Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 21 (1.2.1933)
- Date
- 1933-02-01
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- [Seite] (sequence 1)
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Tatsächlich beantwortete es die Frage, ob und inwieweit das Judentum eine nationale Religion ist. Inzwischen ist das Referat von seinem Verfasser veröffentlicht worden, so daß die jüdische Welt das Recht und die Pflicht hat, Stellung zu ihm zu nehmen. Wiener folgt der Forderung der dialektischen Theologie, die mit Nachdruck das Eigenrecht des Religiösen betont und £egen seine Vermischung mit der Philosophie Einspruch erhebt. Nur so wird der Religion ihr Eigenrecht gesichert. Dieses Eigenrecht gilt natürlich nicht nur für das Christentum. sondern für jedes Religionsbekenntnis, das seines Eigenwertes bewußt ist. Die Offenbarung als die Selbstmitteilung Gottes ist das unentbehrliche Fundament jeder Theologie, das Merz aller Religion. Das geoffenbarte Wort als die Ansprache der Gottheit an den Menschen ist wohl nicht mit der menschlichen Sprachgestalt der kanonischen Urkunden identisch. Aber, wenn auch nach dem tälmudisdien' Worte „die Thora in Menschensprache redet“, so ist doch die heilige Schrift das Sprachgewand der religiösen Wahrheit. Bis dahin muß jede bewußte jüdische Theologie Wiener Gefolgschaft leisten. Anders steht es mit seinen geschichtlichen Folgerungen. Er sucht und Findet die geschichtliche Grundlegung der Selbstmitteilung Gottes in der sinaitischen Offenbarung, dem Bunde Gottes mit dem Volke Israel, und konstatiert damit den nationalen Charakter der Religion Israels. Die Auserwählung Israels zum Träger der Offenbarung, „das Faktum der Bundesschließung“, gilt ihm als der „geschichtliche Höhepunkt der jüdischen Religion“. Gleichzeitig glaubt Wiener hier „die Wurzel des Unterschiedes zwischen Judentum und Christentum“ freigelegt zu haben. „Bei allem Zugeständnis des Universalismus der jüdischen Gotteslehre und seines Moralgesetzes ... bleibt für die jüdische Religion konstitutiv, daß ein nicht aufzugebendes Wechselverhältnis zwischen Gott und Israel besieht.“ „Wir müssen mit dem Faktum rechnen, daß der universale Gehalt in einem partikularen Träger ruht.“ Das „Mittelglied“ zwischen Gott und der Menschheit bleibt das Volk Israel. Anders das Christentum. Es erscheint Wiener „von vornherein von bestimmtem Volkstum, ja, von jeder besonderen Gemeinschaft losgelöst“. Die einzige Quelle, aus der ein Urteil über die Richtigkeit oder Anfechtbarkeit der Anschauung Wieners geschöpft werden kann, ist die Heilige •Schrift. Sie widerlegt aber in allen Teilen seine Auffassung. Gewiß die Stunde der Offenbarung am Sinai ist die Ansprache Gottes an Israel gewesen. Aber die Bibel behauptet an keiner Stelle, daß diese Offenbarungsstunde etwa die Ursprungsstunde der Gottesoffenbarung gewesen ist. Bereits in der von der Bibel aufgestellten Urgesdilechtcrlistc stellt die strikte Widerlegung jeder nationalen Auffassung der Religion Israels. Ihr Mittelpunkt ist der ewige Gott. Aber bereits bei Enosch, dem Sohne Sdieths, also dem Enkel Adams, heißt es in der Thora: ..Damals ward begonnen, den Namen des Ewigen anzurufen <1. Buch Mose 4. 26)“. Und von Enosch stammte in gerader Linie Chanoch (Henodi) ab, von dem es in der Thora heißt: „Chanoch wandelte mit Gott und war nicht mehr, da Gott ihn zu sich genommen (1. Buch Mose 5, 24)“. Die Bibel glaubt also an eine Uroffenbarung Gottes von Adams Tagen an. Dagegen wird im ganzen heiligen Schrifttum des Judentums nirgends etwa Gott der Gott des Mose genannt. Hatten doch die drei Väter Abraham, Isaak und Jakob bereits unmittelbar mit ihm gesprochen. Das „Faktum der Offenbarung vom Sinai“ wird aber in der Thora schon durch das Schriftwort aufgehoben, an das alltäglich im Morgengebete nachdrücklich erinnert wird, daß Israel bereits am Schilfmeer „an Gott geglaubt hat (2. Buch Mose 14. 31)“. Daß die Bibel eine Uroffenbarung der Gottheit an alle Völker kennt, beweist die Bileamsgeschichte, in der ein heidnischer Seher in unmittelbare Beziehung zu Gott gestellt wird, ein Seher, der nicht nur den Gottesboten sieht, sondern mit Gott redet und seine Zukunftspläne weissagend enthüllt. In der Bibel redet Gott mit Juden und Heiden, mit Sündern und Gerechten. )ie Bibel ist trotz ihrer nationalen Elemente sourtümlidi universal, daß es fast überflüssig erscheint, einen Nachweis für diesen Universalismus zu erbringen. Aber ebenso irrig ist die Auffassung Wieners, daß das Christentum „von vornherein von bestimmtem Volkstum, ja. von jeder besonderen Gemeinschaft losgelöst" erscheint. Jesus selbst erklärt unzweideutig in dem Gespräch mit dem syrophönikisdien Weibe, daß er nur zu Israel gesandt sei. Erst nach heftigen Kämpfen hat sich die paulinische gegen die jjetrinisdie Auffassung vom jüdisch-nationalen Charakter der neuen ' Religion durchgesetzt, und noch heute vertreten christliche Sekten auf Grund der Johannesoffenbarung den petrinisdien Charakter ihres Bekenntnisses. Gewiß haben die Juden stets die Stunde am Sinai als einen Höhepunkt ihrer Geschichte betrachtet, niemals abef als eine erste Selbstmitteilung Gottes — und das heißt ja Offenbarung. Mit einer solchen Auffassung wäre ja die ganze Lehre vom Gottesglauben der Stammväter aufgehoben gewesen. Gerade sie aber betont das jüdische Gebet, das sich von jeher in Israel an den Gott der drei Stammväter gewandt hat. Noch bedenklicher aber wäre ein solcher Glaube im Hinblick auf die Grundidee der ganzen Bibel, den Messianismus. Er offenbart den göttlichen Sinn der Geschichte. Abraham wird nicht etwa zum Volke Israel gesandt. Vielmehr heißt es sogleich bei seiner ersten Berufung: „Sei ein Segen ... und mit dir sollen sich alle Geschlechter des Erdbodens segnen (1. Buch Mose 12, 2—3)“. Sicher nicht grundlos wiederholt die Heilige Schrift diese Worte bei dem dritten Patriarchen: „Und mit dir sollen sich alle Geschlechter des Erdbodens und mit deinem Samen segnen (I. Buch Mose 28,14)“. Jüdisch? ZeaUatstelle fite ffiprnfs* JUtaitmq, und Arbeitsnachweis. Stuttgart, Hospitalstr. 36 — Telephon 228 98. Sprechstunden: Mittwoch von 5—7 Uhr. Wir bitten, nach Möglichkeit sich unseres Arbeitsnachweises zu bedienen und führen nachstehend einige der uns gemeldeten Kräfte an: Textilreisender, langjährige Erfahrung, gute Zeugnisse. Innendekorateur, gute Ausbildung u. Praxis in ersten Möbclflrmen. beste Referenzen. Musiklehrerin, Klavier- und Violinunterricht in und außer dem Hause, mäßige Preise. Verkäuferin, aus der Schuhbranche. 20 Jahre, mit gutem Aeiißern. gewandt. Verkäuferin, aus der Putzbranche, tüchtig, gut empfohlen. Was ist dann denn aber die geschichtliche Bedeutung der Sinuistunde? Sie wird. 2. Buch Mose 19. 5—6 deutlich kundgetan: „Wohl ist die ganze Erde mein — ihr aber sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk werden“. Nicht der Träger der Offenbarung und nicht der Stamm, der Gott kündet, sollt ihr sein, sondern mühet euch, inein eigen zu werden. Und das Gesetz soll das Mittel der Erziehung zu solcher Heiligung sein. Wer den Universalismus der Religion Israels preisgibt, raubt ihr den stets verteidigten Anspruch auf ihre Weltgeltung. Kirche, Volk, Staat und, Judentum. Ein Religionsgcspr&ch im Jüd. Lehrhaus Der Verein Jüdisches Lehr haus in Stuttgart hat am 14. Januar im Saale der Hochschule für Musik eine öffentliche Aussprache über den Problemkreis „K i r ch e. V o I k, S t a a t ii u d Juden! u m“ zwischen Prof. D. Karl Ludwig S ch m i d t von der Universität Bonn, dem Herausgeber der Theologischen Blätter, und Prof. Dr. Martin Buber von der Universität Frankfurt a. M. veianstaltet. Den tieferen Sinn solcher Aussprachen hat Buber in seinem Buche „Zwiesprache" dahin ausgedeutet, daß sie keine Diskussion und keine Disputation darstellen sollen, sondern „Rückhaltlosigkeit zwischen zwei Menschen“. „Jeder gebe sich restlosin seiner menschhaft unvermeidlichen Einseitigkeit.“ Die beiden Sprecher sollen sich in dem Reiche zusainmenfinden, in dem das Gesetz der Ansicht nicht mehr gilt: sic sollen sidi begegnen, indem sie sich einander zu neigen, wahrhaft zueinander sprechen und so lebendige Gegenseitigkeit stiften. Von diesen Grundgedanken aus ging es den beiden Rednern des Abends nicht um eine inhaltsleere Duldung durch Verwischung des Gegensätzlichen, sondern um dessen klare Herausarbeitung. Schmidts schärfe Dialektik und Bubers aus tiefer Gläubigkeit gestaltete Antwort 'offenbarten das Trennende, das aber als'Glaubenserlcbnis zweier von ihrer Wahrheit durchdrungenen Männer nicht verletzend, sondern versöhnlich anmutete. Schmidt behandelte die Judenfrage nicht als Rassenfrage, sondern als religiös e s Prob 1 e in. Er ging von der Tatsache der Diaspora TOee wm Uloheffi speicht, denkt xm MÖBEL-MAY-ä