Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 9 (1.8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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Im Dienste des jüd. Buches. Die Soncino-Gesellsdiaft der F reunde des jüdischen Buches“ veranstaltete ihre diesjährige Tagung in Frankfurt a. Main. In Erfüllung ihres Programms, das die Förderung und Pflege des schönen und guten jüdischen Buches, sowie die Verbreitung von Kenntnissen und die Anregung zu Forschungen über jüdische Buchkunde umfaßt, bildete den Mittelpunkt der Tagung ein im Lesesaal der Stadtbibliothek veranstalteter öffentlicher Festakt, der dem Buche des Judentums gewidmet war. ln seiner einleitenden Ansprache begrüßte der Direktor der Stadtbibliothek. Professor Dr. Oe hier, die Erschienenen. Er betonte den Wert und die Bedeutung der Hebraicu-Sammlung des ihm unterstellten Institutes und wies auf die schweren Gefahren hin. die der allgemeinen Kultur drohen, wenn durch die Not der Zeit eine weitere Drosselung der den Bibliotheken zur Verfügung stehenden Etats vorgenommen werden sollte. Justizrat Dr. Baerwaldim Namen der Israelitischen Gemeinde und Jacob Bosenheim im Namen der Israelitischen Religionsgesellschaft richteten Begrüßungsworte an die Gesellschaft. Alsdann sprach der Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Dr. Heinrich Loewe. Berlin, über „D ie Juden als das Volk des Buche s“. Er zeigte, daß das Buch vom Urbeginn an Wesen und Eigenart des jüdischen Volkes bestimmt habe, und legte die Bedeutung seiner buchkünstlerischen Durchdringung im Sinne der Bestrebungen der Gesellschaft dar. Professor Dr. Freimann. Frankfurt, gab in seinem Festvortrag ..Die Illustration im hebräischen B u ch der F r ü h z e i t“ einen Ueberblidc über die* Entstehung des hebräischen Buches. Die hierauf eröffnete Ausstellung: ..Das illustrierte hebräische Buch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts“ bot eine Menge auserlesener Schütze. Neben reich in Gold und Farben ausgeführten Handschriften wurden die besonders seltenen Erzeugnisse der hebräischen Presse aus den Anfängen der Buchdruckerkunst in staunenswert gut erhaltenen Exemplaren gezeigt. Die gehaltvolle Kundgebung hinterließ auf die zahlreich erschienenen Teilnehmer einen tiefen Eindruck und warb zahlreiche neue Freunde für das jüdische Buch. Der im Anschluß an die Tagung begründeten Frankfurter Ortsgruppe der Soncino-Gesellschaft gelang es, zahlreiche neue Mitglieder zu gewinnen. Am Vortage hatte eine Besichtigung der Altertümer in Worms stattgefunden, wo Rabbiner Dr. Holzer und Redakteur T s chi r n e r den Erschienenen die erforderlichen Einführungen boten. Die Frankfurter Sammler freuten sich, den auswärtigen Teilnehmern ihre Schätze vorführen zu können. Besondere Erwähnung verdient die Einladung des Freiherrn M a x v o n Goldschmidt-Rothschild. Der im 86. Lebensjahr stehende Sammler ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich durch sein Haus zu führen und ihnen über jedes einzelne Stück seiner in 60jähriger Sammlertätigkeit zusammengetragenen Kunstwerke ausführliche Erklärungen abzugeben. Die Gesellschaft — Geschäftsstelle Berlin C‘ 2. Kaiser-Wilhelmstraße 12 —, die für einen Jahresbeitrag von nur 25 Mk. auch jedem einzelnen Mitglied Außerordentliches leistet, nimmt, da die satzungsgemäß auf 800 begrenzte Mitgliederzahl noch nicht ganz erreicht ist. noch Anmeldungen entgegen. - 3FeuiUeUm. Die Zahl der Juden in Europa. J. Koralnik veröffentlicht soeben in der von ihm und Dr. Jacob Segull geleiteten „Zeitsdirift für Demographie und Statistik der Juden“ (Berlin) eine eingehende Untersuchung über die Zahl der Juden in Europa zu Beginn des Jahres 1931. in der er auf die Zahl von insgesamt 9 785 000 Juden kommt. Der Stärke ihrer jüdischen Bevölkerung nach lassen sich die Länder wie folgt ordnen: Polen: 3 125 000 Juden, europäischer Teil der Sowjet-Union: 2 970 000 Juden, Rumänien: nicht über 800 000 Juden, Deutschland: 585 000 Juden, Ungarn: 473 000. Tschechoslowakei: 380 000. England und Irland: 300 000, Oesterreich: 220 000, Litauen: 167 000. Frankreich: nicht über 160 000, Holland: 120 000, Lettland: 96 000. Griechenland: 73 000, Jugoslawen: 67 000, europäische Türkei: 50000, Bulgarien: 50 000, Belgien: 45 000. Italien: 45 000. Schweiz: 18 000. Danzig: 9000, Schweden: 6000, Dänemark: 5500, Estland: 5000, Saargebiet: 4500, Spanien: 3000, Portugal: 2500, Finnland: 1800, Luxemburg: 1750 und Norwegen: 1450. Bei der Berechnung der Zahl der Juden in Deutschland trägt der Verfasser dem Umstand Rechnung, daß bei der Volkszählung i. J. 1925 ein Teil der deutsch-jüdischen Bevölkerung sich in die Grnppe der Konfessionslosen und unbekannten Glaubensbekenntnisse eingetragen hat. Der amtlichen Ziffer von 564 000 Juden i. J. 1925 wird man nicht mehr als 30000—40000 hinzuschlagen müssen. Man gewinnt auf diese Weise rund 600000 Personen mosaischen Glaubens in Deutsch- — 95 — lund 1925. Ende 1930 ist diese Zahl auf 585 000 heruntergegangen. Der Nahirsinn im jüdischen Schrifttum. Ein vielgenanntes und viele erkanntes Wort der jüdischen Ueberlieferung lautet: Wer das Studium ctes Gotteswortes durch den Ausruf unterbricht: „Wie schön ist der Baum, wie hübsch ist dieses Feld!“, hat das ewige Leben verscherzt. Der alte Meister hat in diesem Satz nicht die Freude an der Natur verdammt, sondern er tadelt den, der das Gotteswort, das ihn beschäftigt. so niedrig einwertet, daß er irgend ein Ding seiner Umwelt, irgend ein Bild, das zufällig sein Auge trifft, bewundernd preist, statt seine Seelenkraft auf das Gotteswort zu konzentrieren. Man hat aus diesem Worte eine ganze Theorie der Naturmißachtung im Judentum entwickelt und dabei vergessen, daß es kaum ein Schrifttum gibt, in dem der Natursinn so lebhaft entwickelt erscheint, wie in dem jüdischen. Ein rührendes Zeugnis für diese Naturverbundenlieit ist „das Neujahr der Bäume", das Israel alljährlich am 15. Schewat begeht, „wenn der Saft in die Bäume steigt". Die drei Wallfahrtsfeste sind zugleich Jahr cs zeitfeiern. Ihre Sinnbilder sind dem Bauernleben entnommen. Auf der Sedertafel ain Pessachfest sollen die ersten genießbaren Kräuter des Frühliiigs erscheinen: am Wochenfeste soll sich das Gotteshaus im Blumenschmuck zeigen, um an den blühenden Berg der Offenbarung zu erinnern: das Laubhüttenfest mit seinen beiden Sinnbildern. Feststrauß und Hütte, soll wie eine Heimkehr zum Leben in der Natur begangen werden. Aber noch bedeutsamer für die Erkenntnis des Natursinns im jüdischen Schrifttum ist die Reihe der Bibelstellen, in denen die Schönheit der Natur gepriesen wird, von den Psalmliedern an, in denen die Wunder der Schöpfung in immer neuen Wendungen gekündet werden, bis zu den dichterischen Schilderungen, in denen der Mensch mit den Meisterwerken der Natur verglichen wird. Für die Hinfälligkeit des Menschenlebens bietet das Gras und die Blüte des Feldes dem Bibeldichter das gern gebrauchte Gleichnis. Im Schicksal des Baumes sieht er das Schicksal des Menschen. Sein Werden und Wachsen, sein Entstehen und Vergehen steht unter denselben Gesetzen wie das Leben des Baumes. Der Prophet vergleicht sogar Israels Geschick mit dem der Buche und der Eiche,' die in jedem Herbste ihr Blätterkleid abstreifen und in jedem Frühling neu aufgrünen, du ihrem Wurzelstumni ungebrochene Kraft entströmt. . Die antike Welt zitterte abergläubisch vor dem Rätselgeheimnis des Schicksals. Die Bibel kennt kein blindwaltendes Geschick. Baum und Tier und Mensch stehen unter dein gleichen Gottesgesetz. Darum die tiefe Ehrfurcht vor der Natur und ihren Geschöpfen. Das leichtfertige Fällen eines Baumes wird wie ein Mord empfunden. Wifi, WM*. 1I10WM / Tat MI44/41 mCHINQEN / TÜBINGEN / S1QMARJNQEN ln-u.au*L Wertpapiere z Einlagenragfimt. Zinssätzen z Industrie-Kredite z Hypotheken ■ 1 ■ 1 i Vor allem der Fruchtbaum galt als unantastbar. Sogar in der Kriegszeit war bei einer Stadtbelageruug das Fällen eines Fruchtbaumei streng verboten. Der Talmud erzählt von einepi seiner größten Lehrer, daß er sich den frühen Tod seines Sohnes damit erklärt hat: „Mein Hohn ist nur deshalb so jung gestorben, weil er einen Feigenbaum vorzeitig gefällt hat." Das stärkste Zeugnis für den Natujrsinn in Israel ist allerdings das biblische Weltbild. Das Weltall ist eine große Einheit, die ihren Ursprung aus Gott hat. Er bindet und löst die Nuturkräfte als ihr allmächtiger Herr. Nur ihm sind ihre Gesetze bekannt: die Wege dek- Sterne, den W andel der Zeiten, den Kreislauf der Jahre*, die Kräfte der Erde und die Gedanken der Menschen kennt Gott allein. So spiegelt sich in der Natur alles Sein als ein Abbild des schaffenden Gottes. So wird die Natur dem biblischen Menschen das Lehrbuch der Religion, die Offenbarung der Gottheit. Aus allem und jedem, aus dem Stern am Firmament und aus den Stäubchen im wehenden Winde spricht Got . dessen Odem das Weltall durchweht. J&ühHenschau. i Württ. Landestheater. A ii s b I i ck auf die Spielzeit 1931/32. Das Schauspiel steht im kommenden Jahr naturgemäß im Zeichen von Goethes XX). Todestag. Die Spielzeit wird eröffnet mit einer Neuinszenierung des „Götz von Berlichingen". es folgen „Clavigo“ und ein Lustspielabend. der die Jugendwerke „Die Laune des Verliebten“. „Die Mitschuldigen" ijnd „Die Geschwister" umfaßt. Dazu kommen als Wiederaufnahme* „Iphigenie" und „Faust 1". An Klassikern sind ferner vorgesehen: Schillerl „Kabale und Liebe". Shakespeare „Hamlet“ und!..Zweierlei Maß" (Uraufführung der Uebertragung von Hans Rothe), weiterhin ein Moliere-AlJend. der voraussichtlich aus „Tartüffe" und dem „Eingebildeten Kranken" sich zusammenscjtzt. Der Zyklus zu Gerhart Hauptmanns 75. Geburtstag wird weiter aufgebaut mit dem Scjherzspiel „Schluck und Jan" (Erstaufführung) und ..Hanneles Himmelfahrt“. Zwei bekannte I Bühnenschriftsteller werden an ihrem 70. Geburtstag mit der Neuinszenierung von zwei typischen Werken aus ihrer Feder gefeiert: Arthur Schnitzler mit „Anatol" u. Ludwig Fulda mit „Jugendfreunde“. An neuen Stücken sind vorgesehen: O. A. Palitzsch „Mademoiselle Docteur“ (Uraufführung). Ernst Penzoldt „Die Portugalesische Schlacht“. Friedrich Förster „Der Graue“. Henry | Heiseler „Die magische Laterne“. Weitere Ulmer Anzeigen: Rückwärtige Umscfalagseite TUma.S). KronapofheKe sus Allopathische and homBopath. 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