Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 20 (16.1.1929)
- Date
- 1929-01-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/4904101-5441815-5443060--2085-4906060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Simlai 1× ep/1007159
OCR text
Gemeinde Hettung für Me ifrodiHf^en «Seineluden Wtletleniveras t i > n g > p i « 1 » <tnf<*U*ftU<H «eftellgel» ftUirllch 5 MM, Ualb|flHrU<t| t.M MM ot»rl«liru>r«1ch l u JIM, «In je Immuner *5 lteid|spfeiraig poMdjeA'Konto: MtM erscheint Monatlich gattiaMl am 1. a. 16. Verlag; Israelitische Verlagsanstalt G. m. l». k>. fcrnfpr. rzsrs » Stuttgart * Xaseraeastr. 13 0 d) i i | 1 1 < 1 1 n n g: Stadtraddiaer Vr. Lieger, Stuttgart, Lharlotteustrotze 13 H%n geigen pitli: die etnlpaUlge nonporelUejeile 30 Rel<t| «Pfennig Umftlngfenen n. Vorzug »pliche noch Inrtf, fbratltennnjetgen un£> kleine stnzetgen Me KletnjeUc to Relchopfennlg, ReUnraejelle 1.50 JLH Sei WiePeetzPtaagen DeegKastigang v. aagroano Otuttaart, 16. 3onnor 1929 3tr. 20 Der Dichter der Aufklärung und der Duldsamkeit. Zum 200. Geburtstag Lessings Zwei Leitgedanke» stehen am Eingangstor in die Neuzeit: Aufklärung und Duldsamkeit, beide aus der gleiche» Grundidee geboren: der Gewis sensfreiheit. Tie Aufklärung wollte im Kampf gegen jdie Allmacht der Despotie und der Kirche Licht in die Kerker der Versklavung und in die Dunkelheiten des Aberglaubens tragen. Tie Toleranz predigte nach den Jahrhunderten ge hässiger Unduldsamkeit und des hemmungs losen Fanatismus Achtung und Berständ nis für fremdes Glaube» und Denken. Das Recht auf persönliche Freiheit, auf Leibst bestimmHng der Persönlichkeit oder wie der neue Ausdruck hieß: auf Gewissensfreiheit, war die Voraussetzung für beide. Aufklärung und Tuldsamkeit waren schein bare Feinde der Religion; die erstere, weil sie ohne Lcheu Licht über weite Gebiete des Glaubens geireitet und feine Urkunden kritisch geprüft, die zweite, weil sie auch fremder Religiosität das Lebensrecht ein räumte. So sind sie im Name» der Religion leidenschaftlich bekämpft und fanatisch ver ketzert worden. Tatsächlich standen aber beide im Dienste echter Religiosität; die erste, weil sie die Vernunft in das Reich der Religion einsührte und ihre Wahrheiten gegen Zweifelsucht sicherte, die zweite, weil sie jeder Religionssorm um ihrer Wahr heitsgehalts willen das Lebensrecht zuec kannte. Aufklätung und Tuldsamkeit bereiteten den Boden für die Aufnahme des Judentums in den Kreis der Kulturrcligionen und für die Einreihung der Juden in die Menschheit. Nicht aus mattherzigec Tote ranz, die ja zumeist nicht vielmehr als religiöse Indifferenz bereutet, sondern in voller Wertung der Wahrheitsgehaltes des Judentums und in klarer Anerkennung des Anspruchs der Juden auf die Menschenrechte würde die - Emanzipation des Judentums der Verwirklichung näher gewacht. Von der Anerkennung des Judentums als Re ligion bis zur Achtung des jüdischen Menschen war allerdings ein weiter Weg. Ter Wegführer zu diesem noch heute nicht erreichten Ziel war Les sing, der erste deutsche Philosoph der Gewissens frecheit und der Dichter der Aufklärung und der Duldsamkeit, indem er seine Freundschaft einem Juden schenkte und sich nicht scheute, dieser Freundschaft das klassische Denkmal in seinem „Nachan der Weise ' zu setzen. Es wird aber meist überschen, daß Lessing sein erstes Judenstück „Die Juden" bereits 1741) als Zwanzigjähriger in Wittenberg, also lange vor seiner persönlichen Bekanntschaft mit Mendelssohn, geschrieben als Verteidigung für ein Volk, „das ein Christ, sollte ich meinen, nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann". Es bleibt sein unsterbliches Verdienst, daß er, vielleicht ohne einen Juden bis dahin näher gekannt zu haben, den Juden als menschlich sympathische Gestalt auf die Bühne gestellt und von dieser ,Lanzel", wie er die Bühne genannt, Verständnis und Liebe gegen den jüdischen Menschen gepredigt hat. Das Lenion, in dem Schiller den Tod Les- <22. Januar 1729) sings beklagt, gilt auch noch für die Gegenwart, die diesem Bannerträger der Neuzeit nur zögernd Folge leistet: Vormals im Leben ehrte» wir dich als einen der Götter, Nun du tot bist, so herrscht über die Geister dein Geist. Lessing ist der Neuentdecker der biblische» Lehre, j daß sich der Wahrheitswert einer Religion an I chrer Wirksamkeit d. h. an ihrer Wirkung ans! das Leben chrer Bekenner erweist. Eine Reli! gion der Theorie ist ein blutleeres Gebilde. Erst wo sie Leben wird und sie sich als Lsbcnskrasl j bewährt, offenbart sie ihren Wert. Das ist der Grund, weshalb der Talmudlehrcr Rabbi Simlai als Quintessenz der ganzen Offenbarung das Wort des Propheten bezeichnet: „Gelebte Religion ist Frömmigkeit." Nicht Theologie, sondern dir praktische Betätigung der Religion, ist ihr Sinn und chr Segen. Religion ist keine Gabe, son dern eine Aufgabe. Lessings „Nathan" ist aber das Hohe Lied der persönlichen, im Leben bewie senen Religion im Gegensatz zu jeder Offenba rungsreligion. Wenn der Jude Nathan diese echte Religiosität am schönsten bezeugt, so bedeutet das nicht etwa für Lessing ein Eintreten für die Wahrheit des Judentums, sondern bezeugt nur, daß Nathan seine Religion nicht nur im Munde führt, sondern durch die Tat rechtfertigt. Ter zweite echtbiblische Gedanke des „Nathan" ist: Es gibt eine Religion über der Konfession, oder wie Nachan es ausdrückt: „Sind Christ und Jude cher Christ und Jude als Mensch?" Das ist die dichterische Fassung der Grundidee der heiligen Schrift, daß alle Mensche» Gottes Kinder und daß er aller Menschenkinder Vater ist, oder, um es theologisch auszudrücken, daß es' bereits einen Gottesglauben vor der Offenbarung am Sinai gegeben: „Damals begann man i»> Namen Gotte; zu beten (l. Buch Mose 4, 2<>)." Tas ist die große Offenbarung der Fabel von den drei Ringen, die Lessing Boccaccios Novelle vom Juden Melchisedek entlehnte, deren Urgestal« aber von einem spanische» Juden des II. Jahrhuudects stammte (Wilhelm Wackernagel, Kleinere Schriften II. 452). „Nathan der Weise dars so als das philosophische Lehrgedicht echter Religiosität bezeichnet werden. Herder nannte es mit Recht „einen Kranz von Lehren der schönsten Art, der Menschen, Religion; lind Völkerduldung. Goethe de wunderte „das darin ausgesprochene Tul dungs und Schyniingsgejühl." Der Jude Nathan, der Sultan Saladin »nd der christliche Ritter sind durch eine seltsame Schicksalsverkettung Kinder einer Familie; ihr Streit um die echte Religion findet in ihrer gegenseitigen Liebe die Lösung. ~ Die deutschen Juden yaben im Jnbi läumsjahr Lessings die Ehrenpfticht, sich des Dichters und des. Denkers dankbar zu erinnern. ES ist 'die schönste Anerke» nung des Lebensrechtes des Judentums, daß ein Leffing als sein beredter Anwalt ausgetreten. Tic deutsche» Juden dürfen mit ernstem Stolz aus Lessing und Men delssohn schauen, die ihnen die Stellung schaffen wollten, um die sie leider noch heute kämpfen müssen. * Das Schicksals wollte es, daß Mendels sohn in Ausübung eines Freundschafts dienstes gegen Leffing den Tod gefun den. Tie Enthüllungen Friedrich Heinrich Ja cobis über Lessings angebliches Bekenntnis zum Pantheismus »nd Spinozismus hatten Mendels sohn lies erregt. Er versaßie eine Lircitschrisi iiiv~ de» verstorbenen Freund „An die Freunde Les sings". In hartem Schncewener hatte er das Manuskript in die Druckerei gtdracht. Eine Er kältung >var die Folge des Ausgangs. An ihr starb Mendelssohn. „Tie sich im Leben geliebt, blieben im Tode vereint". Das ist die wahre Unsterblichkeit, so sagt der Lehrer im Talmud, daß die Worte unserer To ten aus chren Gräbern tönend klinge», daß ihre Wahrheit sie überdauert. Wenn das die rechte Unsterblichkeit ist, dann ist Lessing ein Lebender. Sein „Nachan" ist nicht nur der stärkste künst lerische Ausdruck der Aufklärung und der Tuld famkeit, sondern der unzerstörbare erhabene Weg weiser zu höchstem Menschentum und cchzer Re ligiosität. AUS LESSINGS GEIST Ich liebe euch, Entrechtete der Völker, Die ihr im Dunkel uns'rer Städte wohnt, Seid mir gegrüßt als Boten eines Gottes, Der in den Seelen aller Menschen thront! Ein tröstlich' Leuchten steht ob uns'ren Häuptern, In Liebe laßt uns gleiche Wege gehn! Die gute Tat hält uns die Himmel offen, Und unser Geist bleibt ewiglich bestehn. Harrt aus, bleibt fest! Schon dämmert’s in den Gründen, Ein Friedensreich entwächst der heil’gen Saat, Und brüderlich verbunden sind die Hände, Wenn einst das Heil der ganzen Menschheit naht. HANS STERNHEIM