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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1931-11-16 · 16 (16.11.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VIII (1931-1932)
Issue
16 (16.11.1931)
Date
1931-11-16
Page
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— 173 ihn war Jesus ein nationalistischer Bandenftthrer) kreuzigen lassen. Aber die Gemeinde wußte, daß es die Juden sind, die immer die von Gott gesandten Propheten töten, und sie bewahrte ein Wort Jesu, daß er wie alle Propheten in Jerusalem sterben müsse. So formte sie die Passionsgeschichte mit unbewußter Selbstverständlichkeit nach ihrer Theologie und entlastete den Pilatus, indem sie gleichzeitig die Juden mit der Blutschuld belastete. Lietzmanns These hat überall Aufsehen erregt und wurde in der internationalen Presse eingehend behandelt, ln den kirchenhistorischen Kreisen Deutschlands und des Auslands finden seine Ausführungen Zustimmung. Jüdische £eqmde*i. In hödister Not. hin Jahr der Heimsuchung lastete auf der ganzen Menschheit. Sie hatte den Acker bestellt und Aussaat gehalten, aber der Ertrag blieb aus. Die Teuerung stieg von Tag zu Tag. Wie lange noch, und die Hungersnot kam und mit ihr das harte Sterben! Die Bethäuser waren überfüllt, die Menschen schrieen zu Gott, aber der Ewige schwieg. Die Tränen der Menschen strömten, daß die Engel, die keine Tränen kennen, das Weinen erlernten. Aber der Himmel blieb stumm. In allen Zeiten gab es Menschen die gleichsam Zutritt zuin himmlischen König haben, während die anderen nur in den Vorhöfen Gottes weilen dürfen. In jedem Zeitalter leben, meist unerkannt. 30 Krumme, die zu Gottes Hofstaat gehören. Einer von ihnen in jenen Tagen war der Zaddik von Spala. den sie wegen seines hohen Alters den „Alten von Spala“ nannten. Er betete, er weinte, er fastete für die leidende Menschheit, umsonst, sein Gebet blieb ohne Antwort. Da kamen die Frommen, die Großen zusammen und beschlossen den folgenden Brief an den Alten von Spala: „Wir sind am Ende unserer Kraft. Länger darf das Leid nicht dauern. Unsere Greise verzweifeln, unsere Kinder sterben vor Hunger, die Seuche hält schreckliche Lese. Nur du kannst uns retten. Wie einst Nachuni von Emmaus heischend vor Gott in der Notzeit hingetreten, wie einst Onias der Fromme es gewagt, so ist es deine heilige Pflicht, vor den großen Weltenherrn mit dem Gebot heranzutreten, die Not zu enden. Schweigst du in dieser Stunde, dann bist du mitschuldig an dem Tode der Menschheit.“ Der Alte von Spala war tief niedergeschlagen, als er den Brief gelesen. Gewiß war er sein Leben lang bemüht gewesen, seinem Herrn ein treuer Diener zu sein. Aber, der geringe, hinfällige Mensch, sollte fordern, wo doch sein Beten ohne Wirkung geblieben? Da tat er das Ungeheuerliche — er berief die zehn Besten seiner Zeit nach Spala, daß sie wider Gott Gericht halten sollten. Sie saßen in frommer Erregung, im Gebetkleid, die Denkriemen am Haupt und am Arm, im Gotteshause, als der Alte von Spala vor sie hintrat: „Vernehmt, ihr Edlen, daß ich, der Geringste unter den Geringen, Löb Sohn der Babel, den Allmächtigen zum Rechtsspruch vor euch ladel Wo zehn Fromme im Namen Gottes beisammen sind, weilt Gottes Herrlichkeit. Also ist Er vor euch und bei uns. Herr, wir haben gesündigt; unsere Kraft versiegt, du mußt uns helfen, sonst sterben wir hin und mit uns der Sinn deiner Schöpfung.“ Da brachen die zehn Greise in lautes Weinen aus, daß der Himmel vor ihrem Schluchzen erbebte. Der Alte von Späla aber rief nach der alt geheiligten Sitte den Diener des Ge*(chtshofes: „Der Kläger ist hier, nun rufe den Beklagten: Auf Geheiß der Gemeinde und des Gerichtshofes der Gerechtigkeit, der hier tagt, tue ich kund, daß Löb Sohn der Babel als Ankläger den Heiligen, gelobt sei er, als Angeklagten in drei Tagen vor die Schranken dieses Gerichtshofes lädt.“ Drei Tage fasteten die Zehn in heiliger Furcht. So kam der vierte Tag. Im Sterbekleide saßen die zehn Richter im Gotteshause, und der Alte von Spala trat vor Gott: „Im Namen der Millionen leidender Kreaturen rufe ich dich, den Heiligen, vor diesen irdischen Gerichtshof. Du hast in deiner L^hre geschrieben: .Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gotte*. Der Vater aber ist nach dem heiligen Bibelworte verpflichtet, sein Kind zu ernähren. In deiner heiligen Lehre heißt es: .Denn meine Knechte seid ihr*. Der MOHRENKOftlE PAUL v. MAUR MÖBELTRANSPORT Spedition — Wohnungstaueon — Lagerung STUTTGART Semapr. 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Er sah durch den Himmel hindurch den Höchsten auf heiligem Throne und vernahm die Stimme der.Engel, die Gottes Recht für seine Menschenkinder forderten. Dann aber hörte er die Stimme der Allmacht . . . Am Abend wehten Frühlingswinde, der Regen fiel segnend zur Erde, c^as Gras des Feldes und die Frucht der Erde tranken das himmlische Naß. Ein Aufatmen ging durch Wald und Feld und Flur, und bald ward aller Not ein Ende auf Erden. sk Diesseits und Jenseits. Es war am Freitag. Der Fuhrmann trieb sein mageres Pferdchen an, um den Heimatsort noch vor dem Sabbath zu erreichen. Da geschah das Unheil. Die Deichsel brach, das Pferdchen stürzte. Der Fuhrmann rief, aber niemand kam des Weges. Er lief nach rechts und nach links, aber nirgends war eine menschliche Niederlassung. Dabei rückte der Sabbath immer näher. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig — er mußte den Sabbath im Walde feiern, ln seinem Mantelsack war noch ein Stück trockenes Schwarzbrot. Das mußte seine Mahlzeit für den Sabbath-. tag sein. Er schirrte sein Pferd ab und gab ihm zu fressen. Dann setzte er sich zum ersten Sabbathmahle und pries bei einem Bissen Schwarzbrot den Schöpfer für das Geschenk des Sabbathtages. Allerdings wollte die rechte Sabbathfreude, die sonst mit dem Freitagabend in das Herz kommt, diesmal nicht zu ihm kommen. Daheim bangten die Seinen sicher wegen seines Fernbleibens, wenn sie auch sein Mißgeschick' gewiß nicht ahnten. Die Nacht war frostig kalt. Da schlich sich die Trauer in sein Herz. Er war sonst kein weicher Mensch. Aber er mußte weinen. Er dachte an seine Armut, an die Enttäuschungen seines Lebens, an die bitteren Erfahrungen in seinem Hause, und seine Seele war voll und satt an Trauer, so daß der Sabbathfriede ihm fern blieb. Er murrte über sein Schicksal, bis er unter Tränen einschlief. Ob es ein Traum oder Wirklichkeit' war? Ein Alter stand vor ihm, lud ihn zum Folgen ein, and er ging mit dem Fremden. Er kam in ein herrliches, suhhuthlidi geschmücktes Haüs. Ein reiches Mahl stand auf dem fische. Er trank und aß die köstlichen Speisen, die einen rätselhaften wunderbaren Duft“ hatten. Ein Greis in einem schönen weißen seidenen Gewand, — er sah dem Erzvater Abraham auf dein Tiielblatt seines Gebetbuches nur zu ähnlich — su 1 oben an dein Tische und deutete das Bibel wert der Woche so überirdisch fein und klug, wie er es bisher noch nie gehört hatte. Als das \! ahl zu Ende, sang ein anderer, ein königlich schöner Mann — war es König David? — mit einer zauberfeinen Stimme die ulten Sabbatl lieder. So viel Andacht und solche heilige Freud: hatte der Fuhrmun noch nie erlebt. In tiefem Entzücken vergingen die Sabbathstunden. Am Ende stand der Greis, der ihn geführt, wiecer vor ihm. ..Komm“, sprach der Alte und er folgte ihm in ein Gemach, das mit Gold utid Edelsteine» fast bis zur Decke gefüllt war. Der Alte sprach: „Du hast die Wahl. Willst du irdisches Glück, so greife zu! Willst du ewiges Glück, so bleibe, wie du warst!" Der Fuhrmann aber hörte gar nicht mehr auf die Stimme seines Führers. Er raffte wie geblendet jon den gleißenden Kostbarkeiten zusammen, soviel er nur tragen tonnte. Nun war sein Wunsch erfüllt. Er war ein reicher Mann. Im nächsten Augenblick war er wie durch ein Wunder in der Heimat. Wie sich alle vor ihm bückten und neigten! Es war also sdton bekannt. wie reich fcr inzwischen geworden war. Eine seltsame Wandlung war in ihm voi gegangen. Ein unerhörter Stolz regte sich in seinem Herzen. Der Reichtum machte ihn herrisci sogar gegen sein Weib und seine Kinder. Wir der Nachbar eigentlich reicher als-- er? Der Neid schlich sich in seine Seele und wühlte in ihr. Die Freunde von gestern ehrten ihn wohl. Aber er spürte: sic hatten nicht vergessen, ’vas er längst vergessen hatte, daß er gestern noch der arme Fuhrmann gewesen. Bei all dem Glück ringsum fröstelte sein Herz. War er eigentlich glücklicher geworden, seitdem die Armjut von seiner Tür gewichen? Ein grausames Lachen war die Antwort, die er sich selber gab. Und dann packte er wütend allen seinen Reichtum und schrie zu Gott: Laß mich, wie ich war, arm. aber gut! Mit dem Schrei wachte er auf. Die Nacht war vorüber. Die Sonne war strahlend aiifgegangen und mit ihrem Leuchten waren die schwarzen Gedanken verwehrt, die sei^i Herz umdüstert hatten. Fröhlich sang der Fuhrmann das Sabbathmorgengebet und pries Gott für sein Schicksal. Der Sabbathfriede, der ihn jgestern geflohen, war heute in seine Seele eingekehrt. Er war in seiner Armut glückselig. SQdd. Treuhand-Aktiengesellschaft Wirtschaftsprüfung - Buchrevision - Bilanzen Steuerberatung - Vergleiche Fernsprecher 20629—27726 Jetzt: Königstr. 31B 999024

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