Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 12 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 11)
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denen, die int Orte verblieben und die Beranstalt»ng des Schultheiß sahen, getrauten sich doch * nicht in ihren Wohnungen zu verbleiben und flüchteten sich und ihre verlassenen Sachen in christliche Häuser des Orts, denen sie vertrauten. In derselben Nacht regte sich nichts. Von derselben Nacht an zahlten die jüdischen Bewohner mehreren christlichen Personen aus dem Orte, daß sie Nachtwache halten mußten und auch von den Juden selbst hüteten immer einig« mit. Die Ereignisse dieser Zeit waren nicht tröstlich und umsichtige Leute fürchteten sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in unserem Kahal Leute, welche nach einigen Wochen seit Anord- I nung der nächtlichen Wachen vermeinten: Man dürfe jetzt nicht mehr besorgt sein, und könne der bezahlten Wächter entbehren und habe nicht nötig, selbst Wache zu halten. Es wurde auch dieserhalb im versammelten Kahal beschlossen, daß die Wache Nur bis Ende Peßach bestehen solle. In der Nacht auf Acharon schrl Peßach dieses ist auf den 25. April, rotteten sich ungefähr 40 christliche Einwohner des Ortes zusammen^ die waren teils verheiratet, teils noch ledig und begannen damit, daß sie zuvörderst die von uns. bezahlten jüdischen und christlichen Wächter aus der Straße verjagten und dann hingingen und in den meisten Häusern der Juden die Türen einschlugen und die Läden der Fenster erbrachen. Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und kleinen Prügeln, mit Aexten und Peilen bewaffnet. Sie warfen durch die zerstoßenen Fenster in die Wohnungen und riefen: „Geld oder Tod"! Nur in ein Haus, in das Haus des Meier Weil, der mit auf der WÄho rpar, waren die Krawaller eingedrungen. Nachdeyr)ie Türen, Läden und Fenster zerschlagen hatten, zerstörten sie vieles im Hause. Mutter und Toch ter, das einzige Kind flohen. Allein die Tochter wurde ereilt und arg geschlagen und gefährlich verwundet. Biele von uns hörten ihr jämmerliches Schreien, allein Niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder hergestellt. Im Hause des Herrn W o l f K i e f e hatte dieses Gesindel bereit- Läden und Fenster zerschlagen und war bemüht die Türe zu erbrechen. Dieser Mann hatte diesen Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster zugeworfen und gebeten, daß sie von ihm ablassen sollten. Allein sie wollten noch mehr, und warfen schwere Steine in die Stube und trafen die Hausfrau, die längst taub geworden, und verwundeten sie gefährlich am Kopfe. Sie ist indes wieder geheilt von ihren Wunden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch in der nahe ge-' legenen Synagoge Fenster zerschlagen und Steine und Prügel hineingeworfen. Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher Salo mon Kiese waren Haustüre, Fensterläden und Fenster erbrochen. Man mußte jeden Augenblick fürchten, die Rotte werde eindringen und das Leben gefährden. Er entfloh daher mit seinem Weibe, seinen zwei Töchtern, seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen und christlichen Magd, durch eine Hintertüre und entkam glücklich nach Bondorf. Einen Knaben Jakob Kiese von 11 Iah ren aber vermißte er, denn es hatte sich dieser aus Furcht auf den Boden geflüchtet und sich daselbst versteckt, und den Ruf der Seinen nicht gehört. In welcher Angst wir- Alle wyren und in welcher Betrübnis diese Leute ihr Haus und Habe verlassen und welche Sorge ihr Herz erfüllte, mag der Leser selber sich denken. Herr WolsKiefe hatte während des Tu mults vor dem Hause seine jüdische Magd durch eine Hintertür aus dem Hause entsandt, damit sie den Schultheiß zu seiner Hilfe herbeirief. Als die Magd vor dem Hause bes Schultheißen angekommen war, und ihn angerufen hatte, machte sich dieser sogleich heraus aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und verfügte sich an den Ort, wo der Krawall stattsand. Die Krawaller hörten den Schultheißen kommen und flohen. Nachgefolgt wurde ihnen nicht. Zu dieser Zeit ward es ruhig im Ort. Wir gingen aus unfern Häusern bewaffnet mit Aex ten, Hämmern, Beilen und dergleichen, und blie ben auf der Straße beisammen, um einen möglichen Ueberfall vereint abzuschlagen. Ditconto-Getelltchaft Filiale Stuttgart BUohsenstrasae 19 iliederlassungen in Uürttenberg: Eßlingen, Friedrichshafen, Schwab. Gnpßnd, Reutlingen, Schwenningen a. N., Ulm a. D., Vaihingen a. F. AUSFÜHRUNG ALLER BANKMASSIGEN GESCHÄFTE BBBBBBBMBI Kapital aad RMin» ■■.10580000#