Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 12 (16.9.1931)
- Date
- 1931-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 9)
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- 129 - Richterspruch Gottes, der Entscheidung, die in Gottes Namen und im Namen der Tnora von dem Lehrer seines Wohnortes gefällt wird. Die Ehrfurcht vor dem Schiedsspruch im Namen der Thora ist so groß, daß selbst Gott ihn achtet. Audi er muß sich ihm fügen und unterwerfen. Zweimal, so erzählt man im Osten, haben die Richter und Rabbiner den Herrn selbst zum Rechtsspruche geladen und ihn verurteilt, nach ihm zu tun. Das aber, so sagen sie, ist Gottes wahre Größe, daß er sein heiliges Wort geehrt, den Schiedsspruch anerkannt und nach ihm getan hat. Rabbi Lewi Jizchak war der Rabbiner. Rabbi Süssel der Kinderlehrer in Berditsdiew. Rabbi Süssel war bettelarm. Daß es ihm schlecht ging, trug er ohne Murren mit stoischer Heiterkeit Sicher hatte er es also verdient. Daheim aber erblühte ihm eine Tochter. Sie war von rührender Schönheit und an Frömmigkeit ihr kein Mädchen gleich. Nun kam der Freier, ein frommer trefflicher Mann, und begehrte das Mädchen zum Weibe. Aber Rabbi Süssel war so arm, daß er auch nicht die mindeste Mitgift und Aussteuer für sein Kind schaffen konnte. Gewiß hätte der Freier das Mädchen auch ohne jede Mitgift geehelidit. Aber nach dem Brauch des Ostens ist es die ärgste Beschämung für die Eltern, die Tochter aus dem Hause ohne Aussteuer und Mitgift in des Gatten Haus ziehen zu lassen. Sollte sein Kind wie eine Blume im Schatten verwelken? Sollte er, der als Frommer und Gelehrter in höchster Achtung in seiner Heimatgemeinde stand, für sie betteln gehen? Er vertraute von Jahr zu Jahr auf den reichen Gott. Als der aber nicht half oder nicht helfen wollte, obwohl er so innig um seine Hilfe gebeten..entschloß sich Rabbi Süssel zu Rabbi Lewi Jizchak zu gehen. „Ich habe einen Rechtsstreit wider Gott." Mit diesen Worten trat er in das Zimmer des Rabbiners. Der war im ersten Augenblicke über die Worte Rabbi Süsseis tief betroffen. War Rabbi Süssel ein Ketzer, daß er es wagte. Gottes Fügungen und Schickungen zu bezweifeln? Als er aber in die Augen seines Gastes sah und den tiefen Ernst in seinen frommen Mienen spürte, sprach er feierlich: „Du bist der Kläger, der Angeklagte ist hier, denn er ist der Allgegenwärtige. So rede, was du gegen ihn hast!“ Und Rabbi Süssel begann: „Rabbi, du weißt es, daß nach den Worten der Weisen drei an jedes Menschen Schicksal beteiligt sind, Vater, Mutter und Gott. Mejn Weib und ich haben unsere Tochter zu einem jüdischen Menschen erzogen. Auch Gott hat sie mit allen Gaben der Güte und der Anmut beschenkt. Nun kommt der Freier. Aber ich habe kein Heiratsgut für mein Kind. Soll ich Gott beschämen, daß ich als sein Jünger für mein und sein Kind betteln gehe? Die Ehre der Thora und der Gottheit gebietet ihm. daß er der Reiche, der Große, mir in meiner Not hilft.“ Rabbi Lewi Jizchak hatte jedem Worte seines Gastes mit frommem Ernste gelauscht. Dann sprach er: „Wohl können wir seine Wege nicht immer verstehen. Aber ich befinde, daß du recht hast. Er ist dir das Geld für die Aussteuer deines Kindes schuldig.“ „Wenn es so steht,“ rief Rabbi Süssel, „so gebe mir der Rabbi ein schriftliches Urteil, in dem mein Recht anerkannt wird.“ Und Rabbi Lewi ließ von seinem Bes-Din (Gerichtshof) den Entscheid ausfertigen, daß Gott dem Rabbi Süssel so und soviel Geld zur Mitgift seiner Tochter schulde. Strahlend ging Rabbi Süssel mit dem Schriftstück nach Hause. Er ließ den Freier kommen und fragte ihn: „Ich weiß, daß du mein Kind liebst und zur Gattin begehrst. Bares Geld habe ich nicht, aber einen Wechsel auf den reichsten Herrn der ganzen Welt.“ Dabei zeigte er ihm den Entscheid, des Berditschewer Rabbi. Der Freier sprach.: „Dein Brief ist mir lieber als bar Geld — ich bin einverstanden.“ Darauf ging Rabbi Süssel zum Stoffhändler und dann zum Schneider, zum Wäschekrämer und dann zum Möbeltischler. Allen zeigte er den Wechsel auf Gott, und alle, fromme Juden, waren gern bereit, den Wechsel auf Gott zu honorieren. Ganz Berditschew sprach von dieser Sache. Die Gemeinde wetteiferte, für Rabbi Süsseis Tochter zu Gottes Lasten die schönste Aussteuer zu liefern. Hatte es der Rabbiner so bestimmt, hatte es das Bes-Din so beschlossen, war Rabbi Süssel damit einverstanden, dann waren sie alle verpflichtet, für Gottes Kind zu sorgen und am heiligen Werke mitzuhelfen. So kam der Hochzeitstag. Eine solche Hochzeit hatte Berditschew noch nicht gesehen. Die ganze Gemeinde nahm an ihr teil. Die Reichen sandten — für Gottes Rechnung — die edelsten Weine, die teuersten Speisen, die köstlichsten Leckerbissen. Und dann kamen sie alle zur Hochzeit, die auf Gottes Kosten hergerichtet war. Rabbi Lewi Jizchak vollzog die Trauung in tiefster Andacht. Nach guter frommer Sitte herrschte sieben Tage in der ganzen Gemeinde festliche Freude. Eine so fröhliche Hochzeit hatte bisher noch keiner erlebt. Sichtbarer Segen waltete über dem Ehebund. Das junge Paar kam zu großem Reichtum. Noch heute zeigt man in Berditschew das schöne Lehrhaus, das Rabbi Süssel und sein Schwiegersohn der Gemeinde zum Dank für Gottes Gnade und in Erinnerung an „die Hochzeit auf Gottes Kosten“ errichtet haben. Heue ^Buchet. Ed mond Fl eg: Salomo. Verlag R. Pi periCo,, München. Nach Flegs großem Mosesroman greift man mit Spannung nach diesem Buche, in dem der Dichter den versuch macht, ein aus Bibelbericht und Legende komponiertes Bild des Königs Salomo zu geben. Und wieder schlägt uns Flegs bildhafte und schöne Sprache in ihren Bann, wieder darf man die Gabe des Verfassers rühmen, ein gewaltiges Material knapp und doch ausreichend zusammenfassen zu können. So zieht das Leben des großen Königs in Israel noch einmal an uns vorüber. Es erscheint, wie der Dichter im Vorwort sagt, „als Weiser oder als Narr, als Reicher oder als Bettler, als Koch oder als Philosoph, als Herr über die Dämonen oder als ihr Spielball, als Vorbild im Glauben und in der Demut oder als gottloses ehrsüchtiges Ungeheuer, als Krieger und Tyrann oder als Friedensapostel ...“ fürwahr, ein Leben der Gegensätze, aber ein grandioses Lebensbild dennoch, erschütternd in seiner mensdilich-allzumenschlichen Linie, aber verklärt durch die einzigartige Weisheit eines begnadeten Menschen. — H. St. Heinz Liepmann: „D ie Hilflose n“, Roman. Bütten & Loening Verlag, Frankfurt a. Main. In diesem Roman sind in der Tat alle hilflos. Jede Figur ist in ihre persönliche Wesenheit so verstrickt, daß sie wie unter einem höheren Zwang handelt und ihre Fesseln nicht sprengen kann. Schwerblütige Bauern des zaristischen Rußlands leben in der Dumpfheit ihres Dorfs dahin, hilflose Hörige ihres Gutsherrn, der selbst in animalischer Gebundenheit an ein entfesseltes Triebleben vielleicht der Hilfloseste unter allen ist. Der Weltkrieg würfelt einige dieser Kreaturen nach Deutschland. Dort, in Berlin und Hamburg, vollendet sich ihr Schicksal. Im Dunkel der Großstadt, eingesponnen in die Trostlosigkeit aus der Bahn geworfener Menschen. läßt Liepmann die Tragödie ausklingen.— Das Buch zeugt für eine starke Begabung: sein Autor hat tief in die Seelen der Menschen hineingeleuchtet und es gut verstanden, ihre Irrgänge psychologisch aufzuhellen. Ein Buch, das starke Eindrücke vermittelt. L. M. Ne man: „Praktisches J u d e n t u m.“ (Richtlinien.) Gustav Engel Verlag, Leipzig. Es gibt Bücher, die besser nicht geschrieben würden. Ein solches liegt vor uns. Wir kannten den anonymen Verfasser bisher aus seinen Broschüren zur Schüditfrage, aufrechten Streitschriften und Zeugnissen jüdischer Gesinnungstüchtigkeit. Und nun kommt dieses Buch. das. mag es Bankconnandlte SiegnuDd Well >»» / TM, SSI 44/41 HECHINQEN / TÜBINGEN / S1QMAMJNGEN ln-u.ausL Wertpapiere / Einlagen aa glast.' Zinssätzen / Industrie-Kredite / Hv lypothekc auch lauteren Motiven entsprungen! sein, im ganzen ein übles, verschrobenes Machwerk darstellt, ein Werk, das geeignet ist, dais Ansehen und die Ehre der deutschen Juden aufs schwerste zu verletzen. Man kann sich nur immer wieder an den Kopf greifen und sich fragen,: ob dieses „Praktische Judentum“ nicht von einem Manne geschrieben wurde, dem die wahren „Richtlinien“ seiner Religion überhaupt niemals eipgegangen sind. Nach dieser Broschüre kann njan Herrn „Ne man“ nicht mehr ernst nehmen. Der Verlag würde in seinem Interesse gut daran jun, dieses Pamphlet aus dem Buchhandel zurüexzuziehen. H. St. Zeitsduitien „Von der Holbeinbibel zur Amsterdamer Haggadah“ lautet die Ueberschrift eines sehr lehrreichen Aufsatzes, den Raheljwischnitzer in dem soeben erschienenen IHeft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums veröffentlicht. Sie zeigt, daß die Uebereinstimmung älterer Haggadahbtlder mit Holbeins Bildern zur Bibel auf die Benutzung christlicher Mittelquellen zurückgehen. ] Im gleichen Hefte gibt A. Tartakowcr eine höchst lehrreiche Uebersicht über das jüdische Schulwesen in Polen, welche ausgezeichnet veranschaulicht, wie schwere Opfer dje verschiedenen Richtungen des polnischen Judentums bringen, um die Jugend in ihrem Sinne zu erziehen. Auch ein Aufsatz des Greifswalder Alttest^mentlers Schütz über Ausgrabungen in Palästina wird weite Kreise fesseln: erfreulicherweise sind ihm, wie auch dem Aufsatz der Frau Wi$dinitzer, Bildbeilagen hinzugefügt. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied derl „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft dEs Judentums“ in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von 10 Mk. an die Gesellschaft (Postscheckkonto Paul Veit Simon. Berlin 7030) oder an einen der Vertrauensmänner sendet, welche in jedem Heft der Monatsschrift aufgefijhrt sind. Vim a. 2). Albert Gramer Ulm a.D. PUIx|uie 25 - Telefon 2M1 KaiottSrherei a. men Wasm-losdlt Tadellos« Arbeit I Ktrzeste Lieferfrist 1 Facfckaadlge Bedleaaag! Abbolaag aad Lleferaad aal Aaraf kostenlos. Julias Frey Malermeister Din a. Daaaa Fischergasse 27 Fernruf Nr. 3047 Allopathie, HeaiSopatkle QroBes SpezlalltSten-Lacer Fsmspredier Nr. 2SM nooooS Ufft M )o$.Rapp, hilf lieh empföhle* für NcnlMnarbctlai aller «rt_ UmlMiMr befiel Bweparafurei bei zuverlässiger Bedienung fadunfinn. 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