der Herr thront über der Elut“. Und Israel schließt am Ereitagabend die Psalmen reihe mit dem Sabbathpsalm: ..Aus brausendem Wasser und Welleusturm tönt die Botschaft: Allmächtig in der Höhe ist der Herr (Psalm 93.4)“. Das Neujahrsfest ist nach dem Bibelwort ein Hochsabbath des Jahres (3. Mose 23.24). Rückschau in die Vergangenheit ist ein Wesensteil seiner Eeier. Israel schaut an ihm auf den im letzten Jahre durchmesseneu Weg zurück und sieht ein Bild der Zerstörung. Der Weg. der es in stillem Weiterschreiten, in ruhiger ehrlicher Arbeit zu einem Leben der Eintracht und der Gemeinschaft mit der Umwelt führen sollte, ist weglos geworden. Die Stralle ist aufgebrochen. die Brücken von Gemeinschaft zu Gemeinschaft sind zerstört: die Wälle und Mauern, die sein Schicksul sichern sollten, sind zusammengebrochen: sein Haus, scheinbar gefestigt für der Zeiten Dauer, verweht wie ein Rurtennaiis. Die Umwelt, noch eben mit ihm in gemeinsamer Ar- ■it verbunden, ist eine andere geworden. Seine Erwartungen sind Enttäuschungen geworden, seine Hoffnungen sind eingesargt. Die Menschen, noch eben brüderlich mit ihm vereint, haben das Bruderhand zerrissen. Wehrlos steht Israel im Sturme. Seine Gemeinden sind im Zusammenbruch. Hoffnungslosigkeit peinigt die Seelen. Die Elut droht den Tod. Da klingen die Suhhuthnsalmen in Israel auf. der Königsruf des Scholar* tönt durch die Gotteshäuser: E ii r e li t e d i ch n i ch t. a I I in ii ch I i g in den II ö Ii e u ist der Herr, der Herr thront ii I» c* r de r Elut! Das Neujahrsfest ist über nicht nur eine Zeit der Rückschau, es ist zugleich ein Eest des A u s b I i ck e s i n d i e /. u k u u f I. Der Blick in dieZiikunft stimmt ernst.ernster als der Rückblick in die Vergangenheit. Der W e g. der vor den Juden Deutschlands liegt, ist härter, steiler, steiniger als die Stralle bisher^ Dorngestrüpp w uchert am Wegrand. Der Weg ist unwegsam, ohne Weisung, ohne Brücke. Der Wanderer wird wenig Liebe, wenig Erenndschaft. wenig Gastlichkeit auf seinem Wege finden. Es wird ein einsamer Weg werden, ohne den schützenden, stützenden Ereund. ohne Lied und ohne Lachen. Die Wanderer werden sich enger unoiiiundcrschlicssen müssen, das Kind an die Eltern, der Bruder an den Bruder, die Schwester an die Schwester. Gatte und Gattin werden einander helfen müssen. mehr als auf der Wunderung bisher.Israel wird den alten W auderstab. seinen Glauben und sein Gottvertrauen, fester in die Hand nehmen müssen, um den Halt nicht zu verlieren. Es wird sich sein altes Wanderlied von neuem einprägeii müssen: ..L u d in u II i ch u u ch d u r ch d a s I aI d e r I » d e s s ch n 11 e n w a ii der». i ch fürchte nichts. Du bist ja lio i mir. Dein S t e ck e n und Dein S t u b sind mein Trost (Psalm 23. 4)“._l)ie Sturmflut ist entfesselt. Die Dämme der Nächstenliebe sind brüchig geworden — vielleicht dal! sie bersten. Du tönt die Stirn me des betenden Psulniisteu zu dun verzagenden Herzeil: Verzweifle nicht. Israel! Noch waltet ehr Richter, noch lebt das Recht, der Herr thront über der Flut: Gott spricht wie in den Tagen der Bibel: ..Ich schließe meinen Bund mit euch und den kommenden Geschlechtern." Hoffe, glaube, dein Vertrau e u w i rd ii i ch t z u s ch a n >1 > n w e r - d e ii! _______ - Ein Jom Kippur unter ungarischen Chassidim. Von Andrg Fellsdiuß. Es ist ein unerforschtes Geheimnis, was die Chussidim bei heiteren, ernsten und heiligen Angelegenheiten zu ihrem Robben mit magischen Kräften zu ziehen scheint. Alljährlich, um Vortage des Juum Kippur, bringt die kleine Lokalbann unzählige Anhänger aus allen Richtungen des Landes in das Städtchen des Robben, dessen Einwohner ohne Unterschied zu seinen Verehrern zählen. Die Gruppen, die sich schon im Zuge gebildet haben, ziehen lebhaft diskutierend durch enge und winklige Gäfichen zum Beth-Hamidrasch. Er ist ein einfacher schmuckloser Saul mit abgebrauchten Bänken, schiefen Tischen und einigen eingedrückten Eenstorsciieiben. Der ganze Eindruck wird durch die verhiiltnismällig auffallende Reinlichkeit und Helligkeit gemildert. Aber was bedeuten diese AeuHorlichkeiteu gegenüber diesem geistigen Fluidum, mit dem die Anwesenden den Saul anfüllen. Sogar die Gegenstände scheinen liier Geist auszustrahlen, so lebhaft bewegt ist die Menge. Noch ehe der Robbe zum Minchugebet erscheint, ist der Saul schon bis auf das kleinste Plätzchen gefüllt. Unglaublich, wie so viele Menschen hier Platz gefunden haben. Jedes ist mit sich beschäftigt und kümmert sich um seinen Nachbarn gar nicht. Die Vorbereitungen werden zum Gebet getroffen, d. h. Stellen aus dem Soliar und sonstige mystische Gebete werden mit gros- Verein jüdisches Lehrtiaus Das Lehrhaus nimmt mit polizeilicher Genehmigung Mitte Oktober seine Tätigkeit wieder in vollem Umfang auf. Die Ankündigung der neuen Kurse, die durch einen solchen über Palästina und durch die Einrichtung eines Chor> und Instrumental >Krelses erweitert werden, erfolgt in der nächsten Nummer der „Gemeindezeitung*'. Zur Eröffnung des neuen Arbeitsabschnittes ist für Sonntag, den 24. Septemb. 1933, 20 Uhr, im grossen Saal des Bürgermuseums, Langestr. 4, ein Vortrag von Professor Dr. Martin Buber Ober »Die jüdische Geschichte u. wir" vorgesehen. . Eintrittskarten zu RM. 1.-, f. Mitglieder u. Hö rer RM. -2>0, Jugendl. u. Erwerbslose RM. — 2t bei der Geschäftsstelle und an der Abendkasse Die Veranstaltung ist polizeilich genehmigt sor Andacht, begleitet vom heftigen Schnake des Oberkörpers, rezitiert. Plötzlich verstummt d *■ Menge und man hört nur in der Stille von eine in zum andern weitergeben: der Robbe, der Rebln ' »I. h. der Robbe kommt. Er ist von hohem Wuchs, das Gesicht vergeistigt. Augen, die scheinb mitten ins Herz blicken können. Die Menge b det von beiden Seiten Spalier. Sein Gang ist ai frecht. Er geht an der Menge vorbei, über sie hi wegblickend, gleichsam, als wenn er ihre \iiwesonheit nicht bemerken würde, und.doch sind diese Menschen entzückt, fasziniert von chlin Anblick ihres Robben, dessen Wirkung sich Jin der Tut niemand entziehen kann. Man spürt hiier ganz deutlich, er ist der Führer. Ihm ordnen sie sich alle unter, von ihm erwarten sie alle ihr Heil, in dein Glauben, er könne für sie bei Gottalles erwirken. Von diesem Glauben ist her alles getragen. Das schmelzt die ganze Menge zusammen, und ihr Gebet, verschießen ■ in Ton von leisein Schrei bis zum spontanen Aufschiei. der die Luft durchschneidet scheint wie vnn einer Kehle zu kommen. Jeder Teilnehmer vv rd unwiderstehlich mitgerissen. Sie alle zusammen bilden durch diesen Mittelpunkt eine FAnhrit. und es macht den Eindruck einer wunderbaien Harmonie. In manchen Augenblicken steigt die Stimmung bis zur Ekstase. Dann verlieren die Bewegungen jede Richtung und die Gesich er sind verzückt. Im Säule hängt greifbar eine geistige Glut. Es ist. als wenn die Luft sich v on c er Glut verdicken würde. Man schaut hinauf lind wundert sich darüber. Die Menschen sind in diesem Augenblick w ie vergeistigte* Materie.’Jeder ,Trieb, jede körperliche Leidenschaft verschwindet von den Gesichtern. Es ist der reine* Geist, der sich in ihren Gesichtern an den iiberirdiich leuchtenden Augen wiederspiegelt. Das ist iie Atmosphäre. Ganz plötzlich, wie auf ein »»hörbares K> mmando ist eine derartige Stille eingetreten, «lad man eine Stecknadel zu Boden fallen hö en würde. Was -ist geschehen? Der Robbe ist luf ein Podium gestiegen und weint. Mechanisch linken die Häupter, sie weinen. Der Robbe w> int stärker.- die Menge auch. Der Rebbe redet z v ei Sätze, etwas von Sündern, über genau v erst -ht man nicht, das Weinen wird immer stärker. Und so geht das eine halbe Stunde. Jetzt ist |dic TtUfOn srunejjn uumtisn-n TtLEfomhia Continental SÄui ERZEUGNIS DER WANDERER-WERKE A.-G SCHONAU-CHEMNITZ