Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 14 (16.10.1932)
- Date
- 1932-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 6)
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- 140 - Besuchen S,e de. fr'flfa.fr,f Untere Königstraße Neuer Inhaber: A.SUdloit Modl,.^l.1l,rl ihnen zur christlichen Auffassung der Bihelstelle Jesaia 7. 14 gebracht zu haben. Das mag für Luther der äußere Anlaß gewesen sein, sich der Judenbekehrung zuzuwenden. Der volle Erfolg konnte seiner Leberzeugung nach nicht ausbleiben. ..Ich glaube." schrieb er. ..viele Juden müßten bekehrt werden, wenn sie unsere Predigt und Auslegung des Alten Testaments hörten.“ Die-e aus einer späteren Zeit stammenden Worte Luther» drücken seine zuversichtliche Hoffnung aus. mit Hilfe seiner neuen Lehre die Juden für das Christentum zu gewinnen. In dem im Jahre 1521 auf der Wartburg verfaßten ...VI a g u i - f.ikat" schrieb er: ..Drumb sollten wir die Juden nit so unfreundlich handeln: denn es sind noch Christen unter ihnen zukünftig und täglich werden. Wenn wir christlich lebten, und sie mit Güte zu Christo brächten, wäre wohl die rechte Viaaß Wer wollt Christen werden, so er siehet C hristen so unchristlich mit Vlenschen umbgahn?* Mit der ihm eigenen Ausdauer verfolgte er das Ziel der Judenbekehrung trotz vieler hnttüuahuiigen. Ja. er bequeintc sich sogar dazu, in »einer Predigt com 24. Februar t >24 den zu bekehrenden Juden anfänglich das Zugeständnis zu machen. ..Jesus sei ein Vlensch wie ein anderer gewesen, von Colt gesandt, um den .Menschen wohlzutun." Aber trotz aller guten Worte und trotz de» weitgehendsten Zugeständnisses mußte Luther dieselbe Lrfahrung machen, wie sie wohl allen Judenmi'sionaren nicht erspart bleibt. Nur die »chwächsten Klemente waren es meistens, die vom Glauben ihrer Väter abfielen. Häufig waren es Betrüger, die es nur auf das Patengeld abgesehen hatten, und die nachher wieder der Kirche entflohen. .Mit der Liebe Luthers zu den Juden ging es nun. wie es in unseren ..Sprüchen der Väter" heißt:' ..Jede Liebe, die von einer besonderen Ursache abhängt, hört auf. »obald die besondere Ursache aufhör t." Die .Mißerfolge Luthers und seiner freunde bei ihren Bekehrungsversuchen erbitterten ihn sehr, und seine Anklagen gegen die Verstockten, die das dargebotene Heil ver- »chmahtcn. begannen. Neue Ereignisse kamen hinzu, um Luther gegen die Juden noch mehr zu erbittern. Aus der Forderung des großen Reformators, daß die Heilige Schrift die Grundlage des kirchlichen Lebens bilden müsse, ergab sich folgerichtig die waatere Forderung, daß die Vorschriften des Alten Testaments auch innerhalb des Christentums zu beobachten seien. Die in Mähren entstandene Sekte der Sabbater stellte diese Forderung auf. verlegte den Sabbat wieder auf den Samstag zurück, und schließlich traten Anhänger dieser Sekte gänzlich zum Judentum über. Luther erfuhr von diesen Vorgängen durch seinen Freund, einen Grafen Schlick aus Falkenau. und veröffentlichte deshalb 153b den ..Brief wider die Sabbater an einen guten Freund". Als »Luther aber von seinem Freunde eine jüdische Gegenschrift zugesandt erhielt, welche nun ihrerseits die Grundlehren des Christentums zu widerlegen suchte, und sein Freund ihin gleichzeitig berichtete, daß die Sabbatersekte sich immer mehr ausbreitete und die Christenbekehrungen zum Judentum in Mähren immer häufiger würden, da mußte Luther seine evangelische Lehre bedroht sehen, und sein ganzer Zorn wandte sich jetzt gegen die Juden. Er veröffentlichte gegen sie die Beiden Kampfschriften „Von den Juden und ihren Lügen“ und „Vom»Schern Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ (1543). In'der erstgenannten Schrift bekämpfte er die jüdischen Auffassungen und Auslegungen des Alten Testaments, die er als Lügen bezeiAnete. . und wandte sich gegen die Juden in sehr feindlichem Tone. Im „Schern Hamphoras“ übte Luther scharfe, in der Ausdrucksweise maßlos derbe Kritik an einer abergläubischen und unsinnigen Volkslegende, die im Mittelalter in ungebildeten jüdischen Kreisen verbreitet war. Der Hauptzweck dieser Schrift war auch. ..die losen Christen, so Juden worden sind oder werden wollen“, zu warnen. Nur noch ein schwacher Hoffnungsschimmer, . die Juden zu bekehren, zeigt sich in den Worten der Einleitung: ..Ist noch etwas Vienschliches in ihnen, dem mag solch Schreiben zu„Nutz und Gut kommen", und in den Schlußworten: „Welche sich bekehren wollen, da gebe Gott sein Gnade zu“. Im übrigen aber atmet diese Schrift, die wegen ihrer zügellosen Ausdrucksweise sogar von manchem Anhänger Luthers getadelt würde, eine sehr feindliche Gesinnung gegen die Juden. -An dem 1521 gefaßten Plane, die Juden für die evangelische Lehre zu gewinnen, hielt also Luther bis an sein Lebensende fest, und e r wurde nur deshalb ein Judenfeind, weil seine Bekehrungsversuche nicht nur keinen Erfolg hatten, sondern er es sogar erleben mußte, daß eine Anzahl evangelischer "Christen zum Judentum übertrat, und dieses nach seiner Ansicht auf das Betreiben jüdischer Bekehrer. Daß er in diesem Kampfe gegen die Juden die heftigsten Ausdrücke gegen sie braucht, entspricht der derben Kampinatur des großen Reformators. Er faßt auch seine Arist- GOETHE UND DIE BIBEL Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d. h. je mehr man einsieht und anschaut, daß jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit- und Ortsverhältnissen einen eigenen, besonderen, unmittelbaren, individuellen Bezug gehabt hat. Der Bibel allein war ich meine ganze sittliche Bildung schuldig. Ihre Begebenheiten, Lehren, Symbole und Gleichnisse, alles hatte sich tief bei mir eingedrückt und war auf die eine oder die andere Weise wirksam geworden. liehen Deutschen nicht sanft an, wenn er ein ernstes Wort mit ihnen zu reden hat: „Die Deutschen sind ein wüst wild Volk. — Sie sind Bestien und-nicht vernünftige Leute. — Unter ihnen ist v iel Rauben und Stehlen. — Ihnen mangelt nichts denn an Verstand, Wissenschaft und Fleiß und am rechten Brauch.“ VIah würde bei uns mit Recht entrüstet sein, wenn'Deutschlands Feinde bei ihrer Verleumdung des deutschen Volkscharakters solche Aussprüche Luthers wie die angeführten als Beweise für ihre Beschimpfungen neranziehen würden. Ebensowenig dürfen aber auch Luthers harte Urteile über die Juden als ernstliches und vollgültiges Zeugnis gegen sie verwendet werden. Aus xUh QememdeH Wüdtem&etQS. Stuttgart. Am 12. Oktober fand eine Sitzung des Isr. Vorsteheramts statt. Die Tagesordnung enthielt folgende Punkte: 1. Vorbereitung der Wahlen zum Vorsteheramt und der Ersatzwahlen zur Landesversammlung (Referent: Oskar Rothschild); 2. Beratung des Haushaltsplans (Referent: Karl Levi); 3. Bericht der Finanzabteilung (Referent: Karl Levi); 4. Bericht des Kleinen Rats, Veranstaltung von Vortragen zur Jugendwerbung (Referent: Dr. Tänzer); 5. Bericht der Unterrichtsabteilung (Referenten: Stadtrabbiner Dr. R i e - ger, San.-Rat Dr. Ries); 4. Laufendes (Referent: Oskar Rothschild). Wir werden über die Sitzung in nächster Nummer ausführlich berichten. Stuttgart. Die Wahlen zum Vorsteheramt werden zusammen mit den Ersatzwahlen zur Landesversammlung am 20. November stattfinden. Aus dem Kollegium scheiden turnusmäßig aus: Ludwig Ebstein, Rechtsanwalt Dr. Eugen Flegenheimer, Fabrikant Ka r 1 Levi, Oberrechnungsrat Max Meyer, Fabrikant Oskar Rothschild und Rechtsanwalt Dr. Paul Tänzer. Alle diese Herren sind verfassungsmäßig wieder wählbar. Um den Gemeindemitgliedern Gelegenheit zu geben, zu den Wahlen Stellung zu nehmen, veranstaltet der „Verein fürjüd. Gemeindeangelegenheiten“ demnächst eine Versammlung, die auf Seite 138 dieser Nummer angekündigt wird. Ein zahlreicher Besuch dieser Wahlversammlung ist im Interesse unserer Gemeindepolitik dringend geboten. Denn: es i»t besser, vor den Wahlen seine Meinung zu äußern, als nachher unfruchtbare Kritik zu üben. In nächster Nummer werden wir zu den bevorstehenden Wahlen Näheres berichten. Stuttgart. Das Isr. Gemeindevorsteheramt Stuttgart und das Isr. Fürsorgeamt Stuttgart veröffentlichen auf Seite 155 dieser Nummer einen Aufruf, der in allen Kreisen unserer Gemeinde gebührende Aufmerksamkeit finden muß. Jeder der weiß, welch schmerzliche Wunden die Wirtschaftskrise auch dem jüdischen Bevölkerungsbestandteil geschlagen hat. wird nicht zögern, nun seine Hand in altjüdischer Gebefreudigkeit zu öffnen. Die Wohlfahrt» zentrale unserer jüdischen Gemeinde braucht Geld für Mietbeihilfen, Brennstoffe, Lebensmittelversorgung usw. Sie kann der großen j Not nur Herr werden, wenn jeder nach Maßgabe seiner Verhältnisse der herzlichen Bitt<* des Aufrufs entspricht. Stuttgart. Um die jüdische Schuljugend für die Jugendarbeit zu interessieren und zu werben, veranstaltete das Isr. Vorsteheramt am 13. Oktober im Haus des Deutschtums einen Vortragsnachmittag. Es sprachen Anstaltsdirektor Th. Rothschild, Eßlingen, Rechtsanwalt Dr. Paul Tänzer und Lise Feldman n. Auf die Veranstaltung kommen wir in nächster Nummer zurück. Für die Schuljugend über 15 Jahre und di schon beruflich tätigen Jugendlichen findet ebenfalls vom Vorsteheramt veranstaltet — am 29. Oktober eine Versammlung statt Wie wir hören, werden in ihr Dr. med. Ludwig Tiet/„ Berlin, und Rechtsanwalt Dr. Walter Einstein, Stuttgart sprechen. Stuttgart. Der Verwaltung^ und Wirtschaftsausschuß des Württ. Landtags begann am 7. Oktober seine Beratungen mit der Erledigung einer Eingabe der Frauenliga für Tierrecht und Tierschutz, die ein Verbot der Hetzjagden beantragte. Während von Abgeordneten der Sozialdemokratie, des Bauernbunds und des Zentrums diese Eingabe dringend befürwortet wurde, ersuchte der nationalsozialistische Berichterstatter D e m p e 1, über diese Eingabe zur Tagesordnung überzugehen, da da» bei diesen Hetzjagden erfolgende Abwürgen von Katzen, auf die die Hunde gehetzt werden, eine im Interesse der Jagd „unvermeidliche Härte“ darstelle, und da sonst „jagdlich gute Hunde“ nicht zu erzielen seien. Erfreulicherweise wurde aber ein Antrag, die Eingabe der Frauenliga zu berücksichtigen, gegen die Nationalsozialisten angenommen. Darauf wurde, wie die „S di wä b. Ta gwa ch t“ schreibt, „ein alter antisemitischer Paradegaul aus dem Stall gezogen, nämlich ein Antrag Murr und Genossen (NS.) auf Verbot de» Schächtens von Vieh nach jüdischem Ritus. Der Berichterstatter, Abg. Re i n e r (NS.), begründete diesen Antrag eingehend, indem er da» Schächten als Tierquälerei bezeichnete, das aus „Humanität“ beseitigt werden müsse. Ein s o zialdemokratisAer Abgeordneter rückt« zunächst den Gegensatz der Haltung der Nationalsozialisten in dieser Frage zu ihrer Haltung beim ersten Punkt der Tagesordnung ins reAte Licht. Dann führte er aus, daß eine Partei nicht das Recht habe, überhaupt von Humanität zu sprechen, die das Eintreten für eine Politik de» Völkerfriedens und Vermeidung des AbschlaAtens von Menschen durch grausame Kriege al» verächtlich bezeichne. Wahre Humanität m ü sse beim Menschen beginnen und diesen davor schützen, das Opfer von Brutalitäten zu werden. In der Lache selbst gehen die Auffassungen der Sachverständigen weit auseinander, und der vom Verwaltungsausschuß des früheren Landtags eingenommene Augenschein im Stuttgarter SAIaAthof habe erwiesen, daß das Schlackten von Vieh durch BolzensAießen, auf den Kopf schlagen usw. ebenso roh und schmerzvoll sei. Im übrigen befürwortete er, die Regierung zu beauftragen, beim Reick auf Fortführung der Verhandlungen mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft über eine angemessene und dem jüdischen Ritus ge reAt werdende Betäubungsmethode hinzuwirken. Abgeordnete des Zentrums und der Kommunisten sprachen sich in gleichem Sinne aus. NaA Beendigung der lebhaften Aussprache wurden die nationalsozialistischen Anträge mit 8 Nein (8.. Z., K.) gegen 8 Ja (NS., Rheinmetall- Kleinschreibmaschinen für Reise, Büro und Heim Stets Lager in gebrauchten Maschinen mit Garantie in allen Preislagen stt- Rheinmetall-Schreibmaschinen fQr alle Zwecke