Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 13 (1.10.1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
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KLEINMUT. In einer Kleinstadt besucht eine nicht unintelligente Dame das von dem Theater, dessen Mitglieder von großstädtischen Schauspielstätten Herkommen, in Szene gesetzte Stück ,,Tie fünf Frankfurter". Tie Tame ist nicht nur nicht befriedigt von dem sonst überall beifällig aufgenommenen Schauspiele, sondern eilt anderen Tages zum Bürgermeister und beklagt sich bitter über den „Antisemitismus", der durch das Spiel der Schauspieler zum Ausdruck gebracht worden sei. Auch ihren jüdischen Glaubensgenossen teilt die Tame bewegten und entrüsteten Herzens mit, und nach einer späteren Vorstellung auch eine zweite Tame, wie ihre Gefühle durch die „rischusmäßige" Darstellung der Schauspieler verletzt worden seien. Ter Bürgermeister der Stadt, stets von dem lobenswerten Bersteben beseelt, Ruhe und Frieden in seiner Bürgerschaft aufrecht zu halten, läßt den Spielleiter zu sich kommen, um ihn zu Rede zu stellen. Tiefer beteuert, daß er nie beabsichtigt habe, seine Schauspieler anzuweisen, vrovozierend zu wirken und daß seine Leute in der Tat gut und anständig und vollkommen unauffällig gespielt hätten, und daß niemand das Recht zu irgendwelcher Anstandnahme gehabt habe. , Tarauf begibt sich der Regisseur zum Rabbiner der Stadt, erzählt ihm diese Tinge, beteuert seine gute Gesinnung und das richtige, angemessene Spiel seiner Leute und fragt, ob er dem .Herrn Rabbiner und seiner Frau Karten für die nächste Vorstellung der „Fünf Frankfurter" übersenden dürfe, damit die Herrschaften sich persönlich von der Gegenstandslosigkeit der Beschwerde jener Tame überzeugen und ein selbständiges Urteil sich bilden könnten. Tie Karlen werden mit Tank angenommen. Tie Vorstellung gibt sowohl im Ganzen wie im Einzelnen dem Rabbiner auch nicht zum geringsten Anstoße Veranlassung, weder die weiblichen noch die männlichen Schauspieler wirken irgendwie anstößig, obgleich ihr „Frankstirterisch" nicht ganz echt und einwandfrei. Also durchaus kein Grund zu irgendwelchem Aergernis und Anstoß! Ter Spielleiter gibt auch noch die Versicherung ab, daß an diesem Abend genau so gespielt worden sei, wie in der vorhergehenden Vorstellung. Wieso kommt es nun, daß die beiden jüdischen Tamen, voneinander unabhängig, die gleichen Empfindungen haben und die gleichen Wahrnehmungen zu machen glauben? Taß sie das Stück, in welchem „die Juden" „viel besser wegkommen" als die „Ändern" und welches eigentlich eine Verherrlichung der jüdischen Familientugenden ist, überhaupt gar nicht verstehen, ja geradezu mißverslehen? Meines Erachtens kommt diese Einstellung vom „jüdischen Kleinmute", ich meine, von der üblen. oft getadelten Gewohnheit, alles Jüdische, Personen und Tinge, Art und Weise und Eigentümlichkeiten zu mißachten, von dem Mangel an Achtung und Wertschätzung des Jüdischen. Wenn ein Mensch Selbstachtung und Selbstbewußtsein besitzt, wird er nie das Gefühl haben, daß sein Gegenüber ihn gering schätzt und ihm nahe zu treten die Absicht hat. Umgekehrt, wenn ihn das Gefühl irgend einer Minderwertigkeit beseelt, so setzt er in seinem Nebenmenschjen die Kenntnis von seiner Mangelhaftigkeit voraus und wittert überall den Vorwurf dieses seines Mangels und ist dadurch verletzt und zwar fast durchweg zu Unrecht. Würde die Person das Jüdische in sich und Andern achten, so käme sie nie dazu, zu glauben, daß man sie unangenehm treffen wolle, ja, sie könnte im Bewußtsein ihres Wertes einen guten Teil Vorwürfe oder Tadel vertragen. Ta Hilst nichts anderes als sich mit Achtung des Jüdischen zu erfüllen. Wie vollbringt man dies? Tadurch, daß man Juden und Judentum mit den Augen der Liebe betrachtet, daß man das Vorurteil im eigenen Herzen bekämpft. Man bringe sich zum Bcwußffein den Fleiß und die Emsigkeit der Juden, ihr Unabhängigkeitsbestreben, ihre Mäßigkeit, ihre Familientugenden. ihre Zuverlässigkeit, ihre Intelligenz usw. Man lese jüdische Zeitungen und Zeitschriften, welche über jüdisches Tun und Treiben, jüdische Art unterrichten. Man lese jüdische Schriften, vor allem das religiöse Schrifttum. Man denke daran, daß . wir eine große Gemeinschaft sind, welche das Recht zu eigenem Leben hat, zu Eigentümlichkeiten guter und schlechter Art, ich sage, auch zu schlechter Art. denn weder der Einzelmensch noch eine Gesamtheit ist frei von menschlichen Gebrechen. Und gerade wie wir eine Gesamtheit, eine Einzelperson, auch wenn wir Fehler und Mängel an ihr wahrnehmen, nie verwerfen dürfen, weil eben allen Menschen Fehler anhasten, so darf eine Gesamtheit, und zum allermindesten die jüdische Gesamtheit, nicht mißachtet werden, wenn wir auch Fehler und Gebrechen an ihr wahrnehmen, um so mehr, als diese weitaus durch chre Vorzüge wieder ausgewogen werden. Tabei ist nicht zu vergessen, daß wir auch eine Geschichte haben und deren Erzeugnis sind. Also liebevolle Betrachtung und liebevolles Kennenlernenwollen alles Jüdischen! Tas wird uns von unserer oft falschangebrachten Empfindlichkeit heilen. - - Psychologus. Neue Bücher. Tr. A. Tänzer, Rabbiner in Göppingen, Die Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen. 1927, Berlin, Stuttgart, Leipzig. Verlag von W. Kohlhammer. Tie Gestochte der Juden in Deutschland hat