Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 24 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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einer um mehrere Jahre erweiterten Bildung zu tragen. Die Kinder hören im Elternhause andauernd von der Not des Tages, vom Kampf um die Existenz und von der Notwendigkeit, einmal etwas Tüchtiges zu leisten — und eine gesteigerte Verantwortlichkeit dem Elternhause gegenüber verursacht übersteigerten Eifer. Dieser Uebereifer wirkt sicher oft peinlich. Aber er ist doch wertvoller als die Gleichgültigkeit und Lethargie des Kindes der Neureichen und des Altreichtums. Das aktive Kind ist das schultcchirisch bessere. Es mag schwerer zu erziehen sein als das indifferente Kind, aber in ihm sind die Kräfte lebendig, aus denen der wertvolle Mensch wird. Der deutsche Jude unterscheidet sich von seinem nichtjüdischen Mitmenschen aus derselben Gesellschasts- und Wirtschaftsschicht nicht. Sein Lebensrhythmus, seine Einstellung zur Umwelt sind die gleichen. Tie kulturellen Faktoren, die Erziehungs¬ und Bildungselemente sind dieselben. Der Jude trägt das Gepräge des städtisch-europäischen Men schen seiner sozialen Schicht. Nur in einem Teile zeigt das Leben des deutschen Juden eine Eigenrichtung, in der Einstellung zum Jüdischen, nicht zur jüdischen Religion, denn ein gewisses Maß an Religiosität, das sich nicht wesentlich von dem der jüdischen Kreise unterscheidet, pflegt auch der nichtjüdische Mensch. Dagegen hat das Jüdische, das Jahrtausende hin durch im jüdischen Menschen fast einseitig gepflegt worden ist, dem jüdischen Geiste eine be stimmte Wegweisung gegeben. Dieses Jüdische setzt sich aus zwei scheinbaren Gegensätzlichkeiten zusammen, die einander ergänzen und ausgleichen, aus phantastischem Idealismus und nüchternem Realismus. Ter Jude ist in der Pflege der Kultur Idealist, in praktischen Fragen Wirklichkeiismensch. Er nimmt das Martyrium seiner Religion, um 72 l — derenwillen er zurückgesetzt, ja, mißachtet wird, willig auf sich, er besitzt die leichte Entzündbarkeit und den Opserwillen für künstlerische und idealistische Bewegungen, eine übertriebene Einschätzung des Geistigen. Er ist in seinen künstleri schen und ästhetischen Interessen Phantast, weltfremd, Schwarmgeist, und zugleich ein Mensch der nüchternen Zweckhastigkeit, der das eigene Fühlen zurückgedämmt und sich in seine Umwelt gefügig einordnet, dabei voll strenger Selbstkritik bis zur Selbstverspottung. Uebertriebeue Selbstreflcxion, ein weltabgewandtes Aesthetentum, Hinneigung zu künstlerischer Betätigung, vor allem zum Dicht.'», kennzeichnen ihn, und zugleich ist der Jude der Mensch der nüchternen Prosa, der weiß, daß eine kämpfende Minorität auf Anpassung und Einordnung angewiesen ist. Aus dieser Janusnatur, dieser^ Toppelgesichtigkeit des Juden erklären sich die gegensätzlichen Erscheinungen in der Skelc des jüdischen Kindes: neben einer gewissen Un terwürfigkeit ein verhältnismäßig großes Maß an Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit. Kann die Richtigkeit des Gesamturteils Sterns über das Seelenleben des jüdischen Kindes nicht anerkannt werden, so verdienen seine Schlußfolgerungen ernste Beachtung bei Eltern und Erziehern. Seine Forderung einer kindgemäßen Er ziehung darf nie außer Acht gelassen werden. „Es gilt zunächst einmal bei aller Liebe und Sorge für das Kind Zurückhaltung zu üben, die Entwicklung nicht zu beschleunigen, sondern das Kind sich ruhig einwickeln zu lassen, so wie es die Natur will. Eine besonders wichtige und wesentliche Ausgabe sehe ich in der Pflege des Gefühlslebens, besonders des religiösen Lebens im Elternhaus. Ich weiß, wie schwer gerade die Erfüllung dieser Forderung heute vielen Eltern ist, die den Forderungen der Religion innerlich fremd gegenüberstehen. Wenn es schon ganz allgemein gjlt BERTHOLD AUERBACH «VEREIN Dienstag, den 20. März, Stuttgart-Loge, Calwerslrafee 33 Hths. abends S'/< Uhr spricht Rabbiner Dr. Bamberger Ober „Die Frau im Judentum" \ Samstag, den 24. März, in den Sälen des Stadtgartens, abends 7'/• Uhr Purimball Cabareti Kapelle KrSmer Tombola Nichtmitglieder Mk. 2.50, Mitglieder Mk. 1.50 jede weitere Person Mk. 1.10 Dlentlaf, den 27. M5rz, Stuttgart-Loge, Calwerstr. 33 Hths., abends 8' « Uhr IV. Heim-Abend Leitung: Rabbiner Dr. Cohn .Die sittlichen Pflldiien der Einzelnen nach den Lehren des Judentums*