Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 15 (1.11.1927)
- Date
- 1927-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
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— 472 — also, w c i.l wir Demokraten sind, darum sind wir so durch und durch national, sind deutsch und national, nicht nur bis aus die Knochen, wie einer unserer Führer kürzlich sagte, sondern b i s ins innerste Herz. Nun heißt es aber in Ihrem Bries weiter: „Ter .Kamps gegen das Judentum ist in Teutschland geradezu eine nationale Pflicht, die aber von der Demokratie nicht anerkannt wird. Tiefe Partei steht ganz unter dem „Einfluß des Judentums . . ." Ich will Ihnen gern verraten, verehrter Herr, warum die deutsche Demokratie eine derartige „nationale Pflicht" nicht anerkennen kann. Kaiser Friedrich nannte den Antisemitismus „die größte Schmach des Jahrhunderts", Theodor Mommsen „die Mißgeburt des nationalen Gefühls", der österreichische Bauernbesrcier Hans Kudlich „eine Erniedrigung und schwere Schädigung des Deutschtums", Professor Theodor Ziegler „die große Schande für uns Deutsche", Peter Rosegger „eine Abscheulichkeit. die, sittlich ausklärend, bekämpft werden muß . der Deutschamerikaner Karl Schurz „das dümiiiste Vorurteil, die blindeste Leidenschaft", Tolstoi.„ein gewissenloses Treiben, um die Wut der ungebildeten Masse gegen eine Minderheit zu erregen", der Sprachforscher Mar Müller-Oxford „das Unheil in der Gesellschaft und am Staate". Ein Lessing, der in seinem „Nathan" das Hohelied der Toleranz gesungen hat. war mit Moses Mendelsohn befreundet, ein Schleiermacher pflegte Verkehr mir Dorothea Veit und Henriette Herz, Ludwig Börne, einer der Begründer der modernen Journalistik, war jüdischer Abstammung, einem Heine verdanken wir so köstliche Volkslieder wie „Ich weiß nicht was soll es bedeuten?", Marx und Las'alle haben Gedanken von weltbewegender Bedeutung unter die Menschheit ausgestrent. Gabriel Rießer und Eduard v. Simson gehörten der Deputation an, die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, Simson auch der Abordnung in Versailles, die Wilhelm I. zur Annahme der Kaiserkrop« zu bewegen kam. Tie Namen Bamberger und Lasker, als die Führer des nationalen Liberalismus, sind bekannt. Robert Linderer verdanken wir das „Deutsche Flaggenlied und Ernst Lissauer ist als Dichter des ,-Haßgesangs" einst gerade in den Kreisen beliebt gewesen, die heute jede Wallung semitischen Blutes für vaterlandsgesährlich halten. Man könnte noch viele Namen von Rang und Klang, große Schauspieler wie Lewinsky und Sonnenthal, große Forscher wie Einstein, Haber und Ehrlich, große Musiker, Dichter, Denker usw. aus jetzigen und vergangenen Zeiten nennen, die als Namen von Kulturträgern in der ganzen Welt in höchstem Ansehen stehen, obwohl ihre Träger Juden waren. Vielleicht werden Sie mir nun entgegnen: Ja, aber der deutscheste Mann, Altreichskanzler Bismarck, war doch gewiß eine Potenz, die in diesem Meinungsstreit keineswegs übergangen werden darf. Zweifellos haben Sie damit vollkommen recht, geehrter Herr, und ich darf Sie daher wohl darauf Hinweisen, daß unter Bismarcks Regime das Gesetz vom 3. Juli 1869 zustandekam, das alle aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der staatsbürgerlichen Rechte a u f - hob. Zu Mitarbeitern an seinem deutschen Einigungswerk bediente sich Bismarck einer Anzahl jüdischer Kapazitäten, z. B. der Herren Lasker, Bamberger und Simson, den er 1881 als „einen der ausgezeichnetsten, von der reinsten Vaterlandsliebe getragenen Vertreter des nationalen Gedankens, als ein edles Gefäß, in dem stets die lautersten Empfindungen zufammengeströmt" seien, rühmte. In vertrautem Verkehr stand Bismarck mit seinem Bankier Bleichröder und war obendrein ein großer Verehrer Heines, für dessen Denkmal in Teutschland er sich wiederholt eingesetzt hat. Soviel zum Kapitel „Bismarck und Antisemitismus." I Wenn man nun aber die Herten Teutschnationalen und Alldeutschen, die so rqwchtlich ron den Juden zu sprechen sich untersangen, nach ihrer Aktivlegitimation fragen wollte, so würden sie einigermaßen in Verlegenheit geraten. Gar zu gern vergessen sie nämlich, daß der Gründer und geistige Führer ihrer konservativen Mutterpartei der Jude Professor Julius Stahl war, und daß der langjährige Führer der Konservativen im preußischen Abgeordnetenhaus, Graf Limburg-Stirum, von einer jüdischen Mutter stammt. Aus dem in Gotha erschienenen Adelsstammbuch geht ferner hervor, daß jüdischen Einschlag zeigen: v. Heydebrand und der Lase, der frühere ungekrönte König von Preußen, Freiherr v. Wangenheim, Führer des Bundes der Landwirte, v. Batocki, der frühere Oberpräsident und Chef des Ernährungsamts, v. Arnim-Kriewen, Landwirtwirtschastsminister a. T., die Abgeordneten von Flügge und Graf v. d. Recke, v. Hellmann, weiland konservativer Regierungspräsident, v. Wedel, Chesredakteur des „Deutschen Adelsblasts", Legationsrat v. Schwerin, Geldgeber der „Kreuzzeitung" u. des „Reichsboten". Graf Westarp hat einen Bruder, der mit der Jüdin Jaques aus Hamburg verheiratet ist. Auch Helferich hatte jüdisches Blut in den Adern, desgleichen die Tochter Otto v. Gierkes. Tie Abgeordneten Fuhrmann und Tr. Stresemann, unser jetziger Außenminister, haben jüdische Frauen geheiratet und Geheimrat Rießer, Führer der „Deutschen Bolkspartei", ist ebenfalls Jude. Wenn man demgegenüber sich die Führer der Demokraten betrachtet: Senator Petersrn-Hamburg, Geheimrat v. Hieber-Stuttgart, Frl. Dr. Bäumer-Hamburg, oder den früheren Bizekanz-