Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 7 (1.7.1931)
- Date
- 1931-07-01
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- [Seite] (sequence 1)
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GeineindeZeitung für die ifroelitif^en Gemeinden Wiirtiemveegs *440404 SB*fkU«ca fd8rii4 5 JUt. SolbidStÜ4 2L0 JUL •icrtc0dSrU4 1 .25 JUC SiaicOuauur 25 9tcf4*ofouio Voftfof JtooJo: 36258 Verlag: gsraellüsche DerlagSaustall G. m. b. L. Feraspr. 1339t * Stuttgart * Kaseraraftr. 13 Schriftleitung: XiMlIMUiii: [ Sic etnfpoüigc SRospavcilicjcile 30 Mcichspfcuurg Vatelagfeitm mS Dorru-dplätzc aa4 Tarif. ffamilinianjciocj» mS Pinne Änjngni Sic Klcinzcilc 20 9Ut4*fcnma. , Stcflamejcilc 1.50 JUt \ Stavtraoomer 2)t. xttocL Stuttgart, -1viii. 3a9roQno Gtnttoor«, l. 3tsli 1931 3*r. 7 Amtl. ^Bekanntmachungen. Isr. Gemeindevorsteheramt Stuttgart. Der II. Gottesdienst an den hohen Festtagen findet im Festsaal des Gustav Siegle-Hauses statt. Gemeindemitglieder, welche Eiritrittskarten wünschen, werden gebeten, dies bis spätestens M i 11 w o ch , den 8. Juli 1931 schriftlich der Gemeindepflege mitzuteilen. Dabei ist anzugeben, wie viele Herren-, Damen-, Knaben- und Mädchenplätze gewünscht werden. Die Mieter von Synagogenplätzen werden hiermit aufgefordert, kden Mietzins für das Jahr 1931/32 gegen Empfang der entsprechenden Platzkarte alsbald bei der Israelitischen Gemeindepflege, Ifospitalstr.36 p„ zu entrichten. Die Ausgabe der Karten für die Synagoge und für die Gottesdienste im Gustav Siegle-Haus erfolgt vom M i 11 w o ch , den 15. bis F r e i t a g, den 17. Juli 1931, vorm, von 9—12 Uhr und nachm, von 3—5 Uhr, bei der Gemeindepflege, Hospitalstr. 3t» p. R o t h s ch i I d. Isr. Gemeindevorsteheramt Stuttgart. Ihren Austritt aus der Israelitischen Religionsgemeinschaft haben erklärt: Frau Ilse Zinger, Gähkopf 11, Rechtsanwalt Dr. Jur. Ludwig Heß und Frau Marie. O eff entliehe Dienstu. Kassenstunden der Gemeindepflege: Montags—Freitags, vormittags: 9 bis 12 Uhr, nachmittags: 3 bis 5 Uhr. Sprechstunden des Gemefndepflegcrs: Montags—Freitags vormittags: 10 bis 12 Uhr, nachmittags: 3 bis 4 Uhr. Wir bitten die verehrlichen Gemeindemitglieder, sich im Verkehr mit der Gemeindepflege nach den festgesetzten Dienst- und Sprechstunden zu richten. Israelitische Gemeindepflege. Das Problem der jfid. Rasse. Es gibt wenige Begriffe, die so vieldeutig sind wie der Begriff Rasse. Dr. Hans Liermann kennt 31 Definitionen für Rasse, die von anerkannten oder mindestens bekannten Forschern herrühren, ein unzweideutiger Beweis dafür, daß der Inhalt dessen, was der Begriff Rasse umfassen soll, völlig unklar ist. Dazu kommt, daß alle sogenannten reinrassigen Gruppen so starke Rassenmischungen zeigen, daß ihre Auflösung in rassenreine Gebilde ins Gebiet der wissenschaftlichen Kurpfuscherei gerechnet werden muß. Wer aber gar feststellen will, was und wicvjel in diesen Gruppen urtümlich, was vererbt uhd was in ihnen zukömmlich ist, muß schon eine reiche Fantasie besitzen. Es ist erfreulich, daß es jetzt neben Günthers Rassenkunde eine von Eugen Fischer geschaffene Deutsche Rassenkunde gibt, die allerdings Günthers Gelehrsamkeit arg zerzaust. Nach Fischer ist der Typus der mitteleuropäischen Bevölkerung kurzköpfig, während die Langköpfigen zahlenmäßig in Deutschland gar nicht in Betracht kommen. Blond ist etwa eine Hälfte der norddeutschen Bevölkerung und ein Viertel der süddeutschen; blauäugig sind drei Viertel der deutschen Bevölkerung des Nordens und ein Drittel (der süddeutschen. Der deutsche Freiheitssänger Ernst Moritz Arndt war besonders kurzköpfig, Heinrich Heine dagegen ausgesprochen langköpfig. Um nur einige deutsche Geistesgrößen zu nennen, so waren Leibniz, Kant, Schopenhauer, Goethe und Bismarck extreme Kurzköpfe und zumeist dunkelhaarig. Wohl oder übel wird inan nunmehr auch an die Revision des jüdischen Rassebegriffes herantreten müssen, der bei Christen und bei Juden heillose Verwirrung angerichtet hat. Den Anfang mit dieser jüdischen Rassendämmerung macht Professor Weiden reich, der Leiter des Instituts für physische Anthropologie an der Universität Frankfurt, der seine Arbeit über das Problem der jüdischen Rasse im „Morgen“ mit der Feststellung beginnt: „Man jst sich heute einig, daß die Juden keine Russe, also gemäß der üblichen Umschreibung dieses Begriffes keine körperlich und geistig einheitliche .Menschengruppe sind". Die Westgruppe der Juden, die Sefardim. sind von ihrer Ostgruppe, den Aschkenasim. in allen Teilen nach den Körpermaßen verschieden, ersterc groß, langköpfig, dunkelhäutig, dunkelhaarig und dunkeläugig, letztere kleiner, kurzköpfig. mit einem starken Prozentsatz Hellhaariger und Helläugiger. Unter den Juden Badens hat man z. B. 15 9tblonde und 29% blauäugige gezählt. So bleibt als angeblich untrügliches Zeichen zur Erkennung der Juden nur die behauptete eigenartige Zusammensetzung ihres Blutes, ihre „Fremdblütigkeit“, nachdem der Jude Landsteiner die Menschheit nach der Beschaffenheit ihres Blutes in vier Blutgruppen eingeordnet hat. Nun gibt es in der gesamtdeutschen Bevölkerung 39% der Blutgruppe O; 43.2% der Gruppe A; 12.3% der Gruppe B und 3.3 % der Gruppe AB. Die A-Gruppe ist im Nordwesten Europas viel stärker als die B-Gruppc vertreten, während sich dieses Verhältnis nach Osten fortschreitend umkehrt. Die Blutuntersuchungen bei deutschen Juden haben nun ergeben, daß die Juden in der Verteilung der Blutgruppen mit der Bevölkerung. unter der sie leben, vollständig übereinstimmen, ja. daß die nach. Asien weisende B-Gruppe unter ihnen sogar geringer ist als bei den Nichtjuden. Juden können also auch nicht mit Hilfe der Blutgruppenuntersuchung zu Asiaten gestempelt werden. Was ist also eigentlich das Wesen der rätselhaften jüdischen Gemeinschaft? Die Judenheit ist keine Blutgemeinschaft und keine Schicksalsgemeinschaft, sondern eine Willensgemeinschaft. Die Schicksalsfrage der Judenheit lautet nicht: Warum b i n ich Jude?, sondern: Warum bleibe ich Jude? Wäre das Judesein Folge der Blutgemeinschaft, dann wäre es ein Zwang, eine Notwendigkeit ohne Ausweg. Ein Ausscheiden aus der angeblichen Blutsgemeinschaft ist aber mindestens vorbereitend durch Taufe, Mischehe und Austritt aus der kirchlichen Gemeinschaft möglich. Nicht weniger windig ist die so lärmend ausposaunte Idee der Schicksalsgemeinschaft, die als geheimnisvolles Band die Juden der Erde Zusammenhalten soll. Ganz abgesehen von der schlichten Tatsache, daß die Schicksale der Juden in den Ländern der Erde durchaus verschieden sind, daß Gesetzgebung und Volksstimniung sie unaufhörlich wandelt, ist das gemeinsame Schicksal vielleicht ein Motiv der Resignation — Erklärung für das Beharren in einer Gemeinschaft ist es nimmermehr. Die Frage nach der Zugehörigkeit i der Juden zur Judenheit als ßckenntnisgruppcj und zipn Judentum als Bekenntnis ist vielmehr eine reihe Millensfrage: Warum soll ich das Sqhicksul des Judeseins auf mich nehmen? Wnrutn will ich Jude sein? Es kann doch keine Laune und ebensowenig ein Zufall -sein, daß ich in diesem Judentum beharre. Gibt es nicht nur zu [viele Möglichkeiten, mich aus seinem Verhnn<| zu lösen? Hängt cs nicht im letzten von mir üb. daß ich Jude bleibe, daß ich noch Jude bin? Wissenschaftliche Erkenntnis schafft so die klare Hinsicht, daß die Judenheit weder als Russe noch als Blutgruppe. sondern allein als Willensg^meinscfiaft verstunden und begriffen werden'vh,inn — Damit ist ihre religiöse und weltanschauliche Eigenart scharf gekennzeichnet. | Der Buchkünstler Meyerlein von Ulm. Ein jüdischer. Meister des 15. Jahrhunderts in Schwaben. j Schon Petz hatte in seinen Urkundlichen Beiträgen zur Geschichte der Bücherei; des Nürnberger Rates (1429—1538) eine RatHc-intragung vom 4. Juli 1468 veröffentlicht: „lten( Meyerlein Juden von Ulm ist vergönnt hie zu Hein uncz uf sanet Merteins tage (ll.Xov.), schienst, und sol einem rat etlich biieher ein lassen bijiden in der liberev, und die ratschreiber das in acht hüben.“ Aber von den Werken dieses Meisters war bis vor kurzem keines bekannt. Erst }lax Joseph Husuiig veröffentlichte in den Sonci'no-Blüttern 1923 (I. Jahrgang Seite 197) ein Werk (dieses jüdischen Meisters, das er unter den koslbaren gotischen Lederschnittbänden der Münchjner Staatsbibliothek gefunden. Es ist der Einband einer Pergamenthandschrift des Pentateuchs. Der Schaudeckel dieser Handschrift zeigt das Nürnberger Wappen, darunter in gothischtzm Rankenwerk einen stark gehörnten Hirsch. Rings um diese bildlichen Darstellungen zieht sich ein Schriftbund in schönen hebräischen Quadratbuchstaben: Ha-diomesch le-ho-ezoh me-nurnberka sche-jidije (Pentateuch, dem Rate voi) Nürnberg, den Gott leben lasse) und .dann der |Name Meir Jaf. ha-Mczajer (Meyer Jafe den Bildner). Der Hinterdeckel zeigt in starker gothischer Komposition groteske beflügelte menschliche Fratzen. Auch die Schließen zeigen -gothischc Arabesken. _ I Die Ledersdinitt-Technik, die aus dem 14. Jahrhundert stammt, hat sich erst im 15. Jahrhundert zu voller Blüte entfaltet. Die Zahl der erhaltenen mittelalterlichen Lederschnitteiinbände ist nicht gering. Aber nur selten hat sich einer der Buchkünstler in seinem Werke genannt. Um so interessanter ist der Fund dieses Einbandes, der den Namen des Meisters nennt.- Durch Husttng angeregt, veröffentlichte 1927 der Wolfenbüttler Bibliothekar Hermann Herbst in der Festschrift „Die Bibliothek und ihre Kleinodien“ (herausgegeben von Johanne? Hofmann) Mitteilungen über elf Lederschnitteinbände, die er sämtlich dem Nürnberger Meister Meyerlein zuweist, da sie die Verwendung derselben Prägestempel zeigen. Aber nur zwei von diesen Einbänden tragen den Stempel MA1R b.b„ was wahr-— scheinlidi „Buchbinder" heißen soll, j Beide Einbände, die außerordentlich feine und zierliche Lederschnittarbeit zeigen, tragen dus Doppelwappen des 1492 verstorbenen Nürnberger Patriziers Hans von Thiel und seiner Ehefrau Klara von Imhof. Der Meister vereint hier feines Empfinden mit tüchtigem Können. Dje kräftige Reliefwirkung — das Doppelwappen ist durch unterlegtes Wachs reliefartig hervorgedrückt — wirkt frisch und lebendig. In der Festschrift für Georg Leidijnger (München 1930) hat Friedrich Bock weiitere zwei außerordentlich kunstvolle Ledersdnjitteinbände beschrieben, die er ebenfalls Meistef Meyerlein zuschreibt. Sie stammen aus den Jahten 1470 bis