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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-04-01 · 1 (1.4.1929) · p. Seite 3

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VI (1929-1930)
Issue
1 (1.4.1929)
Date
1929-04-01
Page
Seite 3 (sequence 1)
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Eine Zusallsmehrheit von, sage und schreibe, einer stimme hat diesen glorreichen Tieg herbeigesührt. Tie beiden Parteien, die diesen Lieg davongetragen, die Volkspartei und die Liberalen, stehen vor einem Trümmerhaufen. Tas haben sie natürlich beide nicht gewollt! Und nun ergreifen ihre Parteiführer zu mehr oder minder erschütternden Rachrufen auf den unglück seligen Reichsverband das Wort. Tr. Max Kollenscher gesteht zunächst gerührt, daß die Entscheidung aus keiner Leite freudige Zustimmung ausgelöst hat. Auch die Gegner des Entwurfes empfinden darüber Lchmerz und zu späte Beschämung, daß das der Erfolg einer Ernsten Arbeit von zehn Jahren gewesen ist. (jfr weist allerdings, nicht ohne sich und seine Jlartei entlasten zu wolle», darauf hin, daß ereits am 23. November 1926 die Prcußeniagung einen Entwurf der Gesamtorganisation bgelehnt, daß also schon einmal ein Verfassung» ntwurf in der Preußentagung totgestimmt war en ist. Vielleicht wird also auch dieses Mal wieder die liebe besiegte Partei so freundlich sein, einen neuen Entwurf vorzulegen. Es ist ja doch schließlich betrübend, mit dem Bewußtsein eines Herostrates vor einer Brandruine yazustehen. Es darf also davon keine Rede sein, als ob mit dem so jämmerlich abgetanen Ent Wurf das Schicksal der Gesamtorganisation für immer gesprochen ist. Kollenscher entwirft deshalb ein Bild einer neuen Organisation, die er mit der rührenden Erwartung einsührt, „daß sie vor dem Forum der deutschen Judenheil mit Einmütig keit angenommen werden wird." j Tabri weiß der Grabredner ganz gut, daß der Reichsverband der deutschen Juden nur als Lpihenorganisation der bestehenden jüdischen Ver bände geschlossen werden kann. Besonders die süddeutschen Verbände, die ihre altbewährte Organisation besitzen, haben durchaus kein Verlan gen danach, chre Verfassung um der schönen Augen des Herrn Kollenscher willen preiszugeben. Es ist also verlorene Liebesmühe, wenn er die Verbände mit hoch erhobenen Händen beschwört, sich zum Harakiri zu entschließen. Lein Entwurf soll .nicht den bisherigen Irr weg beibehalten, daß „das deutsche Judentum hinter den historisch nicht bekannten Judentümern der Länder verschwindet". Es scheint also Kollenscher entgangen zu sein, daß diese Judentümer der Länder mindestens seit der Emanzipation eine eigene Geschichte gehabt haben, daß also die Geschichte sie doch zu rechtfertigen scheint. Aber als ein echter Patriot erinnert er die Judentümer der Länder daran, daß alles zum Unitarismus drängt, und daß die deutschen Judentümer trotz ihrer vollkommen gleichen Art und Struktur ohne innere und äußere Notwendigkeit nicht das Recht haben, einen Partikularismus zu schassen. Er befürchtet, daß in einer Tachorganisation die Verbände doch schließlich nur bestrebt sein werden, ihre Landesinteressen zu wahren. Taß man das eigene Interesse wahren und dabei doch das Gesamtinteresse vertreten kann, hält er scheinbar für unmöglich. Als echter Preuße also doch ein klein wenig Partikularismus! hält er es für untragbar, daß Preußen, welches bekanntlich zwei Triitel der deutschen Jude» be hrrbergl, im seligen Eniwurs eine Stimme weni |«er als die Hälfte aller für sich beanspruchen buijir, also nichf einmal die Hälfte aller Ltim men de.' Verbatides besitzen sollte. Taß damit eine Majorisicrung der deutschen Judentümer ver hütet werden sollte, dje eben an das preußische! Heil nicht so kinderselig glauben können, kann Kollenscher gar nicht fassen. Tie herrlichen Lchlagworte von der demokrati > scheu Fuhrerauslese, von dem ungerechten un; gleichen Wahlrecht, von den Interessen geschä digter Parteien, alle aus der Schatzkammer der großen Politik, werden als Wertmesser aus die j zu Grave getragene Gesamtorganisation ange; wandt. Tas ist aber gerade die begründete Frucht der deutschen Verbände, daß in dem neuen Reichs verbano an dir Stelle des einen und einigenden Jnvcntu.n» das | üble Parteigezänk treten wird, dessen herrliche >Melodie nunmehr seit einigen Jahren da/ Berliner jüdische Gemeindeparlament der deutschen Juhenheit vorsingt. Ernster zu nehmen ist der Nachruf des Bor sitzenden der Bereinigung für das liberale Juden tunt in Teutschland, Tr. Heinrich Stern, wenn gleich gerade die! Liberalen beim Tode des Eni Wurfes keine besonders rühmliche Rolle -durch Gegnerschaft und Stimmenthaltung gespielt haben Schon in einer Rede, die er damals im Pre.u. ßischen Landesverband gehalten, hatte ft bar auf hingewiesen, daß die Schaffung des Reichs verbandeS, selbst wen» er nicht allen Ideal,vün scheu entspräche, eine schöpferische Tat gewesen wärt. Za angsläsisig muß jeder solche Entwurf ein Kompromiß sein. Nur Unreife kann glau den, daß ein Parteientwurf Aussicht aus An nähme hat. Stern erkennt an, daß die Veran staltung von Urwahlen für den Reichsverband neben den schon eingesührten Urwahlen zu den Gemeinden und Landesverbänden eine schwere Belastung der deutschen Judehheit darstellt, ^u mal ja die Lan resverbände schon aus Urwahlen hervorgegans en sind. PN Urwahlen wäre also im äußersten Halle nur fn den Verbänden zu denken, die bisher kein Utwahlrecht besessen haben. Stern ist auch scharfsichtig genug zu er kennen, daß eS indenkbar ist, bei der Begrün düng des Reich Verbandes die Landesverbände auSzuschalten, zumal nachdem die süddeutsche Ar beitsgemeinschaft der Verbände Bayern, Baden, Hessen und Württemberg bindend erklärt hat, daß für sie der Weg zum Reichsverband nur über die Landesverbände geht. Jetzt, nachdem überall, nicht nur in Süd deutschland Laut esverbände mit Staatsaufsicht und staatlicher Subvention gegründet worden sind, diese zu übersehen und zu Urwahlen zurückzugreisen, bedeutet eine Mißachtung der Vorhände ne» Entwicklung. Nachdem die Landesverbände einmal vorhandel sind, ist ihre Nichbeachtung bei der geplanten Reichsorganisation eine Ano malie. Tamit zei, hnet Stern den einzig gangbaren Weg zur Reichsoi ganisation der deutschen Juden. s>= Mit i. April 1929 tritt die Gemeindezeitung in das 8. Jahr ihres Beitehens ein. Wir benützen gerne diesen .Apilaß, uni für das uns in so reichem Maße bewiesene Vertrauen herzlich zu danken und geben der Hoffnung Ausdruck; daß die Beziehungen zwischen unserem Leserkreis und uns| immer enger werden. Jeder Angehörigejunserer Württemb. Israel. Religions-, genieinschaft betrachte unser Organ als .seine ZeitungT an die er sich in allen Fallen vertrauensvoll wenden kann. Wünsche und Anregungen finden bei uns stets gerne Gehör. Unsere Hauptaufgabe aber erblicken wir, wie bisher, darin, die Fühlung zwischen unseren Glaubensgenossen immer inniger zu gestalten, für dep inneren Frieden der Gemeindet» zu wirken u. die Gemeindezeitun^ in den Dienst opferwilliger Liebesdrbeit zu stellen. Verlag U- Redaktion d. .Gemeindezeitung für die Israel. Gemeinden Württembergs“. Gleichzeitig bitten wir untere verehrten Leser Wiederum um umgehende Ueberweisung des Abonnementspreises in der Höhe vojn RM. S — für die Zeit vom-1. April 1, Mürz 1990 auf Pottscheckkonto Stuttgart, Israel. Verlagsanstalt damit keine Unterbrechung in mg der Gemeindezeitung ein* tritt. Dgr Abonnementpreis kann auch halbjährlich mit RM. 2.50 bezahlt werden. 1929 bis Nr. 962 G. m. b. der LI Heute steht die deutsche Judenheit vor einem EhaoS, da-9 Parteidünkel und politische kurz sichtigkeit verschuldet baden. Einkehr bedeutet hier Umkehr. Es!ist an der Zeit, daß die Uebertragung des Parteiäüngeltums «:s die deutsche Juden heit ihr veidientes rühmloses Ende findet. Wir sind eine tleine Gemeinschaft, durch Schicksals gemeinschafh zusammengehalten auf Gedeih und Verderb. Nfcht die Partei, sondern das Gemein same muß über die Schicksale der deutschen Judenheit entscheide». Tie süddeutschen Juden haben >eit einem Reife, daß;uten Jahrhundert so viel politische ie sich von unsruchtbaren und unge rechtfertigten Parteizänkereie» fernhal en und in allen Kämpfen sich das Einende, das Judenrum vor Augen halten. Tie deutsche Judenheit-sollte sich dies Beispiel zur Nachfolge wählen! Et^>as vom Schnodern. Don Helix Wolff. Unter „Schnodern" versteht man, wie man in unseren Krfisen allgemein weiß, da» Spenden beim Thorq Ausruf. Ta» Wort entstammt dem Jargon un dar (=* wel bei Licht be ist au» dem Hebräischen sche no her spendet) gebildet. Es ist also, rächtet, eine Mißgeburt, dazu verur teilt, zeitle >en» das verunstaltende Anhängsel „sche" mit herumzuschlepprn; wollte man kor rekt sein, so müßte man-nodern und nicht schno dern. Tatsächlich heißt die alte Form menad der sein (ge! oben). Im weiteren Ausbau des Wortes nannte man im Ghetto einen, der ansehnliche Beträge schno derte, einen s,,schnoderigen" Gemeindegenossen, spä

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