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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1933-03-01 · 23 (1.3.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
23 (1.3.1933)
Date
1933-03-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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— 251 - Kiews und den Herrlidikeiten des Theaters. Wir blieben an diesem Abend s^hr lange auf. Die Erwachsenen waren schläfrig, und auch ich konnte kaum die Außen offen halten. Meine Gedanken verwirrten sich; Hamantaschen, Merilla, Knarren, Drama, Festmahl, Bärte, eins floß ins andere über und der ganze Wirrwarr entschwand langsam, nebelhaft in die »dunkleren Räume meiner Seele. Schließlich versank alles in einen Traum — den vagen und nie endenden Traum eines Volkes, das ewig einen unsichtbaren Feind im Nacken fühlt. Jüdische Lebenschicksole. Ein Besuch im jüdischen Arbeitsnachweis. Von Jakob Lestschinsky. Den nachfolgenden Artikel, der einen erschütternden Einblick in die schwere wirtschaftliche Bedrängnis weiter jüdischer Kreise gibt, entnehmen wir dem Buche „Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums»* von Jakob Lestschinsky, dem bekannten jüdischen Statistiker und Nationalökonom. Das Werk ist vor kurzem im Rahmen der von - der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden** und der „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge** herausgegebenen Schriftenreihe erschienen. Die Schriftleitung. Ich hatte Gelegenheit, mich im jüdischen Arbeitsnachweis mit jungen Leuten im Alter von 20—25 Jahren zu unterhalten, unter welchen sich auffallend viele Söhne durchaus nicht armer, mitunter sogar wohlhabender Eltern fanden. Immer wieder bekam ich den Refrain zu hören: „Die Eltern sind nicht mehr in der Lage, für uns zu sorgen. Zwar haben sie noch vorläufig ihr Auskommen, aber das wird nicht lange mehr dauern: es ist nichts mehr fest, nichts mehr sicher: man tut gut, wenn man sich beizeiten umsieht, für sich selbst zu sorgen beginnt.“ Die Besucher des jüdischen Arbeitsnachweises lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Der einen Kategorie gehören solche Personen an. die ich als die „Aufgescheuchten“ bezeichnen möchte: sie kommen, weil sie Angst haben vor dem Morgen, weil die wirtschaftliche Lage ihrer Eltern von Tag zu Tag kritischer, unsicherer wird. Die zweite Kategorie umschließt die von der Not Bedrängten, die von der Sorge um das Heute Beladenen. die Hungernden, die dringlich Hilfe suchen gegen die drückende Last der Gegenwart. In der Verzweiflung Hungernder sind sie bereit, jede sich bietende Arbeit anzunehmen. Ein kurzer Besuch in der Wartehalle des Arbeitsnachweises gewährt einen stärkeren und niederschmetternderen Einblick in die gegenwärtige Situation, als es die ausführliche Statistik zu tun vermag. Da sitzt ein Mann von 56 Jahren. 25 Jahre lang war er Reisender bei einer Firma, die in der Krisenzeit Bankrott machte. 1% Jahre ist er schon ohne Stellung. Die kärglichen Ersparnisse sind längst verzehrt, die letzten Habseligkeiten \ erkauft. Zu Hause sitzt eine Frau mit zwei minderjährigen Kindern, die noch nichts verdienen können. Er kam zu Fuß in den Arbeitsnachweis. Soll er jetzt mit leeren Hunden zurück nach Hause gehen? Ein zweiter Fall. Ein Brief von einem 25jährigen jungen Mann aus Wiesbaden. Dem Briefe sind Atteste zweier Firmen beigelegt, bei welchen er zusammen sechs Jahre angestellt war. Es wird darin bescheinigt, daß er ein guter Buchhalter ist, fremde Sprachen beherrscht, zuverlässig und arbeitsam und in jeder Hinsicht gut beleumundet ist Das Gesuch ist kurz und trocken, aber der Inhalt spricht beredt: er sei bereit, auf dem Lande nur für Wohnung und Kost zu arbeiten: wenn er nur Wohnung und Kost bekäme, wäre er glücklich. Ein Mädchen von 20 Jahren, das I '/• Jahre in einer Stellung für 70 Mark monatlich beschäftigt war und 10—12 Stunden täglich arbeiten mußte, erzählt, daß ihre Eltern ein kleines Geschäft betreiben. cs ihnen aber schlecht gehe. Die 70 Mark, die sie verdiene, deckten den halben Haushalt. Oie Familie bestehe aus acht Personen. Sechs lonate sitzt schon das Mädchen arbeitslos zu- ‘uiiise. „werde verrückt“. Das Nichtstun und die FRIEDRICH BACHMEIER FEINE HERRENSCHNEIDEREI STUTTGART Telefon durch 20006 / Augustenstraße 2 Ihre Kundschaft/ Wer hier inseriert Lagerung Möbel-, Weintransporte Karl Scberfleble hNM/ILWM besteht seit 1860 Spedition HAHN&DOOS STUTTGART / MRSCRSTR. 54 Femfprechen 26918 PLISSEE Stickerei/Kantennähte/ Hohlsaum Abholung und Zu- H F N senden kostenlos Gartenstr. 32 / Tel. 235 66 mauthe&Sdielllng llypmekn Wlrtssfeiftsberalnt STUTTGART | Charlottsnstr 2,1. ■ Farnspr. 297 70 W IWIffWIUlltHi )* Am Alten Posfplatz w v/VvIftv Telefon Nr. 232 79 Caf* früher Mettenleiter Das qemudidie JUusomUh* und JamUieH*Caft Frühstück von Msrk —SS an ab morgana 7 Uhr Qualen der Eltern könne es nicht ertragen. Bekäme cs keine Arbeit, so könne der Laden nicht lange mehr, weiter betrieben werden und die ganze Familie bleibe ohne einen Bissen Brot. Ich muß Arbeit bekommen, weil acht Menschen darauf warten.“ Ein Chemiker, 45 Jahre alt, war 15 Jahre Leiter einer Fabrik, beherrscht die französische und englische Sprache, ist seit 1% Jahren arbeitslos. Ein gewesener Redakteur, Akademiker, hat ute Beziehungen in der journalistischen Welt, eherrsdit Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch. Griechisch, Lateinisch. Sucht Arbeit, einerlei welche, als Lehrer oder Schofför oder Straßenarbeiter. Dort sitzt ein Mädchen, es sieht robust wie ein Dorfkind aus, kommt aus einem Städtchen an der polnischen Grenze. Die Eltern besitzen einen Laden, vor 60—70 Jahren vom Großvater begründet. Das Geschäft ging früher gut, das Leben im Städtchen verlief friedlich, mit der christlichen Bevölkerung lebte man in guter Eintracht. Nun aber sind die Zustände unerträglich geworden. Seit 2—3 Jahren lebt man in ewiger Angst. In der Nacht werden die Fenster eingeschlagen und Steine in den Laden oder in die Wohnung geworfen. die Türen mit Kot besudelt, am Tage werden die Fenster mit Hitlerbildern verklebt. Der Boykott seitens der christlichen Bevölkerung tut das übrige. Deshalb ist das Mädchen nach Berlin gekommen, wo das Leben freier und ruhiger ist. Es gefalle ihm hier so gut. Zwei Schwestern wohnen hier schon längere Zeit und verdienen je hundert Mark monatlich; die Arbeitsnachweisstelle möchte doch auch der dritten Schwester Arbeit verschaffen, denn die Eltern warten nur auf den Tag. da auch sie nach Berlin eholt werden. Man dürfe die Eltern nicht im tädtchcn lassen, denn die armen Leute würden es nicht länger aushalten. Daneben ein Mann von 55 Jahren, Musiker, seit zwei Jahren arbeitslos, ohne jede Unterstützung, weiß selbst nicht, weshalb ihm keine Unterstützung gewährt wird. Er spielte früher in Kaffeehäusern und Kinos, jetzt Kann er kein Engagement bekommen, weil er zwei Fehler hübe: er sei Jude und ein alter Jude duz u. Schon sein Aeußeres mache ihn für seinen Beruf ungeeignet: er sehe zu jüdisch aus. Er denke gar nicht mehr an die Musik, er suche irgendwelche Gelegenheitsarbeit. Er habe eine Frau und ein Kind, die er nicht verhungern lassen könne. Der nächste ein Elektrotechniker, der früher bei einer christlichen Firma angestellt war. Er wurde immer-sehr gut behandelt, mußte aber jetzt abgebaut, werden. Vor seiner Kündigung hatte er im Aufträge seines Hauses eine Reparatur bei einem Kunden zu erledigen, der sich aber weigerte, einen jüdischen Arbeiter in seinem Haus arbeiten zu lassen. Das soll aber nur ein zufälliges Zusammentreffen gewesen sein, meint der Mann, die Kündigung sei nicht aus diesem Grunde, sondern wegen des allgemeinen Abbaus erfolgt. Neben ihm ist ebenfalls ein Elektrotechniker, ein Posener Jude, seit 1922 mit seinen Eltern in Berlin. Er war Lehrling bei einer christlichen Firma, der Inhaber des Betriebes und sein Sohn waren beide Nationalsozialisten, aber trotzdem wurde er, wie er sagt, gut behandelt. Nach Ablauf der Lehrjahre wurde er entlassen, weil der Meister keine Löhne zahlen wollte oder konnte. Der Vater hat in Berlin einen Laden. Der junge Mann will jedoch im Laden nicht arbeiten, er habe seit seiner Kindheit Neigung zur Technik. Er hat auch seinen Freund mitgebracht, der während der Kriegszeit aus Graudenz nach Berlin gekommen, wo sein Vater Kantor war. Er selbst ist Handwerker, Elektromonteur. Seit zwei Jahren in seinem Fach keine Arbeit. Die letzten lonate war er Zeitungsverkäufer. Jetzt hat man ihm-gekündigt. Er will gern jede Arbeit annehmen. Er dürfe nicht wählen, weil er sofort verdienen müsse. Wenn er ein Darlehen von 30 Mark bekäme, wäre er gerettet, er könnte dann einen Verkaufsstand mieten und Speiseeis fcilhalten. Stürmisch, fast mit Radau, kommt ein Mann von über 40 Jahren hereingestürzt, bittet fordert. schreit, droht. Seit über einem Jahre verdient er nichts. Volle 30 Jahre war er Schuster, arbeitete und verdiente. Jetzt sei die Lage so trostlos, daß ihm nichts übrig bleibe, als sich auf die Straße zu legen und auf den Tod zu warten. Wie er es bis jetzt ausgchalten habe, sei ihm selbst unerklärlich. Er sei Ausländer und beantrage deshalb keine Unterstützung, weil er fürchte, ausgewiesen zu werden. Er sei aus Krakau. aber schon vor 30 Jahren ausgewandert. Heute habe er dort keine Verwandten urfd keine Bekannten mehr. Ihn quäle der Hunger: Es ist schon 12.30 Uhr und er hatte noch keinen Bissen im Mund. „Ich schlendere den ganzen Tag in der Stadt herum, hungrig und müde, bis ich irgendwo etwas zu essen bekomme, dann gehe ich schlafen.“ Es wäre vergebens, ihm Fragen zu stellen: hungrig, gereizt, wütend, verläßt er das Büro und schlägt die Tür heftig hinter sich zu. Diese Lehensschicksale ließen sich bei einigen staatsbürgerliche Gleichberechtigung religiöse Duldsamkeit ist die Liste 9 Keine Stimme aeht unserer Partei verloren. beginnend mit Wirtschaftsminister l)r. Maier

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