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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1933-01-01 · X. Jahrgang Nr. 4 · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
X (1933-1934)
Issue
X. Jahrgang Nr. 4
Date
1933-01-01
Page
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Wir suchen kaufmännische Stellen für weibliche Lehrlinge und Anfängerinnen, zum Teil mit Handelsschulbildung, und bitten um möglichst baldige Meldung solcher offener Posten. Unsere Pflicht! Der „Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" erläßt folgenden Aufruf: Schwere Not geht um im deutschen Judentum. Wir deutschen Juden haben unser Teil getragen an der allgemeinen deutschen Not. Wir haben unser Kontingent gestellt zu dem großen Heer der Menschen, die ohne Arbeit und ohne Verdienst vom sinnvollen Leben ausgeschlossen schienen. Neue Not ist über uns gekommen. Jüdische Menschen wurden aus ihrer Arbeit herausgerissen; Sinn und Grundlage ihres Lebens ist ihnen zerstört worden. In Zeiten der Not wird der Sinn der Gemeinschaft offenbar. Wo der Einzelne, auf sich allein gestellt, einen Sinn seines Daseins nicht mehr sieht, zeigt die Gemeinschaft ihm Sinn und Ziel; wo er allein nichts mehr schaffen kann, muß die Kraft der Gemeinschaft ei »treten. Aus der Zeit der Not muß neu die Gemeinschaft erwachsen, ein lebendiges Dasein gewinnen. Aus ihr muß der Einzelne die Kraft zum Leben und zum Wirken schöpfen. Groß ist die Aufgabe, die der Gemeinschaft der deutschen Juden heute gestellt ist. Die Not steht vor den Türen unserer Menschen, ihre Kraft droht zu zerbrechen. Von uns, von der Kraft der Gesamtheit, muß die Rettung kommen. Neue Aufgaben in ungekanntem Umfange treten an uns heran. Es genügt nicht, denen, die nicht wissen, wovon sie den nächsten Tag fristen sollen, das tägliche Brot zu reichen. Gewiß ist es unsere erste Aufgabe, dafür zu sorgen, daß niemand der Unseren zu hungern braucht und des Daches über seinem Kopf entbehrt. Gewiß müssen wir dafür sorgen, wie wir es gewohnt sind, daß die Anstalten erhalten bleiben, die wir errichtet haben für unsere Kinder, für unsere Alten und Kranken. Sie sind heute nötiger denn je, wenn die Not uns auch zwingen wird, die Ansprüche an die Ausstattung dieser Anstalten erheblich herabzuschrauben. Aber imt alledem ist es nicht getan. Wir wollen und wir dürfen uns nicht damit begnügen, unseren Brüdern und Schwestern Almosen zu geben, für ihre einfachsten Bedürfnisse zu sorgen. Unsere Pflicht ist es, ihnen zu helfen, daß sie eine neue Grundlage ihrer Existenz finden, eine Arbeit, mit der sie sich selbst erhalten, die ihnen wieder eine Aufgabe, ihrem Leben einen Inhalt gibtl Sinnlos allerdings wäre es, wenn unsere Menschen sich wahllos auf einzelne Berufe stürzen wollten, die ihnen irgendwie nahe zu liegen scheinen. Aufgabe der dazu berufenen Stellen wird es sein, sorgfältig zu prüfen, wo Platz und Raum für Arbeit jüdischer Menschen ist, dann aber ihnen audi die Möglichkeit zu geben, *,<h aw diese Arbeit umzustellen. Großes wird verlangt werden von der Fähigkeit unserer Menschen, sich umzustellen, sich in neue Arbeiten und neue Verhältnisse zu finden. Großes muß aber auch verlangt werden von der Opferfähigkeit der anderen, denen eine solche Umstellung erspart bleibt. Wer das Glück hat, Arbeit und Einkommen zu haben, muß dem helfen, der alles verloren hat. Wer noch die Möglichkeit hat, zu geben, muß bis zum äußersten seines Könnens opfern I Von jedem Einzelnen muß das Höchste gefordert werden! Wer sich der Pflicht entzieht, ist ein Feind der Gemeinschaft. Jedes Opfer muß gebracht werden, jedes Opfer der Hilfe für die in Not Geratenen, jedes Opfer der Leistung aber auch an unsere Gemeinden, mit denen unzählige Existenzen verknüpft sind. Schande über den, der durch mangelnden Opferwillen, durch sträfliche Steuerscheu unsere Gemeinden zwingt, Beamte oder Angestellte zu entlassen. Keiner unserer Menschen darf durch uns brotlos und existenzlos werdenl Nur in Einigkeit und Geschlossenheit können die Aufgaben, die unser harren, erfüllt werden. Alle Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, alles, was uns trennt, muß zurückgestellt werden. Die großen Organisationen und Hnfswerke des deutschen Judentums sind in dieser Richtung vorangegangen. Sie haben sich zusammengeschlossen zu gemeinsamer Arbeit im „Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau". In ihm schweigen alle Sonderinteressen und eigensüchtigen Wünsche. Die Menschen, die in ihm Zusammenwirken, arbeiten nur mit dem einen großen gemeinsamen Ziel vor Augen: Das Hilfswerk der deutschen JudenI Diese zentrale Stelle wird dafür sorgen, daß alles geschieht, wqs geschehen muß. Sie wird dafür sorgen, daß nichtnebeneinander und nicht gegeneinander, sondern m i t einander gearbeitet wird. Ihr werden die einzelnen Organisationen und Stellen ihre finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, so daß nicht der Zufall des| Vermögensbesitzes und der Aufbringung entscheidet, welche Mittel für den einzelnen Zwedt zur Verfügung stehen, sondern die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Mittel mit jeder einzelnen Mark da verwandt wird, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Zu unterem aufrichtigen Bedauern iß es uns unmöglich, allen denen perjönlich zu danken, die uns und un/eten Sohn Martin anläßlich feiner Barmizwohfeier durch Qlüdcwünßfie u. liebenswürdige JJufmerkfarhkeiten etfreut heben. Wir bitien fle alle die Verfldierung entgegenzunehmen, daß fle durch ihre liebevolle JInteilnahme wefenttidi zur Erhöhung unferer Familienfeier beigetragen haben. In herzlicher Dankbarkeit Stadtrabbiner Dr. Rleger and Frau, Martin Rleger Deutsche Juden, zeigt Euch der Größe der Aufgabe gewachsen! Glaubt nicht, daß die Probleme des deutschen Judentums ohne äußerste Opfer durch eine zügellose Auswanderung gelöst werden können. Es ist kein Verdienst, Deutschland zu verlassen, um frei von dem Los der deutschen Brüder in Sorglosigkeit seine Zinsen zu verzehren. Niemandem wird dadurch geholfen, daß er ziellos ohne Aussicht auf eine Existenz ins Ausland wandert, um nun dort die Schar der Erwerbs- und Mittellosen zu vergrößern. Es wird jede Aussicht geprüft werden, jede Möglichkeit benutzt, um Menschen, die im deutschen Vaterlande nicht mehr die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Existenz haben, eine Existenz im Auslande gründen zu helfen I Aber verlaßt nicht sinnlos Deutschland) Erfüllt hier Eure Pflicht! Schiebt nicht blindlings Menschen ab, einem ungewissen Schicksal entgegen. Keiner entziehe sich seiner Pflicht in der Stunde der Prüfung! Jeder trage an seinem Orte und nach seinem Können zu dem Werke der Hilfe bei! Die Stunde des deutschen Judentums ist gekommen, die Stunde der Verantwortung und die Stunde der Bewährung. Das deutsche Judentum möge sich ihr gewachsen zeigen! HEIMSUCHUNG - Die deutsche Spruche besitzt ein seltsumcs sinniges Wort für das Leid: H c* i nt s ti ch u n g. Sie denkt dabei an die Kräfte der Verinnerlichung, die jedes Leid in sich birgt und die für den vom Leide Getroffenen Heiinkehrkräfte werden können. die ihn zum Kern seines Wesens heimzuführen imstunde sind. Dus Leid ist allerdings ein harter Heintführer. aber in dieser Heimfiihrung wirkt es versittlichend. Das Schicksal der deutschen Juden ist eine solche Heimsuchung, wenn wir es wollen, wenn wir die innere Reife und Größe besitzen, wenn wir größer sind als unsere Gegner uns darstellen. Seine wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen liegen außer uns. seine moralischen und jüdischen stehen b e i uns. Ein hartes Schicksal ist den deutschen Juden in den letzten Wochen zuteil geworden. Aber das alte jüdische Wort von den „Leiden der Liebe“, daß „jedes Leid seinen Segen in sich birgt“, klingt in uns auf. Nicht das Leid ist das Entscheidende, sondern was wir aus ihm machen und was es aus uns macht. Den Kleinen verkleinert das Leid, den Großen hebt es und heiligt es. Unsere Sicherungen sind dahin. Wir glaubten an den Bestand unserer Rechtsstellung, an den Beruf, dem wir uns gewidmet, an den Besitz, den wir erworben, an das Haus, das wir uns erbaut. Was wir für unerschütterlich gehalten, ist hilflos zusammengebrochen. Und doch besteht die Tatsache: nur. was nicht feststand, konnte stürzen. Sind wir uns selbst treu, kann uns n i ch t s e n t r e ch t e n : sind wir bodenständig, kann uns kein Stur m entwurzeln: sind wir inner- 1 i eil frei, kann uns kein fremder Wille ä ch t e n. „Stürmt der Sturmwind durch die Straßen, mag er Staub und Kehricht fassen. Quadern muß er liegen lassen.“ „Gott sucht uns heim“; wenn wir uns von ihm finden lassen, wird er uns auch heimführen, heim zu sich, heim zu einem höheren .Menschentum. zu einem reiferen Judesein. Mitten in Wüsten haben die Juden einst se ine Stimme vernommen: im Elend von Babel fanden sie Gott: „mit dem Brande des Tempels stürzte die eiserne Mauer zwischen ihm und Israel.“ Was die Heimsuchungsstunde diesmal aus uns inacht, steht bei uns. Hoffen wir. daß viele die Hand Gottes greifen, der uns heimführen will. Die Stunde rührt an den Kern unseres Seins. Schatten und Schemen waren unser Haft. Jetzt heißt es, sich auf sich selbst besinhen. zu sich selbst zu kommen. Heil uns, wenn wir jetzt nicht versagen. Wir müssen erkennen, daß hinter den Werten, die wir verloren, höhere stehen, die das Dasein lebenswert machen. Ueber der Verbun-' AUF £ W» BO ■ führt das altberühmte Haus wcktwopeL QEORG SCHOETTtE | 50 Musterzimmer | Stuttgart, Eberhardstraße 65 beim Tagblatt-Turm

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