Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 22 (16.2.1932)
- Date
- 1932-02-16
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Nach den Stiftungssatzungen soll das Reinertriignis des Stiftungskapitals „zur Erziehung und Ausbildung bedürftiger und würdiger israelitischer junger Leute beiderlei Geschlechts dienen, welche entweder selbst württembergische Staatsangehörige sind oder deren Eltern seit mindestens zehn Jahren ihren Wohnsitz in Württemberg haben; in erster Linie sollen solche junge Leute berücksichtigt werden, welche ein Handwerk, technisches Gewerbe oder ein Kunstgewerbe erlernen wollen“. Bewerbungen sind bis I i. M ii r z ds. J. bei dem Kurator Hbrrn Leopold Levi mit Briefen des Israelitischen Oberrats, Stuttgart, Kiinigstr. 8 2, einzureichen. Die Vorsteherämter werden ersucht, vorstehenden Bewerberaufruf am schwarzen Brett der Synagoge oder in einer sonst geeigneten Weise bekanntzugeben. Dr. H i r s ch. Israel. Gemeindevorsteheramt Stuttgart. Seinen Austritt aus der Isr. Religionsgemeinschaft hat erklärt: Dipl.-Ing. Georg Adler, hier, Silberburgstr. 26. Spenden siehe gegenüberliegende Seite. Kann Judentum uns jüdischer Jugend etwas bedeuten? Von Ernst Saenger, Stuttgart. Jude zu sein, bedeutet heute für viele besonders von uns Jungen — seien wir dodi ganz ehrlich! — eine Tatsache, die nicht zu ändern ist, zn welcher wir nichts beigetragen und nichts bei- /utragen hüben, ja, Jude scheint nur noch ein leerer Name zu sein. Und die Gründe solch gleichgültig passiver Einstellung? Aehnlich wie beim Protestantismus, so hat auch bei uns Juden der Geist des 19. Jahrhunderts die Religion vom wirklichen Leben abgeschnitten, hat Judentum auf einen Bruchteil seines Inhaltes beschränkt und hat es uns so zu etwas gemacht, das sich im Leben des 20. Jahrhunderts nicht behaupten zu können scheint. Judentum ist uns beinahe eine Angelegenheit, die sich in früheren Zeiten abgespielt hat und mit der wir selbst recht wenig Zusammenhängen. Legt Euch die Frage vor: ..Was würde uns eigentlich Judentum bedeuten, wenn es uns nicht von unserer nichtjüdischen Umgebung immer wieder als ein Verschieden- Sein zum Bewußtsein gebracht würde?“ Müßte nach Euerer Antwort die Sinngebung nicht furchtbar negativ sein? Würde aber Judentum tatsächlich nicht auch für die Menschen unserer Zeit mehr Bedeutung haben als ein Begriff, der nicht sterben und nicht leben kann, warum sollten wir uns nicht von diesem leeren Namen befreien, warum noch um seinetwillen kämpfen und gar leiden? Was hindert uns eigentlich noch, diesen letzten Schritt zu tun? Ist nicht vielleicht in uns selbst etwas in Vergessenheit geraten, weil man eine Zeitlang glaubte, es vergessen zu müssen? Denn wir vergaßen ja beinahe, fühlten nicht mehr, daß in Wirklichkeit die Tatsache unseres Jude- Seins für “jeden einzelnen, ob er es will oder nicht, eine Bedeutung für sein Leben hat. die viel tiefer verwurzelt ist. als in dem formalen Aeußeicn des Namens „Jude“. Jude-Sein, das liedeutet M i t gcstultung unserer Persönlichkeit durch eine jahrtausendelange Lebens- und Leidensgeschichte jüdischer Menschen. So ist also Geschichte jüdischen Geschehens und Denkens für uns persönlich wichtig, denn diese haben ja Einfluß auf unser Wesen und Denken. Bejahen wir diese Tatsache, verleugnen und unterdrücken wir nicht einen Teil von uns selbst! Dann wird es nicht mehr so viele jüdische Menschen geben, die abgeschnitten von einer wesentlichen Quelle ihres Lebens, innerlich verkrampft sind, die wurzellos und haltlos in der geistigen Not der Zeit stehen, und die einen sehr unerfreulichen Menschentyp bilden. So gesehen gew innt jüdisches Leben und jüdische Kultur der Vergangenheit für uns Gegenwartsbedeutung. Hebräisch ist nicht nur die Gebetssprache, sondern es ist vor allem auch die Sprache, in der jüdische Menschen jahrtausendelang gefühlt, gedacht, gesprochen und durch welche sie mit ihrem Gott verbunden waren. Wir merken, daß die Propheten nicht nur einmalig bestimmte, zeitgebundene Kerlen gegen den Götzendienst der damaligen Zeit gehalten haben, sondern daß sie um jüdische Grundideen gekämpft haben, die für unser Leben nicht weniger Gültigkeit haben als für die Menschen jener Zeit. Es erwächst die'Notwendigkeit, utn all dies Geschehen und Denken zu wissen, damit wir mit ihm % erblinden sein können. Wir müssen den Anschluß an die jüdische Vergangenheit finden, um in der Gegenwart fest zu stehen! M ii s s e n? Ja, denn Judentum kann nicht leben, wenn es in jüdischen Menschen verkümmert. W ie können wir diesen Weg zu den lebendigen Quellen und Kräften des Judentums finden? Im Barthold Auarbach, dar Schwarzwalddichtair, starb vor 50 Jahren, am 8. Februar 1882, In seinen zahlreichen Dorfgeschichten aus seiner schwäbischen Heimat — erinnert sei an „Barfüissele“ hat er sich ein bleibendes Denkmal gesetzt. Bewußtsein ihrer Gegenw artsbedeutuut wollen wir jüdische Geschichte lernen, wollculuns mit der Vergangenheit und Gegenwart de|> Judentums vertraut machen. Anlüßlithj des iijmicn Semestei beginns des J ü d i s ch e n L e h i hause» sei ganz besonders auf diese Forderutigl die sich für jeden \on uns erhebt, hingewiesen. W ir Alle, und besonders w ir Jungen, sind jüdisch arm und leer: kommt, so leer wie Ihr seid, ins J ehrhau» und fordert zu lernen, was Euch withtig erscheint. A b er er w a ch t aus dieser passiven G I e i ch g ii 11 i g k e i t und besinnt E u ch u ii f da», w a » i n I ii ch j ii <1 i » ch i » t. Auf dem Wege zum Reidisverbanä. Berlin, 31. Januar. I \or dem Eintritt in die Tagesordnung legte | Oberstlandesgerichtsrut Dr. N e u nt e y e r - München der Reichsarbeitsgemeinschaft eine Anregung der Süddeutschen Arbeitsgemeinschaft (des bayrischen, badischen, hessische n und w ürttembergischen jüdischen Lundesverbandes) vor, einen Ausschuß zur Vertretung der jüdischen Interessen vor den öffentlichen Stellen im Reiche zu bilden. In diesen Ausschuß sollte der Preußische Lundesverband sechs, die Süddeutsche Arbeitsgemeinschaft vier, der Sächsische Landesverband. die Hansestädte und die übrigen Landesverbünde je einen Vertreter entsenden. Dazu sollten zwei Vertreter der Rabbinerverbände kommen, so daß der Ausschuß aus 15 Vertretern bestünde. Den Vorsitz sollte Preußen, den stellvertretenden Vorsitz die Süddeutsche Arbeitsgemeinschaft führen. Nach kurzer Beratung der preußischen Mitglieder der Reichsarbeitsgemeinschaft erklärten diese ihre Zustimmung zu dem Vorschläge. Preußen wird nunmehr seinen Verfassungsentwurf für den Reichsverband der deutschen Juden der Süddeutschen Arbeitsgemeinschaft zu einer Vorberatung vorlegen. Ministerialrat Dr. Otto Hirsch erklärte in deren Namen, daß sie sich vor der Vorlegung des Entwurfes nicht in eine Erörterung seiner Einzelheiten einlassen wolle. Ueher die Zahlung der Pensionen der im Ruhestand lebenden jüdischen Beamten aus den abgetretenen Provinzen und über die Feststellung der Reichswichtigkeit der zu subventionierenden Einrichtungen sollen die Finanzdezernenten der Verbände beraten und Entschließungen vorbereiten. Der Beitrag zu den Reichsorganisationen und Reichsanstalten soll aber eine Mark für den Kopf nicht übersteigen. Eine Subvention an das Gesamtarchiv der de ui sehen Juden wurde bewilligt und die Erhaltung der rabbinischen Lektorate an den theologischen Fakultäten der Universitäten ' Marburg und Gießen beschlossen. Nachdem die Notlage der kleineren Landesverbände und die Organisation des Thüringischen Landesverbundes eingehend besprochen war, erstattete W o yda - Berlin ein Referat über die Wirtschuftsnot der deutschen Juden. Als Mittel zu ihrer Behebung empfahl er die Schaffung von Darlehenskassen, systematische Arbeitsvermittlung und die Beteiligung au der landwirtschaftlichen Erwerbslosensiedlung. Dr. Levi -Mainz und R.-A. G o 1 d b c r i -Plauen gaben wertvolle Anregungen zur Siedlupgsfruge. Dr. Klee sprach sich bei der gegenwärtigen: Lage der deutschen Landwirtschaft gejren eine* Beteiligung der Juden an dem Siedlutigsplune aus. K u r e s k i warnte vor der 'Ausbildung von Lehrlingen in der Textilbranche, du dicjsc keine Aussicht für eine Weiterbeschäftigung nach der Lehrzeit bietet. Dr. Nathan -Hamburg trat1 trotzdem für die Lchrlingsbeschäftigung auch in später aussichtslosen Branchen ein. da sic) Jugendliche immerhin für einigle Jahre vor klen Gefahren der Arbeitslosigkeit bewahrt. FrliDr. Bereut forderte die Mitarbeit von Freuen auf allen Gebieten der Landesverbändebetätigung. Schließlich fanden Aussprachen über die Begründung einer jüdischen Funkzcutrale und lüber die Einführung eines Vikariatsjahres für junge Rabbiner nach ihrem Examen statt. Die Schaffung einer jüdischen Funkzentrale für Preußen wurde begrüßt. Ueber die Frage des Vikariatsjahres wurde nach den Bedenken, die Dr. Hi rjsch und' Dr. Levi geäußert.' kein Beschluß gefaßt.