Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- X (1933-1934)
- Issue
- X. Jahrgang Nr. 9
- Date
- 1933-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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Babel wird es unrettbar von der Oberfläche der Erde verschwinden müssen. Darum wagt er das Aeußerste. Einer gegen alle, predigt er Unter* werfung unter Babel. Immer von neuem setzt er sein Leben aufs Spiel. Furchtlos steht er auf dem Wachtturm und warnt. Doch sein Ruf verklingt ungehört. Der Prophet genießt jetzt in höherem MaBe als je zuvor das Vertrauen des Volkes. Doch der König und die Machthaber, die weltlichen wie die geistlichen, hassen ihn und verbittern sein Leben. Wiederholt muß er die Reden, die er hält, mit seiner persönlichen Freiheit bezahlen. Wochen und Monate verbringt er im Gefängnis. I.r wird oft gemartert und mißhandelt wie ein gemeiner Verbrecher. Er überlebt Peinigungen, wie sie keinem anderen Propheten widerfahren. Einmal während der Belagerung der Stadt wird er in eine ausgetrocknete Zisterne geworfen, wo er bis an den Hals im Schlamm versinkt. Er ist dem Verschmachten nahe. Doch in letzter Stunde rettet ihn Ebed-Melek. ein im Dienste des Königs stehender Aethiopier. Die Katastrophen folgen einander Schlag auf Schlag. Jerusalem gleicht einem sinkenden Fahrzeug. das nicht mehr zu retten ist. Im Jahre 597 legt Nebukadnezar seinen starken Arm auf das " iderspenstige Juda. Jojachin (Jechonia), des treulosen Jojakims Nachfolger, wird zusammen mit den Vornehmen in Jerusalem in die Gefangenschaft geschleppt. Noch in der allerletzten Stunde sucht Jeremia das harte Geschick abzuwenden. Inständig warnt er Zidkia vor neuen ägyptischen Abenteuern. Mit einem Ochsenjoch im Nacken tritt er vor den König und die Hofleute und sagt: „Beuget euren Hals unter das Joch Babels ... so werdet ihr leben." Gleichzeitig richtet er sein mahnendes Wort an die Gefangenen in Babel, die er zur Treue gegen das neue Heimatland aufruft. Seine weitsehende Phantasie schafft einen neuen Typus in der Ge- Mhichte Israels: den jüdischen Bürger, <ler aufrichtig verbunden ist mit der neuen Heimat. zugleich aber .dem eigenen geistigen Erbe die Treue bewahrt. In seinem weltgeschichtlichen Briefe an die babylonische Gola (Jeremia 291 dämmert der nachexilische Jude herauf: der Jude mit der doppelten Verbundenheit, mit dem zwiefachen Vaterlande — dem wirklichen und dem ideellen, mit der doppelten Treue — gegen das Angeborene und das Erworbene, gegen da« Vergangene und das Gegenwärtige. Zum erstenmal verkündet hier der Prophet die Möglichkeit bürgerlichen Zusammenseins zwischen Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener historischer Art. Die chaldüischen Truppen belagern fast zweieinhalb Jahre Jerusalem. Die Bevölkerung ist von Hunger und Krankheit dezimiert. Im Jahre >86 wird die Stadt gestürmt, der Tempel Salomos wird von Flammen verzehrt, der unglückliche Zidkia. der letzte Kpnig des untergehenden Reiches, wird gefesselt, geblendet und in die Gefangenschaft geschleppt. Ihm folgen der Hof. Fürsten. Priester und Adel. In der kleinen Stadt Mizpa residiert als Statthalter Babels Gedalja. der Sohn Ahikums. der einst Jeremia vor der Wut der Menge gerettet. Doch seine Statthalterschaft dauert nicht lange. Nach zweimonatiger Regierung wird er von Verschwörern ermordet. Der letzte Schimmer von Staatlichkeit ist verschwunden. Das Licht Judas ist erloschen. Auf den Trümmern Jerusalems sitzt Jeremia, all und gebrochen, und beweint Judas Fall. Seitdem seine Augen die Heimsuchung ohnegleichen gesehen, die über sein Volk hereingebrochen, ist er wie verwandelt. Die Leiden, die er selbst ausgestanden. verschwinden gegenüber der grausamen Strafe, die über das verirrte Juda 'erhängt wurde. All seine Härte gegen das sündige Volk hat sich in mitfühlende Liebe gewandelt. Bei Kama, wo der Prophet, in Ketten geschmiedet. gemeinsam mit den Edlen Jerusalems die Deportation nach Babel erwartet, wird er 'on tiefster Trauer über den Untergang des Volkes erfaßt, zugleich aber erwacht neuer Zukunftsglaube in seiner Brust: Ein Ruf in Rama schallet. Wehklage und Jammer — Um die Kinder Rachel weinet. will sich nicht trösten lassen. Nicht klage deine Stimme, nicht tränen deine Augen: Hoffnung winkt in Zukunft. Heimkehren deine Kinder! Die jüdische Notbilfe in Württemberg Am Sonntag, den 2. Juli, fand in Stuttgart, wie bereits hier gemeldet worden, die Mitgliederversammlung des „W Urttemberfischen Landesverbandes für Israeitische Wohlfahrtsbestrebungen (L. I. W.) e. V.“ statt, die in ihren Entschlüssen Entscheidungen von bleibender Bedeutung getroffen hat. Die Versammlung stand unter der Leitung ihres Vorsitzenden, Arthur Essing e r. Sie wurde durch ein Referat der Fürsorgerin, Frl. Waitzfelder, über die Tätigkeit des L.I.W. im letzten Jahre eröffnet. Die Betriebsrechnung für das Jahr 1932 endet mit 9365.15 RM. in Einnahmen und Ausgaben. Der - 77 - Jahresabschluß schließt mit einem Fehlbetrag von 2162.95 RM. Die Fürsorgerin wies in ihrem Bericht darauf hin, daß der L.I.W. im vergangenen Jahre seine Fürsorge meist älteren hilflosen Menschen gewidmet: in diesem Jahre handelte es sich in seiner Arbeit um die Förderung von Familien, die durch die wirtschaftlichen Maßnahmen um ihre Existenz gebracht worden, um Viehhändler, Metzger, Kleingewerbetreibende und Hausierer sowie um Arbeitslose. Die Höhe der Zuwendungen mußte wesentlich gesteigert werden. Dagegen wurden Darlehen nur in geringer Anzahl gewährt, da die Mittel fehlten. Es sind aber aussichtsreiche Bemühungen zur Schaffung einer Darlehenskasse eingeleitet. In der Wancierfürsorge ist der Anteil der Ausländer zurückgegangen, dagegen die Binnenwanderung lebhaft gesteigert. In dankenswerter Weise hat die Laiidesvcrsammlung in Würdigung der vorhandenen Notlage der Gesamtheit einen Zuschuß von 3000 RM. für die Zwecke des L.I.W. bewilligt. Ebenso hat das Vorsteheramt Stuttgart 1 % des Steiiereinkommeiis dem L EW. gewährt. Die Fühlungnahme mit den Mitgliedern und Mitarbeitern des L.I.W. ist durch Reisen. Vorträge und lebhaften Schriftverkehr tunlichst gefördert worden. Der Vorsitzende ergänzte den beifällig aufgenommenen Bericht der Fürsorgerin durch die Mitteilung der im letzten Jahre eingegangenen außerordentlichen Spenden. Den zweiten Teil der Tagesordnung bildete der Bericht von Ministerialrat Dr. Otto Hirsch über die Jüdische Nothilfe in Württemberg. Er ging davon aus. daß heute Wohlfahrtsfragen im Mittelpunkte aller jüdischer Interessen stehen, und daß die Wohlfahrtspflege die Mitarbeit aller an ihr Beteiligten benötige. Sogleich beim Eintreten der neuen Verhältnisse war es offenbar, daß die Bekämpfung des drohenden wirtschaftlichen Niedergangs nie Schaffung einer Zentralorganisation erforderte. So wurde in Berlin der Jüdische ..Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau“ geschaffen, in dem sich zum ersten Male die neue Reichsvertretung der deutschen Juden betätigte. Der Vorgang im Reiche mußte auch für Württemberg vorbildlich erscheinen. Auch hier mußte durch den Zusammenschluß eine Zersplitterung der Mittel und der Kräfte vermieden werden. Der Oberrat wurde mit der Schaffung einer Zentralorganisation betraut, die schnell und sachgemäß arbeiten konnte. Diese Organisation besteht aus zwölf Personen, Männern und Frauen, die allgemeines Vertrauen genießen. Der Referent erörterte dann die Arbeit der neuen Einrichtung, die drei Aufgaben zu lösen hat: die finanzielle Hilfe der von den neuen Verhältnisssen wirtschaftlich Geschädigten. die Schaffung von Existenz möglichkeiten außerhalb Deutschlands durch Rückwanderung in die früheren Heimatländer, durch Auswanderung und hier besonders durch die Palästinaauswanderung, und schließlich die Berufs Umschichtung von der mehr geistigen zur manuellen Betätigung in der Erkenntnis, daß die Berufsschichtung der deutschen Juden im wesentlichen Umfange eine Aenderiing verlange. Die Neuorganisation hat sich an die vorhandenen Einrichtungen: an den L.I.W. und das Stuttgarter Fürsorgeamt angegliedert. Die Berufsberatung und Auswandererauskunft ist von dem Arbeitsnachweis des L.I.W. übernommen und ausgestaltet worden. Für die kleineren Bewilligungen und die Vorarbeit in der Behandlung der einzelnen Fälle sind der L.I.W. und das Fürsorgeamt weiter zuständig. 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Der Vorsitzende der Stuttgarter Rcrligionsgeineinde, Dr. Flegenheimer, begrüßt >im Namen der Gemeinde die Versammlung und berichtet über die Gründe, welche das Vorsteheramt veranlaßt haben, sein Fürsorgeamt der neuen Organisation einzuordnen. Das Stuttgarter Vor steneramt erwartet, daß sich das gesamte Land der Württembergisdien Nothilfe anschließen und unterordnen wird. Nach einer Anfrage von Landgerichtsdirektor Stern wird beschlossen, den Ll.W. in die neue Zentrale überzuleiten. ■— Den dritten Teil der Tagesordnung bildete die Neuwahl des Vorstandes und des Woblfahrtsrates. Beide wurden wiedergewählt. Es wurden aber Dr. Scheuer, Heilbronn, an Stelle von Julius Adler. Rottweil. Juda Rothschild. Rexingen, anstatt de s Oberlehrers Spatz gewählt und Rabbiner Dr. Cohn. Ulm. und r rau Ber^ mann. Laupheim, zugewühlt, Die Tagung schloß mit einer Aussprache über die wirtschaftliche Lage der Vereine. Palästina-Abend des Jüd. Jugendrintfs. _ Der Jüdische Ju gendring veranstaltete am 13. Juli im Oberen Museum einen Vortragsabend, der von vielen hundert Gemeindemitgliedern besucht war. Es sprachen der Generalsekretär des Keren Kajemeth Lejisrael, Adolf P o 11 a ck (Jerusalem) über „Palästina als Ein wandcrungsland“ und Hermann Ellern (Karlsruhe) über die Eindrücke und Erfahrungen seiner letzten Palästinareise.. — Nach einleitenden Worten des Jugendring-Vorsitzenden. Dr. Walter Einstein, trat Adolf Pollack an das Rednerpult und sprach in außerordentlich fesselnder Weise von den, Anfängen der zionistischen Bewegung, von Theodor Herzl. dem Pionier der Palüstinnidee. von den ersten Chaluzim. die bewiesen, daß Juden trotz 1800jähriger Trennung von der Scholle imstande sind. Bauern zu sein. Mit klaren Worten legte er dar. wie Herzl es war, der mit großartigem poli- SaisonscfiCuf)-Verkauf Beginn: Donnerstag, 3. 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